Burgos: Ticket zum Paläolithikum

In Nordspanien soll die Altsteinzeit erlebbar werden – durch die Ansiedelung urtümlicher Grasfresser

Rückzüchtungen des ausgestorbenen Konik-Pferdes auf einer Weide bei Burgos

Der Standard, 19.8.2013 · Die Legende vom Wilden Westen wollen drei Spanier neu beleben. Nicht in den USA, sondern in Europa. Dafür haben sie rund um den dritten westlichen Breitengrad Przewalski- und Konik-Pferde eingeführt. Seit ein paar Wochen grasen zwei kleine Herden auf einer nordspanischen Hochebene, bald sollen Auerochsen und Wisents, die europäischen Bisons, dazukommen. Das Projekt nennt sich “Lebendige Altsteinzeit”. “Wir wollen jene Fauna wiederherstellen, die der Atapuerca-Mensch gejagt hat”, sagt Umweltschützer Benigno Varillas, “denn die Besucher sollen die Tiere nicht nur als Fossilien, sondern auch in freier Wildbahn sehen.”

Die prähistorische Fundstätte Atapuerca in der nordspanischen Provinz Burgos, wo seit mehr als 30 Jahren gegraben wird, ist bald um eine Attraktion reicher. Touristen werden neben den Fundstätten auch die gottverlassene Gegend rundherum kennenlernen: Wieder angesiedelte Tiere geben der Landschaft die Form, die sie etwa zu Zeiten des Homo heidelbergensis vor 500.000 Jahren hatte, als der Mensch noch Jäger und Sammler war.

Romantisch und praktisch

Tierarzt Fernando Morán weiß, dass bei entsprechender Grasfresserdichte aus derzeit brachliegenden Feldern und unbeforsteten Wäldern wieder Dehesas werden, beweidete Eichenhaine. “Das ist unsere ursprüngliche Vegetationsform hier”, sagt er. Das ist nicht nur romantisch, sondern auch praktisch: Waldbrände breiten sich dann weniger leicht aus, die Regionalverwaltung könnte bei Feuerwehr und Zivilschutz Geld sparen.

Die Tiere stammen aus Zuchtstationen in den Niederlanden, aus Frankreich, Deutschland und Südspanien. Przewalski-Pferde, die einzige noch lebende ungezähmte Pferderasse, und europäische Bisons sind vom Aussterben bedroht; Konik-Pferde und Auerochsen sind Rückzüchtungen, die ausgestorbenen Arten ähneln. Sie sollen dedomestiziert, also ausgewildert werden: Die Herden werden nicht versorgt, nur die stärksten Individuen sollen überleben und sich fortpflanzen. Das Projekt ist eingebettet in ein größeres Vorhaben, das sich “Rewilding Europe” nennt. Umweltgruppen wollen dabei Landstriche in Portugal, Spanien, Rumänien, Polen, in der Slowakei und in Kroatien mehr und mehr sich selbst überlassen.

Tatsächlich geht es in der Gegend wild und einsam zu. Sie liegt 250 Kilometer nördlich von Madrid in Kastilien und León. Handys haben keinen Empfang. Wind streift durch Eschen und Eichen, Bäche plätschern, Vögel zwitschern. Ab und zu bellt in der Ferne ein Hofhund, Frösche quaken. Zugewucherte Feldwege führen ins Dickicht, leere Straße zu ausgestorbenen Dörfern. Dass der Homo sapiens sapiens der letzte seiner Art ist, spürt man überall: Die Jungen ziehen weg, in die Provinzhauptstadt Burgos. Sie ist in den vergangenen 20 Jahren schöner geworden und zieht viele Kulturtouristen an.

Seit Paläontologen in den 1990er-Jahren die ersten spektakulären Funde freigelegt haben,  hat Atapuerca  Potenzial. Bis zu 70 internationale Wissenschafter verschiedener Disziplinen untersuchen dort jeden Sommer mit Studenten das Erdreich. 150.000 Besucher kommen jährlich, um im aufgeschlagenen Buch unserer Stammesgeschichte zu lesen: Fossilien von vier menschliche Arten – dem bislang ältesten Europäer, vorübergehend “Homo sp.” genannt, dem Homo antecessor, dem Heidelbergmensch und dem Homo sapiens – liegen hier massenweise vergraben. Versiegelt in dicken Sedimentschichten, manche in schwer zugänglichen Kalksteinhöhlen, andere im Erdreich bis zu 16 Meter tief. Auch Spuren des Neandertalers werden vermutet.

800.000 Jahre alte, menschliche Fossilien, 500.000 Jahre alte, komplett erhaltene Skelette wurden gefunden, auch Reste von Säbelzahntigern, Nilpferden, Elefanten, Pferden, Büffeln und Hirschen mit Geweihspannen von drei Metern. Die Knochen erzählen, wie das Leben auf dem Alten Kontinent in den vergangenen eine Million Jahren verlief.

Im sogenannten Eisenbahngraben kann man drei Fundstätten besichtigen. Sie liegen an der Oberfläche beziehungsweise an den Seitenwänden der breiten Schneise, die Gleisarbeiter Anfang des 20. Jahrhunderts in die Hügelkette von Atapuerca getrieben haben. Der Graben ist ein Querschnitt durch die Erdgeschichte, der nur per Zufall freigelegt wurde. Während Archäologen oder Biologen den Besuchern mit reproduzierten Schädeln und plastifizierten, abgegriffenen Bildern anschaulich machen, wie die Menschen vor uns lebten, was sie taten, wie ihr Gehirn funktionierte, glaubt man hie und da weitere Knochen in der rötlichen Erde zu sehen – oder sind es doch nur Steinchen? Oft möchte man selbst auf das Gerüst steigen und im gepressten Erdreich kratzen, klopfen und pinseln.

15 Kilometer von hier entfernt, in der Stadt Burgos, am begrünten Ufer des Arlanzón, bereichert das neue Museum der Menschlichen Evolution die eigentlichen Fundstellen. Ein Shuttlebus bringt Besucher vom Museum in die Sierra und wieder zurück. Den Dörfern haben die Schädel und Knochen zwar Schutzstatus gebracht. Die Gegend gehört zum Welterbe der Menschheit und gilt als erhaltenswerte Kulturlandschaft – das ist aber nichts, wovon man abbeißen könnte. In dem Örtchen Atapuerca etwa hat sich die Bewohnerzahl seit den 1950er-Jahren auf rund 200 halbiert. “Die Leute dort sollen auch etwas von dem Hype um die Ausgrabungen haben”, sagt Touristikfachmann Eduardo Cerdá.

Steinzeitliche Gefühlswelt

Zwei Gemeinden haben dem Wiederansiedlungsprojekt für wilde Tiere bereits 2000 Hektar zur zehnjährigen Nutzung überlassen, andere Dörfer wollen es nachtun. Ab Herbst sollen zwischen Wildpferden, Wisents und Urrindern dann steinzeitliche Gefühle aufkommen, zunächst bei Safaris, später in Camps: Menschen auf Identitätssuche können eine Woche statt mit dem Handy mit einem Faustkeil leben. “Entweder wir erinnern uns daran, woher wir kommen, oder wir sterben aus”, glaubt Cerdá.

Für den Veterinär Morán stehen hingegen die Tiere im Vordergrund, besonders der europäische Büffel. Er steht auf der roten Liste der gefährdeten Arten der International Union for Conservation of Nature and Natural Research (IUCN). Weltweit gibt es nur noch rund 4000 Exemplare. Früher gaben diese Büffelherden dem Menschen die Richtung vor. Ihnen zog er nach, denn von ihnen ernährte er sich. Erst als der Mensch sesshaft wurde, begann die Domestizierung des Büffels und damit dessen Niedergang.

Heute leben die letzten Exemplare in meist recht kleinen Gehegen. “Wenn sie zu wenig Platz haben, pflanzen sie sich nicht mehr fort”, sagt Morán. Die eingezäunte Weide von Atapuerca sei dagegen ideal: “Alle wollen uns schon Büffel schicken.” Er möchte aber die Sommerhitze verstreichen lassen. Erst wenn der Wind über der Hochebene frischer weht, sollen die Grasfresser ihren Job antreten.

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