Kleinvieh als Krisenhelfer

Schafe und Ziegen sollen Maurern, Kellnern oder Akademikern aus der Krise helfen, das andalusische Hinterland aufwerten und Wissenstransfer ermöglichen. Dabei wollen sie nur in Ruhe grasen.

NZZ, 26.3.2013 · Gebimmel und Gemecker prägen neuerdings die Geräuschkulisse von Grazalema. Das andalusische Bergdorf liegt in Spaniens erstem Naturpark und gibt ihm den Namen: Parque Natural Sierra de Grazalema. Er erstreckt sich über 53 000 Hektaren und liegt rund 150 Kilometer von der Provinzhauptstadt Cádiz entfernt. Seit dem Jahr 1977 ist das weitläufige Bergmassiv so streng geschützt, dass nicht einmal extensive Viehwirtschaft erlaubt war. «Die Schäfer mussten ihre Herden aufgeben und nach Deutschland auswandern», erinnert sich Antonio Lara.

Der 65-jährige Züchter gab damals nicht auf. Er lebt mit seiner Frau und 200 Ziegen und Schafen auf 30 Hektaren Land in seinem Geburtsort. Allen vier Kindern habe er ein Studium finanziert, sagt Lara stolz und nippt an einem Glas Süsswein, den sein Nachbar gekeltert hat. Wir stehen im Wohn- und Essraum des Ehepaares: weisse Plasticstühle, ein grosser Tisch mit Wachstuch, offenes Kaminfeuer, unverputzte Wände. «Kann sein, dass ein Sohn die Herden übernimmt», sagt Lara nachdenklich, «er ist arbeitslos und hätte damit ein sicheres Auskommen.»

Diese Option hat auch die Regionalverwaltung von Andalusien erkannt. Grasende Herden dienen nicht nur der Landschaftspflege, dem Erhalt von Ökosystemen und der Brandvorsorge. Sie sind auch eine Chance für mehr als eine Million Arbeitslose in Andalusien. 20 arbeitslose Maurer, Kellner oder Akademiker lernen derzeit in Grazalema, wie man einheimische Schaf- und Ziegenrassen so über die Weiden führt, dass sie reichhaltige Milch geben und kräftige Lämmer und Zicklein gebären. Erfahrene Viehbauern aus der Gegend vermitteln ihnen bei der alltäglichen Arbeit ihr Wissen. Und es gibt theoretischen Unterricht, den Agraringenieure oder Tiermediziner erteilen.

Seit drei Jahren gibt es in Andalusien Schäferschulen. Sie werden vom Europäischen Landwirtschaftsfonds für die Entwicklung des ländlichen Raums finanziert. Die Teilnehmer bezahlen nichts, müssen aber bei ihrer Bewerbung ein Projekt vorstellen, das sie mit den erworbenen Kenntnissen umsetzen wollen. Nur etwa ein Viertel wird in der Schule angenommen.

Antonio Laras Schützling heisst Begoña Aizpuru. Die 28-jährige Tierärztin aus Cádiz will eine Kooperative gründen, wie viele Kursteilnehmer. «Man teilt nicht nur Investition und Gewinn, sondern auch Wissen und Arbeitszeit», sagt sie. Ihr Lehrmeister wird sie für ein paar Wochen in ökologischer Viehhaltung und Tiernaturheilkunde einweisen und ihr alles über Selbstversorgerdasein in strukturarmen Regionen beibringen. Lara verkauft Lammfleisch und Ziegenmilch ohne Zwischenhändler auf dem Wochenmarkt, an Restaurants und Käsereien der Umgebung. «Komme, was wolle, wir bleiben unabhängig», sagt er.

Er wird seiner Schülerin zeigen, wie man am Gebimmel und Gemecker einer Ziege erkennt, ob sie entbindet oder verletzt ist, wie man mit Steinschleudern die Herde zusammenhält oder wie man einem Hund über Berg und Tal Anweisungen zuruft. Am Steilhang gegenüber des Hauses sieht man die gescheckten, einheimischen Payoya-Ziegen herumklettern. Lara begleitet sie dabei nicht. «Wenn sie nachmittags nicht von selbst zurückkommen, schicke ich ihnen den Hund», sagt er lachend.

Er ist stolz, dass seine Erfahrung wieder gefragt ist und sein Beruf aufgewertet wird. Und die Schüler bringen ihm neues Wissen, zum Beispiel wie man sich digital vernetzt. Aizpuru und ihre Mitschüler haben einen Blog angelegt. Sie wollen sich gegenseitig unterstützen. Damit liegen sie im Trend. «Aus den Städten kommt kein Geld mehr», sagt einer der Teilnehmer. Alle hoffen, bald von nachhaltigem Wirtschaften auf dem Land leben zu können. Nicht nur in Andalusien, auch in Katalonien oder in der Extremadura kehren 30- bis 40-Jährige zurück aufs Land, dorthin, wo die Eltern einst schufteten, damit es die Kinder einmal besser haben. Schafhirt, Schweinehalter, Eselzüchter – in Spanien sind das Berufe mit Zukunft.

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