Neue Zürcher Zeitung

Spaniens grüne Decke

Mehr als die Hälfte des Landes ist heute wieder von Wald bedeckt

Vom Kahlschlag zur Wiederaufforstung: Ein Archiv mit 21 000 Fotografien von spanischen Wäldern spiegelt mehr als 100 Jahre spanische Zeitgeschichte.

Erschienen in der NZZ, 17.7.2012

Die Geschichte eines Landes kann man auch anhand seiner Wälder erzählen. Gregorio Montero hat das getan, mit einem fotografischen Archiv von bisher 21 000 gesammelten Aufnahmen aus mehr als 100 Jahren. Sie sind auf der Website des Staatlichen Instituts für Agrarforschungen (Inia) zu sehen. Vor 15 Jahren haben der Forstwirt und zwei Kollegen damit begonnen, Fotos zu sammeln, aus Zeitungsarchiven, Regionalverwaltungen oder Privatbesitz. Nun sind sie online.

Gebirge bei Cádiz, 1927 (li.) und 2001
Landschaft bei Girona, 1980 (li.) und 1997
Landschaft bei Girona, 1980 (li.) und 2001

«Wir wollten den Wandel des Landes belegen und unserem Walderbe ein Denkmal setzen», sagt Montero. Betrachtet man die Sammlung – viele Aufnahmen sind Schwarz-Weiss, andere verschwommen oder ausgebleicht –,entsteht ein Gefühl für ein Land, das seine Wälder zunächst kahl geschlagen hat und nun wieder Bäumchen pflanzt. Dahinter stecken politische, gesellschaftliche und wirtschaftliche Gründe.Und ein Wertewandel wird dokumentiert: «Früher dachte man, alles Naturerbe müsse auf den Markt geworfen werden», erklärt Montero, «heute bewertet man Bäume nicht mehr nur nachdem Holzpreis.»

Am Anfang war die Desamortisation, die staatliche Enteignung kaum genutzter Ländereien im 19. Jahrhundert.Die Eigentümer – Bistümer, Gemeinden,Adelsfamilien, Bruderschaften oder Stiftungen – wurden mit verzinsten Staatspapieren bezahlt, danach versteigerte der Staat die Besitzungen an Privat, behielt die Einkünfte und senkte damit seine Schulden. Die Desamortisation kam einer Agrarreform gleich, denn der versteigerte Besitz ging meist an mehrere kleinere Besitzer, die Felder, Wälder und Weideland intensiv nutzten und bald eine wohlhabende Mittelschicht bildeten. Spaniens Agrarproduktion wuchs, die Wälder schwanden. Bäume wurden in Ziegelbrennereien verfeuert oder zu Kohle verarbeitet, Wälder wichen dem Bergbau oder wurden zu Weideland, besonders für die damals noch weit verbreitete transhumante Viehwirtschaft.

Man sagt, dass zu Römerzeiten ein Eichhörnchen vom Baskenland nach Andalusien laufen konnte, ohne dabei den Boden zu betreten. Und man sagt auch, dass Ende des 19. Jahrhunderts ein Schaf grasend quer durch Spanien gehen konnte, ohne dabei einem Baum ausweichen zu müssen. Hektarenweise wurden Wälder zerstört. Das Resultat könnte trister nicht sein. Aufnahmen des Archivs zeigen erodierte Berghänge, bedeckt von trockener Erde und steinigen Halden. In den 1920er Jahren begann Spanien mit der Wiederaufforstung. Heute sind viele Landstriche von einer grünen Decke überzogen, 27,5 Millionen Hektaren insgesamt, mehr als die Hälfte der Gesamtfläche. Spanien liegt damit an der Spitze Europas, nach Schweden und Finnland, wie Montero sagt.

Auf den Fotos sieht man nicht nur Vorher-nachher-Bilder. Man sieht auch, wie eng Spaniens Landbevölkerung mit dem Wald verbunden war: Hemdsärmelige Holzfäller schiessen auf beladenen Flössen durch Stromschnellen, Frauen mit Kopftüchern arbeiten in Holzfabriken, Bauern in Hanfschuhen ziehen Furchen für Kiefernsetzlinge. Der Diktator Franco hatte in den Hungerjahren nach dem Bürgerkrieg die Bewaldung als Arbeitsbeschaffungsmassnahme verordnet. Er liess viele australische, schnell wachsende Eukalyptusbäume pflanzen. Heute gelten diese als Eindringlinge und werden mit grossem Aufwand durch einheimische Sorten ersetzt, allen voran langlebige, immergrüne Steineichen. Die majestätischen Bäume sind das Wahrzeichen der Iberischen Halbinsel. Auch wegen der Landflucht und der Aufgabe der Viehzucht in den fünfziger bis siebziger Jahren dürfen sie heute wieder ihre volle Pracht entfalten.
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