Verschleppt, verkauft, gerettet

Chrismon  03.2014 · Ein Genforscher hilft, den Handel mit Kindern zu bekämpfen. Wie? Er identifiziert die wahren Eltern. Dafür braucht er eine Gendatenbank und Speichelproben von suchenden Eltern und Kindern in unklaren Verhältnissen. Schon 600 Kinder konnten mit Hilfe von José Antonio Lorente nach Hause gebracht werden.

Genforscher José Antonio Lorente in seinem Labor in Granada
José Antonio Lorente in seinem Labor in Granada

chrismon: Am Projekt DNA ProKids nehmen bislang 16 Länder teil. Mit Gentests wollen Sie nicht identifizierte Kinder und ihre Eltern wieder zusammenführen – und Kinderhandel und Missbrauch bekämpfen. Wie gehen Sie vor?
José Antonio Lorente:
Wir haben vor zehn Jahren in Guatemala begonnen. Dort gab es ein eklatantes Problem mit ille­galen Adoptionen in die USA. Ich hatte das selbst mitbekommen, in einem der internationalen Hotels, wo ich immer abstieg. Es war voller Adoptiveltern aus den USA und kleinen guatemaltekischen Kindern, die mit Hilfe einer Dolmetscherin in dem Hotel ihre erste Zeit miteinander verbrachten. Die allermeisten Kinder waren armen Familien gestohlen worden. Falsche Mütter gaben sie in staatlichen Heimen ab. Sie sagten, sie könnten ihr Kind nicht ernähren und bekamen dann, um die restlichen Kinder nicht auch zur Adoption freigeben zu müssen, eine Entschädigung, eine Familienhilfe von mehreren Tausend Dollar. Das hat dazu geführt, dass organisierte Banden Kinder stehlen, um dieses Geld einzukassieren. Würde man per Gentest direkt vor Ort feststellen, dass eine Frauen nicht ihr leibliches Kind abgibt, wäre der kriminelle Kreislauf unterbrochen. Kinder am Anfang der Kette zu identifizieren, ist wichtig, weil ein einmal adoptiertes Kind später nur noch schwer rückführbar ist. Stellen Sie sich einen Jugendlichen aus Seattle vor, der zu seinen Eltern in die Slums von Guatemala Stadt zurück soll!

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Reif für die Wildnis

Chrismon plus, Januar 2014 · Wilde Büffel in den Karpaten, Wölfe in Berlin. Der schwedische Umweltaktivist Staffan Widstrand freut sich über mehr Natur in Europa. Seine Stiftung will eine Million Hektar Land verwildern lassen. Widstrand ist überzeugt, eine neue Ära des Umweltschutzes sei bereits angebrochen.

Herr Widstrand, Sie haben Europas wildeste Ecken bereist und fotografiert. Wie ist unser Kontinent?
Unglaublich vielfältig und zugleich unbekannt. Wo verbringen die meisten ihren Urlaub? An einem Sandstrand, auf einer Ski­piste oder in einer Stadt. Kennen Sie die ­Rhodopen, waren Sie in den Karpaten, im Donaudelta? Wir kennen den Yellow­stone-Park oder die Serengeti besser als Europa.

Sie wollen uns Europas ursprüngliches Gesicht zeigen. Warum?
Der Mensch hat Sehnsucht nach Wildnis. Wir in Schweden bekommen jedes Jahr Besuch von Holländern und Deutschen. Die wollen Flüsse sehen, die sich ihren eigenen Weg durch die Landschaft suchen. Wenn alles geplant und kontrolliert ist, wird das Leben langweilig. Wildnis ist Drama, Überraschung, Unterschied, Freiheit. Die Rewilding-Bewegung startete übrigens in Holland, einem der bestgeordneten Länder Europas. Jeder Baum ist dort gepflanzt, überall waren Landschaftsarchitekten und Bauern am Werk. Doch den Menschen fehlte etwas. Heute ist das anders, auch dort. Vogelschwärme kommen und ­brüten wieder, wo es lange keine mehr gab. Der Biber ist zurück und sogar der erste Wolf hat sich blicken lassen. Ein Wolf in Holland! Vor zwanzig Jahren wäre das undenkbar gewesen.

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Das Anschlagsopfer

Weil ihn die baskische Terrororganisation ETA 2001 mit einer Briefbombe ermorden wollte, ist Gorka Landaburu Halbinvalide. Seit 40 Jahren forderte der baskische Journalist ein Ende der Gewalt. Vor gut einem Jahr erklärte die ETA endlich ihre Bereitschaft dazu. Nun trifft sich Landabaru mit inhaftierten Exterroristen.

Gorka Landaburu am Strand von Zarautz, Juli 2012

Chrismon 12. 2012 · Er denkt oft an sie. Manchmal zweimal am Tag. Immer dann, wenn Gorka Landaburu sich das Hemd zuknöpft oder die Schuhe bindet. „Ich brauche ewig dafür“, sagt er in seinem Büro und zieht an der Pfeife. Die hält er ganz elegant in der linken Hand, obwohl ihm dort seit elf Jahren an vier Fingern das erste Glied fehlt. Mit der rechten Hand kann der 61-jährige Baske nichts mehr halten, an ihr fehlen Daumen und der halbe Zeigefinger. Deshalb wurde er zum Linkshänder.
„Tippen kann ich nach wie vor mit beiden Händen“, sagt der Journalist. Er sitzt in der Redaktion des politischen Wochenmagazins „Cambio 16“, das landesweit seit 1971 erscheint. Landaburu leitet in San Sebastián die baskische Ausgabe. Unten, am Eingang des mehrstöckigen Bürogebäudes, ist der Name der Zeitschrift nicht angeschlagen, und auch auf der Webseite und in seinen E-Mails findet sich keine Redaktionsanschrift. Wenn Landaburu jemanden empfängt, steuert er ihn per Handy zum Treffpunkt.

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Ein Wettlauf mit der Zeit

Julio Velasco arbeitet auf der Intensivstation eines Krankenhauses auf Mallorca. Dort koordiniert der Arzt Organspenden, als Mitglied der spanischen Organisation für Transplantationen. Die funktioniert so gut wie keine andere auf der Welt: Niemand spendet mehr Organe als die Spanier

Erschienen in Chrismon Plus, Juli 2011
Foto: Gunnar Knechtel

Eigentlich war seine 24-Stunden-Schicht in der Universitätsklinik „Son Dureta“ in Palma de Mallorca vor zwei Stunden zu Ende. Dann aber kam die Nachricht von dem möglichen Organspender, nun läuft Julio Velasco durch den spärlich beleuchteten Gang der Intensivstation. 30 Zimmer, in denen Menschen um ihr Leben ringen. Wenn ihre Ärzte den Kampf verloren haben und den Hirntod diagnostizieren, dann erst ist der 54-Jährige gefragt: Vielleicht können die Organe der Toten anderen das Leben retten. Velasco koordiniert in der Universitätsklinik alle Organtransplantationen der balearischen Inseln.

„Kein medizinischer Eingriff erhöht die Lebenserwartung mehr als eine Transplantation“, sagt Velasco, graue Haare, wache Augen. Eine goldene Kette blitzt im ­Ausschnitt seines weißen Arbeitshemdes. „Wir haben einen Spender“, sagt er mit einem freundlichen Zwinkern in den Augen. Er setzt sich in seinem Büro an einen runden Tisch am Fenster. An den Wänden hängen Poster. „Du hast Leben im Überfluss“, steht neben dem Porträt eines jungen Mannes. Oder: „Die Augen hat sie vom Papa, die Haare von der Mama, die Niere ist gespendet.“ Darunter tanzt ein ­Mädchen in einem Ballettsaal. Wenn es um Transplantationen geht, um sein Thema, nimmt sich der Arzt Zeit. Er wird ruhig, spricht konzentriert und scheint das geschäftige Treiben auf der Station ganz zu vergessen.

Seine Kollegen auf der Unidad de Cuidados Intensivos (UCI) suchen gerade Empfänger für die Nieren, die Leber und das Herz eines vor rund drei Stunden verstorbenen Mannes. Sie gehören zur fünfköpfigen Gruppe, die Oberarzt Velasco leitet. Das Team ist Teil der spanischen „Organización Nacional de Trasplantes“ (ONT), die seit Ende der 80er Jahre landesweit Spenderorgane vermittelt. Anders als zum Beispiel Deutschland, das mit Eurotransplant zusammenarbeitet, gehört Spanien keinem euro­päischen Organspendeverbund an.

Deutsche Spender in Spanien

Für ihre effiziente Vermittlungsarbeit wurde die ONT im Herbst 2010 mit dem renommierten Prinz-von-Asturien-Preis ausgezeichnet. Nirgendwo in Europa können mehr kranke Menschen auf ein rettendes Organ hoffen als in Spanien. Eine der erfolgreichsten Regionen des Landes sind die balearischen Inseln: 100 Herzen, 355 Lebern, 59 Lungen, 242 Nieren und 38 Bauchspeicheldrüsen – insgesamt rund 800 Organe hat Velasco in den vergangenen 20 Jahren zur Spende gemeldet. Die Organe von Toten, die anderen zu leben halfen. 35 Spender pro eine Million Einwohner hatte die Region 2009, etwas mehr als der landesweite Durchschnitt. Nicht alle Spender waren Spanier. Auf Mallorca leben und sterben viele Ausländer, vor allem Deutsche – 2009 waren sie knapp acht Prozent aller Spender. Urlauber oder Teilzeitresidenten, „die vielleicht zu Hause nicht spenden würden“, sagt der Arzt.

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