Verachtet oder verehrt – Roma in Spanien

Seit 600 Jahren leben in Spanien Roma. Die Ausstellung «Vidas Gitanas. Lungo drom» sucht nach der wahren Identität der Gitanos – und begibt sich auch auf eine Reise durch die Landesgeschichte.

Porträt des Zigeunerkönigs Chorrojumo, Granada, Anfang 20. Jhdt. Foto: Museo de Andalucía

Erschienen in der NZZ, 27.6.2012

«Niemand weiss, wie viele es sind, wo sie sind und was mit den spanischen Zigeunern los ist», sagte der Vorsitzende eines Roma-Verbandes in den 1980er Jahren. Daran hat sich wenig geändert, auch wenn das Leben der spanischen Roma – Schätzungen belaufen sich auf 700 000 bis eine Million – in den vergangenen 30 Jahren viel besser geworden ist. Doch noch immer sind die meisten Gitanos, wie sie sich in Spanien nennen, unsichtbar. Heute liegt es nicht mehr daran, dass sie sich vor Verfolgung verstecken müssen. Seit 1978 sind sie vor dem Gesetz gleich. Es hat einen anderen Grund: «Der Integrationsgrad spanischer Zigeuner ist höher als anderswo in Europa», erklärt der Katalog der Ausstellung «Vidas Gitanas. Lungo drom» (Zigeunerleben. Lange Reise). Viele seien in der spanischen Gesellschaft «verschwunden».

Eine Staatsangelegenheit

Die Ausstellung ist bis 15. Juli in Granada zu sehen. Sie ist Teil des Kulturprogramms der Europäischen Kommission und wandert später nach Madrid, Barcelona, Lissabon, Wien und Budapest. Der Titel präsentiert sich programmatisch auf Spanisch und Caló, der spanischen Romani-Variante; präsentiert werden auf 800 Quadratmetern 400 Objekte. Organisiert ist die Schau vom staatlichen Instituto de Cultura Gitana, von der staatlichen Gesellschaft zur Förderung spanischer Kultur im In- und Ausland AC/E und von der Stiftung der Sparkasse Caja Granada, in deren neu eröffnetem Kulturzentrum sie eingeweiht wurde. Eine Staatsangelegenheit also, eine der ersten Initiativen Spaniens, die belegen soll, dass das Land eine reiche 600-jährige Roma-Kultur hat.

Die Suche nach der Identität der grössten Minderheit Spaniens, deren Angehörige sich selbst oft in Stereotypen wahrnehmen und deren Bild von Klischees überlagert ist, ist auch eine Reise in die spanische Geschichte. Angelsächsische und französische Reisende des 19. Jahrhunderts sahen ihre romantischen Sehnsüchte im Lebensstil der andalusischen Zigeuner befriedigt: der Schriftsteller Washington Irving, der Reiseschriftsteller Richard Ford, der Linguist George Borrow, der Künstler Gustave Doré oder der Schriftsteller Emile Zola.

Schriftsteller und Komponisten wie Federico García Lorca oder Manuel de Falla setzten den Gitanos mit Werken wie «Bodas de Sangre» (Bluthochzeit) oder «El Amor Brujo» (Liebeszauber) ein Denkmal. Der Tourismus-Slogan der Franco-Ära «Spain is different» basierte dann auf exotisch-folkloristischen Elementen und prägte das Image des gesamten Landes. Es funktioniert bis heute: Flamenco-Püppchen gelten als klassisches Souvenir, dabei ist die Tracht eine Erfindung Ware feilbietender Roma-Frauen, die sich üppig gerüschte Volants auf die Kittelschürze nähten, um die Aufmerksamkeit der Marktbesucher zu erregen.

Sozialfälle – oder Künstler

Der Versuch einer Demontage geht ans Eingemachte. Insbesondere der Katalog fördert neue Erkenntnisse zutage. Soziologen und Anthropologen werfen den Gitanos Passivität vor, wenn es ums Zurechtrücken des eigenen Bildes geht. Sie gehen der Frage nach, was die Identität, die «Gitaneidad», ausmacht, vor allem jener Roma, die ein unauffälliges Dasein in den Vorstädten führen und auf die kein Klischee passt, weder das negative der mit Drogen handelnden Aussenseiter noch das positive der Tänzer und Musiker, die mit dem geheimnisvollen Charisma namens «Duende» gesegnet sind. Roma wie Diego el Cigala oder Joaquín Cortés füllen weltweit Theatersäle, und der vor zwanzig Jahren jung verstorbene Camarón de la Isla ist für viele der Flamenco-Gott schlechthin. Das Volk wird in Spanien bis heute entweder verachtet oder verehrt. Knapp 40 Prozent der Schüler sagten 2008 aus, sie empfänden Abneigung gegen die Ethnie – Flamenco-Stars ausgenommen.

Die farbenfrohe Ausstellung beantwortet die Frage nach der Identität nur zum Teil. Sie zeigt Klischeeträger wie ausgetretene Flamenco-Schuhe und abgegriffene Gitarren, projiziert Filme der sechziger bis achtziger Jahre, in denen dunkelhaarige Männer und Frauen mit grossen Ohrringen für eine verbotene Liebe kämpfen oder gegen Verrat aufbegehren, auch mit einem Taschendolch. Dazu kommen Fotos teilweise namhafter Fotografen, die sich von einem selbstbewussten Blick oder einer vielsagenden Geste angezogen fühlen. Gezeigt werden bis zu hundert Jahre alte Archivbilder, wie das von Granadas Zigeunerkönig Chorrojumo (Rauchstrahl), private Fotos aus Familienalben oder preisgekrönte Arbeiten vom Magnum-Mitglied Cristina García Rodero und von der berühmten Madrider Porträtfotografin Isabel Muñoz. In manchen Fotos erahnt man die neue Normalität: Sie zeigen junge Familien, in der Unterschicht etabliert.

Mündlichkeit

Um Nähe aufzubauen, ist das zu wenig. Dieser Mangel ist der oralen Tradition des Volkes geschuldet, das sich unter anderem auch durch seinen nichtlinearen Zeitbegriff vom Rest der Europäer unterscheidet. Ihre Identität pflegen die Gitanos durch mündliches Weitergeben der Erlebnisse der Vorfahren, in einfacher, metaphorischer Sprache. «Die Zeit sitzt im Herzen der Gruppe», sagt ein Patriarch, «für uns bedeutet Zeit immer Gegenwart.» Diese Auffassung verursacht bis heute, neben einem ähnlich ungewöhnlichen Raumgefühl, Probleme im Zusammenleben.

So ist auch die Geschichte der Roma jenseits des 20. Jahrhunderts nur durch Fremdquellen belegt: Aufenthalts- und Durchreisegenehmigungen, Verordnungen zur Verfolgung und Vernichtung, Urteile zur Zwangsarbeit in Minen oder als Ruderer auf den Galeonen nach Lateinamerika bilden die wenigen schriftlichen Zeugnisse der leidvollen Geschichte. Und ein erstes Dokument aus dem Jahr 1425 belegt: Die Vorfahren zogen als Pilger von Indien durch Südosteuropa über die Pyrenäen nach Santiago und Guadalupe.

Seitdem 1979 das erste positive Gesetz zum Umgang mit der Minderheit erlassen wurde, gibt es Spaltungen. Hier die Ghetto-Bewohner, die den Integrierten ihre «Gitaneidad» absprechen. Diese wiederum wenden sich von den armen Verwandten ab. Eine Ausnahme ist Juan de Dios Ramírez-Heredia: Die Parlamentsrede des ersten Roma-Politikers Spaniens von 1978 gilt als Wendepunkt in der modernen Geschichte des Landes. Sie hat die Gleichstellung und den Einstieg in die spanische Gesellschaft gefördert. Heute allerdings tendieren beide Gruppen dazu, sich gegenseitig zu verleugnen. – Einen Identitätsverlust fürchten weder Betroffene noch Beobachter. Die Roma-Kultur sei flexibel wie die Binsen, schreiben zwei Autoren, «ebenso vielfältig wie unpräzise». Trotz wissenschaftlicher Beobachtung und empirischen Studien kann man das eigentliche Wesen hinter dem Klischee nur erahnen.

«Vidas Gitanas. Lungo drom» ist bis 15. Juli im Centro Cultural Caja Granada Memoria de Andalucía zu sehen.

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