Wieder selbst Hand anlegen

Spaniens Architekten suchen nach Auswegen aus der Krise

Knapp die Hälfte der spanischen Architekten ist arbeitslos, Tausende haben das Land verlassen. Kammer und Gewerkschaft versuchen nun, das Berufsbild neu zu definieren und Arbeitsfelder zu öffnen.

Erschienen in der NZZ, 16.2.2012

Ende vergangenen Jahres erschien auf der Website der Madrider Architektenkammer ein Arbeitsangebot, das aufhorchen liess: Ein «international renommiertes» Architekturbüro suchte darin einen freiberuflichen Büroleiter mit fünf- bis zehnjähriger Berufserfahrung. Zahlreiche technische, akademische und sprachliche Fähigkeiten sowie Belastbarkeit und Einsatzfreude auch an Feiertagen wurden gefordert. Als Brutto-Jahresgehalt bot das Unternehmen zwischen 15 000 und 24 000 Euro. Ein Aufschrei ging durch die Branche. Bei einer Arbeitslosenquote von knapp 50 Prozent und nach jahrelanger Ausbeutung als sogenannte «falsche Selbständige» haben Spaniens Architekten nun «Basta» gesagt. Mitglieder der ersten, 2010 gegründeten Architektengewerkschaft Sarq haben ihren Unmut im Netzwerk www.actuable.es verbreitet, wo immer mehr Spanier Unterschriften sammeln und auf herrschende Missstände verweisen. Dort machte die unverfrorene Anzeige Karriere: Spaniens auflagenstärkste Medien griffen das Thema auf und diskutierten öffentlich darüber.
 
Foto: Adrià Goula

Trend zum Einfachen

Dass Spaniens Bausektor und damit auch die Architekten besonders hart von der Wirtschaftskrise betroffen sind, darüber wird seit 2008 berichtet. Neu ist nun, dass die Betroffenen protestieren, sich organisieren und Auswege suchen. Das ist deshalb beachtlich, weil Architekten in Spanien eine besonders individualistische und fragmentierte Berufsgruppe bilden. Aber sie gelten auch als Akademiker mit Berufung. Um arbeiten zu können, nehmen sie nach Angaben von Sarq allerhand in Kauf: Mehr als 60 Prozent der 53 000 spanischen Architekten verdienen heute weniger als vor einem Jahr, das durchschnittliche Brutto-Jahresgehalt liegt bei knapp 16 000 Euro. Nur ein Prozent verdient mehr als doppelt so viel. Um diesem Hungerleider-Dasein zu entgehen, sind seit Ausbruch der Krise 4000 Architekten ausgewandert, bevorzugt nach Grossbritannien, Frankreich und Deutschland. 65 Prozent aller von Sarq Befragten spielen mit dem Gedanken, ihr Land zu verlassen. Dabei erwägen sie immer häufiger auch, in aufstrebende Länder wie Indien oder Brasilien auszuwandern.Die öffentlich aktiven Vertreter der Architektenschaft versuchen nun, für ihre Klientel im eigenen Land neue Perspektiven zu entwickeln: Der Präsident der spanischen Architektenkammer, Jordi Ludevid, forderte die neue Regierung auf, den gesetzlichen Rahmen für Sanierung und Renovierung von Altbauten zu vereinfachen. In Spanien machte dieser Bereich bisher nur 20 Prozent der Arbeit von Architekten aus, in Deutschland 60 und in Dänemark 80 Prozent. Ludevid verwies auf Italien: Dort sei die Regierung den arbeitslosen Architekten bei einer ähnlichen Krise in den 1990er Jahren mit einer den Kataster betreffenden Gesetzesreform entgegengekommen. Sie zwang die Besitzer alter Häuser, deren Pläne aktualisieren und digitalisieren zu lassen. In Spanien könnten Arbeit suchende Architekten Häuser auf effizientere Energiesysteme umrüsten oder Baudenkmäler verwalten, schlug Ludevid vor. Vor 150 Mitgliedern sprach er neulich von der schwersten Architekturkrise in der Geschichte des Landes und forderte einen «zukunftsweisenden Paradigmenwechsel im Bausektor für eine neue Gesellschaft». Spaniens Architekten durchleben nicht nur eine wirtschaftliche Krise, sondern auch eine beruflich-existenzielle: Sie müssen sich neu definieren.Während der besonders für Stararchitekten fetten Jahre, die noch heute in ambitiösen Grossbauten wie dem vor wenigen Monaten vollendeten Auditorium und Kongresszentrum «El Batel» von Selgas Cano in Cartagena nachklingen, wollte «jede Stadt ihren Gehry» haben. Das ist auch die Meinung des Kritikers Llàtzer Moix, der darüber 2010 in seinem Buch «Arquitectura Milagrosa» (Architektur der Wunder), dessen Titel auf das erfolgreiche Guggenheim-Museum in Bilbao anspielt, ausführlich schrieb. Doch nun gehen die Baukünstler in sich. Denn nicht alles ist den Umständen zuzuschreiben. «Das Berufsbild des Architekten hat sich in den vergangenen 20 Jahren stark verzerrt», sagte die Professorin für Baukonstruktion in Barcelona, Pilar García Almirall, jüngst der Tageszeitung «La Vanguardia». Die Öffentlichkeit habe nur noch die Stars und ihre Ikonen wahrgenommen, und dieser Kult habe – laut García Almirall – die Selbstwahrnehmung der Architekten beeinflusst. Sie sollten sich in neuer Bescheidenheit üben, die Distanz zum ursprünglichen Handwerk verkürzen, sich als Bauleiter und im Kontakt mit dem Bauherrn einbringen und so Kosten verringern. Wer Aufträge bekommen will, muss also mehr arbeiten, flexibler sein, sich mit weniger Geld abfinden und auf der Baustelle knapp kalkulieren.Den Trend zum Einfachen geben einige Architekten bereits vor, zum Beispiel David Lorente von H Arquitectes in Sabadell oder María González und Juanjo López de la Cruz von Sol89. Sparzwang und Mittellosigkeit haben hier zu neuer Ethik und Ästhetik geführt. Lorente realisiert seit zehn Jahren seine Bauten untertariflich. Dennoch oder gerade deswegen gilt er als Hoffnungsträger. Soeben wurde er für eine aus Holzlaminat-Paneelen, transparentem Kunststoff und Maschendraht errichtete Sporthalle in Barberà del Vallès prämiert. Auch die Betreiber von Sol89 in Sevilla haben Genügsamkeit zu ihrem Stil gemacht. Ihre Bauten kosten zwischen 750 und 1000 Franken pro Quadratmeter. Die beiden haben sich auf den Umbau und die neue Nutzung alter Gebäude spezialisiert. In ihrem Büro machen sie alles selbst: abrechnen, vermessen, Modelle bauen, ja sogar putzen.
 
Foto: Sol 89
 

Gute Architektur für wenig Geld

Kammern und Gewerkschaft diskutieren derzeit über multidisziplinäres Arbeiten, das Büros wie Oficiarquitectura bereits umsetzen: Architekten, Ingenieure und andere Baufachleute betreiben ein Gemeinschaftsbüro, bieten Rundumservice ohne Unterverträge und dämpfen so die Kosten. Beobachter sprechen von der Demokratisierung eines Zweiges, der lang mit Elitedenken verbunden und von Hierarchie geprägt war. Neben gutverdienenden Architekten und solchen aus wohlhabendem Elternhaus werden künftig die bescheidenen Erneuerer mit sozialem Auftrag stehen, die den Begriff Luxus weder beruflich noch privat kennen. Ihnen wird wohl die Aufgabe zukommen, den in den letzten Jahrzehnten aufgebauten guten Ruf der spanischen Architektur zu retten, indem sie innovative, glaubwürdige Häuser bauen und gleichzeitig beweisen, dass man auch mit wenig Geld herausragende Architektur machen kann.

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