Ceuta: Hafen zwischen erster und dritter Welt

Die spanische Stadt Ceuta ist ein koloniales Relikt an Marokkos nördlichstem Zipfel. Christen und Muslime leben hier. Weg wollen nur die Flüchtlinge aus dem Süden.

Foto: Stadt Ceuta

Zeit online, 27.1.2014 · Überall ist Licht, selbst im Januar. Gleißend, wie frisch gebadet, liegt Ceuta da. Wolken legen abwechselnd Kirchtürme und Minarette in Schatten, ziehen weiter. Die Passanten nehmen an diesem Morgen das Schauspiel kaum wahr. Sie sind mit Sonnenbrille und Schirm aus dem Haus gegangen. Für sie sind wechselhafte Licht- und Wetterstimmungen normal. Die Stadt ist umgeben von Meer: Hier die unruhige Meerenge von Gibraltar, in der Atlantik und Mittelmeer ineinander fließen. Dort das weite, beschauliche Mittelmeer der westlichen Küste Nordafrikas. Dazwischen liegt, auf einer Halbinsel am nördlichsten Zipfel Marokkos, ein dicht bebautes, lebendiges Stück Europa in Afrika.

θeúta, mit stimmlosem Th am Anfang, nennen die Kontinentalspanier ihre Exklave. Die 80.000 Einwohner nennen ihr Städtchen Seúta. Das gelispelte S ging wohl in der Meerenge unter. Seit dem 17. Jahrhundert gehören die Ceutís zu Spanien. “Ja natürlich, Spanien!” rufen sie, wenn man sie nach ihrer Zugehörigkeit fragt.

Eigentlich dürfte es die Stadt gar nicht mehr geben. Marokko fordert sie seit den siebziger Jahren zurück, ebenso wie die 400 Kilometer südöstlich gelegene Schwesterstadt Melilla. Marokko ist erst seit 1956 ein Staat, Ceuta und Melilla haben nie dazu gehört. Zuvor war beide Städte Teil von Spanisch-Marokko. Sie sind Reste der Kolonialzeit. Sie liegen strategisch günstig. Die Nato will sie nicht aufgeben und schon gar nicht einem islamischen Land überlassen. Europa soll die Kontrolle über die Meerenge von Gibraltar behalten. Aber ist das hier noch Europa, dieses Gewusel, dieses Gewirr, diese Gesichter, Hautfarben, Kulturen und Religionen?

Dolores und Cristina sind glühende Lokalpatrioninnen. Die eine stammt aus Andalusien, die andere aus Kastilien. Beide sprechen das schluderige, fließende Spanisch der Stadt. “Hier lebt es sich super”, sagt Dolores, “im Sommer fahren wir an den Strand nach Marokko, im Winter gehen wir shoppen oder treiben Sport.” Sie wohnen seit Jahrzehnten hier. Die Bibliothekarin Dolores hat einen Einheimischen geheiratet. Cristina, eine Verwaltungsangestellte, zog mit ihrem Mann nach Ceuta, der als Polizist hier stationiert ist. Sie arbeiten wie viele der Bewohner von acht bis drei.

Christinnen und Musliminnen im Shoppen vereint

Diesen Nachmittag verbringen sie mit Shoppen. Dazu fahren sie zur Grenze nach Marokko, biegen aber vorher rechts ab, in einen Gewerbepark. Große Hallen stehen hier am Stadtrand, dicht an dicht.

Sie sind bis zur Decke mit Waren gefüllt. In den Straßen dazwischen türmen sich leere Kartons. Es wird Darija gesprochen, die Sprache des Maghreb, und Spanisch. Die Freundinnen steuern einen arabischen Stoffhändler an. “Spottbillig”, sagt Cristina. Sie brauchen Stoffe für den Karneval. Fast 50 Freunde müssen einheitlich gekleidet werden, dieses Jahr will die Clique als Gospelchor an den Straßenumzügen teilnehmen. Es wird gehandelt und geredet. Zwischen den Rollen mit Kunstfaserstoffen für einen Euro der Meter ragen bestickte Spitzenstoffe, schwere Samt- und knallbunte Seidenstoffe hervor, die mit Glitzerfäden durchwebt sind. Hier kaufen Musliminnen Stoffe für die Alltags- oder Festtagsdjellaba. Musliminnen, die ebenso wie die Dolores und Cristina in Ceuta zu Hause sind.

“Wir sind Spanierinnen”, sagt Wisam während ihrer Kaffeepause. Sie arbeitet mit Dolores in der Bibliothek. “Wir sind Spanierinnen mit islamischem Glauben. Eigentlich sollte das niemanden verwundern”, sagt sie leicht genervt. Wisams Familie stammt aus dem Rifgebirge östlich von Ceuta. Ihre Vorfahren wurden von Spanien für den Rifkrieg Anfang des 20. Jahrhunderts rekrutiert. Die Angehörigen dieser so genannten Regulären Indigenen Kräfte waren wegen ihrer Geländekenntnis und der Widerstandskraft besonders geschätzt. Noch heute gibt es Kasernen der Elitetruppe in der Stadt.

Wisam trägt Kopftuch, Jeans und Pulli. Die 30-Jährige hat in Málaga Jura studiert, ist verheiratet und hat ein Kind. Die meisten ihrer Glaubensgenossinnen leben traditioneller als sie, werden jung Mutter, haben keine Ausbildung. Für Wisam ist Ceuta der beste aller Lebensorte. In Spanien, jenseits der Meerenge, möchte sie nicht leben, dort fühle sie sich diskriminiert, sagt sie.

Fast die Hälfte der Ceutís sind Muslime. Sie sind zweisprachig, pflegen ihren Glauben, haben Apps im Handy, die sie an die Gebetszeiten erinnern und daran, wo Mekka liegt. Die Männer sitzen in den Teestuben stundenlang zusammen, reden, schauen. Ceutas Unterschicht ist mehrheitlich muslimisch. Fast 40 Prozent aller Städter sind arbeitslos.

Im denkmalgeschützten Zentrum zeugen  ein Tempel der hinduistischen und eine Synagoge der jüdischen Minderheit sowie die vielen Kirchen und Moscheen von Ceutas bunter Identität. Eine dreistöckige Markthalle, indische Bazare und arabische Teestuben erzählen von Ceutas Dasein als Handelsstadt. Hier kaufen Ceutís und vor allem ihre marokkanischen Nachbarn: Angehörige der wachsenden Mittelschicht kommen über die Grenze zum Einkaufen, aus Tetuan, Tanger oder von noch weiter. Sie lieben Zara, Mango, Decathlon. Ceutas Lidl ist die umsatzstärkste Filiale Europas. In vollbeladenen Autos warten konsumfreudige Marokkaner stundenlang an der kleinen Grenze, um europäische Waren nach Hause zu bringen.

Die marokkanische Putzfrau und Köchin

Auf der anderen Seite warten Frauen aus der marokkanischen Nachbarstadt Fnideq, die in Ceuta als Haushaltshilfen arbeiten. Sie pendeln jeden Tag acht Kilometer im Sammeltaxi. Die kinderlose Beamtin Yolanda beschäftigt Khadus einmal die Woche als Putzfrau, “obwohl ich sie eigentlich gar nicht bräuchte”, wie sie sagt. Doch sie weiß, dass Khadus eine Familie mit sieben Mitgliedern allein ernährt. Yolanda wurde in Madrid geboren, zog nach dem Touristikstudium nach Ceuta, wo sie als Soldatentochter einen Teil ihrer Kindheit verbracht hatte. Sie wohnt in einer kleinen Wohnanlage auf dem Monte Hacho, einer bewaldeten Anhöhe auf der äußersten Landspitze von Ceuta. Ins Zentrum braucht die 35-Jährige zu Fuß 20 Minuten. “Das ist für mich Lebensqualität”, sagt sie.

Wenn Khadus nach der Warterei an der Grenze und der Busfahrt durch das Zentrum donnerstags in die Wohnung Yolandsas kommt, macht sie sich erst einmal Frühstück. Die 48-jährige Analphabetin nimmt die rote Kapsel mit entkoffeiniertem Kaffee und legt sie in Yolandas Nespresso-Maschine. Dann holt sie ihr marokkanisches Brot aus der Tasche, frühstückt und blickt aus dem Fenster. Vor ihr liegen die Meerenge und Andalusien. Später macht sie sauber, flickt, repariert, räumt auf. “Khadus kann einfach alles”, schwärmt Yolanda. Sie freut sich auf die Donnerstage, weil ihre Putzfrau dann mittags kocht, Huhn oder Auberginen nach marokkanischer Art. In Yolandas Kühlschrank kleben kleine rote Kreise auf manchen Packungen und Gläsern – Speisen, die nicht halal sind, also nicht nach islamischer Vorschrift zubereitet wurden. Sie sind für Khadus tabu. “Mittlerweile kaufe ich fast nur noch halal”, sagt Yolanda, “mir ist das egal und für Khadus ist es so einfacher.”

Nirgendwo hat man einen besseren Blick über das Land, das Meer und die Stadt. Der Berg Hacho ist Militär- und Naturschutzgebiet, beherbergt Ceutas christlichen und jüdischen Friedhof und das Krematorium der Hinduisten. Es gibt ein paar Restaurants, eine Kläranlage, eine Einsiedelei, eine Festung und eine Kaserne. Die Ceutís joggen hier gerne, auf einer Seite sehen sie das Mittelmeer, auf der anderen den Atlantik, hier die Costa del Sol, dort das Rifgebirge. Ihnen stockt hier nicht mehr der Atem. Sie legen eher einen Gang zu und freuen sich, dass der Rückweg ins Zentrum bergab führt.

Nur die Flüchtlinge wollen weg

Dort steht die Kirche der Jungfrau von Afrika. Sie ist die älteste der Stadt. Heinrich der Seefahrer hat sie 1421 gegründet, nach der Eroberung des damaligen Berberstädtchens für die portugiesische Krone. Ceutas Katholiken verehren ihre Schutzpatronin, treten ein, beten, spenden, sitzen vor dem goldüberfrachteten Altarbild. In den Seitengängen arbeiten an diesem Morgen Tedjoue und Ayukemjang. Sie putzen jeden Morgen den Marmorboden. Die Gemeindeassistentin María José hat sie eingewiesen. Hinten, in der Sakristei, holen die beiden jungen Männer Schaufel, Besen, Mop und Eimer. Tedjoue und Ayukemjang sagen, sie kämen aus Kamerun, einer spricht Englisch, der andere Französisch. Sie leben eine Stunde Fußweg von der Kirche entfernt, im CETI, dem Durchgangslager für Flüchtlinge in Ceuta. Es liegt am hinteren Stadtrand. Dort wird das Gelände hügeliger. Im Wald ist die acht Kilometer lange, stachelige Grenze zwischen erster und dritter Welt versteckt.

Die beiden haben sie überwunden. Wie, das möchten sie nicht verraten. Nun leben sie in der Stadt und warten seit Wochen auf eine Entscheidung der spanischen Behörden: Ausweisung oder Annahme des Asylantrages. Ceuta ist für sie nicht Europa. Sie mögen die Stadt nicht, auch nicht das Lager. Nach ihrer langen Reise durch Afrika wollen sie endlich übersetzen und sich jenseits der Meerenge ihren Traum vom besseren Leben erfüllen. Bis dahin verdienen sie in der Kirche ein bisschen Geld zum Telefonieren. María José empfängt auch Pakete für die Flüchtlinge in der Stadt, Pakete aus der Heimat: Lebensmittel für die Männer, Perücken, Hautcremes und Haarpflegeprodukte für die Frauen. “Der Polizei gegenüber verschweigen sie ihre Herkunft, damit man sie nicht sofort wieder zurückschickt”, sagt María José, “aber uns ist das egal, wir achten nicht auf die Absender.”

Sonntags kommen Tedjoue und Ayukemjang nicht zum Putzen. Dann kommen sie zur Messe, mit vielen anderen Männern und Frauen aus dem Lager. Die kleine Kirche füllt sich dann mit singenden und laut betenden Menschen. Sonntags hält der Priester die Messe in drei Sprachen, nicht wegen der Touristen, sondern wegen der Flüchtlinge. Am Ende treten sie auf den Vorplatz, blinzeln in Ceutas gleißender Sonne, schwatzen und lachen. Dann treten sie leichtfüßig den Rückweg ins Lager an.

http://www.zeit.de/reisen/2014-01/marokko-afrika-europa-ceuta-reise/seite-2

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