Die wilde Seite Mallorcas

Unterwegs in der Serra de Tramuntana

Der Bergrücken am Meer ist Welterbe der Unesco. Mallorcas Lebenskultur ist dort spürbar

Erschienen in der NZZ am Sonntag, 8.4.2012

Velo- und Cabriofahrern, Badenixen und Bergfexen war sie schon lange ein Heiligtum. Seit letztem Juni ist es offiziell: Mallorcas Serra de Tramuntana, der 90 Kilometer lange Gebirgszug zwischen Andratx und Pollença, ist Welterbe der Menschheit. Die Unesco hat ihre Gipfel und Schluchten, ihre Höfe und Buchten unter Schutz gestellt.

Auf dem rund 1100 Quadrat­kilometer grossen Gebirgsrücken stehen jahrhundertealte Bergbauernhöfe, umgeben von Terrassen, handgeschichteten Trockenmauern und Wasserkanälen arabischen Ursprungs. Wer zum Beispiel den alten Postweg von Esporles nach Banyalbufar geht, dem öffnet sich auf halber Strecke ein Blick über weitläufige Terrassenfelder, welche die Umayyaden vor rund tausend Jahren erstmals angelegt haben. Sie schmiegen sich in das Land am Meer und ermöglichen an den Steilhängen der Westküste den Anbau von Tomaten, Wein oder Zitrusfrüchten.

Die leichte Wanderung beginnt im Ortskern von Esporles neben der Kirche und führt ins Nachbardorf Banyalbufar, das rund acht Kilometer entfernt jenseits eines Sattels an der Küste liegt. Während rund zwei Stunden erlebt man hier die Vielfalt des Gebirges: Man geht anfangs durch dichte Eichenwälder an der dem Meer abgewandten Gebirgsseite. Später führt der 600 Jahre alte Transportweg über grosse Ländereien, die bis heute fast die Hälfte des Gebirges bedecken. Schliesslich steigt man zur Steilküste hinunter. Die letzte Hälfte der Tour bietet einen grandiosen Blick über die Bergkette und das Meer und bringt das Gemüt in Schwingung.

Selbst bei wechselhaftem Wetter ist der «Camí des Correu» empfehlenswert. Dann kann man den stimmungsvoll wolkenverhangenen Sattel Coll des Pí überwinden und jenseits glücklich der Sonne entgegengehen. Bei mildem Wetter steigt man in Banyalbufar auf Meeres­niveau hinunter, nimmt dort neben Einheimischen ein Bad, schnorchelt an der Küste oder erfrischt sich unter dem Süsswasser-Wasserfall an der Rückseite der Bucht.

All das ist Teil mallorquinischer Lebensart. Geschützt wurde nicht nur ein bis zu 15 Kilometer breiter Landstrich mit 54 Tausender-Gipfeln am Meer, sondern auch ein Identitätsstifter der Insel: Nirgends spürt man Mallorcas Geschichte so stark wie im Gebirge. Es zeugt vom muslimisch-christlichen Erbe, von der Eroberung katalanischer Ritter im 13. Jahrhundert und vom Überlebenswillen ihrer Nachkommen. Auch Mallorcas spirituelles Zentrum liegt dort: Das Kloster Lluc bietet Pilgern und Wanderern aus aller Welt Unterkunft. Einmal im Jahr wallfahren Tausende von Einheimischen zu Fuss zu ihrer Schutzheiligen, der Jungfrau von Lluc.

Der Unesco-Schutz weckt auf der Insel Hoffnungen und sorgt zugleich für Unsicherheit. Einerseits erwartet die Insel 20 Prozent mehr Besucher: Diese Wander- und Kulturtouristen können Mallorca helfen, die Saison zu verlängern und das fast schon verhasste «Sonne & Strand»-Image abzulegen. Doch um das Interesse dieser Touristen zu befriedigen, muss ein neu gegründetes Konsortium nun einen nachhaltigen und dennoch profitablen Nutzungsplan erstellen. Fast das gesamte Gebiet ist in Privatbesitz. Seit Jahrzehnten herrscht Streit darüber, ob die Eichenwälder, Steinmeere und Felsschluchten allen Naturliebhabern zugänglich sein sollen. So führen Mallorcas oft spektakuläre Wanderrouten streckenweise durch Privatland. Oft sind die Wege versperrt, Wanderer kehren frustriert um.

Die Eigentümer sind überfordert mit der aufwendigen Landschaftspflege und hoffen nun auf Subventionen. Die 3000 Facebook-Nutzer, die die Kandidatur auf Mallorca unterstützten, hoffen zudem auf einen Baustopp in den 20 Gebirgsgemeinden. Zahlreiche Wohnanlagen, Golfplätze und Hotels waren geplant, beispielsweise in Valldemossa, Fornalutx oder Escorca, die meisten wurden nicht realisiert. Hunderte von Gebäuden wurden dennoch ohne Baugenehmigung errichtet, wie in der Gegend um Deià. Prominente Zweithausbesitzer wie Michael Douglas oder Richard Branson hatten immer wieder Probleme mit Korruption und undurchsichtiger Baupolitik der Inselverwaltung. Im Tal von Sóller, wo die Hälfte der rund 20 000 Tramuntana-Bewohner lebt, wird diesen Frühling das erste Resort der Jumeirah-Kette in Europa öffnen. Das Fünf-Sterne-plus-Haus steht oberhalb des Hafens von Sóller auf der Steilküste. Es bietet weitläufigen Blick auf den Hafen und das offene Meer. Heute dürfte dort, zwischen Himmel und Wasser, kein Stein mehr verrückt werden.

Auf einen Blick

Unterkunft:

Caimari, Binibona und Moscari (am Fuss der Tramuntana): Hotel­­vereinigung Som 7: Sieben kleine Landhotels mit Vier-Sterne-Niveau. Doppelzimmer mit Frühstück zwischen 80 und 165 Euro. www.som7hotels.com

Fornalutx: Fornalutx Petit Hotel, in einem der schönsten Orte Mallorcas. Das Haus war früher ein Kloster und später die Dorfschule. Doppelzimmer mit Frühstück ab 145 Euro. www.fornalutxpetithotel.com

Restaurants:

Deià (an der Küste): Der Sternekoch Josef Sauerschell führt seit elf Jahren das Restaurant Es Racó d’es Teix. Degustationsmenu etwa 90 Euro. http://esracodesteix.es

Zwischen Sóller und Deià: Das Restau-rant Béns D’Avall liegt an der Steilküs-te. Der Betreiber Benet Vicens gilt alsErneuerer der Regionalküche. Degus-tationsmenu rund 70 Euro. www.bensdavall.com

Allgemeine Informationen:

www.infomallorca.net

whc.unesco.org/en/list/1371

www.serradetramuntana.net/en/

www.mallorcaweb.com

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