Spanische Spuren des Schwarzen Tods

Neue Zürcher Zeitung, 6.10.2014 · 120 Skelette belegen erstmals, dass die Beulenpest auch in Spanien gewütet hat. Der Pandemie fiel im Mittelalter fast die Hälfte aller Europäer zum Opfer.

Der Schwarze Tod, dem im 14. Jahrhundert bis zur Hälfte aller Europäer zum Opfer fielen, hat auch jenseits der Pyrenäen gewütet. Ausgrabungen in der gotischen Kirche Sants Just i Pastor in Barcelona scheinen nun erstmals auch archäologisch zu belegen, was Zeitdokumente bereits berichten. Mindestens fünf Pestwellen sind zwischen 1348 und 1375 über die Stadt gezogen, die damals schon ein bedeutender Mittelmeerhafen war.

Stadtarchäologin Júlia Beltran bezeichnet den Fund der 120 unvollständigen Skelette, die mehr als 600 Jahre rund zweieinhalb Meter unter der heutigen Sakristei vergraben lagen, als «sehr interessant und aufschlussreich». Dass es sich bei den Resten aus der Zeit von 1300 bis 1420 um Opfer der Pandemie handelte, ist sehr wahrscheinlich. Sie wurden innerhalb kurzer Zeit bestattet, zeigen keine Zeichen von Gewaltanwendung, lagen sorgfältig geschichtet und waren von einer dicken Schicht Ätzkalk bedeckt. Das Material diente der Geruchsbindung und Desinfizierung. Ausserdem wurden sie nackt beerdigt, eingewickelt in Leinen- oder Hanftücher. «Die Kleider wurden damals vorsorglich verbrannt», so Beltran.

Barcelona: Stadtarchäologin Júlia Beltran bezeichnet den Fund der 120 Skelette als «sehr interessant und aufschlussreich». Foto: Irene Gibrat
Den definitiven Beweis soll nun der deutsche Biochemiker Johannes Krause liefern. Der Professor für Archäo- und Paläogenetik forscht an der Universität Tübingen zu historischen Infektionskrankheiten. Seine Abteilung gehörte 2011 zum internationalen Forscherteam, das nach Ausgrabungen auf einem Londoner Friedhof erstmals Yersinia pestis, den Erreger der Beulenpest, als Todesursache der mittelalterlichen Pandemie bestätigen konnte. Bis dahin war nicht klar, woran die geschätzten 25 Millionen Europäer wirklich gestorben waren. «Es gab wilde Spekulationen von Anthrax bis Ebola», sagt der 34-jährige Wissenschafter. Für ihn gehören die Skelette in Barcelona höchstwahrscheinlich zu den Pestopfern, die genomischen Daten werden derzeit entschlüsselt. «Neue Erkenntnisse aus dem Mittelmeerraum könnten Aufschluss über die damalige Verbreitung des Erregers geben», sagt Krause. Bisher wurde das Beulenpestbakterium in Skeletten aus dem 14. Jahrhundert an sieben europäischen Orten nachgewiesen, darunter London, Marseille und Prag.
Der Erreger der Beulenpest ist ein Pathogen von Nagetieren und wird durch Flöhe auf den Menschen übertragen. Die Ausmerzung des Erregers ist dabei kein Ziel. «Das ist unmöglich, denn dazu müsste man alle erkrankten Nager mit Antibiotika behandeln», sagt Krause. Akut ist die Beulenpest derzeit zum Beispiel auf Madagaskar, wo Menschen eng mit Tieren zusammenleben und sich leicht infizieren. Die Krankheit ist heute allerdings gut mit Antibiotika zu behandeln. In Europa sei eine Ausbreitung bei heutigen hygienischen Lebensumständen unwahrscheinlich, so Krause, «vorausgesetzt, es gibt keine Antibiotikaresistenzen»

Die Toten aus Barcelona erlagen der Krankheit unabhängig von gesellschaftlichem Status, Geschlecht oder Alter. Die Knochen gehören Bürgern zwischen 49 Jahren und wenigen Monaten, auch ein voll entwickelter Embryo wurde Opfer. Die Reste können nicht nur vom Schwarzen Tod erzählen, sondern auch von den Lebensumständen im mittelalterlichen Barcelona.

http://www.nzz.ch/panorama/spanische-spuren-des-schwarzen-tods-1.18397685

 

 

 

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