Gefährlicher Flug in den Süden

Immer weniger Vögel überqueren die Meerenge von Gibraltar. Vier Millionen von ihnen sterben jedes Jahr über Spanien auf dem Weg in den Süden. Sie landen im Käfig oder im Kochtopf.

NZZ, 22.9.2012 • Spanische Wissenschafter haben über der Meerenge von Gibraltar, wo Europa und Afrika nur wenige Kilometer voneinander getrennt sind, weniger Vögel gezählt als noch vor dreissig Jahren. Vor allem die Zahl kleinerer Singvögel ist deutlich zurückgegangen, und das, obwohl deren Bestände in Mittel- und Nordeuropa stabil geblieben sind oder sogar zugenommen haben.

Illegale Delikatessen
Zwei Erklärungen haben sie dafür in der Fachzeitschrift «Ardeola» des spanischen Vogelschutzbundes SEO/Birdlife genannt: Entweder haben die Vögel die Route geändert beziehungsweise überwintern anstatt in Nordafrika in Südeuropa. Oder es gibt weniger Singvögel, die den Flug über Spanien überleben. Diese Interpretation ist für den Rückgang von Arten wie Mauerseglern, Schwalben, Lerchen, Staren, Drosseln, Grünfinken oder Rotkehlchen zumindest teilweise gültig: SEO/Birdlife schätzt, dass in Spanien jedes Jahr mehr als vier Millionen Vögel sterben. Sie werden abgeschossen, vergiftet oder lebend gefangen. Denn obwohl auch in Spanien die Jagd auf nur wenige Vogelarten erlaubt ist, werden vielerorts illegale Praktiken geduldet.

Manche Spanier fangen Stieglitze oder Rotkehlchen, um sie als Singvögel im Käfig zu halten, zu züchten und mit ihnen zu handeln. Vor allem in Südspanien ist Singvogelzucht ein verbreitetes Hobby. Viele dieser Wildtiere landen allerdings nicht im Käfig, sondern im Topf: «Frittiertes Vögelchen» ist eine bekannte Tapa, manche essen sie auch in der Paella. Auf den Balearen werden Drosseln mit Netzen gefangen: Der Jäger setzt sich mit einem zwischen zwei hohen Holzstangen gespannten Netz an einen Abhang zwischen Olivenbäume und wartet, bis die Vögel im Morgengrauen auf dem Flug zum Frühstück darin hängenbleiben. Die Tiere werden im traditionellen Gericht «Drosseln mit Kohl» verzehrt.

In Valencia, Katalonien und Aragonien gibt es die sogenannte Parany-Methode der Vogeljagd: Dabei werden zwischen freistehenden, eigens zugeschnittenen Bäumen Stäbe befestigt, die mit Leim eingestrichen sind. Zugvögeln und vielen anderen Arten wie Eulen, Käuzchen oder Grasmücken werden diese zur tödlichen Raststätte. Parany wird von einigen Regionalverwaltungen als identitätsstiftende Tradition eingestuft und deshalb unterstützt. Vogelschützer kritisieren diese Art des politischen Populismus, weil hier versucht werde, «ein Delikt zu legalisieren».

Aufruf zur Zusammenarbeit
Angesichts der Lage hat SEO/Birdlife nun mit neun anderen spanischen Umweltschutzgruppen Schritte unternommen, um das Problem international bekannt zu machen. Die weltgrösste Umweltschutzorganisation, die International Union for Conservation of Nature (IUCN), in der mehr als 1200 Vereinigungen zusammengeschlossen sind, hat bei ihrem Kongress in Südkorea unlängst einstimmig den Antrag der Spanier auf Schutz von Zugvögeln im Mittelmeerraum angenommen: Die IUCN hat Zypern, Ägypten, Spanien, Griechenland, Italien, Malta und Marokko aufgefordert, den Schutz der Vögel zu verschärfen und auf deren Bedrohung öffentlich hinzuweisen. Der Aufruf wendet sich an Gesetzgeber und die Bevölkerung jener Länder, in denen Singvogeljagd Tradition hat.

Ob der nicht bindende Aufruf Erfolg hat, werden die Forscher an der Meerenge von Gibraltar feststellen. Dort hat gerade wieder das grosse Flattern begonnen: 30 Millionen Zugvögel überqueren die Wasserstrasse zweimal pro Jahr.

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