Ich werde Dich Südsee nennen

Vasco Núñez de Balboa hat vor 500 Jahren als erster Europäer den Pazifik gesehen. Sein Geburtsort Jerez de los Caballeros versucht nun, das Beste daraus zu machen.

Keramik in der Kirche San Bartolomé

Die Zeit online · 5.6.2013 Einige Missgeschicke und ein Glücksfall brachten Vasco Núñez de Balboa (1475-1517) in kurzer Zeit auf das Podest der Glorreichen. Grob gerechnet brauchte er zwölf Jahre, um vom verarmten Provinzadeligen zum Entdecker eines Weltmeers zu werden. Genau gerechnet legte er den Weg zum Ruhm in gut drei Wochen zurück. Er gab einem Meer seinen Namen, Mar del Sur. Sein Leben ist in den Chroniken der Neuen Welt aus dem 16. Jahrhundert festgehalten, bei Bartolomé de las Casas oder Gonzalo Fernández de Oviedo. Sie belegen: Balboa kam 1501 aus Jérez de los Caballeros, sah 1513 als erster Europäer den Pazifik und siegte damit über ein Schicksal, das ihn zum Leben als Schildknappe in der spanischen Provinz verurteilt hätte.

Er durchquerte als Erster Panama von der Karibik her. Am 1. September 1513 zog er mit rund 200 Männern los, am 25. September sah er von einem Gipfel aus das “große Meer” – so nannten die Eingeborenen den Pazifik. Vier Tage später stand er mit Helm, Schwert und Flagge bis zu den Schenkeln im seichten Wasser – will man einer Lithografie aus dem 19. Jahrhundert glauben. Im Hintergrund stehen Eingeborene mit vor der Brust verschränkten Armen und schauen zu.

Balboas Name wird nicht mit Blutrunst und Goldgier assoziiert. Er war kein Hernán Cortés, kein Francisco Pizarro. Doch er war ein Kind seiner Zeit: Konflikte wurden mit Waffen ausgetragen, Eingeborene nicht als Menschen behandelt. Seine Hunde soll er mit lebenden Indios gefüttert haben. Er wollte dasselbe wie alle Menschen des Mittelalters: Ruhm, Macht und Gold, viel Gold. Dennoch soll er mit den Indios paktiert haben, anstatt diese anzugreifen. Wie hätte er sonst erfahren, dass es ein an Gold und Perlen reiches Meer gab?

Deshalb feiert sein Geburtsort nun den 500. Jahrestag des Großereignisses, stolz und den Umständen gemäß. “Wir haben kein Geld, alle arbeiten ehrenamtlich”, sagt Ana Puente vom Tourismusbüro. Eine 15-köpfige Bürgerkommission organisiert Vorträge und Kulturreisen, tut was sie kann, um Balboa zu entmumifizieren. Eine Straße, ein Restaurant, ein Platz und der größte Arbeitgeber im Ort, eine Eisenhütte, tragen seit Jahren den Namen des Entdeckers. Im Geburtshaus wird sein Leben erzählt und das der Stadt gleich dazu. Im Jubiläumsjahr sollen auch das Bewusstsein für die eigene Geschichte und das Interesse an Lateinamerika wachsen.

Blick auf Jerez de los Caballeros

Eine Delegation aus Panama hat den Ort besucht und die Restaurierung des Taufbeckens finanziert. Die Granitschale hatte jahrhundertelang im Hinterhof der Kirche San Bartolomé gelegen. Eine Statue am Ortsrand zeigt einen muskulösen Mann, dessen Blick in die Ferne schweift. Zu seinen Füßen zeugen eine Bar, eine Metzgerei und ein Seniorenzentrum vom Alltag 500 Jahre später: Die Zahl der Arbeitslosen hat sich seit 2008 verdoppelt. Viele stehen an diesem Dienstagvormittag in der Bar, die Fleischverkäuferin lehnt im Türrahmen, die Senioren locken mit Dumping-Preisen. “Erfrischungsgetränk ein Euro”, steht auf einer Tafel.

Die spanische Regierung hat das Jahr 2013 zum Año Balboa erklärt, bislang aber kein Programm vorgestellt. Die südwestspanische Region Extremadura, wo das Städtchen liegt, hat die alte Tourismus-Route der Entdecker wieder aufgelegt. Sie führt durch neun Städte. Lange erschwerte die Gewalt der 300 Jahre dauernden Eroberung und Besiedelung Lateinamerikas einen komplexfreien Umgang mit der Geschichte.

Balboas Leistung ist mit der von Neil Armstrong zu vergleichen. Auch sein kleiner Schritt bedeutete einen großen Sprung für die Menschheit. “Er öffnete uns die Tür zur Welt”, sagt der Historiker José Márquez lächelnd. Kolumbus entdeckte Amerika, Balboa den Rest, der noch fehlte. Sechs Jahre später, im Jahr 1519, starteten Juan Sebastián Elcano und Fernando Magallanes zur ersten Weltumsegelung. Als Elcano 1522 zurückkehrte, hatte er belegt, dass die Erde rund ist. Er änderte den Namen von Südsee in Pazifik. All das erfuhr Balboa nicht mehr. Vier Jahre nach seiner Großtat wurde er von seinem politischen Konkurrenten Pedrarias Dávila wegen Verrats am König hingerichtet. Er starb mit 41 Jahren in Panama.

Der Historiker José Márquez ist in demselben Städtchen wie Balboa geboren, 150 Kilometer nördlich von Sevilla. Heute leben dort 10.000 Menschen, nicht viel mehr als damals. Es ist von Stadtmauern umgeben, hat vier Kirchen, 24 Klöster und viele Einsiedeleien. Es liegt tief im Landesinneren, umgeben von eichenbestandenem Weideland. In der Nähe fließt der Ardila, der sich weiter südlich mit dem Guadiana vereint und im Golf von Cádiz in den Atlantik mündet. Dort unten stachen die Entdecker in See. “Wir haben hier immer nach Süden geblickt”, sagt der 64-jährige Márquez auf die Frage, warum so viele Männer aus der Gegend das Abenteuer in Amerika gesucht haben. Es gibt noch einen anderen Grund: Im selben Jahr, als Kolumbus die Neue Welt entdeckte, wurden in Granada die letzten Mauren besiegt. Die Schicht der Ritter war arbeitslos.

Balboas Pech: Seine Familie gehörte dazu. “Ihm waren nichts als Name und Ehre geblieben”, sagt Márquez, “seine Lebensperspektiven waren kurz”. Jerez de los Caballeros im 15. Jahrhundert, das was unsicheres Grenzland. Die Portugiesen plünderten und brandschatzten. Die Zeit, als der Templerorden die Stadt schützte, lag 200 Jahre zurück. Geblieben seien deren Werte, erzählt Márquez, Disziplin, Bescheidenheit, Toleranz. Die hätten Balboa geprägt, ebenso das Selbstverständnis des Ritterstandes.

Er stand wie sein Vater im Dienst des Adeligen Pedro Portocarrero. Der nahm die Familie mit in die andalusische Handelsstadt Moguer, wo Portocarrero ins Geschäft mit den Kolonien einstieg. Phantastische Geschichten kamen dem 25-jährigen Balboa zu Ohren, während er Waffen polierte und Pferde striegelte. Er wollte weg. 1501 schaffte er den Absprung. Neun Jahre waren seit der Entdeckung vergangen. Spanien wollte Übersee besiedeln. Die Insel Hispaniola war erste Anlaufstelle der Schiffe aus Spanien. Dort bekam Balboa ein Stück Land und Eingeborene, die es bestellten. Er war Siedler. Wie idyllisch, wie enttäuschend. Und er hatte wieder Pech: Er hatte keine Ahnung von Schweinezucht und Landbau. Sein Versuch scheiterte. 1510 stellte er sich die Sinnfrage: Warum so weit fahren, um einer so gewöhnlichen Arbeit nachzugehen?

Hoch verschuldet flüchtete er als Blinder Passagier auf einem Schiff, das eine spanische Kolonie an der karibischen Festlandküste versorgen sollte. Er wurde entdeckt, aber nicht über Bord geworfen wegen seiner “Wohlgestalt, den kräftigen Gliedern, seiner freundlichen Art, seines Wissens und seiner Eignung für schwere Arbeit”, so beschreibt Bartolomé de las Casas den rothaarigen Mann. Das war Glück. Oder Bestimmung. “Vasco Núñez de Balboa, zum Entdecker geboren”, steht im Geburtshaus. Hinter dem Pathos mag sich eine Wahrheit verbergen. “Balboa war ein Edelmann”, sagt Márquez. Nicht alle Eroberer hatten ein festes Wertesystem.

Da wendete sich das Schicksal. Er gewann Einfluss unter seinesgleichen, konnte eine Expedition unternehmen. Nach dem epischen Ereignis am Strand erreichte sein Name den König in Spanien. Der machte ihn zum Gouverneur der Südsee und zweier Provinzen. Doch dann kam Pedrarias Dávila, das größte Unglück für den Entdecker. Der sollte sich neben dem populären Balboa als neuer Gouverneur etablieren. Die Machtkämpfe führten zum Verrat. Pedrarias ging als Bösewicht in die Geschichte ein, Balboa starb als junger Held. Chronist Gonzalo Fernández de Oviedo reiste nach Spanien und überbrachte König Ferdinand II. persönlich die Nachricht: Der Entdecker des Pazifiks war tot, die Legende geboren.

Der nächste Flughafen ist Sevilla. Von dort fährt man am besten mit einem Mietwagen 150 Kilometer nach Norden bis nach von Jerez de los Caballeros. Das Geburtshaus von Vasco Núnez de Balboa ist täglich von 10 bis 15 Uhr zu besichtigen. Eintritt frei. Calle Oliva ohne Nummer. www.jerezcaballeros.es/museo_vasco_nunez/

http://www.zeit.de/reisen/2013-06/entdeckung-pazifik-vasco-nunez-de-balboa/seite-1

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