Abenteuer Bahn

 Andalusiens reiches Erbe kann man neuerdings im historischen Luxuszug Al Andalus erkunden. Die vornehme Zeitreise beginnt und endet jeweils in Sevilla.

Foto: feve

Erschienen in der NZZ, 8.6.2012 · Zum Entspannen die Füsse auf Art-nouveau-Polstern ruhen lassen, zum Lesen den bronzenen Schalter einer Tischlampe umlegen, morgens vom Glöckchen des Rezeptionisten geweckt werden. – An all das gewöhnt man sich in sechs Tagen und fünf Nächten. So lange dauert nämlich die Reise, die man seit vergangenem Mai in dem historischen Luxuszug Al Andalus unternehmen kann. Sie beginnt und endet in Sevilla, führt nach Córdoba, Úbeda und Baeza, Granada, Ronda, Cádiz und Sanlúcar sowie nach Jerez.

Dabei tauchen verschiedene Epochen auf: das Mittelalter, das in Andalusien gar nicht finster war, weil dort die Araber ihre hochzivilisierte Lebenskultur pflegten; die Romantik, während deren erste europäische Reisende Andalusien entdeckten und als exotisch wahrnahmen; der spanische Barock, der nicht umsonst «Edad de Oro» (Goldenes Zeitalter) hiess; und schliesslich die Belle Epoque, jene Zeit zur Wende vom 19. zum 20. Jahrhundert, die von Genuss und Wohlstand geprägt war. Aus ihr stammt auch der Luxuszug. Dessen 16 Wagen sind vor rund 100 Jahren gebaut worden. Somit sind sie nicht ganz so alt wie jene des Orient-Express, der 1883 die Mode der rollenden Luxushotels begründete.

Uns fällt es nicht schwer, den Lebensstil von damals zu übernehmen. Während der Zug fast 1000 Kilometer zurücklegt, verbringen wir die Reisezeit mit Frühstücken, Stadtbesuchen, Mittagessen, Plaudern, Abendessen und Staunen – auch darüber, dass wir jeden Tag rund fünf Stunden beste andalusisch-arabische Küche geniessen, bei der oft Rosinen, Orangen, Zimt und Minze ins Hauptgericht gehören. In Úbeda essen wir kalte Knoblauchsuppe mit Mandeln in einem Renaissance-Palast, der zum Unesco-Welterbe zählt. In Sanlúcar de Barradema sitzen wir am Flussufer des Guadalquivir im berühmten Fischrestaurant Casa Bigote und verspeisen Kroketten, gefüllt mit gedörrtem Thunfisch, Seespinne und Seeigel. Und im gedämpft beleuchteten Speisewagen geniessen wir später ein Sherry-Rosinen-Eis, während draussen Bergketten, Felder und Olivenhaine vorüberziehen. – Der Zug erreicht eine Geschwindigkeit von bis zu 120 Kilometern pro Stunde.

Unser Wissen nimmt ebenfalls rasant zu; nicht zuletzt dank unterhaltsamen Reiseführern wie Carmen. In der Kathedrale von Granada etwa führt sie uns szenisch vor, wie die Alhambra, die muslimische Trutzburg, im Jahr 1492 eingenommen wurde. Und sie schildert eindrucksvoll, wie der letzte Emir von Granada nach zehnjährigem Krieg schliesslich Isabella I. von Kastilien den Schlüssel der Stadt überreichte. Und sie weist auf die weitreichenden Folgen dieses Schrittes hin: Seither ist Spanien offiziell katholisch. Bronzeschlüssel sind auch ein beliebtes Souvenir im Alcaicería-Markt von Granada. Dort erleben wir einen orientalischen Basar auf europäischem Boden. In gebrochenem Spanisch oder Englisch bieten junge, zugewanderte Marokkaner Kunsthandwerk aus Spanien und Nordafrika an: nicht nur passende Souvenirs wie Leder- oder Keramikarbeiten, sondern auch unpassende wie den «Sombrero de charro», den Mexikanerhut, der seit Jahrzehnten von unbedarften Touristen mit Spanien assoziiert wird. In dem einst maurischen Markt wird die Globalisierung greifbar.

Die Zeitreise führt weiter nach Ronda, einem Städtchen im dünn besiedelten, gebirgigen Hinterland von Marbella. Der weisshaarige Stadtführer Pedro liebt Frauen, Stiere und Tapas, wie er gleich zu Beginn gesteht. Er ist ein Iberer der aussterbenden Art und führt uns zuerst in die Arena. Sie stammt aus Goyas Zeit und wird nurmehr an drei Tagen im Jahr für das grosse Spektakel geöffnet. Wer die besten Toreros der Welt sehen will, muss mindestens 300 Euro bezahlen. Beim Rundgang durch das Städtchen wird uns die abenteuerliche Lage des Ortes bewusst. Die Häuser stehen auf 100 Meter hohen Felsmassiven direkt am Ufer des Flusses Guadalevín. Eine Brücke, die fast ebenso hoch ist, führt darüber und verbindet beide Teile der Altstadt. Während wir von der Brücke hinabblicken, erzählt Pedro von Überfällen und Unfällen und lässt diverse Guerilleros, Schmuggler und Wegelagerer aufziehen, die während des Befreiungskrieges im 19. Jahrhundert hier ihr Unwesen trieben. Die Gegend war so unsicher und menschenleer, dass sie schliesslich mit Bauern aus dem Norden besiedelt wurde. Viele blauäugige Andalusier, darunter auch Pedro, zeugen heute noch davon.

Trotzdem: Reisende wie der Schriftsteller Washington Irving oder der Künstler Gustave Doré liessen sich im 19. Jahrhundert vom Leben der Gesetzlosen beeindrucken und verbreiteten in Europa ein romantisches Andalusien-Bild. Bis heute zieht dieses an die 30 Millionen Besucher pro Jahr an. Diese Zahl lässt die Befürchtung aufkommen, dass man vor Monumenten wie der Moschee von Córdoba oder der Alhambra in Granada stundenlang Schlange stehen muss. Bei dieser Zugreise sind solche Ängste aber unbegründet, denn alles ist von langer Hand vorbereitet und funktioniert perfekt, so dass die Reisenden des «Al Andalus» nirgendwo anzustehen haben.

Als wir am sechsten Tag in Sevillas modernem Bahnhof Santa Justa einrollen, wollen wir gar nicht mehr aussteigen. Hat man einmal zwischen Damast-Sonnenrollos, holzvertäfelten Wänden und marmornen Waschbecken gelebt, ist es nicht leicht, in die Realität der Gegenwart zurückzukehren. Dem Staunen beim Einsteigen folgt nun ein Seufzen beim Aussteigen, nachdem wir die Tür unserer Suite ein letztes Mal zugezogen haben. Dahinter verschwinden die Art-nouveau-Polster und das Tischlämpchen. Sie hatten uns sechs Tage und fünf Nächte lang geadelt.

www.trenalandalus.com

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