Baukunst im Stillstand

Von der Schwierigkeit der Architekten im krisengeschüttelten Portugal

Jüngst konnte in Lissabon das von Patricia Barbas und Diogo Lopes zusammen mit Gonçalo Byrne vorbildlich restaurierte und erweiterte Thalia-Theater eröffnet werden. Doch der Baukunst in Portugal geht es weiterhin schlecht. Die Architekten suchen nach Auswegen aus der Krise.

©DMF

NZZ, 4.4.2013 · Ganz still und stumm steht es da; aber der Mantel des Thalia-Theaters in Lissabon ist nicht aus Purpur, sondern aus sandfarbenem Beton. Ein 23 Meter hoher Bau mit stumpfer Oberfläche und abgerundeten Kanten fasst das restaurierte neoklassische Theater im Stadtteil Sete Rios. 1862 brannte das Thalia-Theater aus und stand dann fast 150 Jahre als Ruine da, zwischen dem Zoo und einer stark befahrenen Strasse. Viele Gebäude jüngeren Datums gibt es in Sete Rios, aber keines wirkt so anmutig und zugleich beunruhigend wie das erneuerte Thalia-Theater. Neben dem neuen, auf den ersten Blick etwas irritierenden Betonklotz erstreckt sich ein schwarzer, komplett verglaster Flachbau auf einer Rasenfläche. Hier sind eine Cafeteria und Büros untergebracht, hier spiegeln sich die Bäume des Zoos und das Blau des Himmels, hier wird etwas vermittelt, ein Geheimnis angedeutet, das der sandige, fensterlose Klotz birgt. Dieser scheint nur nach innen zu blicken und erhöht damit seinen Reiz. Was versteckt er?

Schlicht und abstrakt

Im Inneren ist das Theater so geblieben, wie es vor dem Umbau war, wobei die Wände aus Backstein noch immer an die einstige Ruine erinnern. Das Architektenehepaar Patricia Barbas und Diogo Lopes, beide in den 1970er Jahren geboren, hat einen grossen, multifunktionalen Raum geschaffen. Erhellt wird der nüchterne Saal von vielen Glühbirnen, die an langen Kabeln vom hohen Giebeldach herabhängen. Der gemeinsam mit dem Altmeister Gonçalo Byrne konzipierte Umbau gehört zum Besten, was in den vergangenen Jahren in Portugal entstanden ist. Deshalb steht Lissabons Thalia-Theater auf der Kandidatenliste für den «Designs of the Year»-Preis 2013 des Londoner Design-Museums. Bekämen die beiden Architekturbüros den Preis, würde dies ein Schlaglicht auf ein Land am Rande Europas werfen, wo derzeit vor allem eines herrscht: Stillstand.

Rund 25 000 Architekten gibt es in Portugal, zu viele für das kleine Land. «Richtige Aufträge haben vielleicht zwei oder drei Büros», sagt einer, der unter diesen Glücklichen ist: Manuel Aires Mateus. Mit seinem Bruder Francisco baut er den neuen Sitz des Energiekonzerns EDP am Tejo-Ufer. Ausgeschrieben wurde das 57 Millionen Euro teure Projekt im Jahr 2008. Vier Jahre später war Baubeginn, Mitte 2014 soll das Gebäude fertig sein. Die Brüder Aires Mateus zählen zu den herausragenden Architekten in einem Land, das eine stolze Bautradition vorweist, die heute repräsentiert wird von Architekten wie Álvaro Siza oder Eduardo Souto de Moura, den beiden international hochangesehenen Vertretern der «Schule von Porto». Die Architekturakademie Mendrisio und das Institut GTA der ETH Zürich haben Manuel und Francisco Aires Mateus 2006 eine schöne, von einem Katalog begleitete Ausstellung gewidmet. Diese hob die abstrakte, schlichte Bauweise, das Spiel mit der Leere und eine dezidierte Ablehnung des Ornamentalen hervor. Trotz allem Ruhm ist Manuel Aires Mateus auf seine Lehraufträge in Lissabon und an der Architekturakademie Mendrisio finanziell angewiesen, wie er freimütig sagt.

Die Lage ist ernst

Portugals Architekten leiden unter der schweren Wirtschaftskrise, der darniederliegenden Bauwirtschaft. Portugal steht unter dem EU-Rettungsschirm und spart sich zu Tode, so scheint es. Stellenabbau, Stillstand, Schweigen allenthalben. Private Bauherrn wagen kaum etwas, die Verwaltung noch weniger. «Wird Portugal beim Euro bleiben? Muss man die Kostenvoranschläge bald wieder in Escudos machen? Und wenn die Baufirma pleitegeht?» Solche Fragen kursieren auch unter den Architekten des Landes.

Die Lage ist ernst. Die Architekten wollen retten, was zu retten es. Es gehe um eine Tradition, um eine Identität, sagt Manuel Aires Mateus: «Eine Generation arbeitsloser Architekten wäre der Tod der portugiesischen Baukunst. Was geschähe, wenn all unsere guten Studios zumachen müssten? Was würde mit ihrem Wissen passieren? Ich sehe schwarz.» Manche Kollegen hielten sich mit kleinen Aufträgen für Altbaurenovierungen über Wasser, erzählt der 50-Jährige, eine Tendenz die er eigentlich begrüsst, denn «wir haben jahrzehntelang wie verrückt gebaut und dabei unser Erbe verfallen lassen». Rund um das Thalia-Theater in Sete Rios oder auf dem ehemaligen Expogelände Parque das Nações sieht man die Ergebnisse der nach dem EU-Beitritt 1986 ausgebrochenen und durch die Expo 1998 weiter angeheizten Bauwut. Diogo Lopes spricht von Verschwendung europäischer Subventionen. Bahnhöfe, Einkaufszentren, Bürotürme, Aquarien, Brücken sind entstanden, die Protz und Prunk ausstrahlen. Sie zeugen von falsch verstandenem Wohlstand und wirken nun, da Portugal verarmt, grotesk.

Auch Patricia Barbas und Diogo Lopes leben von einem Lehrauftrag. Sie unterrichten an der Universität von Coimbra. Nebenbei betreiben sie Nonprofit-Projekte, bei denen sie sich nicht nur mit Lissabons städtebaulichem Chaos befassen – auf der Website www.oficinamadeinlisbon.com zum Beispiel –, sondern auch systemkritisch den Alltag reflektieren. Die Wandzeitung «O Espelho» (der Spiegel), an der ein paar Dutzend Künstler und Intellektuelle mitwirken, entsteht im Büro der beiden, einer alten Autowerkstatt. «Jetzt, wo Zeitungen ihre Unabhängigkeit verlieren oder geschlossen werden, wollen wir ein paar wahre Worte loswerden», sagt Barbas. Eine erste Analyse hat das Kollektiv Ende 2012 auf 2000 Kopien an Hauswände in der ganzen Stadt geklebt. Sie fällt sehr europakritisch aus. Lopes sagt in diesem Zusammenhang, Lissabon und Zürich seien zwei Seiten derselben Medaille. Seit sechs Jahren fliegt er regelmässig nach Zürich, weil er an der ETH seine Doktorarbeit schreibt. In Zürich sieht er Anzeichen «für eine Krise des überquellenden Wohlstands. Das System braucht unsere Armut, um euren Reichtum zu bewahren», sagt er laut und deutlich: «Diese Krise erinnert mich an das grosse Erdbeben in Lissabon von 1755. Es war die erste Krise, die Gesamteuropa betroffen hat. Plötzlich war ein Land an der Peripherie im Zentrum der Diskussion. Portugal existierte auf einmal.»

Auszuwandern, Arbeit im reichen Teil Europas zu suchen, das kommt für Barbas, Lopes und Manuel Aires Mateus nicht in Frage. Viele Kollegen arbeiten mittlerweile in den ehemaligen Kolonien Angola, Moçambique und Brasilien. «Aber man kann ja nicht die gesamte kritische Masse aus einem Land schaffen», sagt Aires Mateus. Er hat angeregt, aus der Situation Nutzen zu ziehen: «Vor der Krise lebten wir zu abgeschottet.» Die meisten Aufträge seien aus dem eigenen Land gekommen. Die drei sind sich einig, dass sich die Portugiesen international schlecht verkaufen, bei Wettbewerben oder Projektpräsentationen zum Beispiel.

Den Feind besiegen

Barbas und Lopes organisierten zu all den Problemen der portugiesischen Architektur jüngst eine Tagung in Maçao, einem Ort in der geografischen Mitte des Landes. Mehr als 200 Architekten kamen, um in einem stillgelegten Kino aus den 1940er Jahren Erfahrungen auszutauschen. 50 Redner hatten sich angemeldet. Lopes spricht von einem überwältigenden Erlebnis. Viele Landsleute seien aus Wien, London oder Rio de Janeiro angereist. «Wir befürchteten ein grosses Gejammer, aber die Stimmung war dynamisch», erzählt er, «im Sinne von ‹egal, wie unser Feind heisst, wir werden ihn besiegen›.» Feindbilder haben Portugals Architekten wohl einige im Kopf. Doch sie wollen sich nicht irremachen lassen. Dazu sind sie zu kreativ, energiegeladen und unsystematisch. Ja, unsystematisch. «Wir kommen da wieder raus», ist Patricia Barbas überzeugt, «und zwar auf unsere ureigene, informelle Art und Weise.»

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