Unter dicken Decken

Die Serra da Estrela ist Portugals höchster Gebirgszug. Früher wurden dort Tuberkulosekranke geheilt. Heute kann man in Schafwolldecken gehüllt dem Schnee beim Fallen zusehen.

Zeit online, 28.2.2014 · Wenn in der Serra da Estrela die Füchse und die Eichhörnchen aus dem Wald verschwinden, dann ziehen die Menschen die Wolldecken hervor. Die Tiere mummeln sich im Nest zusammen oder ziehen in wärmere Tiefen, die Menschen schützen sich mit Lodenumhängen vor Schnee und Regen, legen sich nachts Decken über die Laken und tagsüber auf die Knie, wenn sie vor dem Fernseher sitzen. Die Winter sind lang. Auf den Gipfeln liegt Schnee bis Mai, in den Tälern regnet es oft tagelang. Frieren muss in der Serra da Estrela dennoch niemand, auch wenn im Winter immer wieder alles vereist.

Isabel Costa und João Tomás, die Betreiber des Berghotels Casa das Penhas Douradas, haben das gelernt. Sie stammen aus Lissabon, ein karrieremüdes Paar, das sich ins Hinterland verliebte. Mittlerweile mögen die Hinterländler auch sie. “Es sollte mehr Isabels und Joãos hier geben”, sagt Joana Martins. Sie ist 28 Jahre alt und nach einigen Jahren, die sie an anderen Orten gelebt hat, wieder in ihre Heimat Manteigas zurückgekehrt. “Hier ist das Leben einfach und billig, man hat kaum Rechnungen zu bezahlen”, sagt sie, “mit 50 Euro kommt man aus im Monat.” Denn die Einheimischen machen fast alles selbst, was sie zum Essen brauchen. Und man kann fast nirgends Geld ausgeben. Zum Shoppen muss man ein paar Stunden in die Kreisstadt Guarda fahren. Das ist den meisten zu ungemütlich, vor allem im Winter.

Leute wie Joana, die Forstwissenschaften studiert hat, oder Zé Sabugueiro, der seit mehr als 50 Jahren seine Schafe und Ziegen durch die Gegend treibt, verleihen dem Zentralgebirge Charme und Hoffnung. Zé kann sich kein schöneres Leben vorstellen. “Ich liebe meine Tiere”, sagt er beim Ziegenmelken im warmen Stall. Im Winter hält er sie dort, direkt neben dem Haus. Das Dach ist mit Strohballen isoliert, auf dem Boden liegen frisch geschnittene Ginsterzweige. 90 runde Schafe und zottelige Ziegen stehen herum, wärmen den Stall, knabbern, blöken, meckern. Nach der Schur im Mai zieht er mit der Herde dann durch Gletschertäler und über Granitgipfel, begleitet vom ewigen Gebimmel und dem ruhigen Trott seiner großen, wolligen Hunde.

Fotos: Annett Bourquin

Im Sommer kann man Zé beim Wandern treffen. Der 100.000 Hektar große Naturpark Serra da Estrela hat ein dichtes Wegenetz. Joana begleitet Besucher und erzählt ihnen Geschichten aus ihrer Heimat, die dann wahrscheinlich lieblich und üppig aussieht. Heidekraut blüht, Wacholder duftet, Kiefern und Birken spenden Schatten, Gebirgsseen spiegeln die Sonne. Im Winter sieht man Bäume, Steine und Hügel, alles weiß. Und man sieht oft Schneeflocken und Wolken. Man betrachtet sie am besten durch eine der großen Fensterscheiben und in der Nähe eines der vier Kamine, die Isabel und João im Hotel einrichten ließen. Überall liegen Wolldecken herum, die Sessel und Sofas sind mit Filz gepolstert. Wer trotzdem noch kalte Füße hat, kann sich im Thermalbad aufwärmen oder eine Kräuteröl-Massage buchen. Man kann sich den ganzen Tag Tee und Kaffee servieren und Küchlein essen. Nichts ist in Einzelportionen verpackt, man sieht kaum Plastik.

Das Kuschelhotel hat seinen Namen vom Ort. Es steht auf einem Gipfel namens Penhas Douradas, Goldene Steine. Gemeint sind die riesigen, runden Findlinge, die überall herumliegen. Gletscher haben sie vor Zehntausenden von Jahren vor sich hergeschoben und dabei abgerundet. Und dann, aus einer Laune heraus, oder weil sie von einer Hitzewelle überrascht wurden, haben die Gletscher die Steine freigegeben und hier einfach liegenlassen. Das Schöne an ihnen ist ihre weiche Form und der Quarz, den sie einschließen. Wer sich bei klarem Himmel auf einer der ostwärts gewandten Verandas des Hotels in eine Wolldecke gepackt einem besonderen Schauspiel hingeben will, der sollte bei Sonnenaufgang nicht den Blick von den Steinen wenden. “Die Sonne taucht sie in Gold”, hat João auf einen handgemalten Lageplan für seine Gäste geschrieben.

Dasselbe Leuchten haben wohl Portugals Tuberkulose-Kranke vor 130 Jahren gesehen. Hier oben, auf 1.500 Metern, mussten sie das Bett hüten und Bergluft atmen. Eine kleine Kapelle erzählt davon, dass die Kur nicht allen half. Wer Geld und eine anfällige Lunge hatte, der baute sich zwischen den glitzernden Steinen ein Sommerhäuschen. Auch heute noch verbringen Urlauber in den alten Häusern ihren Sommer. Die Bischöfe aus Lissabon, Coimbra und Porto sind unter den Feriengästen. Sie laden Besucher und Einheimische zur Messe in die Kapelle ein. Manchmal sieht man sie miteinander plaudernd auf der Veranda ihrer Feriendomizile sitzen, beim Nachmittagstee und in langen Ärmeln.

Diese beschauliche Art der Erholung wollen Isabel und João wiederbeleben. Früher war Isabel Managerin einer Supermarktkette und João Anwalt. 2006 kauften sie das ehemalige Sanatorium in den Bergen, aus dem sie ihr Hotel mit 18 Zimmern und Suiten gemacht haben. Sie wollen den Menschen aus Manteigas eine Zukunft geben. Das Dorf soll nicht aussterben wie so viele andere im Hinterland. Zwei Jeeps des Hotels stehen für die 15 Angestellten bereit. In denen fahren sie täglich 40 Minuten rauf und 40 Minuten runter ins Dorf. Liegt zu viel Schnee, schlafen alle im Hotel. Frauen mit gesunden Gesichtern wischen den Staub von den hellen, schlichten Holzmöbeln, die der Architekt Pedro Brígida entworfen hat. Er hat die Wände der Zimmer mit heller Birke vertäfelt und dick geknotete Wollteppiche verteilt. Die Frauen aus Manteigas servieren morgens Kürbis- oder Apfel-Quitten-Marmelade, tragen Tabletts mit schneegekühltem Joghurt aus der Küche. Wenn man sie anspricht, lächeln sie schüchtern. Vielleicht wundern sie sich, dass all das, was ihr Leben ausmacht, neuerdings Luxus ist: selbstgemachte Marmelade aus dem Garten, Honig aus den Bergen, Decken aus den nahen Fabriken.

Dort klappern seit dem frühen 19. Jahrhundert die Webstühle. Zehn Stofffabriken gab es mal, die das ganze Land versorgten. Seit Jahrhunderten tragen die Dörfler Umhänge aus gewalktem Wollstoff, der hier Burel heißt. Heute gibt es noch drei kleine Fabriken, seit vier Jahren gehören zwei davon Isabel und João. Isabel vermarktet die Tücher und Stoffe bei Messen und Modeschauen, die 17 Frauen und Männer in Manteigas fertigen. Japanische und britische Designer ordern Tweed und Doubleface aus Schurwolle, junge internationale Designer kommen ins Dorf, um dem wertvollen Rohmaterial neue Formen und Farben zu geben. Microsoft Portugal ließ die Wände seines Lissabonner Büros mit bunten Filzplatten isolieren. Der Erfolg des Unternehmerpaares freut die Dörfler. Anfangs waren sie misstrauisch, jetzt haben sie dafür keine Zeit mehr. Das Hotel ist für Wochen ausgebucht und den Webern fehlt die Wolle. Weil es nur noch wenige Schäfer gibt, müssen Isabel und João nun Schurwolle im Süden Portugals und in Neuseeland kaufen. Vielleicht findet sich bald jemand, der wie Zé den Sommer zwischen Gletschertälern und Granitgipfeln und den Winter mit einer Wolldecke über den Knien verbringen will.

http://www.zeit.de/reisen/2014-02/serra-da-estrela-portugal-berghotel

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