Die Mechanismen des Betriebssystems

NZZ, 26.6.2013 · Rafael Chirbes, geboren 1949 in der Nähe von Valencia, beschreibt, was um ihn herum geschieht. «Krematorium» thematisierte den Boom, im neuen Roman geht es um die Krise. Ein Interview.

Foto: uimp.es

In Ihrem vorletzten Roman «Krematorium», erschienen 2007, zeigten Sie das Spanien des Booms, der Korruption und Geldgier. Im neuen Buch zeigen Sie, was übrig geblieben ist: Spanien in Trümmern. Warum legen Sie wieder die Finger in die Wunde?

Weil ich immer noch unter demselben Unbehagen leide. Mein Antrieb zum Schreiben sind mein eigener innerer Widerspruch – ich bin Marxist und Materialist – und die Spannung zwischen mir und der Gesellschaft. Bei der Introspektion betrachte ich auch meine Umwelt und blicke zugleich in die Vergangenheit. Nur so kann ich mich selbst verstehen. Meine Seele ist ja ein Teil der Seele der Gesellschaft, in der ich lebe. Jede Zeit hat ihr eigenes Psychogramm. Ich suche nach den Mechanismen des gesellschaftlichen Betriebssystems.

Seit ein paar Jahren wohnen Sie in einem Dorf an der Costa Blanca, zwischen Valencia und Alicante. In dieser Gegend spielen auch Ihre letzten beiden Romane. Das Ambiente ist deprimierend, geradezu abstossend. Fühlen Sie sich wohl dort?

Ich fühle mich so, wie sich das in meinen Büchern zeigt. Zubetonierte Küsten, schmutziges Sumpfland, Prostitution, Massentourismus, Immigration, Arbeitslosigkeit . . . Alles, was ich beschreibe, gibt es hier. Ich fürchte aber, wenn man das Skalpell in Paris, London oder München anlegen würde, kämen dieselben Triebkräfte zum Vorschein: Gier und Egoismus. Ich lebe zurückgezogen in den Bergen, mit meinen Hunden und Katzen. Die Gegend ist trotz allem angenehm, die Leute sind offen und freundlich, man bleibt nicht lange allein, das Klima ist – ausser im August – gut, man kann gut essen.

Das klingt nach Reiseprospekt. Liest man Ihre Romane, vergeht einem aber die Lust auf Strandferien an der Costa Blanca.

Wenn Sie in die Dominikanische Republik oder nach Mexiko reisen, sehen Sie auch nicht die Ungerechtigkeit oder den Horror, die dort herrschen. Sondern nur Palmen. Das ist eine Frage des Fokus.

In Ihren Romanen gibt es viele Figuren, mehrere Handlungsstränge, eine Welt voller Details. Wie sortieren Sie die Elemente aus, die Sie in Ihrer Umwelt wahrnehmen? Wie stiften Anekdoten Sinn?

Ich recherchiere nicht, suche keine Daten. Ich nehmen auf, was ich auf der Strasse mitbekomme. Die Lektüre von Marx hat mir geholfen, das Wesentliche wahrzunehmen, das, was eine Gesellschaft ausmacht. Und mein Unterbewusstsein. Die Dinge erhalten von selbst ihren Sinn. Meine Romane entstehen sozusagen trotz meinem Zutun. Ich weiss am Anfang nie, was passieren wird.

Können Sie von Ihren Büchern leben?

Jetzt ein bisschen besser, früher war daran nicht zu denken. Ich komme von ganz unten, wirtschaftlich gesprochen. Mein Vater war Gleisarbeiter, zog mit dem Handkarren los. Er starb, als ich vierjährig war. Meine Mutter war arm, sie schickte mich in Internate für Eisenbahnerwaisen. Auch heute bin ich noch unten, wirtschaftlich gesprochen, vielleicht nicht mehr so tief wie vorher. Ich mache neben dem Schreiben andere Dinge, um Geld zu verdienen. Mein Haus konnte ich mir übrigens von dem Geld kaufen, das der Verkauf des Romans «Der lange Marsch» in Deutschland einbrachte.

Ihr Status hat sich verändert: Vom Nischen-Autor zum grossen Analytiker des Zeitgeschehens.

Mir behagt das nicht. Ich war immer ein Apokalyptiker, plötzlich bin ich ein Integrierter, um mit Umberto Eco zu sprechen. Früher habe ich über das geschrieben, was die Spanier vergessen wollten. Das Land war selbstzufrieden, ich war es nicht. Alle waren für die Monarchie, ich nicht. Alle fanden die Transición – den Übergang von der Diktatur zur Demokratie – gut, ich nicht. Wenn man über den Bürgerkrieg sprach, war man ein Provokateur. Seit Zapateros Präsidentschaft ist das Thema Guerra Civil in Mode. Plötzlich sind alle empört, mehr noch als ich. Es scheint, als stünde ich mit meiner Kritik rechts aussen. Ich wirke wie eine Betschwester. Jetzt fordern die Leute, der König solle fallen und die Guillotine solle nebenbei auch noch die Infantinnen köpfen . . .

Sie beziehen sich auf die Empörten-Bewegung 15-M, die vor zwei Jahren erstmals Plätze und Strassen besetzte. Unterstützen Sie sie?

So viel unvermittelte Empörung finde ich verdächtig. Franz Biberkopf in «Berlin Alexanderplatz» war auch empört, und er wurde damit zum Faschistenfutter. Man muss aufpassen. Ich sehe viel Demagogie, viel Populismus. Das heisst nicht, dass ich die Realität nicht sehe. Banken, Politiker, alle haben gestohlen und betrogen. Doch so schnell, wie die Empörten das fordern, kann man daran nichts ändern. Die Zyklen einer Gesellschaft sind langsamer. Ich fürchte, letztlich geht es denen auch nur ums Geld.

Nur weil Geld fehlt, steht das Land kopf?

Hätten alle so viel Geld wie zuvor, ginge keiner auf die Strasse. Was mir fehlt, sind Werte. Wofür protestieren die eigentlich? Zugleich wird das Leben als Aussenseiter salonfähig. Es gibt sogar schon Fernsehserien über die Protestszene und die Leute, die sich darin eingerichtet haben. Der Pöbel kommt richtig sympathisch weg. Fast muss man sich schuldig fühlen, wenn man seine Wohnung und seine Arbeit nicht verloren hat. Da kommt dann schnell der Vorwurf des Kollaborateurs mit dem System.

Wie konnte Spanien in diese Situation geraten? Seitdem das Land 1986 in die EU eingetreten ist, sind Unmengen an Geld aus den Kohäsionsfonds geflossen, Spanien hatte 2006 mehr als vier Prozent Wachstumsrate. Jetzt ist es praktisch pleite.

Machen Sie mein Land nicht allzu schlecht. Ich weiss, dass man in Brüssel die Hände über dem Kopf zusammenschlägt, wenn es um Spanien, Portugal oder Griechenland geht. Korruption, Fehlinvestitionen – was weiss ich, wie es so weit kommen konnte. Es gab und gibt kein gültiges Wertesystem. Geld hielt das Getriebe am Laufen. Jetzt, wo Geld fehlt, droht alles in die Luft zu gehen. Ich habe keine Erklärung. Ich bin Schriftsteller. Nur so viel: Nicht alles ist schlecht hier.

Was finden Sie denn gut an Spanien?

Unsere Kunst im Umgang miteinander. In Europa ist wieder ein alter Streit ausgebrochen: Protestantismus gegen mediterrane Lebensart. Die Leute gehen hier nicht nur zur Arbeit und danach heim. Jetzt sehe ich zum Beispiel, wie mehr und mehr Konflikte vor Gericht enden, die sich bei uns auch mit einem Witz und einem Bier schlichten lassen. Und nicht alles ist Korruption, was danach aussieht: Früher verschenkte das Rathaus an Weihnachten Weinflaschen, heute ist das schon verdächtig. Seitdem wir der EU beigetreten sind, tun wir alles, was Europa sagt. Wir waren ein armes Land ohne Demokratieerfahrung.

Sie haben Geschichte studiert. Warum sind Sie nicht Historiker geworden?

Ich habe ein sehr schlechtes Gedächtnis, vor allem für Namen und Daten. Für abstraktes Wissen habe ich keinerlei Talent, für Philosophie bin ich komplett ungeeignet. Und ich bin nicht exakt genug, lasse meiner Vorstellungskraft freien Lauf. Letztlich habe ich immer mehr Gefallen an der Sprache als an der Statistik gefunden. Bei den Historikern gefällt mir seit je die französische Annales-Schule, Fernand Braudel, Pierre Vilar – sie erzählen die Historie und sind hervorragende Schriftsteller.

Braudel wurde berühmt durch sein Buch über den Mittelmeerraum. Was ist das Mittelmeer für Sie?

Ich fühle mich damit sehr verbunden. Hinter dem Haus meiner Tante in Dénia zum Beispiel, südlich von Valencia, wo ich als Kind Wochenenden und Ferien verbrachte, liegt ein muslimischer Stadtteil aus dem 12. Jahrhundert. Bis in die 1960er Jahre wusch meine Tante ihre Wäsche im Hafenbecken. Der Ort diente, so wie er war, als Kulisse für Piratenfilme. Jetzt ist alles zubetoniert. Das Mittelmeer ist vieles: für die Deutschen eine Badewanne, zu deren Erwärmung man keinen Strom verbraucht, wie ich in meinem neuen Roman «En la orilla» (Am Ufer) schreibe. Für Braudel ist es ein Kulturraum, der die Wüsten Schwarzafrikas, die Seidenstrasse und die Fellstrasse von Russland bis nach Amerika einschliesst. Für andere endet es mit dem Küstensaum. Bis vor 50 Jahren wollte niemand die Küste bewohnen, denn sie bedeutete Unsicherheit, Piraten, Sumpfland, sandige Böden. Und bis vor 50 Jahren gelangte frischer Fisch nur 30 Kilometer weit ins Hinterland. Dort ist die Landschaft trocken und gebirgig, hart. Das Mittelmeer ist eine Schale, in die jeder füllen kann, was er möchte.

http://www.nzz.ch/aktuell/feuilleton/literatur/die-mechanismen-des-gesellschaftlichen-betriebssystems-1.18105532

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