Madrids neue grüne Schneise

Ein Moloch wurde grün: Wo früher eine Autobahn toste, zieht heute eine Parklandschaft den Manzanares entlang vom Zentrum bis in die Vorstädte.

Noch sind die Bäume kleiner als auf dieser Montage, aber ansonsten hat die Zukunft in Madrid Einzug gehalten.

Die Presse, Wien 13.10.2012 · 6,5 Millionen Menschen leben im Großraum Madrid, der nach London und Paris Europas dichtest besiedelten Hauptstadtregion. Scheinbar grenzenlos erstreckt sich die Stadt auf der kastilischen Hochebene. Besuchern bleibt das meist verborgen, sie verlassen die historische Altstadt nur selten. Seit dem Vorjahr muss sich aber niemand mehr die Schuhe breit treten oder den Abgastod sterben, um mehr von Madrid zu sehen: Neue Rad- und Fußgängerrouten führen 30 Kilometer die frisch begrünten Ufer des Manzanares entlang – ausschließlich und permanent durch Grünanlagen. Man kommt mit dem Rad schnell voran und steigt immer wieder ab, etwa um den Königspalast, die Kathedrale, das Fußballstadion des Klubs Atlético Madrid oder das gläserne Gewächshaus der städtischen Gärten zu besuchen.

„Madrid Rió“ heißt der neue Park, eine elf Kilometer lange grüne Schneise durch die monströse Stadt. Das Werk kommt dem eines Titanen gleich, der einen alten Fehler mit einem Streich ausmerzen will. Setzte Madrid noch bis zur Jahrtausendwende auf Beschleunigung, den Ausbau des Metronetzes und der großen Ringautobahnen, die sich wie Schlingen um den Hals der Stadt legten, so wurde nun ein Luftröhrenschnitt vorgenommen. Die Operation war ein international beispielloser Kraftakt: Bevor die Madrilenen an den Ufern ihres Flusses flanieren konnten, musste in einer radikalen Kehrtwende erst einmal die Stadtautobahn M-30 unter die Erde: Die Hälfte des 110 Hektar großen Parks liegt nun über dem M-30-Tunnel, in dem täglich 200.000 Autos verkehren.

Lavendel aromatisiert die Luft

Die stören nun niemanden mehr. Los geht’s etwas nordwestlich vom Zentrum, auf Höhe der Metrostation Príncipe Pío. Dort verleiht „Mi Bike Río“ Stadtfahrräder, manche mit Kinderanhängern, Dreiräder, Tandems oder Tretkarts. Der Verleih liegt direkt am Manzanares, den man über einen Holzsteg gegenüber überqueren kann. Schon nach wenigen Minuten weist ein Schild in den enorm großen, englisch angelegten Park Casa de Campo, wo man auf langen, schattigen Alleen bis zu einem Teich radeln und in einem der Ufercafés etwas trinken kann.

Nach diesem Abstecher geht es immer weiter flach am Ufer des Flusses dahin, vorbei an noch kleinen Kastanien, Pappeln oder Kiefern. Lavendelsträucher aromatisieren die Luft, allenthalben wird der Rasen mit recyceltem Brauchwasser gesprengt. Der Manzanares durchfließt 92 Kilometer lang die Region Madrid von Nord nach Süd. Seine Quelle hat er im Guadarrama-Massiv, das Mündungsgebiet ist eine geschützte Auenlandschaft. Dort vereint er sich mit dem Jarama, der später in den Tajo mündet. Dieser ergießt sich bei Lissabon in den Atlantik.

Das Image des Manzanares reicht nicht an das anderer Hauptstadtflüsse wie der Themse oder der Seine heran. Bis vor Kurzem ignorierten die Madrilenen ihre einstige Lebensader, Touristen entdeckten sie erst gar nicht. Im Mittellauf durch das Stadtgebiet fließt er in einem 40 Meter schmalen Kanal, der so seicht ist, dass er nie schiffbar war. Das Wasser ist bis heute schmutzig, an Baden ist nicht zu denken, Angler dürfen die Fische, die sie fangen, nicht essen.

Wenn schon der Manzanares nicht verführt, so tun es nun wenigstens seine Ufer. Einladend ist dieser lineare Park, mit seinen 33.000 Bäumen, 470.000 Sträuchern und 200.000 Quadratmeter Rasen, den Spiel- und Fitnessplätzen, Kiosken, Brunnen, Holzpassarellen und Bänken. Einladend und praktisch, vor allem für Familien. Mehr als 30 Brücken und Stege überspannen den Fluss. Manche sind aus dem 18. Jahrhundert, viele aus dem 20., die meisten sind neu. Nur mehr wenige sind für Autos befahrbar, über eine Brücke führen Schienen, die restlichen sind Fußgängern und Radfahrern vorbehalten.

Eine davon stammt vom bekannten französischen Architekten Dominique Perrault und soll eines der neuen Wahrzeichen der Stadt werden. Die Brücke ist aus Stahl und Maschengewebe aus Metall. Wie zwei gegenläufige Korkenzieherlocken erstrecken sich die beiden Teile über den Fluss, finden in der Mitte nicht zueinander und bieten so Freiraum für Blicke über die Stadt. Dort sitzt man auf einer Holzbank im Halbschatten, betrachtet den fast immer blauen Himmel über Madrid und spürt eine leichte Brise. Plötzlich dringt ein leises Plätschern ans Ohr. Hier scheint die Metropole innezuhalten. Träge fließt der Manzanares dahin, während am Ufer tropfnasse Kinder in einer Fontänenlandschaft herumspringen, Eltern im Schatten der Ufercafés ein kaltes Bier trinken oder in einem Liegestuhl am neuen Stadtstrand entspannen. Weiter südlich fallen noch einmal zwei Brücken auf. Sie sind mit einem Betongewölbe überdacht. Wer sie nicht betritt, lernt ihr Geheimnis nicht kennen: Die Decken der Zwillingsbrücken sind mit farbigen Glasmosaiken des Madrider Künstlers Daniel Canogar gestaltet. Hier bekommt der Fluss Glamour: Sein Wasser spiegelt sich in den Steinchen, Lichtpunkte treiben über die Menschenbilder und den tiefblauen Hintergrund, vermitteln den Eindruck einer bewegten Oberfläche. Ein bezauberndes, sinnliches Spiel mit den Elementen.

Langsam nähert sich der Fluss dem Süden. Wir überqueren zwei Autobahnen und entdecken am Horizont eine große Skulptur. Der aus Metall geformte, 13 Meter große Frauenkopf zeigt das Ende von Madrid Río an. Wer nach den fünf Kilometern Lust hat, weiterzuradeln, kann in den angrenzenden Stadtpark Parque Lineal del Manzanares fahren. Er ist Teil des insgesamt 64 Kilometer langen Anillo Verde, des Grünen Rings: Das Wegenetz für Radfahrer und Fußgänger führt im Norden, Süden und Westen vom Flussufer weg und bietet neue, wenn auch touristisch weniger interessante Eindrücke vom Madrider Stadtrand.

INFOS:

Die Route beginnt unweit der Metrostation Príncipe Pío an der Calle Aniceto Marinas. Von dort führt sie immer am Fluss entlang: vorbei am Stadtpark Casa de Campo, den Gärten des Königspalastes Campo del Moro, über die Autobrücke Puente de Segovia und zum Fußballstadion Vicente Calderón. Danach: Brücke Puente de Toledo, Kulturzentrum Matadero, Gewächshaus der städtischen Gärtnereien. Am Ende überquert man den Autobahnknotenpunkt Nudo Sur und fährt weiter in Richtung Stadtrand durch den Parque Lineal. Oder man kehrt beim Nudo Sur und der erwähnten Skulptur um.

Fahrradverleih: Mi Bike Río,
Calle de Aniceto Marinas, 26,
Öffnungszeiten: Mo–Fr 10.30 bis 14 und 17 bis 21.30 Uhr, Wochenenden und Feiertage: 9.30 bis 21.30 Uhr. Preise: An Feiertagen kostet ein Rad 5 Euro pro Stunde oder 30 Euro den ganzen Tag, an Wochentagen 4 beziehungsweise 25 Euro. 0034/91/139 46 52; www.mibikerio.com

Übernachten: Hotel NH Ribera del Manzanares ****, Paseo Virgen del Puerto, 57. Ideale Lage am Flussufer direkt an der Route. Babysitting-Service, Familienzimmer. Hunde sind erlaubt. DZ mit Frühstück ab 80 Euro. 0034/91/364 32 48; www.nh-hoteles.es
nhriberadelmanzanares@nh-hotels.com

Hotel Urban *****, Carrera San Jerónimo, 34, Kunstobjekte, schickes Restaurant, schlicht-moderne Einrichtung mit Hang zu Asiatischem, geniale Dachterrasse mit Pool (5. Stock), einzige Austernbar Spaniens. Hat schon mehrere Preise als bestes Hotel gewonnen. DZ ab 160 Euro. www.urban-madrid.com

Essen: Restaurante El Urogallo
fünf Gehminuten vom Fahrradverleih entfernt. 3-Gänge-Tagesmenü unter 20€, À-la-carte-Hauptgericht ca. 20€. Gute spanische Küche, überdachte Terrasse. Paseo de la Florida, 16, 0034/91/548 58 20,www.elurogallo.net

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