Wo der Manzanares rauscht

Die Parklandschaft an den Ufern des Manzanares in Madrid zeigt, wohin sich die neue Architektur in der Hauptstadt entwickelt. Das Gemeinschaftsprojekt steht für Bescheidenheit und Sensibilität.

Virtuelle Darstellung der Flusslandschaft Madrid Río, Höhe Arganzuela. FOTO: MRío
Virtuelle Darstellung der Flusslandschaft Madrid Río, Höhe Arganzuela. FOTO: MRío

NZZ, 4.5.2013 · «Madrid, Madrid, Madrid.» So schlicht ist der Refrain eines der bekanntesten Lieder über Spaniens Hauptstadt. Komponiert hat es der Mexikaner Agustín Lara in den 1930er Jahren, als Ausdruck des Heimwehs spanischer Bürgerkriegsflüchtlinge. Die dreifache Wiederholung kann heute sinnbildlich gedeutet werden für eine Stadt, die seit Jahrzehnten wächst, denn die kastilische Hochebene setzt Madrid kaum geografische Grenzen. Mittlerweile leben 6,5 Millionen Menschen in der Metropolregion. Sie wohnen auch in erst jüngst zu Grossstädten herangewachsenen Vororten wie Getafe oder Leganés. Das gesamte Areal ist durch ein U-Bahn-Netz erschlossen, das mit seinen 316 Stationen zu den grössten Europas zählt. Durch dieses Szenario der Superlativen fliesst ein kleiner Fluss von Nord nach Süd. Er ist 92 Kilometer lang und heisst Manzanares. Bis vor kurzem ignorierten die Madrilenen die einstige Lebensader. Die Stadt entstand an einem Wehr; und alle historischen Zentren der Macht liegen am Manzanares: die Kathedrale, der Königspalast und der Wohn- und Regierungssitz von Franco, aber auch der heutigen Ministerpräsidenten. Dennoch spielt der Fluss keine Rolle, vor allem wegen seiner geringen Tiefe: Nie war er schiffbar, nie hatte Madrid einen Hafen.

Alte Fehler eliminieren

Auch wenn aufgrund seiner Wasserqualität noch immer nicht ans Baden zu denken ist, zeigt sich nun der Fluss in neuem Kleid, umhüllt doch ein heller Grünstreifen beidseitig sein dunkel glitzerndes Band. Der elf Kilometer lange Teppich, den der ehemalige Bürgermeister Alberto Ruiz-Gallardón in nur vier Jahren ausrollen liess, nennt sich Madrid Río. Das Werk soll alte Fehler mit einem Streich ausmerzen. Setzte Madrid bis zur Jahrtausendwende beim Ausbau des Metro-Netzes und der grossen Ringautobahnen auf Beschleunigung, so will man nun die Lebensqualität fördern. Aber bevor die Madrilenen an den Ufern ihres Flusses flanieren, spielen oder Sport treiben konnten, musste die Stadtautobahn M-30 in den Boden verlegt werden, ein Vorhaben, das die radikale Kehrtwende verdeutlicht. Die Hälfte des 110 Hektaren grossen Parks breitet sich auf dem M-30-Tunnel aus, durch den täglich 200 000 Autos fahren.

Spektakulär will dieser lineare Park nicht sein – trotz 33 000 Bäumen und 470 000 Sträuchern, trotz Spiel- und Fitnessplätzen, Kiosken, Radwegen, Passerellen und Bänken. Madrid Río inszeniert vielmehr das Gewöhnliche. Die Grünanlage zieht sich durch sechs Distrikte und steht dabei stets im Dienst ihrer Bewohner. Ehepaaren beim Spaziergang, Eltern mit Kinderwagen, Jugendlichen auf Sporträdern bietet er eine angemessene Bühne. Dabei erfüllt er seine Pflicht gut: Denn täglich tummeln sich 60 000 Menschen an den Flussufern, dort wo zuvor Brachland oder Strassen waren. «Wir wollten von der Stadt ein Maximum an Fläche, um ein Maximum an Bäumen zu pflanzen», sagt Architekt Ginés Garrido zu den Plänen. Sie entstanden während einer gemeinsamen Wanderung aller beteiligten Architekten am Fluss, von der Quelle im Guadarrama-Massiv, wo das Wasser noch fröhlich im naturbelassenen Bett sprudelt, bis zur geschützten Auenlandschaft am Zusammenfluss mit dem grösseren Jarama.

Garrido gehört zum Kollektiv MRío, das 2007 die Ausschreibung zur Neugestaltung der Flussufer gewonnen hat – gegen hochkarätige Konkurrenten wie Kazuyo Sejima oder Herzog & de Meuron. Unter der Bezeichnung «MRío» hatten sich die spanischen Büros Burgos & Garrido, Porras & La Casta, Rubio & Álvarez-Sala sowie das niederländische Landschaftsarchitekturbüro West 8 zusammengeschlossen. Ihre städtische Spiel- und Parklandschaft am grossstädtischen Mittellauf des Manzanares kann mit dessen idyllischem Quell- und Mündungsgebiet nicht mithalten. Im Stadtgebiet war an Renaturierung nicht zu denken. Der Fluss läuft hier weiterhin in einem 40 Meter schmalen Kanal. Dennoch haben es die Architekten von MRío geschafft, einen Hauch von Natur in die Stadt zu zaubern: Das Werk wird allseits gelobt, auch wegen der Stille, die es in der Altstadt und in den Arbeitervierteln verbreitet. Die Architekten sprechen von einer Antiikone, die sich nicht vertikal, sondern der Länge nach entfaltet. Dabei grenzt ihr Park an zehn bestehende Gartenanlagen, vereint jahrzehntelang getrennte Stadtteile und wertet die anonymen Wohnsilos auf. Deren Bewohner blicken nun nicht mehr auf vorbeirauschende Autos, sondern auf Kiefern, Schwarzpappeln oder Kastanien.

Wer auf dem Fahrrad den Fluss entlangfährt, kann ihn an mehr als 30 Stellen auf Brücken oder Stegen überqueren. Manche sind aus dem 18. Jahrhundert, viele aus dem 20. Jahrhundert, die meisten aber sind ganz neu. Nurmehr wenige sind für Autos geöffnet, über eine führen Schienen, die restlichen sind Fussgängern und Radfahrern vorbehalten. Eine davon stammt von Dominique Perrault, der bereits 2009 einige Kilometer flussabwärts im Viertel San Fermín das Caja Mágica genannte Tennisstadion errichtet hat. Perraults Puente Monumental besteht aus zwei metallenen Korkenzieherlocken, die in der Mitte etwas Freiraum für den Blick über die Stadt freilassen. Dort sitzt man auf einer Holzbank im Halbschatten, betrachtet den Himmel über Madrid oder den träge fliessenden Manzanares, während am Ufer Kinder zwischen Fontänen herumspringen, Eltern in den Cafés am Ufer sitzen oder sich auf einem Liegestuhl des neuen Stadtstrandes entspannen.

Weiter südlich fallen zwei mit Betongewölben überdachte Brücken auf, die innen mit farbigen Glasmosaiken des Madrider Künstlers Daniel Canogar ausgeschmückt sind. Sie stellen Menschen aus der Nachbarschaft dar, die über den Köpfen der Betrachter zu schweben scheinen. Hier bekommt der Fluss Glamour: Die Reflexionen des Wassers bringen die Bilder und den tiefblauen Hintergrund zum Leuchten. Euphorische Betrachter haben die schimmernden Gewölbe die «Sixtinische Kapelle des Manzanares» getauft. Sie sind das schöne Spiegelbild des einst hässlichen Flusses.

Durchatmen

Canogars Brücken veranschaulichen die einem neuen, menschengerechten Stadtverständnis verpflichtete Idee hinter der Umgestaltung der Manzanares-Ufer, Madrids grösstem städtebaulichem Eingriff der vergangenen 40 Jahre. Hier geht es um gemächliche Bewegung und sinnliche Verbindung. Nicht nur weil der Grünraum «still und heimlich Bürger und Räume vereint», wie Architekt Garrido sagt, sondern weil er auch die Luftqualität verbessert. Manche sagen, auf dem Weg zur nachhaltigen Metropole gebe es nun kein Zurück mehr. Denn wenn sich die Bewohner erst einmal ans Durchatmen gewöhnt hätten, forderten sie immer mehr Natur. Die Nachfolgerin von Ruiz-Gallardón, Ana Botella, hat als eine ihrer ersten Amtshandlungen als Bürgermeisterin vor einem Jahr alle Madrilenen zur Teilnahme an einem Ideenwettbewerb aufgerufen. Daraus resultieren soll ein neuer Flächennutzungsplan, der die Stadt besser macht. Städteplaner, Schüler oder Rentner waren sich schnell einig: Weniger Häuser, mehr öffentliche Flächen, lautete der Konsens. Die Stadt, die jahrzehntelang gewachsen ist, soll jetzt ruhiger werden. Ein Anfang ist gemacht: Man kann den Fluss, der sie durchfliesst, wieder rauschen hören.