Tempel der Einfachheit

Das sorgsam in die Natur eingefügte Wohnhaus von Jørn Utzon auf Mallorca ist restauriert worden. Mit dem Opernhaus von Sydney wurde Jørn Utzon berühmt. Später baute er sich auf Mallorca ein ganz in die Landschaft integriertes Haus. Nun kann das restaurierte Bauwerk besichtigt werden.

Erschienen in der NZZ, 3.4.2012

Wer heute an der Südküste Mallorcas zwischen Portopetro und dem Naturpark Mondragó entlangfährt, dem zeigt sich der Streifen Land noch immer so wild wie vor mehr als 40 Jahren dem dänischen Architekten Jørn Utzon. Eine schmale, asphaltierte Strasse, die mittlerweile seinen Namen trägt, verläuft direkt an der felsigen Küste, gesäumt von ein paar Ferienhäusern. Zwischen Strasse und Meer steht auch Utzons Can Lis, die bis in die neunziger Jahre ständig bewohnt und danach regelmässig genutzt wurde. Das Haus ist nach Lis Fänger benannt, mit der Utzon 66 Jahre lang verheiratet war und die 2010 – zwei Jahre nach dem Architekten – in Dänemark gestorben ist. Das Haus auf den Felsen ist aus lokalem Marés-Stein erbaut. Die hellen Klötze sind rau, spröde und fleckig. Kein Wunder, denn sie sind Wind und Wetter ausgesetzt. Das Haus steht ein paar Schritte vom Abgrund entfernt. Es heisst, bei Wind spritze dort die Gischt an die Scheiben und bei gutem Wetter blende die Sonne durch die grossen Fenster so stark, dass der Meerblick in den Augen schmerze.

Die Lage der Can Lis ist ziemlich abenteuerlich für den Ruhesitz eines Stararchitekten, der dank der Oper von Sydney zu Geld und Ehren gekommen war. Das berühmte Bauwerk trieb ihn aber auch fast zur Verzweiflung. Streit wegen explodierender Kosten und künstlerische Unstimmigkeiten brachten Utzon sieben Jahre vor Fertigstellung des Opernhauses dazu, vom Projekt zurückzutreten und Australien 1966 für immer zu verlassen. Selbst als er 2003 den Pritzkerpreis für sein Lebenswerk und besonders für das Opernhaus bekam, schlug er die Einladung nach Sydney «wegen gesundheitlicher Probleme» aus. Dabei hatten die Utzons Australien geliebt. Deshalb suchten sie in Europa ein ähnlich wildes Küstenland mit heissem Klima. Auf Mallorca fanden sie ein «Australien ohne Druck und Erwartungen», ein «Australien, in dem sie nicht von Fans verfolgt, von Journalisten belästigt und von den Einheimischen erkannt wurden». Hier wähnten sich die Utzons im Paradies.

Wer heute in den Patios und zwischen den Säulen der Can Lis herumgeht, wer sich auf das gemauerte, mit dicken Kissen bedeckte Sofa im Salon oder an einen gefliesten, halbrunden Arbeitstisch im Freien setzt, auf den wirkt das Haus wie nackt. Unverputzte, hautfarbene Steine überall, an den Wänden, auf dem Boden, innen wie aussen. Nur die Decken sind weiss, aber so hoch, dass man sie kaum wahrnimmt. In dem Bungalow spielt sich alles auf ebener Erde ab. Regale, Tische, Bänke, Anrichten sind gemauert, auch die Betten. Die Schlafräume sind wie alles in dem Haus karg, erinnern an Mönchszellen. Sie befinden sich in zwei der fünf Hausblöcke, die alle parallel zur Küste stehen. Man betritt sie durch Höfe, die alle Gebäudeteile verbinden. Die Blöcke sind den Bedürfnissen der Bewohner entsprechend angeordnet: im Osten die Schlafräume, im Westen das Open-Air-Büro. Der Tagesablauf der Utzons soll stark ritualisiert gewesen sein, es gibt sogar einen Hof für den Nachmittagstee, mit zwei gefliesten Bänklein und einer schattenspendenden Tamariske, einem der wenigen Bäume, die in der salzhaltigen Luft gedeihen. Beim Rundgang weiss man bald nicht mehr, ob man sich im Haus oder ausserhalb davon befindet. Das war wohl Utzons Traum: Leben im Freien mit einem Dach über dem Kopf.

Lise Juel, die dänische Architektin, die das Haus renoviert hat, ist begeistert von der Wohnidee ihres Landsmannes: «Er hat das Haus von innen nach aussen konzipiert», sagt sie. Es gibt fast keine Pläne, denn Utzon hat jeweils spontan beschlossen, welche Wand in welchem Winkel zur Küste hochgezogen und welches Fenster welchen Ausschnitt des Meers einrahmen sollte. Sie hat kaum etwas verändert, ausser ein paar morschen Fensterrahmen aus Kiefernholz, die Utzon von aussen in die Wand schrauben liess, so dass man sie von innen nicht sah, oder den weissen Bad- und den rosafarbenen Küchenfliesen, die die Besitzer irgendwann auf den Marés-Stein legen liessen. «Vielleicht, weil sich dessen raue Oberfläche so schlecht putzen lässt, vielleicht aber auch, weil Utzon in keinem seiner Wohnhäuser Küche und Bad Aufmerksamkeit geschenkt hat», sagt Juel.

Sie hat im Auftrag der neuen Hausherrin gearbeitet, der in Ålborg ansässigen Utzon-Stiftung. Diese hat Utzons Sohn Kim das Haus vor zwei Jahren für eine nicht genannte Summe abgekauft. Nun sollen wieder Menschen über den Steinboden gehen, am besten barfuss, denn das Haus ist ein Ort der Einfachheit. Die Stiftung vergibt in Absprache mit dem Statens Kunstfond, der staatlichen Stiftung für Kulturförderung in Kopenhagen, alljährlich Architekturstipendien. Alle, die sich beruflich mit Utzons Werk befassen, können sich bewerben. Neun Monate im Jahr steht das Haus Fachleuten offen. Den Sommer will die Utzon-Stiftung für Seminare und für Touren angemeldeter Besucher (www.canlis.com oder www.canlis.dk) reservieren.

Damit ist Utzons Haus auf Mallorca sozusagen zur dänischen Staatsangelegenheit geworden. Die Insulaner atmen auf, denn sie befürchteten einen weiteren Ausverkauf mallorquinischer Baudenkmäler an Privatpersonen. Obwohl sie sich anfangs nicht um die Utzons kümmerten, sind sie heute stolz auf das Haus an der Küste, das sich ein Architekt erbaute, der es selbst noch erleben konnte, wie mit der Oper von Sydney eines seiner Werke in die Liste des Unesco-Weltkulturerbes aufgenommen wurde. Kaum war das Opernhaus von Sydney 1973 in Abwesenheit des Architekten eingeweiht worden, wurde die Can Lis zum Ziel von Architekturpilgern. Mit dem ungestörten Leben in der Natur war es vorbei. Besucher liessen Jørn Utzon keine Ruhe. Zudem hatte der poröse Sandstein so viel Feuchtigkeit gezogen, dass es im Winter ungemütlich kalt war. Ausserdem schadete das grelle Sonnenlicht Utzons schwachen Augen. Da verlor die Can Lis, das Haus mit dem spektakulären Meerblick, ihren Sinn. Die Utzons und ihr jüngster Sohn Kim zogen schliesslich weg, zunächst in ein zweites, Can Feliz genanntes Haus im waldigen Hinterland und später nach Dänemark. Der Traum vom Paradies erfüllte sich nicht ganz.

One thought on “Tempel der Einfachheit

  1. Ich hatte den Artikel in der NZZ gelesen und war sehr beeindruckt, von der Idee des Architekten sowohl auf Mallorca wie in Australien. Die Oper in Sydney ist nach wie vor eines oder das grösste und beeindruckendste Bauwerk, das ich je gesehen habe. Auch sehr informativer Artikel, den ich gerne und mit Interesse gelesen habe. Trotz vielen Mallorca-Aufenthalten ist mir diese Sehenswürdigkeit bisher nicht aufgefallen.
    LG Peter

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