«Wir leben in lächerlichen Zeiten»

Javier Marías, Autor von Bestsellern mit philosophischem Glanz und literarischer Tiefe, ist Träger des diesjährigen Premio Formentor de las Letras. Brigitte Kramer traf den 62-Jährigen zum Gespräch.

NZZ, 23.9.2013· Herr Marías, im vergangenen Herbst haben Sie den staatlichen Literaturpreis für Ihren Roman «Die sterblich Verliebten» abgelehnt. Nun nehmen Sie den Formentor-Preis an. Warum?

Es gab keinen Grund, ihn nicht anzunehmen. Ich hatte nie ein Problem mit ausländischen Preisen, wie dem Nelly-Sachs-Preis oder dem Österreichischen Staatspreis für Europäische Literatur, die man mir verliehen hat. Mit spanischen Preisen habe ich erst ein Problem, wenn sie institutionell sind wie der Literaturpreis, der vom Kulturministerium verliehen wird. Aber der Formentor-Preis ist privat, hier wird kein staatliches Geld vergeben, kein Geld des Steuerzahlers. Ich habe ihn auch wegen seiner langen Geschichte angenommen und der Leute, die ihn bekommen haben, Jorge Luis Borges, Samuel Beckett, Witold Gombrowicz . . .

Fürchten Sie bei institutionellen Auszeichnungen um Ihre Unabhängigkeit?

Ich glaube nicht, dass ein Preis der Regierung meine Freiheit beschneiden würde. All den anderen Autoren, die jedes Jahr staatliche Preise erhalten, wie den Premio Cervantes zum Beispiel, schaden sie sicher nicht. Darum geht es nicht. Ich habe einfach beschlossen, nichts anzunehmen, was vom spanischen Staat, vom Cervantes-Institut, vom Kulturministerium oder von öffentlichen Medien kommt, keine Einladungen zu Literaturtagen, nichts. In Spanien verfolgen die Leute, wer mehr oder weniger Einladungen von diesem und jenem, wer dies oder das erhält. Ich habe, glaube ich, 1994 beschlossen, dass ich mit all dem nichts zu tun haben möchte. Ich schade mir damit natürlich selber, denn wirst du vom Cervantes-Institut in ein Land geladen, hilft dir das, dein Werk dort bekannter zu machen. Aber gut. Da musste ich auch beim staatlichen Literaturpreis konsequent bleiben, man kann ja nicht plötzlich seine Meinung ändern oder eine Ehrung annehmen, nur um nicht unhöflich zu wirken. Ich habe keine Sekunde gezögert.

Die Ablehnung wurde auch als ablehnende Geste gegen die konservative Rajoy-Regierung interpretiert, die Sie in Ihren Kolumnen in der Sonntagsbeilage von «El País» immer wieder kritisieren.

Letzten Herbst habe ich gesagt, dass ich den Preis auch mit Zapatero als Präsidenten der sozialdemokratischen Vorgängerregierung ausgeschlagen hätte, dass meine Entscheidung nichts damit zu tun hat, wer gerade regiert. Aber mit der Haltung, die die jetzige Regierung der Kultur gegenüber an den Tag legt, wäre es noch unstimmiger gewesen, den Preis anzunehmen; ein vermeintlicher Kulturpreis für einen Roman von mir, verliehen von einer Regierung, die offensichtlich gegen Kultur ist.

Spaniens Kulturbetrieb ist stark geschwächt.

Es liegt auf der Hand, dass die Regierung nicht nur keinerlei Interesse an Kultur hegt, sondern sogar vorsätzlich gegen Kultur vorgeht. Manchmal hat man den Eindruck, als ob die Regierung sich an uns rächen wollte. Es ist ja kein Geheimnis, dass Kulturschaffende generell noch nie besondere Freunde der Konservativen waren. Welchen Sinn hat es, dass das Budget öffentlicher Bibliotheken dieses Jahr null Euro beträgt? Das bedeutet, dass sie dieses Jahr keine einzige Neuerscheinung kaufen können. Die sagen sich wohl: Dann sollen die Leute halt lesen, was da ist. Welchen Sinn hat es, die Mehrwertsteuer für Kino und Theater von 8 auf 21 Prozent anzuheben? Damit wird nicht mehr Geld eingenommen. Die Leute gehen einfach nicht mehr ins Kino oder ins Theater. Dort sehen sie sich dann gezwungen zu schliessen, und wer angestellt ist, verliert seine Arbeit.

Fühlen Sie sich in Spanien wohl?

Nein, ich fühle mich nicht wohl, weder in meinem Land noch in der jetzigen Zeit. Als ich neulich meine Zeitungskolumnen der vergangenen zwei Jahre als Sammelband publizierte, gab ich ihm den Titel «Lächerliche Zeiten». Das war auch der Titel einer Kolumne, die ich anlässlich der umstrittenen Elefantensafari des Königs geschrieben hatte.

Suchen Sie in Ihren Kolumnen nach einem Sinn im politischen Tagesgeschehen?

Für einen Schriftsteller ist es gewissermassen ein Segen, als Kolumnist zu arbeiten. In Spanien sind wir ja viele, die neben der Schriftstellerei regelmässig Meinungskolumnen schreiben. Das kann mühsam sein, denn mit den Jahren wird es immer schwieriger, ein Thema zu finden, zu dem man noch nicht Stellung bezogen hat. Aber es verpflichtet mich auch, aufmerksam zu bleiben gegenüber politischen und gesellschaftlichen Themen. Das literarische Schaffen bleibt zwar von diesen wesentlichen Dingen nicht unberührt, aber es ist doch etwas anderes, man isoliert sich doch sehr beim Schreiben. Der Autor spricht mit der Stimme des fiktiven Erzählers, sei es in der ersten Person wie in meinen Romanen oder in der dritten Person. Schreibt man aber im eigenen Namen, spricht man realer, aufrechter. Als Kolumnist ist man verpflichtet, die Realität zu berücksichtigen und zu verfolgen, was passiert. Man muss die Dinge bewerten, sagen, was man für verbesserbar oder dumm hält.

Schreiben Sie wieder einen Roman?

Ja, ich habe den ganzen Sommer über gearbeitet, habe mich tatsächlich isoliert. Ich kann nur so viel verraten, dass ich bereits um die 300 Seiten geschrieben habe und dass der Roman wohl mindestens 400 haben wird. Er ist also schon recht fortgeschritten. Ich weiss nicht, was herauskommen wird. Meine Meinung zu meinen Büchern ist nicht immer die des Publikums oder der Kritiker. Manchmal lege ich all mein Bemühen hinein, denke, das ist das Beste, was ich je geschrieben habe – «Schwarzer Rücken der Zeit» war so ein Fall –, und dann sagt die Kritik, es sei nicht so. «Die sterblich Verliebten» wollte ich fast nicht publizieren, ich dachte, das interessiere keinen, und dann hat es offenbar doch Gefallen gefunden. Ich empfinde meine Arbeit jedenfalls nicht als Herausforderung, will mich nicht steigern, das überlasse ich dem Zirkus und dem Sport. Ich tue einfach mein Bestes. Ich denke nie, dass das, was ich mache, herausragend ist, diese Überzeugung hatte ich nie.

In Europa werden Ihre Romane geradezu enthusiastisch aufgenommen. Misstrauen Sie diesem Echo?

Europa verdanke ich viel. Wenn ich die Wertschätzung einiger Länder wie Deutschland, Frankreich, Italien, Grossbritannien nicht gehabt hätte, wäre meine Position in Spanien eine andere. Manchmal hat man den Eindruck, dass man mich hierzulande so schätzt, und ich werde nicht behaupten, dass man das nicht tut – ich spreche nicht von den Lesern, sondern vom offiziellen literarischen Establishment –, dann nur, weil es zuvor diese grosse Begeisterung in den genannten Ländern gab. Die Anerkennung dort ist mir wichtiger als die in meiner Heimat, denn hier kommen immer verfälschende Elemente dazu, Sympathien, Antipathien, Freundschaften, sogar politische Fragen. Im Ausland weiss fast niemand etwas über diese Dinge, deshalb ist diese Anerkennung ehrlicher, echter.

Mittlerweile sind Sie nicht nur in Europa ein gefeierter Autor. Ihr Roman «Die sterblich Verliebten» ist Mitte August in den USA erschienen und wird dort begeistert aufgenommen. Was bedeutet das für Sie?

Ich habe wenig mitbekommen, denn ich war nicht zu Hause in Madrid während des Sommers, und da ich kein Internet benutze, weiss ich jeweils nicht genau, was los ist. Der Roman ist wohl in die eine oder andere Bestsellerliste gerückt und war auf dem Cover der «New York Times Book Review». Das ist nichts Gewöhnliches, weder für einen europäischen noch für einen amerikanischen Autor, wenn man bedenkt, dass die «Book Review» wöchentlich erscheint und also nur 52 Titelseiten im Jahr zu vergeben hat. Ich hatte noch keine Zeit, darüber nachzudenken. Offenbar bin ich wirklich – unglaublich – vom Glück begünstigt. Es gibt so viele Autoren mit enormem Talent, die zu Lebzeiten keine oder nur sehr wenig Aufmerksamkeit erhalten haben. Dazu kommt, dass die USA für nichtenglischsprachige Autoren besonders schwierig sind. Nur drei Prozent aller Bücher die dort erscheinen, sind Übersetzungen. Nur drei Prozent!

Mit dem Erfolg in den USA sind Sie ein internationaler Erfolgsautor. Verleiht das Ihrer Stimme in Spanien mehr Gewicht?

Ich denke nicht in diesen Kategorien. Ohnehin glaube ich nicht daran, und das habe ich oft geschrieben, dass wir Kolumnisten Einfluss ausüben. Wir trösten die Leser ein bisschen, vor allem solche, die mehr oder weniger unsere Meinung teilen. Sie können auf mehr oder weniger originelle Weise lesen, was allgemeines Gedankengut ist, ohne dass es bisher jemand so ausgesprochen hätte. Nach und nach kann man derart die öffentliche Meinung vielleicht beeinflussen, mag sein. Aber ich bin davon überzeugt, dass meine Stimme nicht den geringsten Einfluss auf die Politiker hat. Sie sind jeglicher Art von Meinungsäusserung gegenüber resistent. Sie leben abgeschirmt, diesen Eindruck habe ich zumindest. Früher war das anders. Mein Vater schrieb zum Beispiel 1978 einen kritischen Artikel über die Verfassung. Daraufhin rief ihn Adolfo Suárez, der damalige Regierungschef, an, um ihn um Rat zu fragen. So etwas wäre heute undenkbar.

Experimentell und Konventionell

Javier Marías, geboren 1951 in Madrid als Sohn des Philosophen Julián Marías (der vom Franco-Regime mit Berufsverbot belegt wurde) und Autor von u. a. «Mein Herz so weiss» oder «Die sterblich Verliebten», erhielt diesen Sommer auf Mallorca den spanischen Premio Formentor de las Letras, den die Mediengruppe Prisa und zwei Hoteliersfamilien jährlich auf Mallorca vergeben. Die Auszeichnung gilt seinem Gesamtwerk, weil Marías, so die Jury, «sowohl experimentelle als auch konventionelle Romanformeln zu kombinieren weiss und jeder neue Roman auch das Ergebnis eines Kampfes gegen die Trägheit des Handwerks ist». Marías ist einer der am meisten prämierten spanischen Autoren und gehört zur Crème der europäischen Gegenwartsliteratur. Seine bisher elf Romane wurden in 52 Ländern publiziert und erreichen Verkaufszahlen von mehreren Millionen.

http://www.nzz.ch/aktuell/feuilleton/literatur/wir-leben-in-laecherlichen-zeiten-1.18154703

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