Das Anschlagsopfer

Weil ihn die baskische Terrororganisation ETA 2001 mit einer Briefbombe ermorden wollte, ist Gorka Landaburu Halbinvalide. Seit 40 Jahren forderte der baskische Journalist ein Ende der Gewalt. Vor gut einem Jahr erklärte die ETA endlich ihre Bereitschaft dazu. Nun trifft sich Landabaru mit inhaftierten Exterroristen.

Gorka Landaburu am Strand von Zarautz, Juli 2012

Chrismon 12. 2012 · Er denkt oft an sie. Manchmal zweimal am Tag. Immer dann, wenn Gorka Landaburu sich das Hemd zuknöpft oder die Schuhe bindet. „Ich brauche ewig dafür“, sagt er in seinem Büro und zieht an der Pfeife. Die hält er ganz elegant in der linken Hand, obwohl ihm dort seit elf Jahren an vier Fingern das erste Glied fehlt. Mit der rechten Hand kann der 61-jährige Baske nichts mehr halten, an ihr fehlen Daumen und der halbe Zeigefinger. Deshalb wurde er zum Linkshänder.
„Tippen kann ich nach wie vor mit beiden Händen“, sagt der Journalist. Er sitzt in der Redaktion des politischen Wochenmagazins „Cambio 16“, das landesweit seit 1971 erscheint. Landaburu leitet in San Sebastián die baskische Ausgabe. Unten, am Eingang des mehrstöckigen Bürogebäudes, ist der Name der Zeitschrift nicht angeschlagen, und auch auf der Webseite und in seinen E-Mails findet sich keine Redaktionsanschrift. Wenn Landaburu jemanden empfängt, steuert er ihn per Handy zum Treffpunkt.


Der Chefredakteur von „Cambio 16“ im Baskenland wurde Opfer eines Anschlags der Terrororganisation ETA. Fast dreissig Jahre lang erhielt er regelmäßig Drohungen, wurde abschätzig als „Txakurra“, als „Federhund“ bezeichnet, was im Baskischen so viel wie Schmierfink bedeutet. Jahrelang erhielt er nächtliche Anrufe, wurde von Leibwächtern begleitet, fand schwarze Krawatten im Briefkasten, entdeckte auf dem Weg zur Arbeit gemalte Zielscheiben an seiner Hauswand. Dann kam das Attentat, das er aus purem Zufall überlebte.
Am Morgen des 15. Mai 2001 explodierte in seinen Händen ein großer brauner Briefumschlag, den ihm ein Terrorist am Vorabend in den Briefkasten seines Hauses in dem kleinen Küstenort Zarautz gesteckt hatte.

Die Bombe hätte tödlich sein sollen, doch die Lehne des Schreibtischstuhles in seinem Arbeitszimmer schützte Landaburu. Er hatte die Post gegen seine Gewohnheit nicht abends vor dem Fernseher, sondern morgens am Schreibtisch im Stehen geöffnet, nach der Dusche, nackt und nass, auf dem Weg zum Handtuchschrank. „Ich weiß auch nicht, warum ich plötzlich diesen Impuls hatte“, sagt er heute. Jedenfalls nahm er das Paket, in dem er eine Zeitschrift vermutete, die er abonniert hatte, in beide Hände, hinter seinem Stuhl stehend.

Sechs Monate war er krankgeschrieben, musste mehrmals operiert werden, im Gesicht, an den Händen und am Bauch. Dann war er wochenlang in Reha-Behandlung, um seine verstümmelten Finger zu neuer Geschicklichkeit zu bringen. Seitdem sieht und hört er schlechter als früher und tut sich mit Knöpfen und Schuhbändern schwer. Zwei Leibwächter begleiteten ihn auf Schritt und Tritt. Er galt als hochgradig gefährdet.

Im März 2012 sprach ihm das Innenministerium den Personenschutz ab. Im Baskenland sind neue Zeiten angebrochen. Am 20. Oktober 2011 hatte die ETA den endgültigen Waffenstillstand erklärt. Gewalttaten gab es zuvor bereits länger keine mehr, aber Frieden herrscht noch nicht. „Das muss Schritt für Schritt passieren“, sagt Landaburu. Er lernt gerade, alte Gewohnheiten abzulegen: Die Büroadresse geheim zu halten, oder sonntags zu Hause zu bleiben, damit der Leibwächter ausspannen kann. Landaburu lernt, mit der neuen Freiheit umzugehen. Nun will er auch den neuen Frieden erarbeiten. Er ist einer von vielen Basken, die den Weg der Versöhnung beschritten haben, in Gesprächsgruppen, in Friedensvereinigungen, bei Opfer-Täter-Treffen.

Neulich war er im Gefängnis von Nanclares und sprach dort zwei Stunden lang mit Terroristen. Sie redeten über die baskische Frage, über die jahrzehntelange Unterdrückung während der Franco-Diktatur und darüber, dass Basken zu lange ihre kulturellen Eigenheiten leugnen mussten. Über die politischen Verhältnisse in der Demokratie seit 1978 und darüber, was es heißt, Baske zu sein und sich als solcher zu fühlen. Sie hatten ja mal ein gemeinsames Anliegen, er und seine Attentäter.

Landaburu ist in Paris geboren, ist Sohn eines politischen Franco-Flüchtlings. „Ich habe seit jeher das Recht auf Leben verteidigt“, sagt er. Und: „In Diktaturen kann Gewalt in Einzelfällen als Selbstverteidigung interpretiert werden, in einer Demokratie ist sie inakzeptabel.“ Seine Gesprächspartner im Gefängnis, die einst Autos, Hotels oder Einkaufszentren in die Luft gejagt haben, teilen nun Landaburus Überzeugung. Sie sind in seinem Alter oder etwas jünger und haben sich inzwischen von der ETA losgesagt. Einige gehörten zum „Kommando Madrid“ – „ganz harte Burschen, 80er Jahre, alle drei Tage ein Begräbnis, mehr als 100 Attentate im Jahr“, so charakterisiert Landaburu sie.

Die Häftlinge wollten von Landaburu wissen, wie die Gesellschaft über sie denke, wie die Stimmung draußen sei, welche Fortschritte der Friedensprozess mache. Er berichtete, dass Spanien mit seinen fast sechs Millionen Arbeitslosen andere Sorgen habe, als über gealterte Terroristen nachzudenken. Aber er sagte ihnen auch, dass sie bei ihrer Resozialisierung auf ihn zählen könnten. Den Entschluss fasste er spontan, als ihn zwei jüngere Häftlinge um Vergebung baten. Sie waren nicht direkt an dem Anschlag gegen ihn beteiligt gewesen, gehörten aber demselben Kommando an. „Das traf mich unvorbereitet“, sagt er. „Ihr Schritt verdient Respekt.“

Landaburu wuchs im Pariser Exil auf und studierte dort. Dann zogen er und sein älterer Bruder, auch ein Journalist, in die Heimat der Eltern. „Wir fühlten uns als Basken“, sagt er. Beide kannten das Baskenland nur von den Sommerferien am Strand von Zarautz. Ab den 70er Jahren schrieben er und sein Bruder für die Sache ihrer Minderheit – in Nachrichtenagenturen, Tageszeitungen, Magazinen. Schnell wurden sie in der Region bekannt, „wir nahmen kein Blatt vor den Mund“, erinnert er sich an die letzten Jahre der Diktatur und die Übergangsjahre zur Demokratie – auch nicht, wenn es um Kritik an den eigenen Leuten, den Basken, ging.
1983 kam die erste Drohung von der ETA: „Wir sollten unsere Sprache mäßigen.“ Die Brüder suchten den Kontakt zu den Terroristen, trafen sich mit vermummten Gestalten zur politischen Diskussion in Südfrankreich und gingen mit einer Todesdrohung: „Wir sollten uns an die Regeln halten.“ Der ältere Bruder zog in die spanische Nachbarregion Katalonien, wo er bis zu seiner Pensionierung ungestört publi- zierte. Der Jüngere blieb – am Ort und bei seinem Thema. Stets sprach er von Mord und Mördern und nicht von Anschlag und Separatisten. Er sprach sich auch im französischen Staatsradio in Kommentaren gegen die Gewalt der ETA aus. Jahrelang ging er jeden Montag zur Friedensdemo in seinem Dorf, schon als die Gewaltgegner noch in der Minderheit waren. „Die ETA wollte mich töten, weil sie mich nicht mundtot gekriegt hat“, sagt Landaburu. Das Sozialgericht definierte das ETA-Attentat als Arbeitsunfall. Er bezieht seither eine Rente, er müsste nicht mehr als Journalist arbeiten. Trotzdem schrieb er weiter.
Gorka Landaburu sagt, dass sie „den Falschen“ erwischt haben. Baskisch ist seine Muttersprache, das Baskenland seine Heimat. Ohne sein tägliches Bad am Strand von Zarautz am Golf von Biskaya wäre er unglücklich. Wie die ETA kämpfte er für ein föderales System mit regionaler Selbstbestimmung, nur eben mit politischen Verhandlungen statt mit Bomben. Hätten die Terroristen einen Anhänger des politischen Zentralismus oder einen Altfrankisten attackiert, hätte das eher zu den Gewaltstrategien der ETA gepasst. Landaburu hätte das ebenso verurteilt wie alle anderen Attentate. Doch ihn als publizistische Galionsfigur der baskischen Sache ermorden zu wollen, das entbehrt für ihn jeder Logik.
Landaburu war auch deshalb „der Falsche“, weil das Attentat in ihm etwas geweckt hat, das bis dahin geschlummert hatte: die Kraft, dem Gegner in die Augen zu blicken. Die Häftlinge von Nanclares haben das erkannt. Sie wollten mit ihm sprechen, weil sie wussten, Landaburu bewirkt etwas, weil er seit 40 Jahren für Frieden und Freiheit kämpft und weil er nun, als Überlebender eines Mordanschlags, eine Symbol- figur für eine gewaltfreie Demokratie ist.
Seit die Briefbombe in seinen Händen explodiere, fühle er sich zur Versöhnung geradezu beauftragt, sagt Landaburu. „Wenn wir Opfer es nicht tun, wer dann?“ Er ist in einer Opfervereinigung aktiv, wählt Träger für Friedenspreise aus, kommentiert wöchentlich den Fortgang des Friedensprozesses, fordert mehr Engagement von Politik und Bürgern. An Jahrestagen von Anschlägen erinnert er an die Opfer und appelliert an die Hinterbliebenen, den neuen Frieden mitzugestalten. Den Reuigen zu vergeben, darum bittet Landaburu die Öffentlichkeit, schon gar die Opfer, immer wieder.

Mit denen, die ihm die Briefbombe schickten, tut er sich dennoch schwer. 2006 hatte Landaburu nachgeforscht und bemerkt, dass sein Fall wegen eines Justizfehlers geruht hatte, erzählt er. Dabei waren die Täter nach dem Anschlag schnell gefunden und saßen längst in Untersuchungshaft. Er nahm sich einen Anwalt und brachte das Verfahren auf eigene Kosten wieder ins Rollen. Beim Prozess in Madrid Anfang 2012 gegen seine Attentäter sagte er als Zeuge aus. Landaburu wollte den Tätern in die Augen schauen, doch die hielten den Blick gesenkt. Er sagte wieder diesen Satz: „Ihr habt den Falschen erwischt.“ Und er fügte hinzu: „Meine Finger habt ihr mir genommen, aber die Zunge könnt ihr mir nicht abschneiden.“ Er wartete auf ein Zeichen, ein Wort der Reue. Doch keine Silbe kam über ihre Lippen.
Elf Jahre nach dem Attentat sind die Urteile gesprochen. Die Anführerin des Kommandos und die beiden Ausführenden wurden zu jeweils 23 Jahren Haft verurteilt. Der Ausgang des Gerichtsverfahrens habe ihm weniger Befriedigung verschafft als das ETA-Kommuniqué vom Herbst 2011, sagt Landaburu, die endgültige Absage an die Gewalt. „Die ETA ist keine persönliche, sondern eine kollektive Angelegenheit.“

Als sein damals 17-jähriger Sohn nach dem Attentat auf die Straße ging, um die Nachbarn im Ort zu fragen, warum jemand seinen Vater töten wollte, war die Antwort nur Schweigen. Der Terror habe die Gesellschaft betäubt und in einem nichtdemokratischen Zustand verharren lassen. Der Friedensprozess, so die Hoffnung des Journalisten, werde nun das Schweigen und die lähmende Angst überwinden.

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