«Dieses Land kann man nicht ernst nehmen!»

NZZ, 22.11.2014 · Sein Werk wird in über zwanzig Sprachen übersetzt. Im Ausland, sagt Javier Cercas im Interview, verstehe man seine Bücher vielleicht sogar besser als in Spanien, seiner Heimat.

Foto: privat

In Ihrem jüngsten Roman, «Outlaws», schildern Sie das Leben Jugendlicher in den ersten Jahren der spanischen Demokratie. Der Held, ein 16-jähriger Mittelschichtssohn, freundet sich mit gleichaltrigen Kleinkriminellen aus der Unterschicht an, sogenannten Quinquis, die er Jahre später wieder trifft. Was ist das für eine Gesellschaftsgruppe?

Ein Quinqui ist die spanische Variante des Gesetzlosen, der Randfigur, des Underdogs. Billy the Kid wäre ein amerikanischer Quinqui. Sie gibt es in Spanien heute nicht mehr, die meisten sind wegen Heroin oder an Aids gestorben. Während der Transición tauchten sie überall auf, machten Schlagzeilen – sie waren so etwas wie die Schattenseite der Erneuerung. Eine Entsprechung fänden sie heute in den Indignados, mit Unterschieden. Die benachteiligten Jugendlichen meiner Generation hatten kaum Schulbildung, konnten sich nur mit Gewalt artikulieren. Heute haben sie mehr Ressourcen, wie man an den Demos sieht.

Sie behandeln vor allem in Ihren neueren Romanen zentrale Themen spanischer Zeitgeschichte wie Bürgerkrieg oder Postfrankismus. Damit feiern Sie im Ausland grosse Erfolge. Können deutsche, britische oder finnische Leser Ihre Geschichten in allen Nuancen erfassen?
Die verstehen sie manchmal sogar besser als die Spanier. Ich beschäftige mich mit wichtigen, sehr spanischen Themen, und das verführt die hiesigen Leser manchmal dazu, meine Romane wie Geschichtsbücher oder Chroniken zu lesen. Sie suchen Antworten, wollen wissen, auf welcher Seite der Autor steht, links oder rechts, bei den Gewinnern oder Verlierern. Die spanischen Leser analysieren meine Bücher sehr soziologisch.
Tun sie damit Ihren Büchern unrecht?

Nein, ich stelle das nur fest. Im Ausland ist der Blick oft unverstellter. Man muss nicht die spanische Geschichte kennen, um meine Bücher zu verstehen, genauso wenig wie man die deutsche Geschichte kennen muss, um «Die Blechtrommel» zu lesen. Und Literatur muss keine Antworten geben, sondern Fragen stellen und eine komplexe, widersprüchliche Realität schildern.

«Outlaws» ist in Dialogform geschrieben, der jugendliche Held und ein Polizeikommissar erzählen einem Journalisten dasselbe von ihrem jeweiligen Standpunkt aus. Warum diese Form?

Ich versuche meinen Stil so transparent wie möglich zu halten, alles, was nach Literatur riecht, streiche ich heraus. Ich suche immer nach dem Echten, Lebendigen, Bewegenden. Dazu kommt die Zweideutigkeit, die mich interessiert. Zwei Figuren sprechen über dieselben Dinge auf unterschiedliche Weise. Das gibt dem Leser Raum, jeder kann seine Wahrheit finden. Ein Buch ist wie eine Partitur. Der Leser interpretiert es wie ein Musiker. Das ist der Zauber der Literatur.

Ihre Bücher sind bei Lesern ebenso beliebt wie bei Kritikern. Eine Seltenheit.

Ich bemühe mich, so zu schreiben, dass man den Büchern nicht die Arbeit ansieht, die in ihnen steckt. Sie sollen leicht zu lesen und schwierig zu verstehen sein. Man soll sie immer wieder lesen können, das genaue Gegenteil von jenen bleischweren Büchern, die man mit einem Kran umblättern muss und an deren Ende man sich fragt: Was habe ich eigentlich gelesen?

Sie wuchsen als Charnego auf, als Zugezogener in Katalonien, wie Ihr Held. Wie war diese Aussenseiterrolle?

Ich fühlte mich lange entwurzelt. Im Dorf meiner Eltern waren wir wohlhabend, in Katalonien arme Schlucker. Die Sommerferien verbrachten wir im Dorf, da waren wir die Stars, in Gerona waren wir nichts. Das war ein komisches Gefühl. Die Literatur hat mir geholfen, meinen Platz zu finden.

Wann haben Sie das erkannt?

In der Pubertät, das war eine schwere Zeit. Ich fühlte mich anders, las viel und fing an zu schreiben. Lesen, das ist normal, Schreiben nicht. Cesare Pavese sagte einmal sinngemäss, die Literatur sei ein Schutz gegen die Beleidigungen des Lebens.

Sie haben zwei Jahre in den USA gelebt. Was hat Ihnen diese Zeit gebracht?

Sie war enorm wichtig, ich empfehle das jedem. Ich hatte keine Arbeit in Spanien und ging in die Vereinigten Staaten. Dort träumte ich davon, ein amerikanischer postmoderner Schriftsteller zu werden. Aber bald merkte ich, dass ich bloss ein spanischer Schriftsteller war. Nur im Ausland erkennt man sich selbst. Ich begann, Siesta zu halten, laut gestikulierend zu sprechen (lacht) . . . Eine intensive Zeit, ich war jung, schrieb zwei Romane, die Universitätsbibliothek hatte neuntausend Bände, und wir Latinos waren bei den Amerikanerinnen sehr beliebt (lacht).

Die jungen Spanier, die emigrieren müssen, beklagen sich.

Das Beste, was ihnen passieren kann, phantastisch! Natürlich nur, wenn sie die Gelegenheit bekommen, auch wieder zurückzukehren. Das ist ja die Frage: Kann Spanien die Auswanderer irgendwann zurückholen? Falls nicht, wäre das ein grosser Verlust, auch finanziell. Immerhin hat Spanien ihre Ausbildung bezahlt.

Sie waren vor kurzem in Berlin. Wie fanden Sie die Stadt?

Ich habe mich in Berlin verliebt, mehr noch: Ich wurde zum Deutschland-Fan. Nur Deutschland kann helfen, Europa zu konstruieren. Angela Merkel müsste noch viel mehr Vorgaben machen. Die Deutschen haben den Nationalismus erfunden, und sie haben ihn abgeschafft. Wenn wir anderen das auch schaffen, dann kann Europa funktionieren, nur dann. Ich hoffe, die Spanier, die in Deutschland leben, erkennen das und bringen später den europäischen Gedanken bei uns weiter.

Den Nationalismus abschaffen – damit täten sich die Spanier schwer, oder?

Es fehlt an Selbstkritik. Man erkennt es daran, wie dieses Land mit seiner Vergangenheit umgeht: keine Spur von kritischer Revision. Deutschland wurde dazu gezwungen. Spanien hat mittlerweile seine Chance verpasst. Zu Anfang dieses Jahrtausends hätten wir das klären können – aber ich glaube, es ist zu spät. Wie können wir hunderttausend Bürgerkriegstote einfach so in den Massengräbern am Strassengraben liegen lassen?

Warum wird das von der Regierung Zapatero 2007 erlassene Gesetz zum historischen Andenken nun unter Rajoys Regierung nicht mehr umgesetzt?

Die Rechte will bis heute nichts wissen, die hat ja noch immer nicht mit dem Franquismus gebrochen. Aber auch die Linke beging Fehler: Sie hat das Thema parteipolitisch gegen die Rechte missbraucht. Statt daraus eine Staatsangelegenheit zu machen, ging alles im parteipolitischen Gezänk unter.

Jetzt ist es zu spät?

Na ja, die Opfer sterben, keiner kann mehr aussagen. Und es ist auch kein Geld mehr da, die Krise verdrängt alles. Und es fehlte eine übergeordnete Institution. Felipe, wäre er damals schon König gewesen, hätte das anschieben können. Seinem Vater war das nicht möglich, der war ja von Franco eingesetzt worden.

Also keine Aussicht auf Aussöhnung?

Nach drei Generationen verliert das Thema an Schärfe. In Deutschland forderten die Kinder Klarheit, hier müssten es die Enkel tun. Doch bald wird es nicht mehr dasselbe sein, fürchte ich. Warum hat niemand gesagt: Wir haben alle Fehler begangen, lasst uns Frieden schliessen und neu anfangen? Dieses Land kann man nicht ernst nehmen! Was für ein Land!

Leidet darunter nicht die gesamte spanische Demokratie, an dieser fehlenden Aussöhnung?

In gewisser Weise, aber das Problem ist viel konkreter. Die Krise wird hier durch das Zweiparteiensystem verursacht, einzig und allein. Die beiden grossen Parteien sind hermetische, undemokratische Klubs, die sich die Gesellschaft einverleibt haben und sich weigern, irgendetwas zu erneuern, weder das Wahlgesetz noch die Rechtsprechung oder das Parteiengesetz. Sie haben keinerlei Interesse daran, irgendetwas zu verändern, denn sie leben sehr gut. Auch die Korruption im Land kommt einzig und allein von den Parteien, sie hängen alle drin, vom ehemaligen Schatzmeister der regierenden Volkspartei bis zum langjährigen Regionalpräsidenten Kataloniens.

Sonst ist niemand verantwortlich?

Viele machen die Väter der Verfassung verantwortlich. Unsere Demokratie ist so reich und arm, wie man das nach vierzig Jahren eben erwarten kann. Die Amerikaner oder die Briten haben ja ein paar hundert Jahre Vorsprung. Die Schuld tragen nicht unsere Väter, wir allein tragen die Schuld, meine Generation, die jetzt an der Macht ist. Was nach Franco eine Lösung war, ist jetzt ein Problem. Seit der Transición hat sich niemand mehr darum bemüht, die Demokratie auszubauen. Wir haben sie verkommen lassen.

Bürgerkrieg, Staatsstreich

Javier Cercas kam 1962 als Sohn eines Tierarztes in einem Dorf in der Extremadura zur Welt. Später zog die Familie in die katalanische Stadt Gerona. Cercas studierte in Barcelona spanische Philologie, promovierte und unterrichtete an der Universität von Gerona. Heute konzentriert er sich aufs Schreiben. Cercas’ bevorzugtes Thema ist Spaniens Zeitgeschichte, der er sich immer fiktiv und dokumentarisch nähert. Den grossen internationalen Erfolg erzielte er 2001 mit seinem Bürgerkriegsroman «Soldados de Salamina» («Soldaten von Salamis»). Es folgte unter anderem der Roman «Anatomía de un instante» («Anatomie eines Augenblicks. Die Nacht, in der Spaniens Demokratie gerettet wurde»), in dem der Autor den missglückten Staatsstreich vom 23. Februar 1981 analysiert, und, zuletzt, «Las leyes de la frontera» («Outlaws»). Javier Cercas gilt als einer der wichtigsten Autoren der spanischsprachigen Welt.

http://www.nzz.ch/feuilleton/buecher/dieses-land-kann-man-nicht-ernst-nehmen-1.18429684

 

 

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