Pferde gehen vor die Hunde

Noch ein Krisensymptom in Spanien: Während Tierschützer und Reitstallbesitzer vom schlimmsten Moment aller Zeiten sprechen, hat ein Verbraucherverband erstmals Pferdefleisch in den heimischen Hamburgern entdeckt.

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NZZ, 6.2.2013 · Südspanien ist ein Paradies für Pferdeliebhaber. Kartäuser, Andalusier und andere iberische Rassen sind allenthalben zu bewundern: bei der Feria de Sevilla, bei den Dressurschauen der Königlich-Andalusischen Reitschule in Jérez de la Frontera oder an einem der langen Sandstrände von Cádiz, wo Touristen ihren Traum vom Ausritt in freier Natur verwirklichen.

Pferd noch nicht auf der Karte

Doch die Idylle trügt. Viele Pferdebesitzer in Spanien können sich ihr Hobby nicht mehr leisten. Immer mehr Tiere landen deshalb im Schlachthof. Die Zahl hat sich von knapp 30 000 im Jahr 2009 auf geschätzte 80 000 für 2012 gesteigert, wie das spanische Umweltministerium jüngst bekanntgab.

Die meisten geschlachteten Pferde und Fohlen waren weder krank noch alt – sie waren ihren Besitzern einfach zu teuer geworden. In Andalusien, wo die Tradition von den Arabern übernommen wurde und wo es sehr viele Pferde gibt, ist das Drama besonders spürbar: Ein Drittel aller landesweit geschlachteten Reittiere liess dort das Leben. In Sevilla waren es vergangenes Jahr bis zu 500 Pferde pro Woche. Es fiel so viel Fleisch an, dass der Zentralmarkt für Grosshändler, Mercasevilla, vorübergehend schliessen musste. Pferdefleisch steht aber (noch) nicht auf der Speisekarte der Spanier. Ein Teil des Fleisches wird derzeit zu Hunde- und Katzenfutter verarbeitet oder nach Frankreich oder Italien exportiert.

Das Leid der Tiere ist eine weitere Folge der schweren Wirtschaftskrise in Spanien. In Zeiten des Wohlstandes wurden Pferde als Statussymbol gehalten, zur Zucht oder als Hobby für die Familie. Jetzt, wo Spaniens Mittelschicht verarmt, findet sich kein Käufer. Beobachter sprechen vom schlimmsten Moment aller Zeiten.

Der Weg zum Schlachthof ist für manche Pferde die Endstation eines langen Leidensweges: Viele Besitzer hatten ihren Pferden entgegen der europäischen Norm keinen Mikrochip einpflanzen lassen. Jetzt überlassen sie die Tiere ihrem Schicksal, setzen sie aus oder binden sie irgendwo an. Ohne Chip können sie weder zurückgegeben noch für menschlichen Verzehr geschlachtet werden. Manche Pferde verenden, andere werden von Tierschützern gerettet oder ziehen herrenlos durchs Land. Tierschutzvereine, Reitstallbesitzer und einzelne Gemeinden suchen nun nach Lösungen. Kontrollierter Freilauf auf privaten Landgütern schlagen die einen vor, Patenschaften oder öffentlich subventionierte Tierasyle die anderen – alles, nur nicht schlachten.

125 Franken für ein Pferd

Nun scheint sich indes ein anderer Ausweg abzuzeichnen: Der Spanische Verbraucherverband OCU hat kürzlich spanische Hamburger untersucht und darin bis zu 30 Prozent Pferdefleisch entdeckt. Die Etikettierung wies reines Rindfleisch aus. Die Zusammensetzung der Hacksteaks stelle keine gesundheitliche Gefahr dar, wohl aber Betrug am Verbraucher, heisst es auf der Webseite der Organisation. Sollte der Trend anhalten, wäre das Schlachten von Pferden wohl bald ein Geschäft. Derzeit bezahlen spanische Schlachthöfe nur rund 125 Franken pro Pferd – egal, ob Andalusier oder Ackergaul

http://www.nzz.ch/aktuell/panorama/pferde-gehen-vor-die-hunde-1.17983832

3 thoughts on “Pferde gehen vor die Hunde

  1. Das ist drastisch. Gerade laufen Meldungen durch die News bzgl. eines sehr bekannten TK-Food-Herstellers: bis zu 100 % Pferdefleisch wurden in z.B. Lasagne gefunden, trotz der Etikettierung es handele sich um reines Rindfleisch!
    GLG aus Mexiko

  2. Diese Auswüchse der Krise hätte man sich vor ein paar Jahren so nicht vorstellen können. Dass jetzt überall Pferdefleisch entdeckt wird weist darauf hin, dass die Kontrollsysteme in ganz Europa nicht ausgereift waren. Besonders schlimm ist, dass der finanzielle Engpass auf dem Rücken ausgetragen bzw. sogar mit dem Leben dieser prachtvollen Tiere bezahlt wird!

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