Alles ist wahr, falls es keine Lüge ist

Manacor hat dem Katalanisten Antoni Maria Alcover ein Museum gewidmet. Es zeigt, wie der große Forscher und Geistliche seine Sprache liebte – ohne sie zu politisieren.

mossèn alcover 01

Mallorca Zeitung, 24.4.2014 · Ein Leben für drei hat Antoni Maria Alcover gelebt. Geboren wurde er 1862 auf einem Landgut bei Manacor – seine Eltern waren dort die Verwalter –, gestorben ist er 1932 in Palma. Mit 15 kam der aufgeweckte Sohn ins Priesterseminar. Nirgends sonst hätte er seine Wissbegier damals stillen können. Dann ging es steil bergauf, jeden Tag stand er um halb fünf Uhr auf, um zu forschen, zu arbeiten, zu denken. In der kirchlichen Hierarchie schaffte er es bis zum Amt des Obersten Vikars im Bistum von Palma, eine Stufe unter dem Bischof. Auf intellektuellem Gebiet betrat der Sprachforscher und Ethnologe Neuland. Er hinterließ das berühmte, erste und umfangreichste Wörterbuch der katalanischen Sprache, das zehnbändige „Diccionari Català-Valencià-Balear”. Bis heute wird es mit den Worten „Mal sehen, was der Alcover dazu sagt” konsultiert. Bei 160.000 Einträgen wird man wohl immer fündig.

Gesammelt hatte Alcover vier Millionen Wörter, natürlich nicht allein, sondern mit mehr als 1.800 Freiwilligen, die ihn aus allen Ecken katalanischsprachiger Regionen mit Usancen und Kuriositäten regionalen Sprachgebrauchs versorgten. Zwei Nichten sortierten in eigens gefertigten Schubfachkommoden, was Alcover tagtäglich auf 105 mal 74 Millimeter großen Karteikarten festhielt – jedes Wort eine Karte. Dank der Forscherei knüpfte Alcover Freundschaft mit anderen Katalanisten, unter anderem mit dem deutschen Romanisten Bernhard Schädel, mit dem er Anfang des 20. Jahrhunderts auf der Suche nach Wörtern die Pyrenäen bereiste. Und er baute Vorurteile gegen Protestanten ab. Während seiner zahlreichen Deutschland­reisen bemerkte er, dass auch sie gute Menschen waren. Schädels Mutter hatte ihm bei einem Besuch ein Marienbild auf den Nachttisch gestellt. So ist es überliefert.

Alcover sprach mit vielen, sehr vielen Leuten. Er sah Städte und Dörfer, brachte von seinen Reisen quer durch Europa Postkarten mit, vor allem von Gebäuden. Diese inspirierten ihn so sehr, dass der unruhige Geist sich für die Architektur zu interessieren begann. Seinen Entwürfen sind Dorfkirchen wie die von Calonge oder Son Carrió zu verdanken.

Bei all dem vergaß Alcover nie, woher er kam. Er sei zeitlebens fest auf dem Boden seiner geliebten Insel geblieben, sagt Magdalena Gelabert. Sie leitet die Einrichtung in Manacor, die den Namen des berühmten Sohnes trägt: Institució Pública Antoni M. Alcover. Seit ein paar Wochen bietet das denkmalgeschützte Haus in einer engen Gasse im Stadtkern nun ein erstklassiges Museum. Äußerst didaktisch und kurzweilig ist der ausschließlich katalanischsprachige Rundgang durch zwei Etagen. Dunkel gestrichene Holztüren, blank polierte Möbel, bunt geflieste Böden, Deckenstuck und geschliffene Glastüren dienen neben Schaukästen, Videolein­wänden, Glaswänden und Stimmen aus dem Off der ganzheitlichen Wissensvermittlung. In dem großbürgerlichen Haus aus dem 19. Jahrhundert erkennen wir die Zeit, in der Alcover aufwuchs. Wir schreiten durch ehemalige ­unterirdische Wein- oder Öldepots, sehen im Hof den Regenwasserbrunnen, der das ganze Haus versorgte, betreten ehemalige Ställe und eine Küche, in der noch ein gusseiserner Ofen steht. (Das Haus gehörte der Familie Bonet, die in Manacor viel Land besitzt.) Dazu schaffte es der Barceloneser Ausstellungsmacher Ignasi Cristià, all die alten Dinge ins Jetzt zu befördern,mit multimedialer ­Gestaltung und kohärenter, knapper Präsentation. 15 Jahre haben die Stadt und die Regionalregierung an dem Museum getüftelt, Renovierung eingeschlossen. 1,8 Millionen Euro haben sie dazu gebraucht. Gelabert ist zufrieden: „Das ist eine Ausstellung, die sich in Europa blicken lassen kann”, sagt sie.

Gerade war die 49-jährige Katalanistin in den USA, wo sie an der Universität von Missouri Mallorcas Märchen vorstellte. Gelabert reist sozusagen auf Alcovers Spuren. Dessen Erbe stammt nicht nur aus dem späten 19. und frühen 20. Jahrhundert. Es führt uns in Zeiten, als die Tiere sprechen konnten, in denen die Vögel Zähne hatten und die Bäume sangen. Alcover hat auch mehr als 400 mallorquinische Märchen gesammelt. Die rondalles verbanden ihn mit seiner Kindheit auf dem Hof, wo ihm Knechte und Mägde all das erzählten, was sich auf ­Mallorca so in Wahrheit zugetragen hatte, falls es keine Lüge war. Mit der Wendung rondalla ve, rondalla va, si no és mentida veritat serà beginnen viele Märchen. Sie birgt nicht nur das Ritual des Zusammensitzens sondern auch einen vom Aussterben bedrohten Lebensstil. Diesen Eindruck hatte schon Alcover. Deshalb begann er unter dem Pseudonym Jordi d’es Racó (Jordi aus der Ecke) die Märchen aufzuschreiben, so wortgetreu wie möglich. „Die Motive sind anderen Märchen der Welt ähnlich”, sagt Gelabert, „was sie so besonders macht, ist ihre Sprache.” Über das Märchensammeln fand Alcover zum Wörterbuch. Und wegen des Wörterbuches lernte er die Welt kennen. Und die Welt erfuhr von Mallorca.

Im Jahr 1906 organisierte Alcover mit Bernhard Schädel den ersten Katalanistenkongress überhaupt. 3.000 Sprachforscher kamen aus aller Welt nach Barcelona. Bürgerliche Intellektuelle mit Stock und Hut, die sich über Mundart, Normkatalanisch und regionale Varianten unterhielten. Ein Jahr später wurde das bis heute aktive Sprachinstitut Institut d’Estudis Catalans gegründet, und 1913 erschien das erste Regelwerk zur katalanischen Sprache. Seitdem wissen die spanischen, französischen und italienischen Minderheiten, wie ihre Mutter­sprache Katalanisch korrekt gesprochen und geschrieben wird.

Am Eingang der Dauerausstellung verweist eine Landkarte auf das Verbreitungsgebiet der Sprache. Von dem Begriff „països catalans” (katalanische Länder) und von assoziierten Unabhängigkeitsbestrebungen will Magdalena Gelabert aber nichts wissen. „Wer die Sprache politisiert, tut ihr Unrecht”, sagt sie. Sie sei wie alle Sprachen der Erde Identitätsstifter, Mittel der Verständigung und kulturelles Erbe. 13 Millionen Menschen verbindet das Katalanische. Ihnen hat Alcover Werkzeug zur Hand gegeben. An seinem Werk erkennt man, dass er nicht für drei, sondern für 13 Millionen Menschen lebte.

www.institucioalcover.org

http://freizeit.mallorcazeitung.es/agenda/noticias/nws-295175-alles-ist-wahr-falls-keine-lge-ist.html

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