Ein guter Gast ist niemals Last · Mallorca und die Deutschen

Quelle: fotosantiguasdemallorca.blogspot.com.es

Was denkt Mallorca von uns Deutschen? Rezeptionisten, Zimmermädchen, Gärtner, Gastronomen, Poolbauer, Strandverkäufer über Dauergäste, Junggesellenabschiede, baumelnde Seelen, Eimertrinken

Erschienen in Mare nº 92 Juni/Juni2012

Einmal die Woche treffen sich Toni Ferrer, sein Schwager Miquel Amengual und ein paar Freunde zum Pokern. Die Altherrenrunde kommt vor dem Essen auf der Terrasse von Ferrers Villa zusammen, umgeben von 100 000 Quadratmetern gepflanztem Dschungel. Zum Aperitif trinken die Mallorquiner Pinya Puig, die Inselvariante der amerikanischen Cola, jemand macht eine Flasche einheimischen Wein auf, die Hausangestellte bringt Oliven, es wird geplaudert, während in der Küche frische pürierte Tomaten, gerührte Eier und Lammkoteletts warten. Ferrer nennt diese Runde „das Dinosauriertreffen“, denn alle, die donnerstags den Weg zu seiner Finca im Inselinnern nehmen, haben ihr Geld mit den Deutschen verdient, als Hoteliers oder Gastwirte. Sie waren die Ersten und nennen sich „die Dinosaurier des Tourismus“.

Übers Geschäft sprechen die Herren nicht. Sie haben es den Kindern übergeben. Einmal die Woche belohnen sie sich für 50 Jahre Schuften, mit Poker, Zigarren und guter Gesellschaft. Auch über ihre Gäste sprechen sie nicht, über diese anonyme Masse, die sich 50 Kilometer südöstlich von Ferrers Finca am Ballermann amüsiert, neun Monate im Jahr. „Die Platja de Palma, den Ballermann, den haben wir erfunden“, sagt Toni Ferrer nach dem Essen und führt dabei eine braune, getöpferte Mokkatasse mit seinem Namen zum Mund. „Wir wollten etwas machen, das den Deutschen gefällt“, sagt er, „nicht unbedingt uns.“ Er nimmt einen Schluck schwarzen, entkoffeinierten Kaffee und stellt die Tasse dann auf das passende Tellerchen in seiner Hand. „Wissen Sie, die Deutschen denken immer, das Ihre ist das Beste.“

Zu dieser Erkenntnis gelangte Toni Ferrer früh, Ende der 1970er Jahre, als aus Gastfreundschaft Industrie wurde und die Freude über Besuch nicht mehr echt war. Damals begannen die Deutschen, sich auf Mallorca zu Hause zu fühlen. Seitdem ist die Insel nicht mehr nur maurisch, katalanisch und kastilisch, andalusisch oder galicisch, sondern auch ein bisschen deutsch. Tausende von Festlandspaniern zogen zum Arbeiten nach Mallorca. Sie umsorgen noch immer die Urlauber und die neue Spezies des Dauergasts, als Kellner, Zimmermädchen oder Rezeptionist. Heute überwintern Deutsche auf Mallorca, machen dorthin ihren Vereinsausflug, feiern Junggesellenabschied und Hochzeitstag, kommen zum Entspannen, lassen die Sau raus, tanken Sonne. Und die Mallorquiner üben sich im Kulissenschieben. Seit fast 40 Jahren dient die Insel den Deutschen als Bühne. Hier stellen sie sich selbst dar, grenzen sich ab vom Rest ihrer Landsleute, führen das Stück von der Klassengesellschaft auf. Wenige Kilometer trennen den Mob vom Snob, hier Ballermann, dort Andratx, dazwischen der neue Trendort Port Adriano. Richtig in die Augen gesehen haben sich Deutsche und Mallorquiner in all den Jahren nicht. Ihre Geschichte ist nicht die einer wunderbaren Freundschaft, sondern die der ewigen Entfremdung.

Sie begann, als Ferrer nach Deutschland fuhr, um zu lernen, wie deutscher Filterkaffee und deutsches Pils schmecken. „Wir hatten ja keine Ahnung“, erzählt er. „Wir verdünnten unseren Kaffee und dachten, das ist es.“ Als er Pils im Fass importierte, in seinen Kneipen deutsche Kaffeemaschinen aufstellte und „Känschn Kaffe“ sagen konnte, da hatte er Erfolg. Reich wurde er, als er ein Pils in sieben Minuten zapfte, seine Kellner das deutsche Bierdeckelsystem zum Abrechnen einführten und ein DJ deutsche Partymusik auflegte. Seitdem sind seine Lokale „Köpi“, „Lugano“, „Gondola“ und „Siena“ acht Monate im Jahr voll, ebenso wie deren Nachahmer, das „Bamboleo“, das „Oberbayern“, der „Bierkönig“ oder der „Megapark“. Seitdem Toni Ferrer in Deutschland den Filterkaffee und das Sieben-Minuten-Pils kennengelernt hat, seitdem gibt es auf Mallorca eine Bierstraße. „Auch meine Erfindung“, sagt der 68-Jährige und zieht einen Mundwinkel nach oben. Ferrer und sein Schwager Miquel Amengual haben als Küchenhilfe und Hotelboy angefangen, mit zehn und 14 Jahren, in den ersten Hotels einer damals kaum bebauten Bucht, die sich von Can Pastilla in Palma bis nach S’Arenal bei Llucmajor erstreckt: acht Kilometer Naturstrand, Sonntagsfrischler aus Palma, getrennte Badeanstalten für Damen und Herren, hier und da eine Kuhherde hinter den Dünen.

Die ersten ausländischen Urlauber holte man mit dem Auto vom Flugplatz ab (der damals noch auf der anderen Seite der Stadt lag), weil sich das so gehörte. In der Küche stellte die Großmutter derweil die Paellapfanne auf den Gasofen. „Mallorca war damals exotisch, ideal für Flitterwöchner“, erzählt Amengual. Heute fliegen die Schwäger aufs Festland zum Golfen, während in ihren Kneipen die Stammgäste mit den Kellnern schunkeln und sich beim Vornamen nennen. Pedro Crespo Jiménez tut das seit 32 Jahren. Der Andalusier kennt seine Gäste und sie ihn. Wenn sie ihren angestammten Stehtisch wiedergefunden haben, die erste Runde bestellen, dabei in seine braunen, gutmütigen Augen sehen, dann hat der Urlaub begonnen. Wenn sie sein „Moagän!“ hören und sein „Fia Bia, geanä“, dann lachen sie, legen den Arm um ihn, singen ihm ins Ohr. Pedro Crespo Jiménez gehört zum Ballermann wie die Palmen und die Liegestühle. Er ist seit 1979 da, verändert sich nur unmerklich. „Meine Gäste mögen es, wenn ich mit ihnen feiere“, sagt er lächelnd. „Ich mache jeden Spaß mit. Dafür sind sie dankbar.“ Er lebt in einem Apartmentblock, ein paar Straßen von seinem Arbeitsplatz entfernt, zwischen zwei Hotels. „Früher hat mich der Trubel gestört, jetzt habe ich mich daran gewöhnt“, erzählt er, während er mit dem Lappen die noch leeren Tische wischt. Es ist Vormittag, die Wellen glitzern schon in der Sonne, ein paar Kunden sitzen unter der Markise der Kneipe und genießen bei einem Kaffee den Meerblick.

Einmal wollte er wissen, warum die Deutschen so oft kommen. Vor 15 Jahren reiste er in den Norden, besuchte Stammgäste. Nach einer Woche Wuppertal im Januar hatte er gelernt, dass in Deutschland „nie die Sonne scheint“. Und nach einer schweigsamen Fahrt in der Schwebebahn wusste er, dass „die Deutschen in Deutschland nicht miteinander sprechen“. Die Kippen musste er dort vom Boden aufheben, rauchen durfte er nur auf dem Balkon seiner Gastgeber, „und bei uns tanzen sie auf den Tischen“. Die Stimmung an der Platja de Palma ist zwischen April und Oktober fröhlich, zwischen Ballermann 5 und 8 ist sie ausgelassen. Das Treiben ist den Einheimischen peinlich, sie fragen sich, wo die Deutschen ihre Erziehung gelassen haben und ihren Ruf des sauberen, korrekten Volkes.

Den Namen Ballermann haben die Deutschen, wohl in angeheitertem Zustand, aus dem spanischen Begriff für Strandbad, balneario, geformt. Aus den ehemaligen Badeanstalten für Damen und Herren sind heute elf durchnummerierte Edelstahlpavillons mit Ausschank und Stehtischen geworden, die den langen Strand übersichtlich machen. 138 Hotels mit 42 000 Betten stehen in der Bucht. Die Stadt Palma, in der knapp 400 000 Menschen leben, erwirtschaftet elf Prozent ihrer Einnahmen am Strand. Seit Francos Tod 1975 dürfen Männer und Frauen dort gemeinsam feiern. 1971 landete der erste Charterflieger der Welt auf Mallorca; im Todesjahr des Diktators waren schon sieben Millionen Deutsche zu Gast. Seitdem staunen die Mallorquiner. Gerade noch Ganzkörperbadeanzug, jetzt schon Po-Tattoo. Gerade noch wertloses, sandiges Land, das dem Jüngsten vererbt wurde, jetzt schon Selbstläufer, Goldesel und touristisches Thermometer für die ganze Insel.

„Ist der Ballermann ausgebucht, wird die Saison gut“, sagen die Dinosaurier und mischen die Spielkarten, weit weg, im Inselinnern. Viele Insulaner geben nicht gerne zu, dass sie alle vom Tourismus leben, Kindergärtnerinnen und Kriminologen, Physiker und Pförtner, Botaniker und Bäcker. Sie haben auf der Insel ein Auskommen dank des Pappidylls am Strand. Tausende Saisonarbeiter bauen es jedes Jahr wieder auf, ein paar Einheimische betreten es zum Arbeiten, die meisten kennen es nur vom Hörensagen. Es stört sie, dass viele Deutsche glauben, sie kennten die Insel besser als die Einheimischen. Sie wissen nicht, dass die Deutschen mit ihrer Insel so viel Widersprüchliches verbinden. Die einen verabscheuen sie, die anderen nennen sie ihr Eigen und haben sie unter sich aufgeteilt. Es ärgert sie, wenn sie zu ihnen sagen: Wenn wir nicht gekommen wären, säßt ihr heute noch auf den Mandelbäumen.

Wenn sie unter sich sind, im Winter, und Kohl mit Drosseln essen, dann träumen die Einheimischen. Dann leben sie ihre Schizophrenie aus, wünschen sich ein bisschen zurück in die feudale Zeit, als sich das Leben im Inselinnern abspielte und die Welt noch klein war, als es Gutsherren und Tagelöhner gab und sie das Meer nur aus der Ferne kannten. Beim Kräuterschnaps machen sie dann aus ihrer Insel ein Filmmekka und Messezentrum, rühmen Mallorca für seine Sport- und Kunstevents, nennen die Insel ein Kleinod voller Weltkulturerbe und frühgeschichtlicher Schätze, sagen, sie sei berühmt für ihre Sterneköche und Spitzensportler. Und dann, wenn es dämmert, werden sie trübsinnig. Sie haben all das, wovon sie träumen. Aber es hilft nichts. Auf ihrer Insel dreht sich doch immer wieder nur alles um goldfarbene Sandkörnchen, glitzernde Wellen und glückliche Deutsche. Hochglanz und Postkarte, wohin sie blicken. Mehr als 80 Prozent des mallorquinischen Wohlstands werden am Strand erwirtschaftet.

Dort blühen die Träume der forasters, der Auswärtigen. „Welcome to my dreams“, flüstert Rubén García sechsmal die Woche ins Mikrofon, in den Bars der Strandhotels. Der attraktive Entertainer, vor 37 Jahren im Hinterland geboren, fühlt sich als Reinkarnation von Frank Sinatra und Elvis Presley. Mit Hut, dreiteiligem Anzug und einer Musikanlage „erster Kategorie“ singt er „Fly Me To The Moon“, „In The Ghetto“ und drei Dutzend anderer Lieder. Früher war er Kellner, doch mit seiner Nostalgieshow hat er das einstige Monatsgehalt von 1000 Euro mit ein paar Auftritten drin. Heute, in einer lauen Frühsommernacht, beim Geruch der Kiefern, sitzen die Gäste des Hotels „Barceló Pueblo“ auf der Terrasse und warten frisiert und geduscht. Viele sind grau meliert, manche sitzen alleine, manche als Paar an einem der Tische. Das Haus hat vier Sterne. Rubén zündet sich eine Zigarette an. Noch 30 Minuten bis zum Auftritt. Nicht alle 25 Tische sind besetzt. Rubén sagt, nächste Saison wolle er nur noch in den Fünfsterneh.usern singen, nicht mehr hier an der Platja de Palma, wo die Leute mit Salz in den Haaren und Badelatschen zur Show kommen und „darauf warten, dass ich ihnen in den Hintern krieche“, wie er sagt. „Aber das mache ich nicht.“ Seine Würde müsse man wahren, meint er, „vor allem bei den All-inclusive-Leuten“. Rubéns Traum heißt Theaterbühne. Die wahre Kunst spiele sich dort oben ab, nicht vor deutschen Pauschalurlaubern, die keine Miene verziehen und ab und zu am knallroten Cocktail nippen. „Wissen Sie, eigentlich mache ich beim Publikum keine Unterschiede“, sagt er und zieht an seiner Zigarette, „aber die Deutschen, die sind wie Barça [Kurzname des Spitzenfußballclubs FC Barcelona, die Red.]: Die brauchen eine lange Aufwärmphase. Wenn man will, dass sie klatschen, darf man sie nicht überfallen.“ So dribbelt er sich also vor, nachdem die Zigarette geraucht und ein Glas Wasser geleert ist.

Er spricht zwischen den Liedern von „meine große Traum“, summt ins Mikro, setzt sich auf den leeren Stuhl neben einer älteren Frau, erzählt aus seiner Kindheit. Ist es allen warm ums Herz, und nur dann, beginnt er, vielleicht nach dem zehnten Lied, sich sanft im Takt eines Liedes zu wiegen, das aus der Anlage tönt. Schließlich stimmt er „Always On My Mind“ an. „Balladen sind gefährlich“, sagt er nach dem Ende der Show in der Umkleide. „Viele ertragen sie im Urlaub nicht, die werden richtig sauer.“ So dünnh.utig sind Enrique Carmonas Kunden nicht. Sie sind zu jung, um von unterdrückten Sehnsüchten und fast vergessenen Enttäuschungen geplagt zu werden. Nichts kann ihnen die Ferien verderben, solange die Urlaubskasse voll ist, der richtige Spruch auf dem T-Shirt steht und das Trink-Timing stimmt. Sein Kiosk steht am Ballermann 7.

Der Mittvierziger verkauft dort von acht bis 23 Uhr Proviant: Süßes, Saures, Bier,hochprozentigen Alkohol in Plastikflaschen. Carmona steht hinter dem Tresen, zwischender Kasse und einem Zehn-Liter-Gurkenfass. Essiggeruch tränkt die Luft. „Die passen einfach super zu Bier“, sagt er. „Und unser Wodka ist gar nicht so schlecht. Sie müssen ihn mal probieren, die mischen ihn mit Fruchtsaft. Mir schmeckt das.“ Enrique Carmona verkauft alles außer blaue Fünf-Liter-Eimer. Die bekommt man in Geschäften an der Promenade für zehn Euro, inklusive einer Flasche Alkohol, drei Flaschen Limonade oder Energydrink und einem Bund langer Strohhalme, die Eiswürfel gibt’s an der Kasse.Die Kübel müssen verschwinden“, sagt er. „Aber wie? Man kann den Leuten ja nicht verbieten, am Strand Alkohol aus Eimern zu trinken.“ Ein deutsches Pärchen will zwei Flaschen Bier kaufen. „Four“, sagt Carmona und hebt vier Finger in die Luft. „Eines steht fest“, sagt er und kassiert die vier Euro, „jeder hat die Touristen, die er verdient.“

Welche Besucher sich Mallorca verdient hat, darüber grübeln auch die Dinosaurier, wenn sie unter sich sind. Eigentlich mögen sie die Ballermänner nicht, aber wen interessiert schon Sympathie, wenn es ums Geschäft geht? „Die Platja de Palma war unberührt, als wir anfingen“, sagt Hotelier Miquel Amengual, „heute herrscht dort der Wahnsinn.“ Mehr sagt er dazu nicht. Manche Insulaner machen die Dinosaurier für die Entfremdung verantwortlich und dafür, dass es jetzt diese weißen Flecken auf der Landkarte ihrer Heimat gibt. Gegenden, die sie im Traum nicht betreten würden. Manche sagen, Amengual und seine Kumpel hätten die Insel zerstört. Andere sagen, er und seine Konkurrenten seien die heimlichen Herren der Insel. Sie sagen, die Familien Riu, Fluxá, Barceló, Escarrer, Ferrer, Amengual, Cursach und Pascual bestimmten die Politik, und sie hätten nicht nur die Platja de Palma fest in der Hand. Die Mallorca-Maschinerie läuft dank der braun gebrannten Biertrinkercliquen im September, der johlenden Eimertrinkergruppen im Juli und der Rentnerpärchen im Winter, die zu Hause Strom sparen und wochenlang im überheizten Strandhotel wohnen. Ihretwegen gibt es so viele Charterflüge und Hotelbetten, ihretwegen gibt es deutsche Drogeriemärkte und Discounter, ihretwegen ist das Argument der guten Anbindung in aller Munde. Ihretwegen kann man auf Mallorca eine Finca besitzen, ohne ein Wort Spanisch, geschweige denn Mallorquinisch, zu verstehen. All das geht, weil deutsche Pauschaltouristen die Flieger füllen, um dann an Orten wie dem Ballermann wie Ölsardinen am Strand zu liegen. Sie ermöglichen wohlhabenden Pendlern deren Leben zwischen Hier und Dort: Deutsche, die den Ballermann noch nie betreten haben und sich 45 Kilometer westlich davon zu Hause fühlen.

Leute wie Birgit und Hans-Heinrich Müller aus Hamburg zum Beispiel. Sie haben ihr Dritthaus in Andratx. Das Dorf liegt im äußersten Westen der Insel, wo das Tramuntana- Gebirge beginnt. Jahrhundertelang war es von Palma nur über eine kurvige, staubige Küstenstrasse erreichbar, heute braucht man auf der Schnellstraße 20 Minuten. Die beiden gehören zu einer Gruppe von Teilzeitresidenten, die Forscher als „Antitouristen“ bezeichnen. Sie bewegen sich antizyklisch zwischen ihren Häusern, scheuen die Massen. Manche machen ihr Geschäft mit der Vermietung ihrer Mallorca-Villen im Sommer.

Hans-Heinrich Müller, ehemaliger Manager, wollte „mit 55 raus aus dem Teufelskreis“ und fragte sich: „Wo gehe ich hin mit meinem Geld?“ „Der Traum, in den Süden zu ziehen“, wurde vor zwölf Jahren auf Mallorca wahr, wegen der guten Anbindung und der Sicherheit, die eine Insel bietet. „Hier im Hafen finden die auch einen Insektenspray im Kofferraum. Da kann man nichts wegschaffen“, sagt er. Sylt sei wegen des Klimas nichts fürs ganze Jahr und „Südfrankreich eine einzige Katastrophe, da liegen Sie hinten am Pool und vorne räumen die Ihnen das Haus aus“. Birgit Müller entwirft auf der Insel Küchen für ihresgleichen, denn „die Spanier geben kein Geld dafür aus, und wenn, dann kaufen sie beim Schwager“. Deutsche Villenbesitzer wünschten sich Küchen ab 50 000 Euro im nordamerikanischen Hamptons- oder im britischen Landhausstil, erzählt die zierliche, blonde Frau. „Manchmal stelle ich einen mediterranen Entwurf dagegen, mitgewischten Wänden und ein bisschen Terrakotta, damit man weiß, wo man gerade ist.“

Auch Handwerker wie Poolbauer Frank Mestre und Gärtner Tolo Font statten die Villen mit Luxus aus. Ihr Leben ist vom deutschen Ferienkalender bestimmt. Vor Ostern und im Sommer haben sie Stress. Gärten und Pools sollen der Persönlichkeit ihrer Besitzer entsprechen und ähneln sich dabei. Mestre baut keine Pools, sondernWasserlandschaften, die um die 100 000 Euro kosten. Seine Kunden, viele Deutsche, aber auch Dänen, Schweden und Russen, haben ein Haus auf einem Hügel namens Sa Mola, der die Bucht säumt und einen Blick auf den Hafen von Andratx wie auch aufs offene Meer bietet. Sie wollen organisch geformte Becken aus weißem Fiberglas, Glas und Naturstein, mit Überlauf und Kaskaden, wie sie sie beim Nachbarn gesehen haben. Frank Mestre kam mit 18 aus Frankreich. Die ersten Jahre lebte er in einer Hippiekolonie im Hafen, feierte bis spät in der heute zugebauten Bucht, frühstückte mit den Fischern. Das war vor 30 Jahren. Heute beschäftigt er rund 65 Leute und fährt einen bronzefarbenen Wagen mit Allradantrieb. Sein Handy ist 24 Stunden empfangsbereit.Meine Kunden rufen auch samstagabends um elf an, weil die Poolbeleuchtung nicht funktioniert“, sagt er und läuft zu seinem Auto, das er in zweiter Reihe am Hafen geparkt hat. Er winkt der Politesse zu, steigt ein, schaltet die Warnblinkanlage aus und dreht den Zündschlüssel. „Langsam wird es hier voll“, sagt er, „die richtig Reichen ziehen weiter.“

Tolo Fonts Gärten kosten ab 60 000 Euro, „mediterran und pflegeleicht“ wollen sie seine deutschen Kunden, erzählt er, während er einen Kleintransporter über die Landstraße vom Dorf zum Hafen lenkt. Die Zypressenhecken könnten dabei nicht dicht genug, die Palmen nicht hoch genug und die Olivenbäume nicht alt genug sein. Auch Rasen liebten sie, sagt der 45-Jährige, „und wenn ich dann ein Jahr später vorbeifahre,sehe ich das Unkraut sprießen“. Mit 22 Jahren Berufserfahrung wundert sich Font immer noch über vieles, was die Deutschen tun und lassen, aber Fragen stelle er keine, sagt er, „da bin ich ganz Mallorquiner“. Er sehe es den Kunden mittlerweile sofort an, ob sie ihren Garten wirklich pflegen oder nur aus einer Laune heraus haben wollten, sagt er und biegt in eine Schotterstraße ab. Sie führt ein paar hundert Meter zwischen zwei Mandelplantagen hindurch und endet dann vor dem dunkelgrauen Gartentor einer Villa. Seit Jahren kommt Font einmal die Woche hierher. Den Garten hat er angelegt, für 265 000 Euro. Die Besitzer kennt er nicht, alles läuft über den deutschen Verwalter, der gebrochen Spanisch spricht und im Dorf lebt. Jetzt, im Frühsommer, muss vor allem der Rasen gegossen werden. Der schaffe ein angenehmes Mikroklima und verhindere, dass sich der Garten zu sehr aufheizt.Mit einem Rasen können Sie auch im August mittags am Pool liegen“, sagt er, während er im Handschuhfach nach der Fernbedienung für das Tor sucht.

Font ist im Dorf aufgewachsen. In seiner Kindheit war Andratx noch klein und das Leben karg. Viele Bewohner wanderten im 19. Jahrhundert nach Kuba aus, wenn es mit dem Hunger ganz schlimm wurde. Manche stiegen dort zum Plantagen- oder Fabrikbesitzer auf und sahen die Heimat nie wieder. Andere kehrten zurück, kauften Felder, hüteten Schafe, machten Kohle im Wald. Die Enkel haben die Äcker dann ein paar Jahrzehnte später als Bauland für Ferienhäuser teuer verkauft. Viele Straßen in Andratx tragen Namen kubanischer Dörfer. Sie zeugen von der vortouristischen, harten Zeit. Und auch die Tag und Nacht geschlossenen Fensterläden an den engen Straßen und die wortkarge Art der Dörfler erinnern an jene Tage, in denen die Andritxols noch unter sich waren. Heute liegt der Ausländeranteil bei knapp 30 Prozent. Ein großer deutscher Drogeriemarkt am Ortseingang verweist auf die Verhältnisse. Früher stand dort das Autohaus des wegen Korruption inhaftierten ehemaligen Bürgermeisters. Das deutsche Ándratx, das mit Betonung auf der ersten Silbe, ist elitär. Es hat mit dem anderen Andratx der Mallorquiner, gesprochen Andráitsch, nur wenig Schnittflächen, eigentlich nur die Mestres und Fonts, die Dienstleister. Die beiden kämpfen an vorderster Front, gegen das Sprachproblem und gegen deutsche Konkurrenten, die ihnen das Geschäft mit den Reichen wegnehmen wollen. Wenn sie das nicht hätten, wozu dann alles ? Das deutsche Mallorca ergibt für die Einheimischen nur einen Sinn, wenn es mit Geschäft verbunden ist.

Eindringlinge wie Guido Birk sind nicht gern gesehen. Der Bademodendesigner aus dem Ruhrgebiet hat eine Nische entdeckt. Er verkauft im Hafen Bikinis, Badeanzüge, Pareos und Tunikas, mit Brüsseler Spitze und Swarovski-Steinen. Sie kosten zwischen 200 und 600 Euro. Vor ein paar Sommern hat die spanische Königin bei ihm geordert, im Winter berät er in der Umkleide mallorquinische Hoteliersgattinnen, die die Nebensaison für einen Urlaub in der Karibik nutzen wollen. Doch Port d’Andratx, die traditionell erste Adresse unter deutschen TV-Promis und Models, verliert Glamour. „Das geht hier den Bach runter“, sagt Birk. Zum ersten Mal in acht Jahren musste er vergangenen Sommer ein Schild aufhängen: „Bitte das Geschäft nicht in Badekleidung betreten.“ Er ist noch immer empört. „Meine Kunden fühlen sich von diesen Erstfliegern, diesen Mallorca-Neulingen, die mit Bikini und Rucksack shoppen gehen, gestört.“ In Birks Boutique ist die Berührungsangst der Deutschen spürbar. In Port d’Andratx, einem der schönsten Naturhäfen des Mittelmeers, entwickeln sie Revierdenken.

Die Mallorquiner schauen zu, wie die bessere Gesellschaft weiterzieht und der Mob nachrückt. Ihre Waffe heißt Geduld. Es seien schon viele gekommen und gegangen, sagen die Einheimischen und setzen damit die Deutschen mit Phöniziern, Römern, Vandalen oder Mauren gleich. Neues Ziel der Eroberer ist Port Adriano. Es liegt vier Buchten weiter, näher an Palma. Die Insel ist hier nicht mehr erkennbar. Der französische Stardesigner Philippe Stark hat den Hafen entworfen. Ein Anlegesteg bietet nun Platz für Yachten über 30 Meter und verbindet Mallorca erstmals mit Luxushäfen in Südfrankreich und auf Sardinien. Große Schiffe fanden im westlichen Mittelmeer bislang nur an der Côte d’Azur und der Costa Smeralda Platz. Bruno Elain, 37-jähriger Gastwirt aus Frankreich, gehört zu den neuen Geschäftsleuten. „Was denken Sie?“, fragt er strahlend. „Wo sind wir hier? Auf keinen Fall Mallorca, stimmt’s ? Das hier ist ein außergewöhnlicher Ort, so modern und chic wie Zürich, London und New York.“ Das Bistro und das Restaurant auf der neuen Mole hat er in Türkis und Weiß gestaltet, „auf keinen Fall rustikal !“, ruft Elain und meint damit den typischen Mallorca-Stil. Der wurde vom Geschmack des Landadels geprägt, der jahrhundertelang das Sagen hatte: schwere Tische, dicker Vorhangstoff, braunes Tongeschirr, Holzkellen. Auch von pikanter Paprikawurst, bitteren Oliven, gewürfelten Tomaten, von Schlachtpfanne, Gemüsepizza, Schmalzschnecken und mit Schwein und Erbsen gefüllten Teigtaschen ist nichts zu sehen. Auf Elains Karte steht internationale, kalorienarme Küche, viel Fisch und Gemüse, „kaum gewürzt“. Seinen Kellnern hat der Wirt im Vertrag verboten, die Kunden um Autogramme zu bitten. Sie sollen auch „um Himmels willen nichts fragen“, sagt er und lehnt sich lachend in dem hellen Korbstuhl auf der Holzmole zurück. Sein Blick schweift über die ankernden Yachten. Er kenne alle Besitzer, sagt er. „Unsere Gäste haben auf dem Fußballplatz oder vor der Kamera alles erreicht“, sagt er, „bei uns können sie ungestört entspannen.“ Blickt man von oben auf die Marina, kann man an den Werbetafeln der Geschäfte und Restaurants das neue Mallorca-Modell erkennen. Nicht all inclusive, ganz exklusiv.

Der Hafen mit dem Kunstnamen ist ein steriles Stück Deutschland am Mittelmeer. Ein Hamburger und ein Sylter Restaurant haben sich niedergelassen, eine österreichische Immobilienmaklerin, ein Düsseldorfer Yachtbauer, deutsche und britische Wartungsfirmen und Broker, ein italienischer Wirt und eine Modeboutique. Miquel Amengual, der Dinosaurier, lässt neuerdings oft seinen Blick über das Transplantat schweifen. Was er davon hält, sagt er nicht. Der 67-Jährige steht oberhalb des Hafens, auf der Steilküste, im Foyer eines Fünfsternehotels. Er blickt durch die Glasfassade aufs Meer. Das Hotel gehört ihm. Er hat es vor zehn Jahren halb fertig gekauft, als die Betreiberfirma bankrottging. Es ist sein drittes. 650 Angestellte arbeiten für ihn. Sein Geld hat er mit dem Massentourismus verdient, jetzt setzt Amengual auf Elite. „Wissen Sie“, sagt er, „meine Eltern haben den Tourismus noch mit der Hand betrieben, wenn Sie so wollen. Wir haben daraus eine Industrie gemacht. Und als Industrieller muss man sein Angebot diversifizieren.“ Das Hotel von Amenguals Eltern stand in einer Bucht im Nordosten der Insel.

Die Familie wohnte auch darin. Es hatte zehn Zimmer, fünf davon belegten Miquel Amengual und seine Geschwister. Wenn im Sommer die Urlauber kamen, mussten die Kinder im Wohnzimmer schlafen. „Die Gäste waren zufrieden, wenn sie kamen, und wir waren zufrieden, wenn sie wieder fuhren“, sagt er schmunzelnd. Man trank Wein, spielte Gitarre, unternahm Ausflüge im Fischerkahn. Heute ist alles kompliziert. Die Mallorquiner, diese Routiniers, kennen sich nicht mehr aus. Fast scheint es, als sei ihre Gastfreundschaft nicht mehr gefragt. Nur ein Einheimischer ist unter den Dienstleistern in Port Adriano: Miquel Amengual. Er steht oben in seinem Hotel und betrachtet das Treiben an den Molen. Es gibt Deutsche, die sagen, Mallorca wäre das Paradies, wenn die Mallorquiner nicht wären.

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