Weniger Üppigkeit, mehr Intensität!

NZZ, 14.12.2013 · Der spanische Pritzkerpreisträger Rafael Moneo gilt als einer der Grossen der Architekturszene. Doch statt Allüren zu zeigen, pflegt er Bescheidenheit. Im Interview mit Brigitte Kramer spricht der 76-jährige Baukünstler über seine Karriere, über Spaniens Architekturkrise und über seinen Misserfolg in Zürich.

Herr Moneo, die «New York Times» hat Sie kürzlich den Mike Leigh der Architektur genannt, während Renzo Piano, Richard Meier oder aber Frank Gehry die Spielbergs seien. Leuchtet Ihnen dieser Vergleich ein?

Nicht wirklich. Es geht doch darum, was man ausdrücken will oder muss. Ich denke, dass ich mit meinem Werk das Richtige zum Ausdruck gebracht habe, dass es mir erlaubte, etwas über unsere heutige Gesellschaft auszusagen. Die Karriere eines Architekten ist ja nichts anderes als eine Reihe solcher Gelegenheiten. Vor anderen Gefühlen, wie dem der Allmacht, muss man sich hüten.

Sie sind seit mehr als 50 Jahren als Architekt erfolgreich. Wie sehen Sie rückblickend Ihre Karriere?

Ich habe immer versucht, meine Gebäude in Zeit und Ort zu verankern. Nur wenn man diese beiden Ansprüche erfüllt, hat man ein Recht zum Weitermachen. Dieses ehrgeizige Anliegen war immer mein Ziel, und ich glaube, ich habe es erreicht. Anders gesagt: Wenn ein Werk nur seiner Zeit entspricht, aber nicht mit seinem Umfeld verbunden ist, dann drückt es nur kulturelle Strömungen des Moments aus, Trends, die nichts mit Architektur zu tun haben. Es fehlt dann die Konsistenz.

Können Sie ein positives Beispiel nennen?

Das Rathaus von Logroño zum Beispiel. Den Auftrag dazu erhielt ich 1973, fertig wurde es 1981. Die Bauzeit fiel mit dem Ende der Diktatur und dem Übergang zur Demokratie zusammen. Es erfüllt in der Stadt mehrere Funktionen: Der Bevölkerung dient es als Treffpunkt. Es öffnet sich wie ein nicht gleichschenkliges Dreieck auf einer Seite zu einem unsymmetrischen Platz mit überdachten, schattenspendenden Arkaden. Und Verwaltung und Politik haben einen funktionalen und repräsentativen Arbeitsplatz. Das Gebäude hat auch die obligatorische «Treppe der Macht», die ja in die DNA aller spanischen Rathäuser eingeschrieben ist.

Sie haben hauptsächlich in Spanien und in den USA gebaut. Warum?

Nach den ersten Bauten in den 1960er und 1970er Jahren kam 1980 der Auftrag für das Museo Nacional de Arte Romano in Mérida. Das war ein Wendepunkt in meiner Karriere, denn ich erweckte damit erstmals internationales Aufsehen. Ich zeigte die Zeichnungen amerikanischen Kollegen, und es kann gut sein, dass meine Berufung 1985 zum Dekan in Harvard mit diesen Zeichnungen zu tun hatte. Ich verbrachte fünf Jahre in den USA. Seither bin ich auch dort tätig. 1991 musste ich nach Madrid zurückkehren, weil sich in meinem Studio die Arbeit häufte. Die 1990er Jahre waren sehr intensiv und wichtig für mich. In Spanien herrschte grosser Nachholbedarf, überall wurde gebaut.

Im Jahre 1996 beauftragte Sie der Kardinal von Los Angeles mit dem Bau der grössten Kathedrale der USA. Wie kam es dazu?

Der Kardinal forderte zunächst Frank Gehry, Tom Mayne, Santiago Calatrava, Robert Venturi und mich auf, im Gedenken an einen spanischen Missionar eine kleine Kapelle mit Garten zu entwerfen. Dann lud er uns ein, ihm und seinem Beratergremium die Entwürfe zu erklären. Für manche hat der Missionar transzendentale Züge, für andere rein historische Bedeutung. Eine ähnliche Vielfalt der Gesichtspunkte findet sich auch in der amerikanischen Gesellschaft. Das wollte ich reflektieren. Das schien alle zu überzeugen. Im Anschluss kam es zum Auftrag für die Kathedrale.

Worin bestand die Herausforderung?

Sie bestand darin, das Monumentale mit dem Spirituellen zu verbinden. Die Kathedrale bietet Platz für 3000 Menschen und steht auf einem enorm grossen Grundstück direkt an einem Highway. Sie soll für die Ewigkeit halten und erdbebensicher sein. Und sie ist ein Ort der Stille und des Gebets. Ich entwarf sie zunächst – der Tradition entsprechend – mit Ausrichtung nach Osten und kreuzförmigem Grundriss. Ich habe versucht, sie in einen historischen Kontext zu stellen; sie soll an die alten Missionsstationen spanischer Mönche erinnern, der Gründungsväter von Los Angeles oder San Francisco. Dann wollte ich der Vielfalt der lokalen Gemeinschaften gerecht werden, die die Kirche nutzen. Deshalb entwarf ich Kapellen, die seitlich an die Aussenwand gebaut und von aussen zugänglich sind. Im Inneren sieht man sie nicht. Der Innenraum ist lichtdurchflutet. So sollte die Kirche einen transzendentalen oder – wenn Sie wollen – heiligen Charakter bekommen.

Ein Rathaus für eine junge Demokratie, ein Museum für römische Kunst, eine monumentale Kathedrale. Wie gehen Sie an Ihre Aufträge heran?

Ich versuche immer, meine Gebäude in die urbane Landschaft einzubetten, sie in der Stadt zu verwurzeln, etwas dazu beizutragen, dass die Stadt sich weiterentwickeln kann. Meine Erweiterung des Atocha-Bahnhofs in Madrid zeigt das beispielhaft. Er ist ein betont horizontales Bauwerk, bei dem der ursprüngliche Bahnhof erhalten und als Besucherfoyer neu genutzt wird. Der Bahnhof wurde kürzlich erfolgreich erweitert, denn mein Projekt machte es möglich, dass die Anlage wachsen kann, dass sie auch in 50 Jahren noch nützlich ist. Ein Gebäude bekommt nur dann Konsistenz, wenn es auf etwas Grösseres verweist, auf die Stadt. Oder mein Neubau des Moderna Museet, des Museums für Moderne Kunst und Architektur in Stockholm. Es entstand gleichzeitig mit Gehrys Guggenheim-Museum in Bilbao. Mein erster Gedanke bei der Ortsbegehung war, dass ich den Charakter der Insel, auf der es zu stehen käme, nicht verändern sollte. Ich wollte da kein markantes Gebäude wie die Oper von Sydney sehen, das unsere ganze Anerkennung fordert. Dank seiner Aufteilung in Pavillons und Säle neutralisiert und begleitet das Museum die gesamte architektonische Materie der Insel. Heute öffnet es den Menschen den Blick auf Stockholm, zeigt ihnen, wie schön die Stadt ist. Bei der Universitätsbibliothek in Bilbao entwarf ich deren urbanes Erscheinungsbild, nachdem die Ausmasse feststanden. Ich dynamisierte das Gebäude durch eine herausgeschnittene Ecke, die den Blick von den Lesesälen auf das Guggenheim-Museum freigibt. Die Studenten sehen es, wenn sie von den Büchern aufblicken. Das war meine Antwort auf die 2009 existierende Stadtlandschaft.

Was ist Gehrys Guggenheim-Museum für Sie?

Es gibt Momente, da muss Architektur ikonografische Prägnanz liefern. In Bilbao ist das gelungen. Das Museum ist der neue Nabel der Stadt. Das gesamte Koordinatennetz läuft dort zusammen. Das Museum übt eine Zentripetalkraft auf die Stadt aus, zieht sie in sich hinein. Ganz Bilbao scheint den Blick auf das Guggenheim zu richten.

Auch Sie haben prägnante Ikonen gebaut, wie den Kongresspalast «Kursaal» von San Sebastián, der Nachbarstadt von Bilbao. Das Gebäude am Strand hat Ihnen den Mies-van-der-Rohe-Preis gebracht.

Ich respektiere das Bedürfnis einer Stadt nach einem Wahrzeichen, der Kursaal ist das beste Beispiel. Er ist wie ein Stein, eine Glasscherbe im Sand. Ich kenne allerdings keine Stadt, die nicht an sich schon einen eigenen architektonischen Wert hätte. Alle Städte sind anders, auch wenn sie einen ähnlichen Ursprung haben, eine mittelalterliche Stadtmauer besitzen, an einem Fluss liegen. Ich fühle mich wohl in Städten mit einem Erbe.

Auch Zürich wollte ein neues Wahrzeichen. Der Stadtrat hat Sie mit dem Bau eines Kongresspalastes beauftragt. Das Vorhaben ist 2008 gescheitert. Wie haben Sie den negativen Volksentscheid erlebt?

Ich habe ihn zutiefst bedauert, wirklich, es war sehr schade. Das Projekt war äusserst attraktiv und interessant, die Lage am See war so einmalig wie die des Kursaals in San Sebastián. Das Vorhaben war wirklich ausserordentlich, es hätte der Stadt zusätzliche Attraktion verliehen und ihr Vorteile gebracht. Letztlich ist es an der Auseinandersetzung um den Erhalt des Kongresshauses gescheitert, eines Gebäudes aus dem Jahre 1939. Eine Gruppe von Architekten forderte dessen Erhalt, das war aber nicht möglich, weil das Maximum aus dem Grundstück herausgeholt werden sollte; wir mussten auch ein Hotel planen. Als es beim Referendum dann abgelehnt wurde, war ich sehr enttäuscht, auch weil die Schweiz eines der wenigen Länder ist, wo Bauqualität noch geschätzt wird.

Wie haben Sie die Stadt in Erinnerung?

Zürich wird vom See und vom Fluss strukturiert. Die Stadt gefällt mir, ich sehe den Bahnhof vor mir, die Bahnhofstrasse, spüre den Puls der Stadt. Das interessiert mich immer als Erstes: Was macht eine Stadt einzigartig? Das spürt man nicht in den vornehmen Wohnvierteln, sondern im Zentrum. In Zürich habe ich ein grosses Bedürfnis nach öffentlichem Raum gespürt. Dem wollte ich nachkommen. Zürich ist eine wunderbare Stadt, und ich bedauere zutiefst, dass mein Vorhaben gescheitert ist.

Finden Sie es gut, dass Bürger über Bauvorhaben entscheiden, die sie nur vom Entwurf her kennen?

Da sehe ich ein grosses Risiko. Ich finde, diese Entscheidungen sollten von Experten getroffen werden. Das Publikum neigt oft dazu, vor allem Schwächen und Mängel zu sehen, und es weiss oft eher, was es nicht will, als was es will. Etwas abzulehnen ist einfacher, als etwas anzunehmen.

Sie sagten vorher, die Schweiz sei eines der wenigen Länder, in denen beim Bauen auf Qualität geachtet wird. Wie beurteilen Sie Spanien in diesem Zusammenhang?

Spanien hat, wie Sie wissen, ein goldenes Zeitalter hinter sich, oder sagen wir lieber ein vergoldetes Zeitalter. Die spanische Architektur hat jahrelang geglänzt, das muss man sagen, auch wenn es eitel klingt. Wir haben den Bedarf nach Infrastruktur gestillt, nach Schulen, Krankenhäusern, Museen. Spanien wollte eine Lücke schliessen. Dabei ist es zu Exzessen gekommen, und zwar immer dann, wenn Politiker oder Bauträger zu eng mit den Architekten zusammenarbeiteten. Viele haben ihr kritisches Bewusstsein verloren, haben den instrumentellen Auftrag der Architektur vergessen. Dieser verbietet Üppigkeit, die ja oft ans Irrationale grenzt. Das ist passiert. Die Politiker haben den Architekten zu sehr freie Hand gelassen und sie so in den Irrtum getrieben. Ein Architekt fühlt sich dann am wohlsten, wenn er dem Kunden dienen kann, wenn ihn dessen Bedürfnisse inspirieren und sie seiner Arbeit Sinn verleihen.

Was wird in Spanien passieren?

Die Zeit der Üppigkeit muss einer anderen Zeit weichen, einer Zeit der intellektuellen Intensität. Auch wenn nichts gebaut wird oder wenn das Bauen angesichts der eklatanten Arbeitslosigkeit zweitrangig erscheinen mag, dürfen wir die Bedeutung von Intensität und Tiefe in der Architektur nicht vergessen. Nur damit können wir den Hang zum Grandiosen, zur Übertreibung ausgleichen.

Sehen Sie Zeichen für Intensität und Tiefe?

Man sieht erste Versuche. Alles, was als definitiven Bezugspunkt den Nutzer hat, ist gut. Dies ist nicht leicht zu erreichen, wenn Kunden und Architekten zu eng miteinander verbandelt und die Verantwortlichkeiten nicht mehr erkennbar sind. Es muss klar sein, dass die Verantwortung beim Architekten liegt. Er muss seinen Gebäuden soziale Tragweite und funktionalen Charakter verleihen.

Biographischer Hintergrund

Rafael Moneo, geboren 1937 in Tudela in der Provinz Navarra, ist der bedeutendste lebende Architekt Spaniens und einer der höchstdekorierten Architekten unserer Zeit. 1996 erhielt er den Pritzkerpreis, 2001 den Mies-van-der-Rohe-Preis und 2012 den Prinz-von-Asturien-Preis. Als Student arbeitete Moneo beim Madrider Architekten Francisco Javier Sáenz de Oiza. 1961 beendete er sein Studium an der Madrider Hochschule für Architektur, war ein Jahr bei Jørn Utzon tätig und verbrachte später zwei Jahre in Rom. Schon mit 25 Jahren erhielt er seinen ersten Bauauftrag. Moneo betreibt seit 40 Jahren in Madrid sein eigenes Studio. Von 1985 bis 1990 war er Dekan für Architektur an der Harvard University. Zu seinen bekanntesten Werken gehören das Nationalmuseum für Römische Kunst in Mérida (1985), der Kongresspalast «Kursaal» von San Sebastián (1999), die Kathedrale von Los Angeles (2002) oder die Erweiterung des Prado-Museums in Madrid (2007).

http://www.nzz.ch/aktuell/feuilleton/literatur-und-kunst/weniger-ueppigkeit-mehr-intensitaet-1.18203271

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