Die Wolkenwasser der Bimbachen

Im Bergland der Kanareninsel El Hierro regnet es unter den Bäumen. Es ist das Kondensat des Passatnebels an ihren Blättern. Die Ureinwohner wussten das klug zu nutzen

Der Garoé-Baum in einer Radierung aus dem Jahr 1683.
Der Garoé-Baum in einer Radierung aus dem Jahr 1683.

Mare Juni/Juli 2013 · BIS ZUR ENTDECKUNG AMERIKAS endete die Welt kurz hinter El Hierro. Alte Reiseberichte von der kanarischen Insel sind gespickt mit Beschreibungen fantastischer Riten, vollführt von dunkelhäutigen Menschen im Lendenschurz. Die Steinzeit endete auf der abgelegenen, kleinen Insel tatsächlich erst an jenem Tag des Jahres 1405, an dem der französische Eroberer Jean de Béthencourt im Auftrag Kastiliens das Eiland betrat. „Und auf den höchsten Ebenen wachsen Bäume, von denen ununterbrochen gutes und sauberes Wasser tropft, das in Gruben neben ihnen fließt, das beste Trinkwasser, das sich finden lässt. Und es ist so gesund, dass, wenn man bis zur Sattheit gegessen hat und man dieses Wasser trinkt, in weniger als einer Stunde alle Speisen vollständig verdaut sind und man genau denselben Appetit hat wie vor dem Trinken.“

So steht es seit dem Jahr 1494 in den „Französischen Chroniken der Eroberung der Kanaren“ geschrieben. Der Bericht regte die Fantasie der Leser an, Drucke erschienen in Europa, die Insel bekam eine magische Aura, ihre Regenbäume wurden Legende. Dabei ist deren sogenannter waagerechter Regen leicht zu erklären. Geologen und Historiker wissen schon lange, was es mit dem geheimnisvollen Garoébaum auf sich hatte. Ein besonders großes Exemplar des Stinklorbeers (Ocotea foetens) stand im Nordosten der Insel auf gut 1000 Meter Höhe, dort, wo die dicken Wolken hängen bleiben, die der Passat über den Atlantik treibt. An seinen großen, glatten Blättern kondensierte die Feuchte des Nebels, und die Tröpfchen suchten sich den Weg nach unten. Dort standen die Bimbachen, die Ureinwohner der Insel, und trugen krügeweise Trinkwasser davon. Was sie nicht brauchten, sammelte sich in Bodenvertiefungen, den eres, von denen die Insel, anders als häufig angenommen, den Namen hat. In die Rinde schnitzten sie zudem Hohlräume, aus denen sie mit der Hand kondensiertes Wasser schöpften.

1610 entwurzelte ein Sturm den Wunderbaum. In jener Zeit sollen auch die Bimbachen, die wohl mit den Berbern verwandt waren, ausgestorben sein. Beides hängt nur indirekt zusammen, denn auch ohne ihren heiligen Baum hätten die Bimbachen überleben können, auf einer Insel, auf der es selten regnet und deren Lavaboden Wasser erst sehr tief speichert und mit Schwefel anreichert. Doch auf El Hierro tröpfelt und rinnt es ab 500 Meter Höhe überall, wo Wolken auf kalte Flächen treffen und nebligen Niederschlag erzeugen. Das größere Problem für die isoliert lebenden Bimbachen war, dass sie den Franzosen, Portugiesen und Spaniern nicht gewachsen waren. Die Eindringlinge Die Eindringlinge versklavten sie und schleppten sie in die transatlantischen Kolonien. Und nachdem sie die Insel unter sich aufgeteilt hatten, holzten sie die Wälder ab. Binnen 200 Jahren machten sie aus einer „bis zu denKüsten dicht bewaldeten, fruchtbaren Insel“, wie in Entdeckerberichten steht, ein trockenes Eiland, dessen Bewohnermangels Wasser in Wellen nach Teneriffa,Gran Canaria oder Lateinamerika auswandern mussten, zuletzt in den 1950ern.

Aus Kiefern und Erika, aus Buchenund Lorbeer, aus Wacholder und Stechpalmenmachten sie Bauholz für Schiffe und Häuser, Werkzeug für Plantagen, Brennholz und Koks, Pech und Bananenkisten. Ende des 19. Jahrhunderts waren beinahe alle Rinnsale versiegt und das Land in fester Hand weniger Feudalherren, die das Regenwasser der Herbststürme speicherten und es von ambulanten Händlern „teuer wie Wein“ verkaufen ließen, wie ein Chronist schrieb. Aus den eres Wasser zu schöpfen war verboten; sie lagen nun auf privatem Land. Wer weder Land besaß noch ein ausladendes Hausdach, mit dem er Regenwasser sammeln konnte, wurde zum Bittsteller. Brunnen zu bohren, Leitungen zu legen oder das öffentliche Sammelsystem des „waagerechten Regens“ auszubauen, daran hatten die Dons kein Interesse.

„El Hierro litt wegen der Gier seiner Besitzer jahrhundertelang Durst“, schreibt der Geologe Carlos Martín. Heute organisieren sich die Herreños  anders. Zum einen gibt es zwei Meerwasserentsalzungsanlagen; und dann sind die Insulaner zum Gemeinsinn ihrer Ahnen zurückgekehrt. Der Bergwald wird sein 30 Jahren aufgeforstet, es tröpfelt wieder, allenthalben sieht man Betonmulden unter ausladenden Bäumen, in denen sich das kondensierte Wasser sammelt und über Kanäle in ein unterirdisches Depot geleitet wird. Hier und dort findet man große Zinkplatten, auch dort, wo einst der Garoé stand, am Hang des Tiñor.

Auf fünf Quadratmetern Blech sammeln sich in der Krone eines fünf Meter hohen Wacholders in einer Nacht bis zu 400 Liter Wasser. Neun öffentliche Brunnen sind mit den Tröpfelstellen verbunden. Gesundheitsbewusstefahren mit Kanis tern hin und füllen sie umsonst auf. „Exzellentes Trinkwasser“, sagt der Wahlherreño Paolo Cossovel. Der Italiener hat vor einigen Jahren eine Probe in einem Labor analysieren lassen, nachdem das Gerücht umging, das Wolkenwasser aus den Bäumen erzeuge Krebs. „Unser Wasser ist mineralisiert und gefiltert“, sagt Cossovel, „es ist einfach wunderbar. Und es versiegt nie.“ !

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