Elegante Verneigung am Oslofjord

Nach langem Hin und Her soll am Oslofjord ein neues Munch-Museum entstehen. Der Madrider Architekt Juan Herreros, der 2008 den Wettbewerb gewonnen hatte und 2009 eine Absage bekam, freut sich über den Auftrag in Oslo und die weltweite Ausstrahlung des Projekts.

Entwurf: herrerosarquitectos.com

NZZ, 14.8.2013 · Es waren vier lange Jahre für Juan Herreros. Der heute 55-jährige Architekt hatte 2008 den internationalen Wettbewerb zum Bau des neuen Munch-Museums in Oslo gewonnen. Die Liste der Teilnehmer an der Ausschreibung war eindrücklich, der Zuschlag an Herreros kam überraschend. Der Auftrag war entscheidend für sein Büro in der Madrider Calle Princesa. Die Entscheidung der internationalen, von Valerio Olgiati präsidierten Jury, für das Museum einen 55 Meter hohen, oben sich neigenden, im wechselnden Licht des Nordens changierenden Turm mit transparenter, durch Rolltreppen erschlossener Westfassade zu prämieren, war mutig – und hat Juan Herreros aus einer beruflichen Krise gerettet. Kurz zuvor hatte sich der Madrilene von seinem Geschäftspartner Iñaki Ábalos getrennt und sah sich inmitten der spanischen Baukrise gezwungen, weitgreifende Entscheidungen zu treffen, denn «in Spanien gibt es keine Arbeit». Sollten Herreros und seine 15 Mitarbeiter weiterhin Kläranlagen, Wohnblocks und Sporthallen bauen, Ausstellungen und Messen gestalten, Gebäude neu verkleiden? Oder sollte er «in die grosse Liga einsteigen»? Er ging die Sache mit Sportsgeist an, nahm am Osloer Wettbewerb teil – und setzte sich gegen 400 Mitbewerber durch.

Von der Ablehnung zur Akzeptanz

Doch dann kam 2009 die Absage. Im Osloer Stadtrat hatten sich Linke und Rechtspopulisten zusammengetan und sich gegen den Standort neben der Oper und gegen den rund 270 Millionen Franken teuren Museumsturm entschieden. «Munch ist für die Norweger extrem wichtig», sagt Herreros in seinem Studio. «Jeder Museumsentwurf hätte für Polemik gesorgt, egal von wem.» Dass er kein Norweger sei und damals ausserhalb Spaniens kaum bekannt gewesen sei, habe die Sache wohl noch erschwert. Doch er wusste auch, dass Oslo weiter nach Lösungen suchte. «Wir hatten die Hoffnung nie aufgegeben», betont er. Die Geduldsprobe wertet er als positiv. «Wir freuen uns über die politische Entscheidung, noch mehr aber über die breite Akzeptanz in der Gesellschaft, die unser Entwurf 2008 noch nicht hatte. In einem so demokratischen Land wie Norwegen reicht es nicht, nur die Unterstützung der Politiker zu haben».

Bis Anfang 2018 soll Herreros’ Entwurf nun unverändert umgesetzt werden. Für diesen hatte sich die Jury vor fünf Jahren entschieden, weil das «elegante und in seiner Einfachheit symbolträchtige» Museum gleichbedeutend neben der Oper am Fjord zu stehen kommen und den Menschen wie ein Turm aus Licht den Weg zu diesem einzigartigen Ort weisen werde. Tatsächlich kommt dem vom norwegischen Architekturbüro Snöhetta errichteten Opernhaus – einer «Eisscholle» aus Marmor und Glas – und Herreros’ Museum die Aufgabe zu, Oslo den Weg von der Port City zur Fjord City zu weisen. Den zwei grossen Kulturbauten am Ufer sollen andere, verschönernde und bürgerfreundliche Eingriffe folgen, vor allem auf dem Kai des künftigen Museums: Dort soll Herreros auch Wohnhäuser, ein Strandbad, Parkanlagen und eine begrünte Insel realisieren. Die Stadt will sich dem Meer öffnen und im stillgelegten Hafen ein identitätsstiftendes, städtisches Erholungs- und Wohngebiet schaffen.

Juan Herreros ist sich der Verantwortung und der Herausforderung bewusst. Der Südeuropäer hat sich in der «demokratischen norwegischen Diskussionskultur» zurechtgefunden, wie er sagt, die konträr zur spanischen Eigenart stehe, «sein Gegenüber vom Eigenen überzeugen zu wollen». Auch musste er sich mit den klimatischen Bedingungen Skandinaviens vertraut machen, «wo das Wetter mit bis zu zehn verschiedenen, geradezu gewaltsam wirkenden Lichtstimmungen pro Tag überrascht». Davon hat er sich inspirieren lassen. So oft wie die Osloer an einem Frühlingstag ihren Mantel an- und ausziehen, so oft wechselt auch der Turm am Fjord sein Aussehen. Denn die filigran wirkende, halb durchsichtige Doppelfassade aus Kunstharz und Mattglas ändert je nach Lichteinfall die Farbe. Das weitläufige Foyer im Erdgeschoss soll auch Bürger einladen, die nicht an Munch interessiert sind: Dort gibt es ein Kino, ein Theater, Geschäfte, Räume für Kinderbetreuung und Museumspädagogik. Die Kunst soll vom ersten Stock an in schlichten, fensterlosen Räumen ausgestellt werden. In der hinter der vorgehängten Glasfassade liegenden Erschliessungszone werden Rolltreppen die Besucher in die zehn Sammlungs-, Ausstellungs- und Verwaltungsgeschosse tragen. Zuoberst im abgeschrägten, leise zum Fjord hin sich verneigenden Turm befindet sich ein Aussichtsrestaurant. So scheint das Museum, das sich seitlich auf der Halbinsel neben der Oper erheben wird, die Stadt und die ankommenden Schiffe immer wieder aufs Neue zu grüssen – wie ein eleganter Galan.

Das Museum soll eines der grössten Kulturgüter der jungen Nation beherbergen: den über 20 000 Gemälde, Zeichnungen, Druckgrafiken und Dokumente umfassenden Nachlass von Edvard Munch. Als Munch vor 150 Jahren zur Welt kam, gehörte Norwegen noch zu Schweden. Oslo hiess Christiania und war ein beschauliches Städtchen. Als Munch 1944 starb, hatten die Norweger zwar noch kein Erdöl entdeckt. Aber Oslo war zumindest eine Hauptstadt, wenn auch eine arme und provinzielle. Seit 1963 sind seine Werke im Munch-Museum ausgestellt, das, so Herreros, «in einem verschlafenen Wohnviertel steht». Spätestens nachdem dort 2004 die Gemälde «Der Schrei» und «Madonna» gestohlen worden (und später zur allgemeinen Erleichterung wieder aufgetaucht) waren, kam die Forderung nach einer angemessenen Präsentation der Werke auf.

Architektonischer Demokratietransfer

Die Wartezeit zwischen Zuschlag, Absage und erneuter Zusage hat der Spanier nicht untätig verstreichen lassen. Der prestigeträchtige Auftrag des Munch-Museums hat ihm zu zwei weiteren Grossaufträgen verholfen. Sein Büro baut derzeit ein internationales Tagungszentrum in Bogotá und einen Büroturm in Panama City. Herreros hofft, dass beide Häuser Zeichen einer neuen, weniger gewalttätigen Ära werden. Auch hier sind begehbare, mit dem Tageslicht spielende Fassaden und Aussichtsplattformen geplant – neben grossen, der allgemeinen Nutzung zur Verfügung stehenden Eingangsbereichen. Die Trennung zwischen privat und öffentlich soll aufgehoben werden, die Bürger sich nicht länger ausgesperrt fühlen. So vollzieht Juan Herreros architektonischen Demokratietransfer von Skandinavien nach Lateinamerika. Er nennt das «brauchbare Architektur machen» und schliesst damit, auf anderer Ebene, den Kreis zu seinen nachhaltigen, in den frühen neunziger Jahren von der Kritik gelobten Kläranlagen.

http://www.nzz.ch/aktuell/feuilleton/kunst_architektur/elegante-verneigung-am-oslofjord-1.18132467

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