Madrid macht sich frei von Depressionen

Blick von der Dachterrasse des Círculo de Bellas Artes

Sechs Jahre lang lief für Spaniens Hauptstadt alles schief. Doch jetzt erlebt die Stadt neues Selbstbewusstsein und eine Lebendigkeit, die nicht von oben verordnet ist.

zeit online 23.3.2014 · Madrid wird überleben, trotz allem. Trotz all des Stickstoffdioxids, all der Schulden, all der Arbeitslosen, all der geplatzten Träume. Die Propheten heißen Carlos Lahoz und Manuel Leira. Sie haben vor rund einem Jahr den Madrid Think Tank gegründet. Darin entwickeln sie gemeinsam mit anderen Ideen, um Spaniens Hauptstadt am Leben zu erhalten: Madrid, Metropole auf der Hochebene, wo Luft und Straßen schmutzig sind, wo niemand mehr investieren will, wo Touristen wegbleiben und Schulden in den Himmel wachsen. Uff. “Als Bürger fühlen wir uns verpflichtet”, sagen die Architekten, “der Stadt ihr Selbstbewusstsein zurückzugeben”.

Wenn man den beiden Optimisten in der Madrider Architektenkammer zuhört, einem vierstöckigen, lichtdurchfluteten Gebäude in einem lebendigen Viertel, dann möchte man sofort raus auf die Straße und diese unglaubliche, unkontrollierbare Stadt erkunden. “In Madrid passiert gerade einiges. Noch wissen wir nicht, wohin das führt”, sagen sie geheimnisvoll. Die Impulse kommen nicht aus dem Rathaus. Sie kommen auch nicht von Großunternehmen wie dem Olympischen Komitee oder Las Vegas Sands, die der Stadt Hoffnungen auf Wunder gemacht haben. Dreimal bewarb sich Madrid um die Austragung von Sommerspielen, dreimal kam eine Absage. Und jahrelang hoffte sie auf die Glücksspielstadt Eurovegas. Doch immer kam irgendetwas dazwischen, Misswirtschaft, Proteste, andere, die es besser machten.

Die neuen Impulse kommen nun von unten. Krokusse statt Geldregen. Die sprießen nicht im Palast der Regierung oder des Königs. Sie brechen dort durch, wo Madrid klein ist, dort, wo man nicht spürt, dass man die Stadt mit 6,5 Millionen Menschen teilt. So groß ist Madrids Metropolregion. Kastiliens Hochebene setzt dem Wildwuchs keine geographische Grenze. Den konnte nur die brutale Wirtschaftskrise ab 2008 bremsen. Noch haben sich die Madrilenen nicht erholt, aber sie sind aus der Schockstarre erwacht.

“Viele haben ihr Arbeitslosengeld in Bars, Restaurants oder Geschäfte investiert”, erzählt Natalia Gutiérrez. Sie organisiert thematische Routen durch die Stadt und muss sich dabei ständig umstellen. “Stadtviertel wie Chueca, Malasaña oder La Latina verändern ihr Gesicht praktisch täglich.” Wo gestern noch Serrano-Schinken im Fenster hing, stehen heute Cupcakes in der Auslage. Cafébetreiber reparieren Fahrräder, in einstigen Miederwarengeschäften hängen Designerkleider, aus Schuhläden werden Gemeinschaftsbüros, Vinotecas bieten Mikrotheater, allenthalben eröffnen Gin Clubs und die Stadt des starken, kleinen Kaffees hat das entspannte Teetrinken entdeckt. “Vor der Krise gab es entweder das Günstige und Alteingesessene oder das Teure und Moderne”, erinnert sich Gutiérrez, “heute ist alles erschwinglicher und bunter”.

Vielleicht wirkt Madrid nun weniger castizo, weniger waschecht als zuvor. Man erkennt mehr Europa, mehr Amerika, weniger altes Kastilien. Viele Kneipen und Geschäften sind verschwunden und mit ihnen Schmiere und Staub jahrzehntelangen Gleichschritts. Die Betreiber wussten nicht auf die Krise zu reagieren. Ihre Nachfolger halten nichts von Frittiertem und Mayonnaise, von Registrierkassen und Posamenten. Sie servieren Weine, die wie Fernsehserien heißen und knusprige Häppchen mit asiatischem Touch. Zuwanderer aus Lateinamerika haben viel verändert. Peruanische Restaurants sind seit Gastón Acurio schick, Argentinier, Brasilianer oder Kolumbianer importieren Essen und Kultur.

Sonntags morgens kann man all das gut auf dem Fahrrad entdecken, ja auf dem Fahrrad. Früher war das in Madrid lebensgefährlich, denn Autos beherrschten die Stadt. Und man wirkte wie ein Sonderling, denn am Wochenende kam niemand vor zwölf aus dem Bett. Madrids Nachtleben war exzessiv. Warum überhaupt Rad fahren? Auch das hat die Krise verändert. Geld sparen und cool sein. Vom Flussufer aus durchs Zentrum radeln, die von Anwohnern verwaltete Baulücke neben dem Cebada-Markt besuchen, wo Musiker auftreten und Basketball gespielt wird. Oder im anarchisch wirkenden Stadtteil Lavapiés neue Formen des Zusammenlebens entdecken.

Der Manzanares durchzieht, eingezwängt in einen Kanal, die Stadt von Nord nach Süd. Sein Ruf reicht nicht an den der Themse oder der Seine heran. Nie spielte er eine Rolle, nie hatte Madrid einen Hafen. Bis vor Kurzem ignorierten die Madrilenen ihre einstige Lebensader. Doch seit drei Jahren ist das dunkel glitzernde Band von breiten Grünstreifen flankiert. Die neue Flusslandschaft nennt sich Madrid Río. Die elf Kilometer lange Schneise setzt Weichen. Still und heimlich verbindet die Parklandschaft Menschen und Viertel. Mehr als 30 Brücken und Stege führen über den Fluss. Bis zur Jahrtausendwende wollte die Stadt Beschleunigung. Man baute das Metronetz zu einem der größten der Welt aus, legte Ringautobahnen an. Nun will Madrid durchatmen. Eine Umgehungsstraße wurde unter die Erde verlegt. Unten rauschen täglich 200.000 Autos durch, oben hört man den Fluss plätschern. Träge fließt er dahin. Junge Kiefern, Schwarzpappeln und Kastanien stehen in leuchtendem Grün am Ufer, vor den Fenstern der Hochhäuser. Zuvor blickten deren Bewohner auf Brachland und Blechlawinen.

An diesen Schnittstellen alten Schmutzes und neuen Glanzes wirkt Madrid Think Tank. Vier Ausschreibungen zur Stadtverschönerung hat das Kollektiv in Gang gebracht, auch eine zu den Wohnsilos am Manzanares. Alle basieren auf Bürgerbeteiligung. “Die Leute warten nicht mehr auf Lösungen von oben”, sagt Carlos Lahoz, “das pyramidale Denken bröckelt”. Enttäuschung, Unzufriedenheit, Misstrauen in die Politiker stünden dahinter, sagt der 37-jährige Lahoz, nach sechs Jahren Krise und Jahrzehnten systematischer Korruption. Die Madrider Architektenkammer will diese Energie kanalisieren und auf die politische Ebene weiterleiten, “ohne Konflikte zu schüren”, betont Manuel Leira.

Symbolhaft zeigt sich das am Ideenwettbewerb zur Umgestaltung der Puerta del Sol. Auslöser war eine Anfrage der Bürgermeisterin Ana Botella an die Kammer. Sie wünschte sich einen Café-Kiosk im Alt-Wiener Stil, vor der Casa de Correos. Das Gebäude aus dem 18. Jahrhundert dominiert den Platz, mit seiner verspielten Fassade und dem hellen Uhrturm. Dort arbeitet der Madrider Regionalpräsident und von dort werden landesweit die Glockenschläge übertragen, mit denen Spanien alljährlich das alte Jahr verabschiedet. Direkt vor dem Gebäude ist der Kilometerstein Null im Boden befestigt: Hier misst man die Distanzen zu anderen Städten des Landes. Zehn Straßen führen von der 10.000 Quadratmeter großen Puerta del Sol ab, sie enden letztlich alle an einem Punkt der Küste. “Als wir hörten, die Bürgermeisterin wolle genau dort einen Café-Kiosk, waren wir sprachlos”, erzählt Manuel Leira, “eine für uns extrem schwierige Herausforderung” sagt er diplomatisch. Die Architekten beschlossen, Bürger und Architekten dazu zu befragen. 10.000 Madrilenen nahmen per Internet an der Umfrage teil, 500 Studios schickten Vorschläge aus der ganzen Welt. Niemand wollte einen Alt-Wiener Kiosk.

Gewonnen haben zwei Madrider Architekten, die auf dem wichtigsten Platz der Stadt vor allem eines wollen: aufräumen. Standbilder, Brunnen und Buden sollen abmontiert oder verschoben werden und Platz für Menschen machen. “Die Puerta del Sol ist Spaniens Symbol der neuen Demokratiebewegung”, sagt Leira. 390 Demos wurden im vergangenen Jahr dort abgehalten. Sie geben der Stadt eine neue Bedeutung, weg vom Zentralismus der Macht, hin zum Pluralismus der Basis. “Madrid stand lange für Unterdrückung”, sagt Lahoz und spielt damit auf die knapp vierzig Jahre Franco-Diktatur an. Deswegen wünschen sich die Architekten auch kein Symbol, im Gegensatz zu vielen Politikern. Wer Madrid auf einen Eiffelturm beschränke, der täte der Stadt unrecht, sagen Lahoz und Leira. Madrid ist Vielfalt, Madrid ist die Summe aller. Immer schon waren es die Bewohner, die ihrer Stadt Profil und Charme verliehen. Fast niemand bezeichnet sich als echten Madrilenen, denn fast alle sind Kinder oder Enkel spanischer Zuwanderer. Hier ist alles erlaubt. Hier ist jeder willkommen. Es gibt keinen Dresscode, keine No-Gos. Madrid hat ein kleinteiliges Profil, das jenseits der Pyrenäen nur unscharf wahrgenommen wird. Wer es erkennen will, sollte die Stadt aus der Nähe betrachten.

http://www.zeit.de/reisen/2014-03/madrid-architektur-fahrrad

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