Geschichten aus dem Nachbarhaus

Literatur und Kulturdialog – zwei katalanische Romane erschliessen die Herkunftswelten ihrer Verfasser

Zwei Immigranten, eine Frau und ein Mann, haben in Katalonien literarische Überraschungserfolge erzielt. Jetzt sind die Bücher von Najat El Hachmi und Pius Alibek auch auf Deutsch erschienen.

Brigitte Kramer, NZZ

Der Weg in die Selbstverwirklichung begann für Najat El Hachmi mit einem Buch über die eigene Geschichte. Der autobiografisch gefärbte Roman «Der letzte Patriarch» hat das Leben der 31-Jährigen verändert, die als Tochter marokkanischer Einwanderer in einer katalanischen Kleinstadt lebt. Seitdem er vor drei Jahren auf Katalanisch und später in anderen Sprachen erschienen ist, hat El Hachmi ihre Stelle in der Verwaltung gekündigt, ein zweites Buch geschrieben und Lesereisen ins Ausland unternommen. Und sie hat ihren Platz im Leben gefunden: «Ich bin Katalanin mit marokkanischen Wurzeln. Seitdem ich acht war, erkläre ich den Leuten meine Identität», das sei ermüdend.

Familien auf der Flucht

Doch nun scheint sich in der reichsten und fortschrittlichsten Region des Landes etwas zu ändern. Najat El Hachmis Geschichte einer Befreiung – das Alter Ego der Autorin leidet unter dem tyrannischen Verhalten des Vaters, der die Mutter jahrelang misshandelt, bei der Gängelung seiner Tochter aber scheitert – bekam 2008 den Ramon-Llull-Preis, die höchste literarische Auszeichnung der Region. «Niemand konnte glauben, dass eine Immigrantentochter den Preis erhält, dazu noch mit ihrem ersten Roman», sagt die Autorin.

Lesenswert macht das Buch nicht nur die Offenheit der Autorin, sondern auch ihr erzählerisches Geschick. Was anfangs wie die Abrechnung einer gedemütigten Tochter wirkt, entpuppt sich als intelligente Einordnung der Dinge in einer Welt, deren Angeln quietschen. Ihren Weg sucht die jugendliche Protagonistin ganz alleine, denn sie ist nicht mehr und noch nicht das, was sie umgibt. Das Leben zwischen zwei Kulturen macht El Hachmi fühlbar, zum Beispiel wenn es darum geht, welche Hosen die Tochter tragen darf. Das Büffeln katalanischer Vokabeln dient bei dieser einsamen Suche als eine Strickleiter, die als Ordnungselement auch die Kapitel strukturiert. Gegen Beleidigungen des Vaters wie «Du Schlampe!» setzt die Heldin alphabetische Ordnung: «Yperita, Senfgas; Ypressià, -ana, zu Eurasien gehörig»: eine gelungene Symbolisierung dieser Befreiung dank Bildung. Zugleich dienen die akademischen Einschübe als Seilende, das die Autorin den Lesern zuwirft: Nach und nach löst man mit der Heldin die Fesseln.

Auch Pius Alibek, der eine Generation vor Najat El Hachmi geboren wurde und aus dem Irak stammt, baut mit einer Betrachtung seines Lebens Nähe zu den Lesern auf. In seinem Roman «Als ich unter Sternen schlief» schildert der 56-Jährige das Leben im Irak zwischen den 1960er und den 1980er Jahren. Der assyrische Christ gehörte in seiner Heimat einer Minderheit an. Seine Familie litt unter Saddam Hussein unter politischer Verfolgung. Als Seminarist in Bagdad bekam er zudem Einblick in die Welt der chaldäisch-katholischen Kirche. «Meinen Glauben habe ich dabei nicht verloren», sagt er heute, «aber meine Religiosität.»

Das Buch erscheint mittlerweile in der sechsten Auflage und wurde ebenfalls vielfach übersetzt. Alibek betreibt in Barcelona ein irakisches Restaurant, wo er selbst kocht und an den Ruhetagen schreibt. In Interviews erweist er sich als gut informierter, meinungsstarker Beobachter der Ereignisse im Irak. Seine Lebensgeschichte vor der Emigration habe er vor allem für seine Tochter niedergeschrieben, sagt er, «die die Heimat ihres Vaters nicht kennt und auch nie kennenlernen wird, denn den Irak von damals gibt es nicht mehr».

Die beiden literarischen Überraschungserfolge verweisen auf einen Wandel in Katalonien. Immigranten fordern ihren Platz in der Gesellschaft. Beide Autoren sind in den 1980er Jahren nach Spanien gekommen. Ihre Bücher schildern Welten, die den Spaniern verborgen und zugleich greifbar sind, beschreiben das Leben der ausländischen Nachbarn: hinter verschlossenen Türen im Fall von El Hachmi oder bevor sie zu Einwanderern wurden wie Pius Alibek. Wie andernorts in der westlichen Welt scheint der Dialog zwischen den Kulturen fruchtbar, wenn er auf literarischem Weg begonnen wird.

Den Autoren kommt zudem die Rolle von Sprachbotschaftern zu – sie sprechen fliessend Katalanisch. Alibek, der neben Katalanisch und Spanisch auch Englisch, Aramäisch, Arabisch, Türkisch und Kurdisch gelernt hat, nimmt dieser Tatsache das Gewicht. «Für jemanden wie mich, der mit vier Sprachen gleichzeitig aufgewachsen ist, ist die zweisprachige Situation in Katalonien normal. Man lernt einfach beide Sprachen und Schluss.»

El Hachmi, die der ersten Generation von Schülern angehört, deren Unterrichtssprache Katalanisch war, wundert sich immer wieder darüber, wie wenig die Katalanen selbst über die sprachliche Realität in ihrer Region wissen. «Nach einer Lesung werde ich noch heute, besonders von älteren Leuten, auf Spanisch angesprochen. Sie fragen mich, ob ich sie verstehe, wenn sie langsam sprechen.» Dabei hat El Hachmi schon vor sieben Jahren auf die Tatsache aufmerksam gemacht, dass sie gleichberechtigt behandelt werden möchte. Über ihren Essay «Jo també soc catalana» (Auch ich bin Katalanin) wurde allerorts diskutiert.

Verzerrte Wahrnehmung

El Hachmis Generation wird in Spanien «Kinder der Ernüchterung» genannt: Die meisten leiden unter Ausgrenzung und Ablehnung. Bis heute ist die Wahrnehmung der Spanier verzerrt: Derzeit machen Immigranten rund 12 Prozent in der Bevölkerung aus, doch nach Umfragen des spanischen Wissenschaftsrates CSIC schätzen viele Einheimische ihre Zahl auf fast doppelt so hoch. Und mehr als die Hälfte der Spanier denkt, aussereuropäische Einwanderer erhielten vom Staat mehr Mittel, als sie in Form von Steuern einzahlten. Laut CSIC ist das Gegenteil der Fall.

Abgesehen von der vermittelnden Rolle, die «Der letzte Patriarch» und «Als ich unter Sternen schlief» spielen können, sind vor allem das Erzählte und die Erzählweise der beiden Autoren eine Lektüre wert. El Hachmi führt mit Tempo und Ironie ins Marokko ihrer Grosseltern und später durch eine traumatische Jugend; Alibek schildert in poetischer Sprache und melodischer Syntax ein Land, dessen Name heute meist mit -krieg erweitert wird. Der Autor erinnert seine Leserschaft daran, dass es einen Irak vor dem Krieg gab. Ein Land, in dem die Menschen im Sommer auf ihrer Dachterrasse schliefen und sich dort, über die Dächer hinweg, mit den Nachbarn unterhielten, unter dem Sternenhimmel. Das Ende dieses einfachen Glücks bildet auch das Ende des Buches. Voll Mitgefühl begleitet man den jungen Mann nachts auf dem Weg über die Grenze und liest Sätze wie diesen: «Aus Angst, keinen einzigen Stern zu entdecken, blickte ich nicht zum Himmel.»

Najat El Hachmi: Der letzte Patriarch. Roman. Aus dem Katalanischen von Isabel Müller. Wagenbach, Berlin 2011. 352 S., Fr. 34.90. Pius Alibek: Als ich unter Sternen schlief. Roman. Aus dem Katalanischen von Cecilia Dreymüller. Suhrkamp, Berlin 2011. 397 S., Fr. 29.90.

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