Krähen, Störche, Prozessionen

Eine Reise nach Cáceres, am Lichtmesstag

Sonnenaufgang hinter Balustraden, Krähen an efeubewachsenen Fassaden, alles, was auch nur ein bisschen erhöht ist, hat ein Storchennest oben drauf. Sie fliegen jetzt nicht mehr weg, weil sie sich im Winter auf der Müllkippe ernähren.

Später, am noch hellichten Nachmittag, tragen Frauen eine Marienstatue umher. Alle halten Kerzen in Händen. Lichtmess, fällt mir ein. Candelaria, 2. Februar. Der Tag, an dem meine Oma immer alle Kerzenreste im Haus auf einem Tablett niederbrennen ließ. Sie ging nicht ins Bett, bevor nicht alle Dochte im Wachs ertrunken und erloschen waren.

Die Orte haben ausgefallene und lange, ländliche Namen: Navalmoral de la Mata, Talavera de la Reina, die größeren. Dann gibt es Malpartida de Cáceres, was ich für mich als «schlechte Abreise von Cáceres» übersetze, um nicht an Malparida, an eine weibliche Missgeburt, denken zu müssen.

Malas partidas waren auch die Reisen der Conquistadores, die im 15. und 16. Jahrhundert massenweise die Stadt verließen, um in Lateinamerika spanische Vizekönigreiche zu gründen und Millionen von Menschen zu ermorden. Völkermord, Gold und Gier, auf diesen Fundamenten steht im Grunde die Altstadt von Cáceres, seit 25 Jahren von der Unesco geschützt. Ist das Weltkulturerbe? Muss Weltkulturerbe politisch korrekt sein? Die Paläste der von der spanischen Krone reich entlohnten Bösewichte werden gehegt und gepflegt, fast die Hälfte des Budgets für Tourismus der Stadt geht dafür weg. Touristen bewundern Innenhöfe voller Blumenkübel, setzen sich in finstere Kirchen und kaufen in Nonnenklöstern Marzipan.

Hier läuft Icíar Bollaíns Film «También la lluvia» nicht. Dort geht es um Kolonialismus gestern und heute: Ein Filmteam will mit wenig Budget einen kritischen Film über Kolumbus drehen, sucht sich dafür die Stadt Cochabamba in Bolivien aus, obwohl Kolumbus dort nie war, aber die einheimischen Statisten kosten nur 2 Doller pro Tag. Die Filmleute geraten dann in den Wasserkrieg, der vor 11 Jahren in der Stadt blutig ausgetragen wurde und stehen vor einem Konflikt: Film zu Ende drehen oder Menschen helfen? Jeder reagiert letztendlich anders, je nach persönlicher Geschichte, will sagen dass die Entscheidung für oder gegen politisch-gesellschaftliches Engagement immer von der eigenen Biographie abhängt, so zumindest die Aussage der Regisseurin.

Wie viele Kinos gibt es überhaupt in Cáceres? «Wir sind 300 Kilometer von allem weg», sagt Toño Pérez, der ein bisschen aussieht wie ein freundlicher Nosferatu, kahlgeschoren und mit spitzen Ohren, von denen eines mehr vom Kopf absteht als das andere. Er ist der einzige 2-Sternekoch der Extremadura. Er isst mit mir in seinem Restaurant zu Abend: Viele kleine Gerichte, darunter Auster mit einer Scheibe gefüllten Schweinefußes, die sich im Mund zu einer jod- und gelatinehaltigen Masse vermengen und irgendwie an im Meer schwimmende Schweine erinnert. Toño ist ein sensibles Wesen. Er ist auch nach 25 Jahren immer noch unsicher, wenn er Gerichte kreieren soll. Vom Zirkus der Sterneköche rund um Ferrán Adrià hält er sich fern. Sein Mann José Polo und er pflegen im Stillen das Schöne und Gute. Sein neues Restaurant ist sein Lebenstraum, dort kocht er hinter altem Gemäuer und zwischen moderner Innenausstattung überraschende Leckereien.

Meine Sympathien hat er gewonnen, als ich im Obstsalat Heidelbeeren fand, die in Himbeeren steckten. Beim Blick auf den Silberlöffel war ich gerührt, zutiefst gerührt. Ich musste an Ida Bohatta denken, an Belohnungdbildchen bei meiner Kinderärztin, die den schönen Namen Dr. Eichhorn hatte. Das dunkle Früchtchen mit seiner dicken roten Mütze wollte mir etwas sagen, hier 300 Kilometer weg von allem. Woher kommt ihr geschneit?, fragte ich es innerlich. Die beiden Beeren waren wohl tiefgefroren nach Cáceres gelangt, jetzt, im Februar.

Ich aß sie.

Ist das die eigentliche Sterneküche, die Liebe zu den kleinen Dingen? Heidelbeeren in Himbeeren stecken?