Formentera – Ihre Insel

Die Balearen-Insel Formentera wird Touristen als letztes Paradies verkauft. Für Santiago und Miquel Costa, die seit 60 Jahren auf ihr leben, ist sie trotzdem eines.

Formentera: Ihre Insel
Miquel (li.) und Santiago Costa. Die Brüder sind auf Formentera geboren.

 

Zeit online, 23.7.2014 ·  Santiago Costa ist etwas knorrig, nicht besonders freundlich, eher geduldig. Geduldig mit Besuchern, die das andere Formentera entdecken wollen. Ein guter Ausgangsort dafür ist seine weinumrankte Veranda. Hier sitzt Costa im Schatten vor seinem Haus auf dem Hochplateau La Mola. Unten muss das Meer an die Felsen schlagen, aber hier oben hört man nichts, nur das Summen der Insekten. Es riecht nach trockener Erde und wildem Thymian. Salz und Feuchtigkeit legen sich auf Haut und Haare. Sie erinnern uns daran, dass wir auf einer Mittelmeerinsel sind.

Hinter Costa, dem frisch pensionierten Biologielehrer des einzigen Gymnasiums der Insel, steht ein kleiner Feigenbaum. Er trägt keine Früchte, obwohl jetzt, im Sommer, Feigensaison ist. “Ich hab ihn erst vor ein paar Jahren gepflanzt”, sagt er, “dieses Jahr hat es kaum geregnet, da braucht er wohl noch eine Weile.” Costa hat viele Feigenbäume gepflanzt. Schließlich sind sie Sinnbild seiner Insel. Sobald sie größer sind, wird er ihre untersten Zweige abschneiden und die etwas höheren auf Holzstützen binden. So können die Schafe die tief hängenden Früchte nicht fressen. Und sie können sich im Schatten der ausladenden Baumkrone ausruhen. Außerdem verhindert diese alte Technik, dass tief hängende Zweige, die den Boden berühren, neue Wurzeln schlagen. Feigenbäume sind eigenwillig. “Wenn man sie nicht pflegt, verwuchern sie und man hat irgendwann einen riesigen Verhau,” sagt Costa.

Dann steht er auf und zeigt seinen Garten. Eine pinkfarbene Madonnen-Lilie steht in voller Pracht, neben einem Spalier, an dem unreife Weintrauben hängen. Ein Aprikosenbaum ist überladen mit gelbroten Früchten. Demnächst will Costa Marmelade machen. Das Paradies Formentera, von dem er erzählt, ist unspektakulär.

Für Santiago und seinen älteren Bruder Miquel, der bald aus dem Nachbarhaus herüberkommt, ist Formentera einfach “unsere Insel”. Seit mehr als 60 Jahren wohnen sie hier. “Sie ist klein, aber hat alles”, sagt Santiago. Er meint die unterschiedlichen Lebensräume, in denen er gerne Stelzenläufer, Schwarzhalstaucher, Brandgänse oder Seeregenpfeifer beobachtet, manchmal auch Flamingos. Es gibt Salzbecken und Lagunen im Norden, eine Steilküste hier im Osten, Dünenlandschaft im Süden oder Agrarland und Wald im Inselinneren. “Wer die Insel kennen lernen will, sollte zu Fuß gehen oder ein Fahrrad mieten”, sagt er, “dann wird er sie lieben.” Vor allem im Sommer knattern Vespas und Mietwagen über die Insel. Das Paradies der Costas aber ist eine nicht urbane Insel.

“Ein urbaner Lebensstil, obwohl es keine Stadt gibt?”

Wenn Santiago Costa aber über seine Arbeit als Lehrer spricht, merkt man, dass seine Vorstellung nicht die aller ist. Er habe die Kinder der Hippies unterrichtet, erinnert er sich, und die der Kellner und der Saisonarbeiter und der letzten Bauern. “Anfangs waren die Schüler noch mehr naturverbunden, sie kannten ihre Insel”, sagt er. “Heute imitieren sie einen urbanen Lebensstil, hier auf Formentera, wo es doch keine einzige Stadt gibt.”

Es gibt auch keinen Flughafen. Jedes Jahr kommen rund 800.000 Menschen auf die Insel. Die meisten nehmen die Fähre von Ibiza, die Fahrt dauert nur eine halbe Stunde. Das Schiff ist Formenteras einzige Verbindung zur Außenwelt, im Sommer legt es täglich 44 Mal an und ab. Andere kommen mit dem eigenen Boot, ankern in einer der Buchten, mieten sich ein Apartment oder steigen in einem der 47 Hotels ab. Formentera hat mehr als 30 Strände, die meisten unverbaut. Holzstege führen über geschützte Dünenlandschaften, wo Strandhafer, Strandschneckenklee, Orchideen oder Wacholder wachsen. Die 80 Quadratkilometer kleine Insel wird als Europas Karibik oder als das letzte Paradies im Mittelmeer beworben.

Am folgenden Morgen nimmt mich Miquel Costa mit aufs Meer. Sein kleines Motorboot liegt in Es Caló, einem Naturhafen an der Ostküste. Nach einem kurzen Manöver mit Getucker und Geplätscher im minzfarbenen Küstenwasser zischen wir zur Steilküste, die hier mehr als 100 Meter aus dem Meer ragt. Miquel wollte mir die Felsen von La Mola zeigen, sie sind gefährlich und für ihn schicksalsträchtig. Während der kurzen Fahrt wird das Meer smaragdgrün, dann ultramarin, später nachtblau. Da fahren wir schon langsamer, über uns rufen und kreischen Möwen und Sturmtaucher. Wir hören, wie die Wellen an die Felsen schlagen.

Die Steilküste erzählt viele Formentera-Geschichten. Miquel Costa kennt einige davon. Er liest in den Felsnasen und -höhlen wie in einem Buch. “Hier, die Höhle der Mönchsrobbe”, sagt er zum Beispiel. Den Namen hat die Stelle wohl aus Zeiten, als es im Mittelmeer noch Mönchsrobben gab. “Und dort, das rostige Wrack, in der kleinen Kiefer”, sagt er mit aufgekratzter Stimme und zeigt nach oben. “Das war ein Franzose, ein Nachbar.” Ein Hippie, der wohl dem Inselkoller erlegen sei. “Der hat sich in den Siebzigern mit seinem Kübelwagen in den Tod gestürzt”, sagt Miquel.

In den Siebzigern begann ein Formentera-Boom. Bob Dylan, James Taylor, Chris Rea, King Crimson haben die Insel berühmt gemacht, mit Songs wie Down Along the Cove, Carolina in My Mind, On the Beach oder Formentera Lady. Zuerst kamen junge Amerikaner, die nicht in den Vietnamkrieg wollten. Sie lebten zwischen den Dünen, verkauften Selbstgemachtes. Später kamen Zivilisationsflüchtlinge aus Deutschland oder Frankreich. Heute ist Formentera vor allem bei Italienern beliebt. Miquel hat viele von ihnen bedient, als Kellner in Strandrestaurants und später als Fischhändler in dem Touristenort Es Pujols. Man könnte ihn belebt nennen. Costa sagt stattdessen, früher seien die Touristen ruhiger gewesen.

“Wenn die wiederkommen, blockieren wir die Bucht”

Er gibt Gas, das Wasser hinter uns schäumt. Wir kommen in die Nähe des Leuchtturms. Wir sehen die Leuchtturmkuppel von unten. Sie glitzert im Sonnenlicht. Auf dem Rückweg grüßt er einen Fischer, der sein erstes Netz einholt. “Der fängt sicher Roten Drachenkopf”, sagt Costa, “der lohnt sich. Im Restaurant kostet er 60 Euro das Kilo.”

Dann, endlich, kommen wir zu der Stelle, die Costa mir eigentlich zeigen wollte. “Hier, die dunklen Flecken”, sagt er. “da brüten sie, da ist die größte Kolonie.” Costa spricht von Sturmtauchern, kleinen Seevögeln, deren Ruf an das Geschrei von Katzenbabys erinnert, die athletisch fliegen, 20 Meter tief tauchen und die meiste Zeit ihres Lebens auf dem Meer verbringen. Nur zum Brüten gehen sie an Land. Hier, an den Felsen von La Mola, gibt es eine große Kolonie. Früher hat Miquel Costa die kleinen Vögel von den Felsen geklaubt. “Hier, siehst du den Vorsprung? Da stellten wir uns drauf, immer barfuß und immer nachts”, erzählt er, “direkt neben die Bruthöhlen. Wenn die Vögel vom Meer zurückkamen, um ihr Junges zu füttern, konnten wir sie mit bloßen Händen fangen. Ich glaube, Sturmtaucher sehen nicht besonders gut.”

Zu Hause mussten die Vögel dann gerupft und mehrmals gekocht werden, weil sie stark nach Fisch stanken. Später bereitete die Mutter einen Eintopf, mit Thymian, Orangenschalen und Rotwein. “Das war, als wir sonst nichts zu essen hatten”, sagt Costa leise, “wir taten das, um zu überleben.” Er tuckert ein bisschen weiter, fährt näher an die Felsen. Dann stoppt er das Boot an einer kleinen Einbuchtung – es ist die Stelle, an der sein Vater beim Sturmtaucherfangen zu Tode kam. Er selbst habe ihn am folgenden Morgen aus dem Wasser gezogen, erzählt Costa. Wir fahren näher heran, in die Einbuchtung hinein. Sie öffnet sich zu einer Höhle. Das Wasser ist türkisfarben. Man sieht dunkle Seegrasbüschel auf dem Grund. Costa stellt den Motor ab. Es tröpfelt und plätschert. “Er hatte sich überschätzt. Es war eine feuchte Nacht, und er war nicht mehr der Jüngste.”

Während der Rückfahrt herrscht Schweigen. Die Sonne steht schon recht hoch. Der Strand neben Es Caló hat erste bunte Tupfen. Sonnenschirme, Luftmatratzen, Pareos. Kinder juchzen im seichten Wasser. Costa blickt schmunzelnd hinüber, gibt Gas. Vergangenen Sommer hätten dort lärmende Partyboote aus Ibiza Halt gemacht, erzählt er, in aller Herrgottsfrühe. “Die haben uns den Strand versaut und sind wieder weggefahren. Wenn die diesen Sommer wiederkommen, blockieren wir die Bucht mit unseren Booten”, sagt Miquel etwas grimmig, sein Bruder Santiago mache auch mit. Immerhin gilt es für die Costas hier, ihr Paradies zu verteidigen.
http://www.zeit.de/reisen/2014-07/formentera-balearen-gebrueder-costa

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