Triefende Langeweile in der Provinz

Der Familienroman «Das Puppenkabinett des Senyor Bearn» schildert den langsamen Niedergang des feudalen Mallorca. Der Schauplatz ist jetzt zu besichtigen. Das Landgut Raixa ist frisch renoviert und verführt zu träger Träumerei.

Bearn-Film
Szene aus der Verfilmung mit Fernando Rey und Ángela Molina

NZZ, 7.11. 2009 · Ein Roman wie ein langer Herbstabend, der Held ein dekadenter Landadliger, die Handlung nichtig, der Schauplatz abgelegen. Wer «Das Puppenkabinett des Senyor Bearn» zur Hand nimmt, der sollte alle Hektik des Alltags vergessen. Das Buch wurde von dem mallorquinischen Schriftsteller und Psychiater Llorenç Villalonga ganz im tröpfelnden Rhythmus der Epoche und des Ortes geschrieben, die es porträtiert. Erstmals im Jahr 1956 erschienen, erfüllt es in meisterlicher Weise die literarischen Regeln der Einheit von Form, Raum und Zeit. Wegen seiner einstrangigen, eleganten Erzählstruktur und der psychologischen Tiefe der Charaktere gilt es als Hauptwerk des Autors und bestes Beispiel der katalanischsprachigen Literatur des 20. Jahrhunderts.

 

Auf dem fiktiven Gut Bearn ist die Zeit stehengeblieben. Der junge Priester des Anwesens, Joan Mayol, schildert im Jahr 1890 nach dem mysteriösen Tod seines Herrn Don Antoni und von dessen Gattin Donya Maria Antònia die letzten 30 Lebensjahre der beiden. Sie waren kinderlos, mit ihnen starb das Geschlecht aus. Erinnerungen an Gespräche zwischen dem Kaplan und seinem Gönner sowie Schilderungen des Alltags auf dem Gut und im gleichnamigen Dorf sorgen auf rund 350 Seiten zudem für analytische Tiefe und Lokalkolorit.

Ein möglicher Schauplatz des Romans ist das Landgut Raixa bei Bunyola auf halbem Weg zwischen Palma und Sóller, wo der spanische Regisseur Jaime Chávarri 1983 den Roman mit Ángela Molina in der Rolle der Nichte und Geliebten des Hausherrn verfilmt hat. Dass Villalonga beim Schreiben an Raixa gedacht haben mag, ist denkbar: Er kannte das Anwesen gut, denn ein Teil seiner Familie stammte aus Bunyola. Dort verbrachte er oft den Sommer. Durch die sonnendurchfluteten Räume des renovierten Anwesens weht heute Mallorcas frische Landluft. Doch die Räume der Planta Noble im ersten Stock – dort, wo die Herrschaften wohnten – sind noch mit rotem Brokat tapeziert, und man kann sie sich als mit dunklen Möbeln vollgestellte Zimmer vorstellen, in denen über Jahrhunderte triefende Langeweile herrschte, Geist erstickt und Leidenschaften unterdrückt wurden.

Stille und Natur

Raixa wurde 1230 erstmals erwähnt und Ende des 18. Jahrhunderts in einen Ort des Naturgenusses mit italienischer Gartenanlage verwandelt. Die spanische Verwaltung kaufte Raixa im Jahr 2002 einer Erbengemeinschaft ab, die mit dem Erhalt der emblematischen Possessió überfordert war. Wer sich heute auf den Weg zu dem frisch renovierten, öffentlich zugänglichen Anwesen in der Gemeinde Bunyola macht, der kann sich dort am teichgrossen Giesswasserdepot in die Stille von vor 120 Jahren zurückversetzen. Im Hof spürt er, wie das Leben vor Beginn des Kommunikationszeitalters in der Provinz verlaufen ist: Mallorcas Landadel war wohlhabend, aber uninformiert, einflussreich, aber unbedeutend, familiär abgesichert, aber den Strömungen der Zeit ausgeliefert.

Viele mallorquinische Stammbäume reichen auch heute noch bis zu den katalanischen Eroberern der Insel unter König Jaume I. im Jahr 1229 zurück. Eine lange Erbfolge, Bequemlichkeit, Inkompetenz und Verantwortungslosigkeit führten indes ab Mitte des 19. Jahrhunderts zum Niedergang vieler grosser Geschlechter. Die Erben der Eroberer zogen dem inzestuösen Provinzmief der Insel das aufregende Leben in Paris vor, wo sie ihr Geld mit vollen Händen ausgaben. Viele mussten Ländereien verkaufen und ihrer Aufteilung zusehen. Landarbeiter, die über Jahrhunderte in Abhängigkeit gelebt hatten, nutzten den Lauf der Dinge und kauften sich im 19. Jahrhundert erste kleine Landparzellen – das Ende der Feudalgesellschaft.

Feudales Leben

Steht man am Fuss der langen Treppe des Gartens, sieht man Don Antoni vor sich, in gewisser Weise Alter Ego des Autors, wie er seiner Nichte und Geliebten entgegenfiebert: Er war sowohl Feudalherr, Patriarch und Vertreter einer herrschenden Gesellschaftsschicht als auch ein den körperlichen Freuden zugetaner Agnostiker, Anhänger aufklärerischen Gedankenguts und technischer Erfindungen. Er trug Perücke, liess die Arbeiter seines Landgutes auspeitschen, lebte in Zweckehe mit seiner Cousine Maria Antònia, hielt sich wechselnde Geliebte und kümmerte sich sonst hinter verschlossenen Türen um seine persönlichen Bedürfnisse: die Lektüre französischer Denker, das Verfassen seiner Memoiren und die Wache über ein geheimnisvolles Zimmer, das Puppenkabinett genannt wurde und von niemandem betreten werden durfte.

Kein besseres Leben

Bei Villalonga ist die Enge von Flauberts «Madame Bovary» zu spüren, und auch an «Il Gattopardo» von Tomasi di Lampedusa oder an «Der Tag des Gerichts» von Salvatore Satta kann man denken. Diese Romane aus dem 19. Jahrhundert, ob sie in der französischen Provinz, auf Sizilien oder Sardinien spielen, schildern europäische Welten im Abseits. Für heutige Nostalgiker und Kulturpessimisten sind die Bücher nichts: Sie zeigen, dass das Leben früher eindeutig nicht besser war – in der Provinz schon gar nicht.

http://www.nzz.ch/aktuell/feuilleton/uebersicht/triefende-langeweile-in-der-provinz-1.3981913

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