Recht auf Sternenlicht

Die meisten der zertifizierten Reiseziele mit einem schönen Blick auf die Sterne liegen in Spanien. Sie könnten schon bald von der Unesco geschützt werden – in der neuen Kategorie des astronomischen Welterbes.

360º-Aufnahme der Milchstraße. Quelle: European Southern Observatory.

Erschienen in der NZZ, 14.6.2012 · Während die einen zum Mond fliegen, pflegen die anderen ihre Sehnsucht danach. Für Melancholiker gibt es seit einiger Zeit zertifizierte Orte, an denen sie sich ihren Träumereien hingeben können: Sie heissen Fenster zum Universum, Sternenparks oder Sternenlicht-Reservate und zeichnen sich durch einen besonders guten Blick in den Nachthimmel aus. Dahinter stehen die Internationale Astronomische Union (IAU), die Unesco und die Stiftung Starlight Finder Foundation, die die Zertifikate vergibt. Sie wurde 2007 auf der kanarischen Insel La Palma gegründet, wo die Europäische Nordsternwarte stationiert ist.

Wissenschafter, Umweltschützer, Regierungsvertreter und Mitglieder von Organisationen aus 26 Ländern haben sich zusammengetan, um die erste «weltweite Erklärung zum unveräusserlichen Recht auf Sternenlicht» zu verfassen. Die Unesco will diesen Sommer die neue Kategorie des astronomischen Welterbes einführen. Die drei Vereinigungen wollen den Erdbewohnern den Blick in einen dunklen, sauberen Sternenhimmel bewahren und schützen deshalb Orte, an denen keine Licht- und Luftverschmutzung herrscht.

Die IAU prophezeit, dass in 25 Jahren die Milchstrasse über Europa kaum mehr sichtbar sein wird. In den meisten europäischen Städten ist schon heute nur noch ein Bruchteil von dem zu sehen, was am Firmament steht. Dementsprechend liegen die ausgezeichneten Orte in dünnbesiedelten Gegenden: am Ufer von Stauseen, in Wüsten oder im Gebirge. Zehn davon verbinden nun Wissenschaft mit Tourismus. Nachdem im Jahr 2011 die Gegend um Alqueva im Süden Portugals zur weltweit ersten Starlight-Destination gekürt wurde, kommen nun weitere Reiseziele für Himmelsanbeter dazu, die meisten davon in Spanien, und zwar in der Extremadura, in den Pyrenäen oder im nördlichen Zentralspanien. Auch in Chile und Neuseeland gibt es zwei Destinationen. Dort kann man den Himmel betrachten, nachtaktive Tiere beobachten oder im Mondschein wandern.

Die Starlight-Finder wollen nicht nur den Himmel schützen. Sie wollen das Konzept Sternenlicht-Reservat populär machen. Es verbindet Sternegucken mit Naturschutz und soll einen Bewusstseinsprozess in Gang bringen. Den umschrieb der britische Astronom Clive Ruggles jüngst folgendermassen: «Jede menschliche Zivilisation hat einen Himmel und strebt danach, zu verstehen, was die Menschen dort sehen. Astronomie ist nicht nur eine moderne Wissenschaft, sondern auch ein Spiegel davon, wie sich die Menschheit in Bezug zum Universum wahrnimmt.»

In diesem Sinne ist der Himmel Objekt wissenschaftlicher Untersuchungen und Identitätsstifter der Menschheit zugleich. Astronomisches Welterbe Auch die Unesco sieht das so: Zusammen mit der IAU, die am 24. August in Peking tagen wird, will sie erste Orte bekanntgeben, die als astronomisches Welterbe geschützt werden könnten. In dem Katalog sind archäoastronomische Stätten wie Steinkreise der Megalithenkultur oder mittelalterliche Observatorien verzeichnet. Und es sind Orte gelistet, an denen die Menschen von ihrem Recht Gebrauch machen können, mit blossem Auge die Sterne zu zählen.

www.astronomicalheritage.net, www.starlightfinder.com, www.iau.org

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