Lesen stiftet Gemeinschaft

Das Buch sei die einzig wahre Verlängerung des menschlichen Geistes, schrieb einst der argentinische Romancier Jorge Luis Borges. Es verdiene deshalb eine Sonderstellung unter den menschlichen Erfindungen, denn alle anderen dienten dem Körper. Zu dieser Einsicht gelangen spanienweit immer mehr Bürger. Je weniger Geld in das Kulturbudget der Gemeinden fliesst, desto mehr Zuspruch erfahren die Bibliotheken.

NZZ, 6.8.2013 · Spanier, die zu Hause Fixkosten reduzieren müssen, nutzen dort kostenlosen Zugang zum Internet und lesen Zeitungen. In den Bibliotheksräumen treffen sich Arbeitslose auf Jobsuche, Studenten, die sich auf ein Examen vorbereiten oder Nachhilfeunterricht geben, und Familien mit Kindern, die daheim so beengt leben, dass sie keine Ruhe zum Lesen finden. In Andalusien ist die Zahl der Nutzer öffentlicher Bibliotheken in den letzten vier Jahren um mehr als fünfzig Prozent gestiegen. Immer mehr Spanier nehmen ihre Bibliothek als kostenloses, nicht konsumorientiertes Informations-, Bildungs- und Freizeitzentrum wahr.

Dabei haben viele Büchereien kein Budget für Neuerwerbungen und liegen mit statistisch gesehen weniger als einem halben Buch pro Einwohner unter der einschlägigen Unesco-Empfehlung. Von den kleineren Instituten hat die Hälfte keinen Internetzugang mehr, andere öffnen nur wenige Stunden pro Tag oder werden ehrenamtlich geführt. Dort, wo Stadtteil-Bibliotheken ganz geschlossen wurden, organisieren Anwohner selbstverwaltete Leihbüchereien, Tauschbörsen oder Secondhand-Buchläden.

In Granada wird seit Monaten eine geschlossene Stadtteil-Bücherei besetzt und von rund fünfzig Freiwilligen weiterbetrieben. Licht und Wasser sind bereits abgestellt. «Strom bekommen wir von den Nachbarn», sagt eine Freiwillige, «wir kämpfen weiter.» In der Universitätsstadt Salamanca verwalten Bürger die 10 000 Bände einer geschlossenen Sparkassen-Bibliothek neuerdings selbst. Sie haben sie kurzerhand in das Klassenzimmer einer Grundschule gepackt, wo man sie ausleihen kann. Auf der kanarischen Insel Lanzarote haben die 12 000 Anwohner des Ortes Playa Blanca drei Jahre lang ihre eigene Bücherei angelegt, mit Spenden aus Privathaushalten. Heute haben 750 Mitglieder Zugriff auf 4500 Bücher, die auch von solidarischen Verlagen oder Schriftstellern vom Festland gespendet wurden. «Endlich haben die Jugendlichen einen Ort, wo sie sich treffen können», sagt einer der Initiatoren, «es gibt im Leben ja noch mehr als Strand und Kneipe.»

Besonders Schulbücher sind gefragt, in einem Land, wo es keine Lehrmittelfreiheit gibt und Familien oft zwischen 200 und 300 Euro pro Schuljahr für Bücher ausgeben müssen. Büchersammlungen gehören in Städten wie Barcelona, Granada, Madrid oder Palma de Mallorca mittlerweile zum Alltag. Mit den gesammelten Büchern werden «bibliotecas populares» bestückt, die Lücken schliessen und Millionen Spaniern das Recht auf Lesen garantieren. «Öffentliche Bibliotheken entstanden während der Industrialisierung», erklärt ein ehemaliger städtischer Bibliothekar aus Madrid, der heute im Arbeiterquartier Vallecas eine solche Volksbibliothek betreibt, «sie sollten die sozialen Unterschiede ausgleichen. Heute helfen sie den digitalen Graben zu überwinden.» In seiner Bibliothek gibt es Spanisch-Stunden für Ausländer, Lesetraining für Bildungsschwache, Internetkurse und Anleitung zum Abfassen von Lebensläufen. Der spanische Verlegerverband schätzt, rund ein Drittel der spanischen Bevölkerung habe 2012 eine dieser «bibliotecas populares» genutzt.

In Palma de Mallorca haben arbeitslose Akademiker und Angehörige der 15-M-Bewegung jüngst zwei Buchläden mit NGO-Charakter gegründet. Für ein bis drei Euro gibt es Lehrbücher für Studenten und Schüler, Sachbücher für Arbeitslose und Textsammlungen internationaler Autoren, «die zu kritischem Denken anregen», wie ein Betreiber sagt. Er setzt auf «horizontales Lernen» und lädt gebildetere Nutzer ein, um im Bibliothekscafé theoretisches Wissen zu vermitteln und praktische Tipps zu geben. «In einer Bibliothek ist es einfacher als auf dem Arbeitsamt, Arbeit zu suchen», sagt er, «wir vermitteln zwar keine Jobs, aber nützliche Informationen. Und hier wird keiner stigmatisiert. Hier entsteht Gemeinschaft.»

http://www.nzz.ch/aktuell/feuilleton/uebersicht/lesen-stiftet-gemeinschaft-1.18127993

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