Herz und Hammer

In Andalusien haben sie den Flamenco erfunden, in Madrid wurde er berühmt. Hier trifft man Menschen, die wissen, worum es dabei wirklich geht.

blanca del rey_suma flamenca 2012
Die Tänzerin Blanca del Rey während eines Auftrittes beim Festival Suma Flamenca.

Süddeutsche Zeitung, 17./18. April 2014 · Draußen scheint die Sonne. Über Madrid spannt sich dieser strahlend blaue Himmel, auf den die Städter so stolz sind. Drinnen, zwischen weiß getünchten Wänden und schmiedeeisern vergitterten Fenstern, sitzt Carmelo mit schmerzverzerrtem Gesicht. Carmelo García, Verkäufer. Er tut gerade das, was er am liebsten tut: Flamencolieder singen. Seine Stimme geht langsam nach oben und nach unten, die Vokale ziehen sich in die Länge, die Faust ballt sich vor der Brust, die Augen schließen sich.Carmelo singt einen Martinete, einen jener alten, melancholischen Rhythmen, die Schmiede in Andalusien entwickelt haben, zum Klang des Eisenhammers. Pamm, pamm, pamm. Gefangene haben das Untergenre weiter entwickelt, in Cádiz, Sevilla oder Jerez. Vielleicht klopften sie dazu an einen Gitterstab und sahen in das Stückchen Himmel des Zellenfensters. So singt Carmelo: „Ich bin nicht mehr der, der ich war, und auch nicht der, der ich sein sollte. Ich bin ein kleines Möbel aus Traurigkeit, abgestellt an der Wand. Als Gefangener in Cádiz setzte ich mich auf meinen Seesack und begann zu grübeln, und fühlte nicht, was mit mir geschehen war, sondern das, was mir noch passieren würde.“

Das Publikum versteht kein Wort. Es sind Amerikaner, die eine Kulturwoche in Madrid verbringen. Da darf der Flamenco nicht fehlen. Die beste Adresse ist die Stiftung Casa Patas, hier im Herzen von Ma- drid. Die Flamencoschule gehört zu einem Restaurant und einer Musikbühne, wo es jeden Abend live Flamenco gibt. Tagsüber lernen Menschen aus aller Welt die Kunst des Tanzes, der Gitarre, der Perkussion oder des Cante jondo, des tiefen Gesangs. Carmelos Zuhörer wissen nichts von schuftenden Schmieden und traurigen Möbeln. Trotzdem stockt ihnen der Atem.

Echter Flamenco wühlt auf – nicht so wie die Musik, die man früher den Touristen vorspielte

„Flamenco ist Ausdruck persönlicher Gefühle, es geht um Mut, Liebe, Ehrlichkeit, Freiheit, um Gefühle, die in unserem Innersten entstehen und die alle Menschen teilen“, sagt Martín Guerrero. Er be- treibt mit seinem Bruder die Stiftung, die Bühne und das Restaurant. Seit 30 Jahren gibt es Casa Patas, seit zehn Jahren kann man die Kunst dort auch lernen. 130 Schüler aus aller Welt sind dieses Jahr eingeschrieben. Anfangs war Flamenco für die Familie ein Geschäft. Guerrero ist eigentlich Architekt, sein Vater war Bauunternehmer. „Nach Francos Tod war die Nachfrage groß, Künstler wie Camarón de la Isla, Enrique Morente oder Paco de Lucía revolutionierten den Flamenco“, erzählt er. Heute wirken die Guerreros auch als Mäzene. „Wir fördern den Nachwuchs“, sagt Martín an einem Tisch im Restaurant. Auf weißen Baumwolldecken wird täglich heimische Kost serviert. Auch darauf ist Guerrero stolz, denn beides, der Flamenco und die mediterrane Küche, gehören seit 2010 zum Welterbe der Menschheit. Der Begriff Welterbe sei im Fall des Flamenco besonders treffend, findet er, denn jeder könne ihn verstehen.

Carmelo, der Gesangsschüler, ist wegen des Flamencos nach Madrid gezogen. Er stammt aus Andalusien, der Ursprungsregion des Genres. Doch er sagt: „Wer etwas werden will, muss in die Hauptstadt.“ Hier könne er guten Flamenco lernen und erleben, und das täglich. Rund ein Dutzend Musikbühnen, so genannte Tablaos, bieten sieben Tage die Woche Programm. Dazu kommen Theater und Festivals. Es gibt Gitarrenbauer sowie Schuster und Schneider, die sich auf Bühnenkleidung und Tanzschuhe spezialisiert haben. Alle sind Familienbetriebe. Es gibt Tanzkompanien, Tourneeveranstalter und Programmdirektoren.

Und es gibt leidenschaftliche Anhänger, Aficcionados, die dem Flamenco verfallen sind, wie Juan Verdú. Der 65-jährige Musikkritiker und Kulturveranstalter lebt seit den sechziger Jahren in der Haupt- stadt. Geboren wurde er in der Provinz nördlich von Madrid, in einer bürgerlichen Familie. „Meine Brüder sind alle anständige Herren“, sagt er schmunzelnd, „sie stehen morgens um sieben auf und gehen abends um elf ins Bett. Nur ich bin aus der Reihe getanzt.“ Verdús Stimme und Falten sind tief. Seine Fingernägel sind lang, das nach hinten gekämmte Haar ist dünn, der Schnauzer ungestutzt. „Seitdem ich 26 war, lebe ich für den Flamenco“, sagt er.

Juan Verdú hat den jungen Camarón de la Isla in Madrid singen gehört, in legendären Flamenco-Lokalen wie dem Candela, wo nur Eingeweihte am späten Abend Zutritt fanden, um in einem Kellergewölbe richtigen Flamenco zu hören – den der aufwühlt, nicht das, was den Touristen an den Stränden vorgesetzt wurde. Heutzutage wird der Unterschied zwischen echtem und schlechtem Flamenco in Madrids kul- turell interessierten Kreisen nicht mehr diskutiert. Die Klischees, die Francos Tourismusmaschinerie etabliert habe, seien längst überholt, sagt Verdú. Die Künstler seien heute besser denn je. Inzwischen denke bei Flamenco niemand mehr an „Frauen, die auf den Tisch springen, sich den bunten Rock bis zum Schlüpfer hochziehen und mit dem Fuß aufstampfen.“

In den achtziger Jahren hat Verdú in schwarz gestrichenen Diskotheken Flamenco-Konzerte veranstaltet, zu denen am Ende sogar 800 Punks und Rocker kamen. Er hat Sportpaläste gefüllt, hat Talente etabliert, Klassiker belebt. 25 Jahre lang lief sein Programm „Madrid Flamenco“ im Radio, und neuerdings organisiert Verdú ein Festival namens „Suma Flamenca“, das immer im Juni stattfindet und bei dem spanische Künstler und Musiker eines Gastlandes Flamenco der herkömmlichen Machart oder in Fusion präsentieren. Auch die Diskussion um die Reinheit des Stils sei überholt, mein Verdú, „schließlich ist der Flamenco selbst nichts anderes als ein Gemisch“. Andalusische, nordafrikanische, jüdische und indische Folklore fließen in ihm zusammen.

Entstanden ist die Kunst vor rund 200 Jahren in den Hütten andalusischer Landarbeiter, Gitanos und Seeleute. Auf die Bühne fand sie in Madrid. Andalusien sei die Mutter, Madrid die Hebamme, sagt man. In der Hauptstadt gelangte der Flamenco zu Ruhm. Gefördert haben diese Entwicklung vor allem jene, denen der Flamenco half, das Leben zu ertragen und die Identität zu schärfen: andalusische Emigranten. Ab den 1950er Jahren gründeten sie erste Fanklubs, Peñas Flamencas, in die sie Künstler einluden.

Das Arbeiterviertel Vallecas spielt bei diesem Transfer eine wichtige Rolle. „Die Ärmsten der Armen, die Entrechteten und Enteigneten“, hätten sich dort angesiedelt, „die, die Andalusien verstoßen hat.“ Das sagt Joaquín San Juan. Der 64-Jährige hat selbst in Vallecas gelebt. „Dort habe ich den Flamenco in die Arme geschlossen und seither nicht mehr losgelassen.“ San Juan stammt aus Nordspanien, wo Flamen- co ein Fremdwort ist. Er war Programmie- rer, hatte eine eigene Softwarefirma, bevor er in den neunziger Jahren die Leitung der wichtigsten und ältesten Flamenco-Schu- le Spaniens übernahm – aus reiner Leiden- schaft. Sie heißt Amor de Dios und liegt im Herzen der Stadt.

Gefeierte Künstler unterrichten Tanz und Gesang in der zweiten Etage einer Markthalle

Dort, im zweiten Stock einer Markthalle, unterrichten gefeierte Bühnenkünstler „unorthodox und antiakademisch“, so San Juan, die Kunst des reinen Ausdrucks. Mehr als 20 kleine Säle bieten Platz für Un- terricht und Proben. Zwischen neun Uhr morgens und elf Uhr abends hört man Ab- sätze auf Holzplatten trippeln, Stimmen klagen, Gitarren flirren. Hunderte Künst- ler haben hier gelernt und geprobt und da- bei einen Wertekatalog verinnerlicht, der das Genre trägt. „Der Flamenco entsteht als Gegenkultur, ist Sozialkritik und Aus- druck der Unterdrückten“, erklärt San Juan. „Er ist keine idealisierende Kunstform, er ist zutiefst menschlich.“

Wer sich als wahrer Flamenco verstehe, lebe nach den Werten, die hinter den Liedtexten stehen: Loyalität den Älteren gegenüber, Mitgefühl den Schwächeren gegenüber, Mut und besonders individuelle Freiheit. Francos Pseudogenre des bunten Spektakels mit Sangría und Olé-Rufen deutet San Juan als einen Versuch, den wahren Flamenco zu vernichten. Unbeugsame Künstler wurden während der Diktatur ver- folgt und getötet, viele wanderten aus, verbreiteten die Kunst in Mexiko, Venezuela oder in den Vereinigten Staaten. In Madrid ist Flamenco heute hip, in Krisenzeiten mehr denn je. Denn Flamenco geht in die Tiefe. Nicht nur Touristen auf Kulturtrip wollen ihn kennen lernen. Auch Einheimische jeden Alters huldigen der Kunst der Unterdrückten. Wer weiß wo, kann sich mit echten Flamencos dem Ritual hingeben – und ihm verfallen.

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