Wie viel ist eine Bibliothek wert?

Das Museum Esteban Vicente für zeitgenössische Kunst in Segovia wird im September schließen.

Spaniens Kulturbudget schrumpft. Basiseinrichtungen müssen schliessen, Künstler improvisieren im Low-Budget-Bereich, Intellektuelle warnen vor dem Ausverkauf des wahren Reichtums.

Erschienen in der NZZ, 11.7.2012

Agolada ist in Spanien neuerdings bekannt. Die galicische Gemeinde fürchtet um ihre Bibliothek, die einzige im Umkreis. Sie soll wegen Geldmangel geschlossen werden. Knapp 3000 Bürger hätten dann keinen kostenlosen Zugang mehr zu Büchern. Die Nachricht hat Bibliothekare und Archivare wachgerüttelt. Ihr Verband hat im Internet eine Unterschriftenkampagne gestartet und Protestbriefe geschrieben. «Bibliotheken garantieren das Grundrecht auf Bildung», heisst es da, oder «Bibliotheken in Krisenzeiten zu schliessen, ist wie Krankenhäuser während der Pest zu schliessen.»

Es wird ein heisser Sommer in Spanien. Was das Parlament Anfang April im Haushaltsplan 2012 entschieden hat, bekommen die Bürger nun zu spüren. Die verabschiedeten Kürzungen von rund 35 Milliarden Euro werden umgesetzt. Durchschnittlich muss jedes Ministerium mit 16 Prozent weniger Geld auskommen als im Vorjahr. Das Staatssekretariat für Kultur liegt mit 15,1 Prozent knapp darunter.

Die spanische Kulturszene hat auf die Sparmassnahmen mit Protesten reagiert, mit Streiks und Kampagnen. Die Menschen verarmten nun nicht nur materiell, sondern auch kulturell, schrieb der Schriftsteller Jordi Soler jüngst in «El País»: «Mit schwindendem nationalem Selbstbewusstsein und aus den Tiefen der Depression heraus reisst die Regierung all das nieder, was nicht sofort Geld generiert. So vernichtet sie Spaniens wahren Reichtum, der nicht mit Geld aufzuwiegen ist.» Viele Betroffene machen das, was die Generationen vor den Wohlstandsjahren getan haben: Low-Budget-Kultur und Projekte aus Liebe zur Kunst. 70-köpfige, semiprofessionelle Zarzuela-Ensembles stemmen eigenhändig Grossproduktionen auf die Bühne, arbeitslose Filmregisseure unterrichten Laien im Do-it-yourself-Verfahren für Kurzfilme, Kinogänger gründen Vereine, in denen sie das Erbe geschlossener Programmkinos weiter pflegen, Schauspieler tingeln im Stil von García Lorcas Studententheater La Barraca übers Land und machen auf Dorfplätzen Theater.

Viele Schauspieler haben kein berufliches Dach mehr über dem Kopf: Provinztheater schliessen, weil die Gemeinden zugesagte Subventionen nicht leisten, die sich seit Beginn der Krise 2008 ohnehin schon reduziert haben. Freie Kompanien lösen sich auf oder schrumpfen, Tourneen und Festivals fallen aus oder werden in private Hände gegeben. Das renommierte Festival de Teatro de Mérida zum Beispiel, das seit 1933 Inszenierungen klassischer Theatertexte zeigt, hat Schulden von 3,5 Millionen Euro angehäuft und wird nun von einem Impresario der Region geleitet. Die Krise treffe Spaniens Bühnenkünste in einem Moment grosser Kreativität, beklagen Fachleute. Sie sprechen von einer «Lateinamerikanisierung» des spanischen Theaters, also von systematischer Improvisation und permanenter Neuerfindung.

Das Kino bekommt 35 Prozent weniger Zuwendungen, 49 Millionen Euro insgesamt. Seit Jahren charakterisiert es sich durch Masse statt Qualität: viele Produktion, geringer Erfolg bei Kritik und Publikum. Ausnahmen wie die spanischen Koproduktionen mit Woody Allen oder Almodóvars Filme können diesen Trend nicht schönen. Der scheint sich nun zu wenden: Bis Ende April wurden in Spanien nur 25 Filme gedreht, 49 weniger als im gleichen Zeitraum 2011. Wer sich traut, kann seinen Dreh mit einem staatlichen Darlehen von bis zu einer Million Euro finanzieren, das innerhalb von 15 Jahren zurückgezahlt werden muss.

Den Museen wurden 13 Prozent abgezwackt, von einem Budget, das seit vier Jahren schrumpft. Weniger Einkäufe für Sammlungen, längere Laufzeiten der Ausstellungen, dünne Kataloge sind die Folgen. Viele der Häuser sind in den 1990er und 2000er Jahren als architektonische Highlights und Symbole des Wohlstands in Provinzhauptstädten entstanden. Nun tun sich ihre Leiter schwer damit, sie angemessen zu füllen. Besonders betroffen sind die Kulturstiftungen der Sparkassen: Die Caja Madrid, die zum sanierungsbedürftigen Bankia-Konzern gehört, wird 48 ihrer 144 Zentren schliessen. Andere angeschlagene Sparkassen verpachten ihre Kulturzentren, wie Sa Nostra in Palma de Mallorca: Wo früher wechselnd Videos und Installationen gezeigt wurden, sind jetzt archäologische Funde in Dauerleihgabe zu sehen. Beobachter sprechen vom «Ende einer Ära».

Kulturminister José Ignacio Wert will die massenweise Schliessung von Museen und Kulturzentren mit einem neuen Finanzierungsmodell verhindern: Zum 1. Januar 2013 soll ein Gesetz zur Förderung des Mäzenatentums in Kraft treten. Eine Mischung aus Subventionen und steuerlich begünstigtem, zivilem Engagement. Prestigeträchtige Häuser wie der Prado, das Reina-Sofía-Museum oder die Madrider Oper waren auf die Kürzungen besser vorbereitet: Sie generieren mit hohen Eintrittspreisen und Merchandising gewichtige Einnahmen.

Auf der Strecke bleiben vor allem Einrichtungen in der Provinz und an der Basis. Bibliotheken zum Beispiel, die als Teil eines Plans zur Leseförderung von der Vorgängerregierung Zapateros systematisch übers Land verteilt wurden. Sie leisten einen «grossen Dienst an den Fussgängern der Geschichte», schrieb jüngst der Wirtschafts- und Sozialwissenschafter Félix Ovejero. Sie sollten helfen, das Bildungsniveau der Spanier auf europäischen Durchschnitt zu hieven. Der Plan ist nun am Geld gescheitert. Das Beispiel der Dorfbibliothek von Agolada veranschaulicht die Herausforderung bei der Umsetzung der Sparpolitik. «Bei wirtschaftlichen Entscheidungen dürfen wir moralische Kriterien nicht übergehen», schreibt Ovejero in «El País», «der Ausverkauf bestimmter Dinge bricht mit den Grundprinzipien der Gleichheit.»

Hier ein Link zu einem Video aus den 1930er Jahren: García Lorcas Studententheater La Barraca auf Tournee.