Sterne gucken mit Jaime: Jetzt buchen?

Mitten in Spaniens Wirschaftskrise bringt der Sternekoch Ferran Adrià mit einer Website Mikrounternehmer und Individualtouristen zusammen.

Zeit online, 6.12.2013 ·  Ein paar Nachrichten auf dem Handy und die zwei Codewörter “grüner Anorak” und “blaues Familienauto” reichen, um an einem Nachmittag im Dezember Mallorcas dunkle Seite kennenzulernen. Der Weg verläuft 30 Kilometer entlang der Steilküste und dann hinunter zu einer der Buchten, wo früher Schmuggler ihre Ware löschten. Ich (grüner Anorak) fahre mit Jaime (blaues Familienauto) in der Dämmerung durch die Berglandschaft. Wir kennen uns nicht. In Palma herrscht Berufsverkehr, hier ist kein Auto weit und breit. Das Webportal Trip4Real hat uns zusammengebracht mit dem Versprechen, ein “echtes Erlebnis” zu bieten. In unserem Fall sind das Fotos bei Nacht an der Westküste, einem der wenigen Orte auf Mallorca, an dem die Sterne noch ungetrübt leuchten.

Jaime ist Hobbyfotograf. Er ist einer von jenen Mallorquinern, die auf dem neuen Portal ihr Hobby und ihre Insel teilen: Vier Stunden mit Jaime kosten 45 Euro. Der Preis beinhaltet nicht nur die Fahrt in seinem vorgeheizten Auto, Erklärungen beim Fotografieren, Salzmandeln und eine Dose Bier. Bei Trip4Real kauft man auch die Gewissheit, dass es klappt: Keine verschlossenen Museumstüren, kein mühsames Fragen nach dem Weg, keine Standard-Antworten im Tourismusbüro, keine Tourifallen. Stattdessen Radtouren zu den schönsten Ecken der Stadt, Schnorcheln an den einsamsten Stränden der Insel, Oldtimerfahrten durch Weinberge, Segeltörns. Der Unterschied zu herkömmlichen Reiseführern oder Agenturen liegt weniger im Angebot als vielmehr bei den Menschen dahinter.

Seit Anfang des Jahres kann man diese Freunde auf Zeit in 51 Städten und Regionen Spaniens buchen. Ein Klick, eine Überweisung, ein paar WhatsApp-Nachrichten und los gehts. “Wie oft waren wir schon in einer fremden Stadt und wussten nicht, was wir tun sollten?”, fragt Ferran Adrià in einem Werbevideo für Trip4Real. Er ist eine Art Pate für das Start-up. Der Sternekoch wendet sich im Video nicht an potenzielle Besucher, macht keine Werbung für Spaniens Strände und Restaurants. Er spricht seine Landsleute an: “Trip4Real sucht 1.000 Mikrounternehmer, hast du eine gute Idee?”

Sechs Millionen Arbeitslose, 170.000 Zwangsgeräumte, mehr als vier Millionen Haushalte unter der Armutsgrenze. “Die Zeiten sind schwer”, räumt der wohlhabende Unternehmer im schwarzen T-Shirt ein, “aber wenn du glücklich bist mit dem, was du machst und dieses Gefühl mit anderen teilst, dann wirst du erfolgreich.” Der Duktus des 51-jährigen Kochs ist dynamisch, positiv und glatt. Er ist Pate und Investor des Reiseportals, weil er, “Start-ups unterstützen und die Gesellschaft dabei involvieren” will.

Adrià ist Vorbild. Er hat wie wenige das Image seines Landes poliert. Weil er als Jugendlicher in einem Lokal seine Zeche nicht bezahlen konnte, wusch er dort am folgenden Tag die Teller und schnupperte Küchenluft. Heute ist er mehr als ein Sternekoch, er gilt als Innovator. Sein Fall wird an Business-Schulen erklärt. “Ich mache Geschäfte, um frei zu sein. Für einen kreativen Menschen ist Freiheit der größte Traum”, sagt er.

Aus einer ehemalige Strandbude an der Costa Brava hat er mit seinem Team das weltberühmte Restaurant El Bulli gemacht. Flüssigoliven, Teekügelchen, Stress, Weltruhm. Drei Michelinsterne. Vor zwei Jahren schloss das Haus. Heute hält der Koch Vorträge in Harvard und forscht in seinem Küchenlabor. 2014 will Adrià eine Privatstiftung eröffnen, in der er anderen das Kochen beibringt und das Ergebnis Gästen vorsetzt, “ohne Reservierungen, ohne Pomp und Gloria”. Adrià hat sein Restaurant geschlossen, weil “das System unseren Erfolg nicht mehr trug”, wie er damals sagte. Die Situation sei unkontrollierbar geworden: Reservierungen Monate im Voraus, Erwartungsdruck der Gäste, Konkurrenzdruck in der Szene, Dauerbelastung des Teams, erdrückende Routine. Da wollte Adrià Platz für andere machen.

Zum Beispiel für Menschen wie Gloria Molins; sie ist die Gründerin des Portals. “Ich will Reisenden kollaborativen Konsum bieten, Erlebnisse, bei denen sie tief in den Ort eintauchen, ganz nah dran sind”, sagt sie. Im Februar ging die Katalanin damit online: Den Erfolg sollen Anbieter und Kunden garantieren, die Vorlieben und Lebensstil teilen. Auf der Seite weht der Hauch des Privaten. Sie wirkt wie eine Mischung aus Onlinereisebüro, DaWanda und Facebook. Fremde Menschen bieten Selbstgemachtes, hinterlassen Kommentare und duzen sich. Das ist Do-it-yourself-Tourismus, gehäkelte Trips durch Stadt und Land. Mit Martiño durchs galizische Hinterland wandern und danach vegetarisch essen, Vintage-Shopping mit Cristina in Oviedo und Gijón, mit Alfonso auf dem Motorrad durch Kastilien fahren, mit Alberto die Korbflechter von La Mancha besuchen. Und immer und überall kann man Tapas-Routen, Kochevents und Weinverkostungen buchen.

Yves lädt Leute zum Kochen zu sich nach Hause ein. Er wohnt in einem Neubau mit großer Dachterrasse in Barcelona. Der 37-jährige Schweizer kam als Kind mit seiner Mutter aus Zürich, erzählt er. “Weil die immer nur Schweizer Gerichte kochte, fing ich mit neun Jahren an, Tortillas zu braten.” Bis vor ein paar Jahren hatte er eine Consultingfirma für Onlinemarketing. Dann kam sein Sohn zur Welt, “und mir wurde klar, dass ich die ganze Zeit über das Falsche getan hatte”, sagt er. Jetzt betreibt er ein eigenes Portal mit Workshops oder als Koch für Privatfeiern. Für ihn ist Kochen sowohl Meditation – “wenn du nicht im Hier und Jetzt bist, brennt dir alles an” – als auch Event. Wer ihn bucht, bekommt eine eigene Schürze, ein Messer und ein Brettchen und kann damit lernen, wie die Katalanen Hummersuppe machen oder erfahren, was eine frische von einer Tiefkühlpaella unterscheidet.

 

 

Auch Andreu und Stefania versprechen Authentisches: Die beiden arbeiten in einem Reisebüro, privat betreiben sie ein Blog mit Ausgehtipps und bieten nun bei Trip4Real zwei unterschiedliche Wermut-Routen durch Barcelona an. Eine beginnt in der Lieblingsbar des Paares im Gracia-Viertel, eine andere führt durch Poblesec und Sant Antoni. Zwischen den Runden gibt es Tapas und Geschichten über den hochprozentigen Kräuterwein, den 1880 ein Italiener in Barcelona einführte. Bald wurde er zum Aperitif der Arbeiter, heute gibt es eigene katalanische Marken. “Seit Ausbruch der Krise ist Wermut wieder in Mode”, sagt Andreu, “er ist billig und hat Tradition.”

Yves, Andreu und Jaime sind entspannte, umgängliche Menschen. Ihnen hat die Krise offensichtlich keinen Hieb in die Magengrube versetzt. Sie verdienen ihr Geld anderweitig. Jaime betreibt in Palma eine kleine Druckerei. An diesem Dezembernachmittag hat er sich für die Tour freigenommen. “Die Fotografie ist für mich ein Vorwand, um raus zu kommen”, sagt er grinsend. “Bei klarem Himmel und Neumond verschwinde ich in der Dämmerung.”

Als wir auf dem Parkplatz der Bucht ankommen, sind schon warm geworden: Wir sind gleich alt, haben Kinder in ähnlichem Alter. Vor vier Minuten ist die Sonne im Meer versunken, wie eine App auf Jaimes Handy weiß. Er packt Kameratasche und Stativ und setzt eine Stirnlampe auf. Mir drückt er eine 70 Euro teure Taschenlampe in die Hand, “zum Felsenanmalen”. Auf dem kurzen Weg in die Bucht hören wir die letzten Drosseln in den wilden Oliven zwitschern. Bald ist es stockdunkel. Das Meer rauscht und gurgelt. Die ersten Sterne tauchen auf – unser Moment.

Wir platzieren das Stativ am steinigen Ufer. Jaime stellt mit angeknipster Stirnlampe die Kamera ein, ISO-Stärke, Blende, Bildausschnitt. Wir machen ein paar Probefotos. Auf dem Display ist nur noch Schwarz zu sehen. Ich leuchte die Felsen auf der anderen Seite der Bucht an, um sie während der langen Belichtungungszeit ein bisschen hervorzuheben. “Ganz langsam, als ob du sie mit dem Lichtstrahl anmalen würdest.” Das erste Foto ist verschwommen. Jaime rechnet und denkt nach, stellt alles neu ein. Dann drückt er auf den Fernauslöser und stellt den Wecker im Handy auf 15 Minuten. Er knipst die Stirnlampe aus. Ich stecke die Taschenlampe weg. Über uns leuchten die Sterne. In Palma tost der Abendverkehr. “Willst du ein Bier?”, fragt er.

http://www.zeit.de/reisen/2013-12/ferran-adria-trip4real-individualreisen/seite-2

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