Lange Reise, langer Atem

Auf Fuerteventura versuchen Wissenschafter, Karettschildkröten wieder anzusiedeln. Die Aussichten auf Erfolg sind ungewiss.

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Foto: Tobias Wolf

NZZ, 26.6.2013 · Sie schlagen kraftvoll mit den vorderen Flossen, als ob sie ihr ganzes kurzes Leben nichts anderes getan hätten. Vierzehn Unechte Karettschildkröten finden an einem Vormittag Anfang Juni den Weg in die Freiheit. Freiwillige nehmen sie aus den Transportkisten, halten die in der Luft rudernden Tiere fest an den Flanken und setzen sie dann behutsam mit dem Gesicht zum Meer auf den hellen Sand. Sogleich kriechen sie den Wellen entgegen. Langsam, aber beständig.

Gelder aus Brüssel

Die Schildkröten lebten bisher in badewannengrossen Tanks, wo sie mit Fisch und Gelatine gefüttert, gewogen, getauft und mit einem Chip zwecks Identifikation versehen wurden. Jetzt sind sie fast vier Jahre alt, wiegen eineinhalb Kilo und haben einen harten Panzer. Beste Chancen, um in der Wildnis zu überleben. Wenn alle Beteiligten Glück haben, kehren die Tiere frühestens in elf Jahren wieder dorthin zurück, von wo sie gestartet sind. Dann legen sie hoffentlich viele Eier, am Strand von Cofete, an der Westküste der kanarischen Insel Fuerteventura. «Wir brauchen einen langen Atem», sagt Tony Gallardo, Mitverantwortlicher der Inselregierung für das internationale Forschungsprojekt Pelagos. «Karettschildkröten sind erst mit fünfzehn Jahren geschlechtsreif.» Pelagos wird zu achtzig Prozent vom Europäischen Fonds für regionale Entwicklung zwischen EU-Mitgliedstaaten und Nicht-EU-Ländern (EFRE) finanziert. Gegenwärtig stehen etwa 500 000 Euro für das Projekt bereit. «Wir sind billig», sagt Gallardo und hofft, dass Brüssel den Geldhahn nicht zudreht.

Raubfische erledigen Rest

Vor einigen hundert Jahren waren die Tiere auf Fuerteventura noch heimisch. Talismane von Ureinwohnern und Schilderungen des spanischen Eroberers Gadifer de la Salle aus dem 15. Jahrhundert bezeugen deren einstige Existenz. Warum sie verschwunden sind, ist allerdings unklar. Schildkröten brauchen eine Menge passender Faktoren, um überleben zu können. Doch Krebse und Menschen plündern ihre Gelege, Möwen fressen die noch ungeschützten Jungtiere, Strände werden zugebaut und verschmutzt.

Wilderer und Raubfische erledigen den Rest. Nur eine auf tausend geschlüpfte Karettschildkröten erreiche im Durchschnitt die Geschlechtsreife, erzählt Gallardo. Weltweit, notabene. Deshalb werden seit 2006 Eier von den kapverdischen Inseln mit Leichtflugzeugen und Helikoptern in das Biosphärenreservat Fuerteventura gebracht. Auf dem afrikanischen Archipel gefährden Bauprojekte die Legestrände, weil dort der Tourismus boomt. Und Wilddiebe bieten Schildkrötenfleisch teuer feil. Deshalb nehmen Freiwillige, die während des nächtlichen Legeprozesses hinter den Schildkröten hocken, einen Teil der Brut mit und bringen ihn auf die kanarische Insel. Dort vergraben sie die Eier im Sand. Sind die Jungen geschlüpft, werden sie in der Aufzuchtstation aufgepäppelt und später freigesetzt. Mehr als 700 Tiere wurden auf diese Weise schon aufgezogen.

Orientierungssinn unerforscht

Ausschlaggebend für den Rückkehr-Instinkt sei der Ort, an dem die Eier gereift sind, erklärt Gallardo, nicht der Ort der Eiablage. Ob alle Schildkröten wiederkehren, ist aber ungewiss. Der bisher kaum erforschte Orientierungssinn der Tiere dürfte wohl – ähnlich dem der Zugvögel – vom Erdmagnetismus beeinflusst. Die am Projekt beteiligten Wissenschafter und die rund 200 Helfer tun alles dafür, damit die lange Reise letztlich zu einem Erfolg wird.

www.proyectopelagos.org

http://www.nzz.ch/aktuell/panorama/wiederansiedlung-von-karettschildkroeten-1.18105512

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