Geistig entspannt: Menorca im Miró-Modus

Der Standard, 5.10.2014  · Seine Nachbarn hat Joan Miró zu Lebzeiten nie besucht. Mit 40 wilden Spätwerken kommt der Wahl-Mallorquiner nun zum ersten Mal nach Menorca.

“Personnages” (“Figuren”) ist eines von 40 Spätwerken Mirós, die derzeit auf Menorca zu sehen sind. Foto: successió miró, 2014

Die Insel hätte Joan Miró gefallen, mit ihren kugeligen Büschen, die noch nie jemand gestutzt hat, den wilden Olivenbäumen und dem weiten Himmel, der rund um Menorca das Meer berührt. In den beiden Städtchen Ciutadella und Maó geht es ruhig zu, das grüne Land dazwischen ist durchzogen von Wanderwegen, Feldmauern und weiß getünchten Häusern. Von Mallorca aus ist es nur ein Katzensprung, eine halbe Stunde im Flieger oder zwei Stunden im Schiff. Cituadella liegt am westlichsten Zipfel Menorcas und ist somit der großen Nachbarinsel am nächsten. Und dennoch hat es Miró in den 27 Jahren, die er auf Mallorca lebte, nie geschafft, Menorca zu besuchen.

Die meisten Menorquiner kannten die Kunst des Katalanen bisher nur vom Hörensagen, also von Postern und Postkarten. Auf Mallorca dagegen ist Joan Miró (1893 – 1983) fester Bestandteil des kulturellen Lebens. Seine Stiftung, bestehend aus Museum, Park, Wohnhaus und Atelier, zeigt am Stadtrand von Palma Bilder, organisiert Workshops und Vorträge, vergibt Stipendien. Hier wird, neben der zweiten Miró-Stiftung in Barcelona, das Werk des Künstlers lebendig gehalten.

Nun wurden Miró und Menorca miteinander bekannt gemacht. Die Ausstellung “La llum de la nit” – “Das Licht der Nacht” – begleicht eine historische Schuld. In einer leer geräumten, weiß getünchten Kirche aus dem 18. Jahrhundert, mitten im Zentrum von Ciutadella, sind bis 2. November 25 Bilder, ein Wandteppich und 14 Bronzeskulpturen aus Mirós Spätphase zu sehen. Ab Dezember werden sie bis weit ins Jahr 2015 in der Stiftung auf Mallorca präsentiert.

Den Zusammenhalt der Inseln stärken

Die Wanderausstellung des wichtigsten Künstlers der Balearen soll den eher schwachen Zusammenhalt zwischen den Inseln stärken, das ist die Absicht des Balearischen Kulturinstituts IEB. Es hat die Schau mit den Nachkommen des Künstlers und dem Kurator Enrique Juncosa organisiert.

“Wir zeigen Bilder, die die großen Museen der Welt nie wollten”, sagt Joan Punyet Miró, 46-jähriger Enkel des Künstlers, “sie wollten das Publikum nicht schockieren und Mirós Image nicht zerstören”. 1993, bei den großen Retrospektiven zum zehnten Todestag im Museum of Modern Art in New York und in der Stiftung in Barcelona “wurde das Spätwerk so gut wie übergangen”, beklagt Punyet. Der Enkel traut sich nun, da sein Großvater megabekannt und omnipräsent ist, am Image zu rütteln.

Neues aus dem Archiv

Damit das Werk nicht mumifiziert und nur noch mit Aschenbechern und Kaffeehäferln assoziiert wird, zieht er Neues aus den Privatarchiven. 2.000 Bilder, 6.000 Zeichnungen, 400 Keramiken, 500 Skulpturen mit unterschiedlicher Auflage und je 500 Drucke und Lithografien mit rund einer Million Gesamtauflage hat der Großvater hinterlassen. Ein Teil davon gehört der Familie.

Punyet ist Kunsthistoriker, hat in New York, London und Paris studiert, in wichtigen Museen gearbeitet und fast sein gesamtes Berufsleben dem Werk des Großvaters gewidmet. Sein Alltag ist geprägt von Ausstellungseröffnungen, zuletzt auch in der Albertina in Wien, von Vorträgen, Katalogisierungen, Verhandlungen von Reproduktionsrechten und Treffen mit einem Heer von Anwälten, die gegen Fälscher und Hehler vorgehen. “Seit dem Ausbruch der großen Krise tauchen allenthalben falsche Mirós auf”, sagt Punyet mit müdem Blick.

Der wilde, radikal abstrakte Miró

Deshalb ist ihm die Schau ein Anliegen. Sie bringt ihm Freude. Sie zeigt einen wilden, radikal abstrakten Miró. Kaum blaue Flächen, kaum Sonnen und Sterne, kaum Strahlkraft, kaum sanfte Träumereien. Dafür viel Schwarz, Acryl auf gelben Düngemittelsäcken, abgefackelte Leinwände, grobe Striche auf zerbeulten Zinkplatten, durchlöcherte Pressholztafeln, Flecken und Spritzer auf lose an der Wand hängenden Segeltüchern. “Diese Arbeiten sind zutiefst spirituell und in ihren Formen revolutionär”, schreibt Kurator Juncosa im Katalog. Mirós Reisen nach Tokio 1966 und 1970 und der Besuch einer Jackson Pollock-Ausstellung 1952 erklären zum Teil diesen Wandel.

Und ein ungewöhnliches Bild ist zu sehen, auf dem Pferde über eine Wiese galoppieren. Es hängt normalerweise bei Punyet zu Hause. Es heißt “Chevaux mis en fuite par un oiseau” – Pferde, von einem Vogel in die Flucht geschlagen – und ist eines der Lieblingsbilder des Enkels. “Mein Großvater hat es für ein paar Peseten auf dem Flohmarkt gekauft”, sagt Punyet. “Dann hat er einen roten Farbklecks und ein paar Linien darübergemalt und gesagt: Die konventionelle Malerei ist tot.” Das war 1976. Damals war Miró 83 und alles andere als ein “alter, reicher Künstler, der sich auf eine Sonneninsel im Mittelmeer zurückgezogen hat,” so Punyet.

Aufmerksame Ratlosigkeit

Bei den Menorquinern, die sich oft über das isolierte Inselleben und die schlechten Anbindungen ans Ausland beklagen, hat die Schau Aufmerksamkeit erregt, für Befriedigung gesorgt und Ratlosigkeit verursacht. In den ersten drei Wochen hatten sie schon rund 10.000 Besucher gesehen, so viele wie keine andere Ausstellung je zuvor. Auf Menorca leben knapp 95.000 Menschen. Zufrieden sind sie, weil sie die teuren Bilder des großen Miró beherbergen dürfen, ratlos sind sie, weil sie befürchten, sie nicht richtig zu verstehen. Sie würden sich über Führungen und Deutungen freuen, sagten einige Besucher, auf die Frage zum Beispiel warum man bei Miró nie das sehe, was im Titel stehe, “Frau und Vogel”, “Kopf” oder “Personen”. “Ich konnte einen Kugelfisch erkennen”, sagt ein Kunstliebhaber nach dem Besuch, “aber sonst ist doch alles sehr abstrakt.”

Das ist natürlich das Schöne an Miró, besonders an diesen, so erfrischend unkommerziellen Bildern. Sie erlauben, frei zu assoziieren, zu schauen und zu fühlen. Beim Rundgang entstehen Momente der Intimität, plötzlich ist man ganz allein mit einem Bild.

Geistig entspannt

Die Schau passt perfekt zum Labyrinth der Altstadt von Ciutadella, einem Hafenort, der sich selbst “Städtchen” nennt und etwas Verträumtes hat. Enge, in ihrem Verlauf verwirrende Gassen, Kopfsteinpflaster, angelehnte Haustüren, weiße Vorhänge, die sich im Luftzug nach außen bauschen. Gemurmel, irgendwo läuft ein Fernseher, Geschirr klappert. Ciutadella entdeckt man am besten im Miró-Modus, geistig entspannt, ohne Stadtplan und in direktem Kontakt zum Unterbewusstsein – lustwandelnd halt.

http://derstandard.at/2000006365033/Geistig-entspannt-Menorca-im-Miro-Modus

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