Spanien geht das Wasser aus

Foto: Spanisches Umweltministerium
Foto: Spanisches Umweltministerium

Der Standard, 19.10.2017 · Brücken stehen auf dem Trockenen. Wanderer marschieren in sandigen Flussbetten und auf rissigen Lehmböden von Stauseen. Ruinen romanischer Kirchen und verfallene Dörfer tauchen auf, nachdem sie jahrzehntelang überflutet waren. Die Bilder der Trockenheit in Spanien schockieren deshalb, weil sie in der Nord- und Nordwesthälfte des Landes aufgenommen wurden: Die Regionen Asturien, Kantabrien sowie Kastilien und León sind eigentlich wasserreich. Das Wasser ihrer Flüsse wird gestaut oder in den Süden und Südosten Spaniens umgeleitet, wo von jeher chronische Wassernot herrscht. Und die nordwestspanische Provinz Galicien wird aktuell von Waldbränden verwüstet. Vier Menschen haben dort bislang ihr Leben verloren.

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World-Pride-Parade: Madrid unter dem Regenbogen

Die World-Pride-Parade findet dieses Jahr in Madrid statt. Damit in diesen Tagen drei Millionen Schwule und Lesben feiern können, musste vor 40 Jahren der Kampf für Gleichberechtigung beginnen.

Der Standard, 19.5.2017 · “Visit Chueca” steht auf einem bunten Faltblatt, das derzeit in vielen Bars und Restaurants in Madrid ausliegt. Fotos von Männern mit Waschbrettbauch und gestählten Brustmuskeln, in Tangas oder Lederhosen, dazwischen Kleinanzeigen für dies und das, Sexshops, Fetischbars, Gleitmittel. Im Stadtteil Chueca scheint die Sünde zu leben. Benannt ist er nach einem Platz, der den Namen des Komponisten Federico Chueca trägt. Der Musiker lebte im 19. Jahrhundert, heute kennt ihn kaum mehr jemand.

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Madrids buntestes Metrostation Chueca, im gleichnamigen Schwulenviertel

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Öko-Kaugummi der Maya als nachhaltige Geschäftsidee

Der Standard, 4.4. 2017 · “Chicleros” in Mexiko zeigen, wie nachhaltiges Wirtschaften funktioniert: 1.500 Genossenschafter ernten in der Selva Maya den Milchsaft des Breiapfelbaums, aus dem der weltweit einzige kommerziell vertriebene Biokaugummi hergestellt wird.

Kaugummi_2cEr wird bis zu 30 Meter hoch, ist dichtbelaubt und immergrün. Unter seiner furchigen Rinde fließt ein Milchsaft, den schon die Maya schätzten: Er ist süßlich und bekömmlich, und man kann auf ihm, hat man ihn erst eingedickt, wunderbar kauen. Jetzt, 2.000 Jahre später, kauen Menschen in mehr als 30 Ländern auf dem Chicle genannten Milchsaft des Chicozapote (auch Breiapfelbaum oder Manilkara zapota). Das Revival ist vor allem Manuel Aldrete zu verdanken, einem 55-jährigen Mexikaner, der vor acht Jahren das Consorcio Chiclero gegründet hat. Heute sind in dem Kaugummikonsortium 40 Genossenschaften mit etwa 1.500 Mitgliedern organisiert. Gerodet wird nicht.

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Feuerbakterium bedroht Europas Olivenbäume

In Süditalien sind dem Erreger bereits Millionen Bäume zum Opfer gefallen, nun droht er auch Mallorcas Landschaft zu verändern.

Befallene OlivenbäumeDer Standard, 30.3.2017 · Zuerst gingen die Kirschbäume und die Oleanderbüsche ein. Ihre Blätter wurden braun. Das war im Dezember. Damals hieß es noch, Mallorcas Oliven- und Mandelbäume seien nicht bedroht von der sonderbaren Krankheit. Doch das ist nun überholt. Nach ersten Stichproben mussten bis März mehr als 140 Bäume auf Mallorca, Menorca und Ibiza gefällt und verbrannt werden. Auslöser für ihren Tod ist Xylella fastidiosa, ein ursprünglich in den USA verbreitetes Bakterium, das vor allem von Zikaden übertragen wird. Es soll vor ein paar Jahren mit einer infizierten Kaffeepflanze nach Europa gelangt sein. Wird die Epidemie nicht schnell eingedämmt, könnte sie die Landschaft grundlegend verändern und Mallorcas Tourismus und der Landwirtschaft einen schweren Schlag versetzen. In Süditalien sind dem Feuerbakterium seit 2013 bereits Millionen Olivenbäume zum Opfer gefallen. Die Krankheit ist dort noch nicht unter Kontrolle und frisst sich jedes Jahr etwa 30 Kilometer weiter in Richtung Norden. Mehr als 500.000 Hektar sind infiziert. Sollte die Epidemie auf den Balearen ähnlich verlaufen, haben nicht nur die Inseln allen Grund zur Panik, sondern ganz Europa. Da sich die Krankheit erst lange nach der Infektion zeigt, ist sie schwer zu bekämpfen. Sind die Blätter erst einmal braun, ist es zu spät. Pflanzenschutzmittel gibt es derzeit keine: Zikaden, die sich von Baumsaft ernähren, verbreiten den Erreger, wenn sie die Bäume ansaugen. Das Bakterium dringt dann in die Leitgefäße für Wasser ein und lässt diese verstopfen: Die Bäume verdursten.

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Singvögel werden in Spanien für “Silvestrismo” gefangen

WDR 5 Leonardo, 27.2.2017 · Geschätzte 40.000 Spanier pflegen ein Hobby namens Silvestrismo: Sie fangen Singvögel und richten sie für Gesangswettbwerbe ab. Sie verstoßen damit gegen die europäische Vogelschutzrichtlinie, Brüssel ließ die Tradition aber jahrelang als Ausnahme gelten. Doch jetzt ist Schluss: Europa leitet ein Sanktionsverfahren ein und drängt auf ein endgültiges Verbot. In Belgien, Frankreich oder Malta konnte das schon durchgesetzt werden.

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Pablo López und Juan Álvarez, zwei von rund 40.000 spanischen Vogelzüchtern.

http://www1.wdr.de/mediathek/audio/wdr5/wdr5-leonardo/audio-wdr–leonardo-ganze-sendung–348.html

Finken habt Acht!

Der Standard, 7.12.2016 · Eine spanische Tradition gefährdet Europas Singvögel. Weil sie gelehrig sind, werden sie im Herbst gefangen und für Gesangswettbewerbe abgerichtet. Brüssel leitet jetzt ein Sanktionsverfahren ein, denn Spanien verstößt seit Jahren gegen europäische Vogelschutzrichtlinien.

Das Halten von singenden Stubenvögeln hat in Spanien Tradition. Züchter Juan Álvarez ist ein begeisterter “Silvestrista”.

Zu Mozarts Zeiten hielt man sie noch für lustige Gesellen. Heute gelten Vogelfänger wie Papageno als Umweltsünder und werden bestraft. Die Europäische Kommission hat Ende September nach mehreren Ermahnungen ein Sanktionsverfahren gegen Spanien eingeleitet: Zu viele wild lebende Singvögel werden dort “aus Tradition” gefangen, heißt es in einem Scheiben der Generaldirektion Umwelt. Das Halten von singenden Stubenvögeln hat in Spanien tatsächlich Tradition. Manche behaupten, die Araber hätten die Leidenschaft im 8. Jahrhundert nach Spanien gebracht. Im Prado Museum ist das Ölbild “Caza con reclamo” (Jagd mit Lockvogel) zu sehen, das Francisco de Goya 1775 gemalt hat und bis heute hängen an vielen Balkonen und Hauswänden von Cafés und Geschäften winzige Holzkäfige mit Singvögeln. Ihr lebendiger Gesang soll Kunden anlocken.

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Auch ein lebender Wolf ist ein guter Wolf

Spanien hat die meisten Wölfe Westeuropas. Nicht alle freut das. Im Norden werden immer mehr Tiere zur Jagd freigegeben. Eine Provinz dort will nun das Mensch-Wolf-Verhältnis entspannen.

situacionDer Standard, 29.9.2016 · Wird er genannt, dann kommt er auch. Das gilt in der spanischen Provinz Zamora nicht nur für den Teufel, sondern auch für den Wolf. Legenden, Aberglauben und tief verankerte Ängste spiegeln sich bis heute in der Sprache der Region wider: Es gibt mehr als 70 Ausdrücke, um über ihn zu reden, ohne ihn zu erwähnen.

Noch ist Zamora selbst für viele Spanier ein weißer Fleck auf der Landkarte. Das könnte sich bald ändern, denn die ländliche, dünn besiedelte Provinz 250 Kilometer nordwestlich von Madrid arbeitet an ihrem Ruf als Wolfsgebiet. Zamora will Naturfreunde mit einem neuen Wildpark anlocken. Die Provinz bezieht damit Stellung im Streit zwischen Wolfsfreunden und -feinden. Spanien hat die größte Wolfspopulation Westeuropas. Nach Angaben des WWF Österreich von 2014 leben auf der Iberischen Halbinsel etwa 2.500 Tiere, davon die meisten in den Bergen von Zamora.

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Europa erforscht Makaronesiens Naturschätze

Die Inseln im Atlantik sind sehr artenreich: Wale und Delfine lieben die Kanaren, die Azoren und Madeira

Ein verletzter Pottwal nach einer Kollision mit einer Fähre vor den Azoren. Foto: Alexander Goebel
Ein verletzter Pottwal nach einer Kollision mit einer Fähre vor den Azoren. Foto: Alexander Goebel

Der Standard, 6.6.2016 · Eine der artenreichsten und zugleich kaum erforschten Regionen Europas wird derzeit von Wissenschaftern untersucht. Das EU-Projekt nennt sich Mistic Seas und soll bis Mitte 2017 erste Informationen zum Leben rund um Makaronesien bringen, eine Region, die die europäischen Atlantikinseln Azoren, Madeira und Kanaren einschließt. Unter anderem werden große Meeressäuger erfasst und beobachtet.

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100.000 Hektar Meer werden vor Galiciens Küste geschützt

In Nordspanien wurde ein international wegweisendes Modell für den Meeresschutz entwickelt.

Der Standard, 11.2.2016 · Superlative ziehen durch die Medien, wenn Länder wie Australien, Kamerun oder der Inselstaat Kiribati und das Cook-Archipel die Ausweisung neuer Meeresreservate bekanntgeben. “Größtes Schutzgebiet der Welt” heißt es, oder “so groß wie Frankreich und Deutschland zusammen”. Antonio García Allut lässt sich von solchen Nachrichten nicht beeindrucken. Der 59-jährige Spanier misstraut ihnen ganz einfach. “Hier geht es um gutes Image”, sagt der Galicier in seinem Büro in A Coruña, “solche Riesenreservate haben meistens keinen vernünftigen Verwaltungsplan”. Sie beförderten sogar illegalen Fischfang, sagt der Professor für Anthropologie, “denn Kontrollen kann man auf diesen enormen Gebieten kaum mehr durchführen”.

Hier begann alles, an der Küste des Örtchens Lira. Foto: Lonxanet.

García Allut macht das anders. Seit sechs Jahren arbeitet er mit Unterstützung der internationalen Stiftung Ashoka und eines galicischen Textilimperiums an einem nachhaltigen Verwaltungsplan hinsichtlich Galiciens Fischreichtums. Die nordwestspanische Region hat eine Flotte von 4300 Kuttern, die vor der 1200 Kilometer langen Atlantikküste arbeiten. 14.000 Menschen leben in Galicien direkt vom Fischfang, von Muschelzucht oder vom Sammeln diverser Meerestiere in den fjordähnlichen Küstenabschnitten Galiciens. Die Region stand bislang für hochwertige Meeresprodukte, großen Artenreichtum, und, so García Allut, “eine stark vom Meer geprägte Identität”.

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Das Fest der Vampirfische

Der Standard, 21.1.2016 · Im Frühjahr kommen in Spanien und Portugal Meerneunaugen an die Atlantikküste. Der Appetit auf das aalförmige Wirbeltier ist groß.

Neunaugen gibt es seit mehr als 300 Millionen Jahren. Nun sind sie massiv vom Aussterben bedroht.

Zwischen Jänner und Mai herrscht in dem spanischen Dorf Arbo Hochsaison: Dann kommen die Neunaugen. Sie ziehen vom Atlantik den Fluss Miño hinauf, um sich zu paaren und abzulaichen. Arbo liegt in Galicien, nahe der der Grenze zu Portugal. 60 Kilometer hinter der Küste haben die Fischer ihre Reusen aufgehängt. Was gefangen wird, kommt in den Topf. Tausende Gäste wollen jedes Jahr im April Neunaugen kosten. Sie kommen zur Festa da Lamprea, die mehrere Tage dauert.

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