Es werde dunkel!

Fuerteventura will Starlight Destination werden. Die kanarische Insel hofft auf ein Unesco-Zertifikat, das ihr die Hintertür zum nachhaltigen Tourismus öffnet.

Die Zeit online 1.8.2013 · Wenn Asunción Alonso morgens um halb fünf zur Arbeit geht, blickt sie manchmal nach oben. “So schön wie hier ist der Himmel nirgendwo”, sagt die 45-jährige Käserin aus Villaverde. Das weite Firmament, die klare Luft und der dunkle Himmel sind es, die Alonso seit ihrer Kindheit mit ihrer Heimat verbindet.

Fuerteventura, die flachste und älteste Insel der Kanaren, ist einer der weltbesten Orte zum Sternegucken. Das findet nicht nur Alonso, sondern auch die Internationale Astronomische Union (IAU), die Starlight Finder Foundation der Unesco und etwa 30 Hobby-Astronomen auf der Insel. Sie wollen Fuerteventura zum Sternenhimmel-Reservat machen. Mit dieser Auszeichnung könnte die Insel Starlight Destination werden, eine neue Spielart des Naturtourismus.

Das Zertifikat wäre die Hintertür zur nachhaltigen Entwicklung auf der zweitgrößten Insel des Archipels, wo auf 1.600 Quadratkilometern 100.000 Menschen und 110.000 Ziegen leben. Bis in die neunziger Jahre galt Fuerteventura als weitgehend unberührt. Heute kommen jährlich zwei Millionen Touristen, die sich am Strand aalen oder mit dem Surfbrett über die Wellen gleiten. Nun sollen sie die Insel auch bei Nacht kennen lernen.

Sternengucker sehen auf Fuerteventura mehr als anderswo in Europa. Nicht nur wegen der geringen Licht- und Luftverschmutzung und der hohen Wahrscheinlichkeit für wolkenfreien Himmel, besonders zwischen September und Mai, wenn kein Passatwind bläst. Fuerteventura liegt auch gut 28 Grad nördlich des Äquators. Deswegen kann der Blick über die gesamte nördliche und einen Teil der südlichen Hemisphäre streifen.

“Wir sind gerade noch rechtzeitig gekommen”, sagt Tony Gallardo. Der 53-jährige Arzt und Umweltpolitiker ist für das 2009 deklarierte Biosphärenreservat Fuerteventura zuständig, in das das Projekt Sternenhimmel-Reservat eingebettet ist. “Wäre die Entwicklung der Insel weiter fortgeschritten, müssten wir zu viele Lichter ausschalten.” Die Entwicklung der Insel ist ungleich: Im Norden, Osten und Südosten schicken Tourismuszentren wie Corralejo (30.000 Hotelbetten), Costa Calma, Jandía oder Morro Jable, Städte wie Gran Tarajal und Puerto de Rosario sowie der Flughafen viel Licht in den Nachthimmel. Entlang der Westküste und im Inneren der Insel ist es nachts recht finster.

Nur wenige Besucher schätzen den Reiz des Inselinneren. Der baskische Philosoph Miguel de Unamuno, der in den zwanziger Jahren auf die Insel verbannt wurde, beschrieb Fuerteventura als “eine fast unbewohnte Insel wo, zwischen nackten Einsamkeiten und einsamer Nacktheit des erbärmlichen Landes ein paar Hirten herumstreifen.”

Alonso stammt aus Villaverde im Norden. Wenn sie zur Arbeit geht, schimmert der Horizont seit einigen Jahren zart rosa: Es ist der Schein hell erleuchteter Strandpromenaden, Hotelfassaden oder Landepisten an der Küste. In ihrer Kindheit war der Himmel rundum tiefschwarz, denn es gab  keine elektrische Beleuchtung. Die sah Alonso zum ersten Mal mit 13 Jahren, Anfang der achtziger Jahre. Als die ersten Strandhotels entstanden, blies man in Villaverde abends noch die Kerzen aus. “Wir lebten sehr einfach, ohne jeglichen Komfort”, erzählt sie.

Die Käserin verklärt ihre Kindheit nicht. Es waren Zeiten, als Kamele und Esel Lasten und Menschen über Sandpisten trugen, nachts die Türen offen blieben, man jedes Jahr auf Regen wartete und “wir hier sehr wenige waren”. Alonso ist für Fortschritt. Gäbe es auf Fuerteventura keinen Tourismus, lebten dort heute wohl noch weniger Menschen als damals (rund 27.000).

An der beinahe unbewohnten Westküste liegt das Herz des künftigen Sternenlichtreservats. In dieser Dunkelkammer kann man mit bloßem Auge sehr viele Himmelskörper sehen. Deren scheinbare Helligkeit wird mit Magnituden (mag) angegeben. Je heller ein Stern, desto kleiner die Zahl. Der Mond leuchtet mit einer Kraft von maximal – 12,73 mag,  der Polarstern mit bis zu 1,97 mag – abhängig davon, ob man sie von der Wüste oder der Großstadt aus betrachtet. Denn über letzterer kann man oft nur noch Sterne mit der Leuchtkraft des Polarsterns wahrnehmen. Über Fuerteventura konnte Enrique de Ferra jedoch sogar das Licht von Sternen messen, die mit schwachen 21,4 mag auf die Erde strahlen.

Enrique de Ferra kennt den Sternenhimmel über Fuerteventura gut. Als die Regionalregierung Daten und Fotos für die Unesco-Bewerbung brauchte, fuhr der 53-jährige Hobbyastronom kreuz und quer über die Insel, zu den besten, abgelegensten Plätzen. Nachts um zwei kurvte er über stockfinstere Schotterpisten, schraubte vor Kälte schlotternd seine Kamera aufs Objektiv, hielt den Sky Quality Meter in die Höhe, schoss Bilder, maß Magnituden. Die Arbeit habe ihn geprägt, sagt er.

Seine Lieblingsorte liegen in den Tälern von Mafasca, “einem magischen Ort, wo sich seltene Nachtvögel tummeln und Sternschnuppenschwärme niedergehen”, oder in der Steinwüste zwischen Morro Jable und dem südwestlichsten Zipfel Puerto de la Cruz. “Wenn man dort mit Ferngläsern übers Meer nach Süden blickt, kann man Sterne bis zu einem halben Grad über dem Horizont sehen”, schwärmt er. Das, was de Ferra zusammentrug, liegt jetzt bei der Unesco. Vor Ende des Jahres soll in der Starlight Finder Foundation die Entscheidung fallen. “Wir sind auf dem richtigen Weg”, sagt er, der seit 20 Jahren für dunklere Nächte kämpft, “allmählich versteht auch die Verwaltung, worum es geht.”

In Spanien werde noch immer viel zu viel Licht in den Nachthimmel gejagt, sagt de Ferra, bis zu fünfmal mehr als in “intelligenten Ländern” wie Deutschland oder den Niederlanden. “Es herrscht hier noch immer die diffuse Vorstellung, dass helle Straßen Fortschritt bedeuten.” Per Gesetz müssen alle Straßenlaternen mit orangefarbenem Licht ausgestattet sein und eine lichtdichte Oberseite haben. Doch das sei nicht genug, sagt de Ferra. “Das schlimmste Licht ist das horizontale. Es verliert sich nicht in der Höhe.” Er wünscht sich, alle Laternen mögen nur mehr “Lichtpfützen” nach unten werfen und nach Mitternacht erlöschen. Die Orte Betancuria und Antigua in der Inselmitte haben das schon umgesetzt. Dort ist es morgens um eins zappenduster. In klaren Nächten kann man mitten auf dem Dorfplatz einen dicht mit Sternen bestickten Himmel genießen – bequemer geht es kaum. “So etwas finden Sie in Europa nicht mehr”, schwärmt de Ferra.

Soll es über Fuerteventura noch dunkler werden, müssten die Menschen aufhören, Licht mit Sicherheit zu assoziieren, sagt Tony Gallardo, und ihre “kindliche Angst vor der Dunkelheit überwinden”. Nachtwanderungen und gemeinsame Himmelsbeobachtungen helfen dabei. “Der Sternenhimmel war immer unsere Referenz”, sagt er, “doch wir sind zu Kunstwesen geworden, die sich ohne Laternen nicht mehr zurechtfinden.” Hier liegt das eigentliche Anliegen der Unesco und der International Dark Sky Organisation. Sie weisen auf die Gefahren von zu viel Kunstlicht hin: Tierarten sterben aus, Menschen leiden unter Schlafstörungen, das Brustkrebsrisiko steigt, Kinder kommen zu früh zur Welt.

Einige Hoteliers haben die Möglichkeiten erkannt. Sie haben Teleskope auf dem Dach installiert oder bieten Exkursionen auf die dunkle Seite der Insel. Die eigenen Fassadenlichter nachts abzuschalten, das wagen sie noch nicht. Schließlich lebt die Insel noch von herkömmlichem Strandtourismus. Kommt Ende 2013 die Starlight-Zertifizierung, könnte Fuerteventura ein neues Gleichgewicht finden. Arbeitsplätze und Lebensstandard könnten dann mit nachhaltigem Tourismus garantiert werden.

Nach dem Bau- und Wirtschaftsboom ab der Jahrtausendwende erzwang die große Krise ab 2008 die Kehrtwende. Die Arbeitslosenzahl schnellte von zehn Prozent (2007) auf 35 Prozent (erstes Trimester 2013). Das hat die Regionalpolitiker wachgerüttelt. Fuerteventura ist Biosphärenreservat, hat drei Naturparks, drei Landschaftsschutzgebiete, sechs Naturdenkmäler und hofft nun auf einen Nationalpark an der Westküste. Es soll der erste in Europa auf aridem Gebiet sein.

Die Auszeichnung würde die subtile Schönheit der kargen Insel betonen. Im letzten Sonnenlicht des Tages beginnt der Zauber, im Morgengrauen endet er. Die kahlen, quarzhaltigen Berge sind stellenweise von gelben und roten Flechten bewachsen. Bei Sonnenuntergang beginnen sie zu changieren und zu schimmern. Kanten und Felsnasen werfen immer längere Schatten. Die Landschaft gerät in Bewegung. Je tiefer die Sonne steht, desto intensiver ist das Spiel auf den gelben, grauen, roten Felsen. Und während das Tageslicht langsam erlischt, gehen am Himmel dicht an dicht die Lichter an. Bald ist er sternenübersäht.

Dieses stille Spektakel haben offenbar schon die Ureinwohner verfolgt. Vor rund 1.400 Jahren haben sie in den 400 Meter hohen Berg Tindaya mehr als 300 Fußabdrücke geritzt. Sie dienten wohl zur Betrachtung des Himmels. Vielleicht markierten sie die besten Positionen, um den Gang der Venus zu verfolgen, den Frühlingsanfang oder Regen abzulesen. Die archäologischen Funde geben bis heute Rätsel auf.

Gemütliche Landhotels im Inselinneren (mit gratis Sternenhimmel):

Hotel Rural Mahoh in Villaverde, DZ mit Frühstück ab 52 Euro.
Hotel Princess Arminda in Betancuria, DZ mit Frühstück ab 35 Euro.
Hotel Casa Isaítas in Pájara, DZ mit Frühstück ab 85 Euro.

Allgemeine Infos:

www.cabildofuer.es
www.visitafuerteventura.com

http://www.zeit.de/reisen/2013-07/fuerteventura-sternenhimmel-unesco

One thought on “Es werde dunkel!

  1. Sternenhimmel-Reservat – wenn ich solch einen Schwachsinn schon lese. Dummerweise fallen genug Leute darauf herein und lassen sich dann jede Menge kohle aus der Tasche ziehen.

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