Spanien geht das Wasser aus

Foto: Spanisches Umweltministerium
Foto: Spanisches Umweltministerium

Der Standard, 19.10.2017 · Brücken stehen auf dem Trockenen. Wanderer marschieren in sandigen Flussbetten und auf rissigen Lehmböden von Stauseen. Ruinen romanischer Kirchen und verfallene Dörfer tauchen auf, nachdem sie jahrzehntelang überflutet waren. Die Bilder der Trockenheit in Spanien schockieren deshalb, weil sie in der Nord- und Nordwesthälfte des Landes aufgenommen wurden: Die Regionen Asturien, Kantabrien sowie Kastilien und León sind eigentlich wasserreich. Das Wasser ihrer Flüsse wird gestaut oder in den Süden und Südosten Spaniens umgeleitet, wo von jeher chronische Wassernot herrscht. Und die nordwestspanische Provinz Galicien wird aktuell von Waldbränden verwüstet. Vier Menschen haben dort bislang ihr Leben verloren.

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Finken habt Acht!

Der Standard, 7.12.2016 · Eine spanische Tradition gefährdet Europas Singvögel. Weil sie gelehrig sind, werden sie im Herbst gefangen und für Gesangswettbewerbe abgerichtet. Brüssel leitet jetzt ein Sanktionsverfahren ein, denn Spanien verstößt seit Jahren gegen europäische Vogelschutzrichtlinien.

Das Halten von singenden Stubenvögeln hat in Spanien Tradition. Züchter Juan Álvarez ist ein begeisterter “Silvestrista”.

Zu Mozarts Zeiten hielt man sie noch für lustige Gesellen. Heute gelten Vogelfänger wie Papageno als Umweltsünder und werden bestraft. Die Europäische Kommission hat Ende September nach mehreren Ermahnungen ein Sanktionsverfahren gegen Spanien eingeleitet: Zu viele wild lebende Singvögel werden dort “aus Tradition” gefangen, heißt es in einem Scheiben der Generaldirektion Umwelt. Das Halten von singenden Stubenvögeln hat in Spanien tatsächlich Tradition. Manche behaupten, die Araber hätten die Leidenschaft im 8. Jahrhundert nach Spanien gebracht. Im Prado Museum ist das Ölbild “Caza con reclamo” (Jagd mit Lockvogel) zu sehen, das Francisco de Goya 1775 gemalt hat und bis heute hängen an vielen Balkonen und Hauswänden von Cafés und Geschäften winzige Holzkäfige mit Singvögeln. Ihr lebendiger Gesang soll Kunden anlocken.

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Auch ein lebender Wolf ist ein guter Wolf

Spanien hat die meisten Wölfe Westeuropas. Nicht alle freut das. Im Norden werden immer mehr Tiere zur Jagd freigegeben. Eine Provinz dort will nun das Mensch-Wolf-Verhältnis entspannen.

situacionDer Standard, 29.9.2016 · Wird er genannt, dann kommt er auch. Das gilt in der spanischen Provinz Zamora nicht nur für den Teufel, sondern auch für den Wolf. Legenden, Aberglauben und tief verankerte Ängste spiegeln sich bis heute in der Sprache der Region wider: Es gibt mehr als 70 Ausdrücke, um über ihn zu reden, ohne ihn zu erwähnen.

Noch ist Zamora selbst für viele Spanier ein weißer Fleck auf der Landkarte. Das könnte sich bald ändern, denn die ländliche, dünn besiedelte Provinz 250 Kilometer nordwestlich von Madrid arbeitet an ihrem Ruf als Wolfsgebiet. Zamora will Naturfreunde mit einem neuen Wildpark anlocken. Die Provinz bezieht damit Stellung im Streit zwischen Wolfsfreunden und -feinden. Spanien hat die größte Wolfspopulation Westeuropas. Nach Angaben des WWF Österreich von 2014 leben auf der Iberischen Halbinsel etwa 2.500 Tiere, davon die meisten in den Bergen von Zamora.

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Schneeloch Bunyola

geschrieben: 5.02.2012

Samstagmorgen in Bunyola (4.2.2012)

Ich melde mich zurück, am schneereichsten Tag seit 56 Jahren. Es war natürlich Aufregung por: Die Landstraße nach Palma und Sóller war gesperrt, wir konnten weder mit dem Bus noch mit dem Auto irgendwo hinfahren. Eigentlich war das nicht nötig, denn an diesem Wochenende lag Bunyola ziemlich nah am Zentrum der Welt. Anrufe, Anfragen auf Facebook, Tweets und SMS strömten ins Dorf, aus Deutschland, Österreich und aus dem Dorf Petra, 50 Kilometer entfernt, wo Freunde wohnen, die gerade mal ein paar Krümel Schnee abbekommen hatten. Wir verschickten Fotos, und niemand konnte glauben, was er auf den schnell geschossenen Bildern sah.

Das Ereignis war so groß, dass die meisten ihre Pläne umwarfen, das Auto stehen ließen und einfach durchs Dorf oder in der Umgebung umher liefen, um den Schnee zu feiern. Es herrschte Festtagsstimmung, irgendwann war ich versucht den Passanten Molts d’anys zu wünschen, wie das die meisten Leute tun, wenn sie an Feiertagen  jemandem auf der Straße begegnen. Strahlende Gesichter, tobende Jugendliche, Schneeballschlachten auf dem Dorfplatz, wo der Wochenmarkt auf zwei Stände mit frierenden Händlern reduziert war.
Ein paar Nordländer hatten Vorteile, sie trugen Schneebrillen, hatten Rutschbretter oder Moonboots, die sie eigentlich nur für den Heimaturlaub in Deutschland, Dänemark oder Schweden aufbewahrten. Ein paar Mallorquiner machten das wett, indem sie auf Wellenreitbrettern zur Haupstraße hinunterrutschten.
Mangels Schneeschaufeln blieb die weiße Decke vielerorts solange unberührt, bis die Mittagssonne zu wirken begann. Am Abend begann der Schneematsch dann festzufrieren, was die Stimmung etwas senkte, denn allenthalben passierten kleine Unfälle – Gummistiefel haben eben nicht das richtige Profil auf den Sohlen.
Am Sonntag war Bunyola dann überlaufen. Schneetouristen aus Palma parkten auf der Hauptstraße in doppelter Reihe, auf den Spazierwegen sah man fremde Gesichter. Wir liefen wieder hierhin und dorthin, denn es hatte nachts noch einmal ein paar Zentimeter geschneit. Auf dem weißen Spielplatz bauten wir zwei mannshohe Schneemänner, die später verschwunden … wohl gemerkt nicht geschmolzen … waren. Wir wunderten uns darüber, dass Leute Schneemänner klauen.
Am Sonntagnachmittag herrschte keine Feiertagsstimmung mehr sondern Katerstimmung. Sätze fielen wie “ein Tag ist gut, zwei reichen, drei Tage Schnee sind zuviel”. Matschige Schuhe, nasse Hosen, verstopfte Straßen, Unsicherheit wegen der Frostgefahr in der Nacht trübten die Freude. Alle Fotos waren versandt, alle Schneebälle geworfen. Wir hatten Geschichte geschrieben.
Jetzt wieder bitte Mandelblüten statt Schneeflocken.

Zwei Tage Brüssel

Gestern abend wurde der  Health Prize for Journalists 2011 in Brüssel verliehen. Leider nicht an mich, das vorneweg.

Wir waren 30 Finalisten, aus fast allen europäischen Ländern (Finnland fehlte). Wir haben zwei Tage miteinander vebracht. Jetzt, wo ich wieder in der europäischen Peripherie bin, in einem Dorf im Inneren einer Insel, stelle ich auf meinen Blog, was ich in Brüssel offline geschrieben habe. Denn WiFi ist dort entweder Zukunftsmusik (Hotel) oder wegen der Aufmerksamkeit der Zuhörer (Europäische Kommission) limitiert. An den wenigen Hotspots kollabierte die Verbindung denn auch sofort.

1. Tag

Brüssels goldene Zeiten, architektonisch gesprochen, sind wohl verflossen, das sieht man nicht nur am Plutonium, das offenbar niemand besucht. In den Toilettenkabinen des Flughafens wird man dazu gezwungen, Werbeplakate anzusehen, auf denen  „universal and futuristic, since 1958“ steht, an der Innenseite der Klotür. Das Hotelzimmer zeugt auch vom vergangenem Ruhm der Anfangsjahre der Europäischen Union. Es strahlt die veraltete Moderne  der 60er Jahre aus. Die Fenster kann man nicht öffnen, 8. Stock, gegenüber Büros, die Fliesen im Bad sind weiß mit braun-orangen Blumen, der Badewannenrand ist zu hoch, die Matratze zu weich, alles mit Teppichboden ausgelegt … Morgens ist meine Nase verstopft, ich bin elektrostatisch dermaßen aufgeladen, dass ein paar Haare nach dem Bürsten vom Kopf abstehen. So kann man doch nicht zu einem Welcome Dinner gehen …

Beim Abendessen komme ich mit zwei irischen Finalisten, einer schwangeren Journalistin aus einem kleinen Land,  das mit Slow beginnt und einer sehr schlanken Ungarin mit unglaublich langen und dichten Wimpern ins Gespräch, von denen ich annehme, dass sie echt sind. Sie joggt jeden Tag und ist Vollblut-Gesundheitsjournalistin. Als wir am Buffet stehen gratuliert sie mir zu meinem Text, den sie im Internet gelesen hat.

Dem Rest  sind Gesundheitsthemen wohl vor allem beruflich wichtig. Mit Prosecco in der Hand reden wir über healthy lifestyle, mit der typischen Distanzierung der Journalisten, die ja immer zum zynischen Witz neigen. Wir haben über Burn Out, Organtransplantation, geistig behinderte Mütter, Antibiotika-Resistenz oder Lücken im Impfschutz geschrieben. Vielleicht, weil wir einen Auftrag bekamen, vielleicht, weil wir selber das Thema wichtig fanden. Aber jetzt, beim Essen, muss sich jeder kurz konzentrieren, wenn er vom Nachbarn gefragt wird, worüber es im eingereichten Text geht.

Zu meiner Rechten sitzt eine Jurorin, eine junge, italienische Gesundheitsjournalistin, die in Paris arbeitet. Sie wurde in die Jury geladen, nachdem sie den EU-Commissioner John Dalli interviewt hatte. Der sitzt bei uns am Tisch, spricht auch über healthy lifestyle und isst dabei Bratenfleisch in dunkler Soße mit Kroketten. Mir fällt auf, was ich alles nicht mehr vertrage. Die Buffets in den kommenden Tagen sind ein gastronomisches Sammelsurium europäischer Klischees: Mini-Apfelstrudel als Fingerfood, gefüllte Weinblätter, kleine Bratwürstchen zum Frühstück, Fleischberge unter zähen Soßen, Selleriesalat, Makkaroni, Räucherlachs mit Preiselbeeren …

Dalli ist zugänglich, kommt mit seinem Spokesman, der mit dem spanischen Finalisten zu meiner Linken Karten austauscht, weil er ihm helfen soll, seinen nächsten Urlaub in Kantabrien zu organisieren … Der Commissioner sagt in der Fragerunde vor dem Dessert gehaltvolle Sachen, es stimmt, die EU hat ein Kommunikationsproblem, denn kaum jemand von uns wird über das Gesagte berichten, was unter anderem daran liegt, dass es, wie gesagt, selten irgendwo WiFi gibt. Twitter kann man vergessen. Dalli ist erfahren, er ist seit 1987 in der Politik, war zweimal Minister in Malta. Sabe estar, wie die Spanier sagen, er weiß die Situation zu nutzen. Schon ist mir Europa vertrauter geworden.

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Urdangarin muss weg

War einmal: Urdangarin steht im Madrider Wachsfigurenkabinett nicht mehr neben seiner Frau Cristina de Borbón. Foto: Cristóbal Manuel/El País

Der Schwiegersohn des spanischen Königs hat mehr als 16 Millionen Euro veruntreut. Der Skandal um Iñaki Urdangarin weitet sich nun aus: Eine Anklage steht bevor und seine Frau, die Infantin Cristina, wird sich entscheiden müssen. Das Königshaus distanziert sich von dem Fall. Zu spät, sagen Beobachter: Der Schaden für die spanische Monarchie sei  «äußerst schwerwiegend».

 Als König Juan Carlos jüngst mit einem Veilchen in der Öffentlichkeit auftrat, hatte das Symbolcharakter. Der Monarch sei im Palast gegen eine offene Tür gelaufen, hieß es. Doch nicht nur der häusliche Unfall bereitet dem fast 74-Jährigen Schmerzen. Seit rund vier Wochen gelangen Fakten zu illegalen Geschäfte seines Schwiegersohnes Iñaki Urdangarin ans Licht. Der Ehemann der jüngsten Königstochter Cristina de Borbón ist der Veruntreuung öffentlicher Gelder, Vorteilsbeschaffung, Bestechung und Dokumentenfälschung verdächtigt, Delikte, die in Spanien mit mindestens 15 Jahren Haft bestraft werden. Anfang kommenden Jahres soll der ehemalige Handballprofi angeklagt werden und den Verbleib von rund 16 Millionen Euro aufklären, die er und sein Geschäftspartner zwischen 2004 und 2007 von mehr als 100 Auftraggebern kassiert haben.

Die beiden boten über ihre gemeinnützige Stiftung Noos – auch im Namen ihrer Königlichen Hoheit, der Infantin Cristina, sowie eines Angestellten des Königshauses , Consulting-Dienste und Kontaktvermittlungen an, die überproportioniert bezahlt wurden. Urdangarin zog dabei Nutzen aus seiner angeheirateten Position. Das Geld brachten sie in Steuerparadiese oder legten es in Immobilien an. Zu den Kunden gehören auch Rathäuser und Regionalregierungen, die die Dienste mit Steuergeldern bezahlten.

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Im Dorf der Radler und Siffons

Das wird eine Hinterland-Serie, so scheint es. Gestern war ich in Petra. Entdeckung. Die Bürgermeisterin ist so alt wie ich und entscheidet seit 16 Jahren mit, in welcher Art von Dorf sie und 3.000 andere Menschen leben sollen. Catalina ist schlau und pragmatisch. Ihr Mann baut Ramallet-Tomaten an und lebt davon. Wenn sie im Dorf unterwegs ist, hat sie einen kleinen Zettel in ihrer Hosentasche, darauf notiert sie: “Wasser in Xs Haus zu wenig Druck” oder “Straßenlaterne vor Zs Haus kaputt”. Sowas sagen ihr die Leute, wenn sie sie treffen. Continue reading

Zeit verfliegt – einfangen

Das Hinterland, immer wieder das Hinterland. Schwaches Wort voller Geschichte. So wie der endlos ausdehnbare Magen des Tiefseefisches Schwarzer Schlinger. In seinem dunklen Bauch finden sich Fische, die teils größer sind als er selbst. Seine Haut ist so dick, dass das Licht verschlungener Laternenfische nicht durchschimmert und den Räuber so im dunklen Meer nicht verrät.

Mallorcas Hinterland ist vielerorts wie eine Tiefsee. Trockene, steinige Äcker mit staubbedeckten Bäumen sieht man, kilometerlang.

Dabei schimmern hier und dort seltsame Früchte. Man sieht sie erst, wenn man aus dem Auto steigt und über das furchige Acker geht.

Am Ende der Äste reifen die Feigen in der Sonne dem Dürretod entgegen. Doch sie sind auch Lichtblicke.

Es gibt sie wieder. 600 Sorten, davon 1oo einheimische, 1650 Bäume. Zigtausende Früchte. Ein pensionierter Apotheker züchtet sie, seit ein paar Jahren. Es sind so viele, dass sie am Baum hängen bleiben. Das Wichtige sind vorerst auch nicht die Feigen, sondern die Äste. Die verschickt Montserrat Pons von der Finca Son Mut Nou nach Australien, Südafrika oder in die USA – deren Feigenerbe ist viel ärmer als das mallorquinische. Die Stecklinge schlagen in der fremden Erde aus, dort entsteht ein neuer Baum.

Während Montserrat Pons Mallorcas Artenvielfalt global verbreitet, verdörren seine Früchte zu Trockenfeigen am Ast. Schmecken nicht schlecht.

Die Bäume auf der Finca sind noch recht klein, um diese Jahreszeit wirken sie besonders mickrig. Der Wind hat die Blätter, hier im flachen Süden der Insel, schon verweht. Doch sie vereinnahmen uns trotzdem. Sie erzählen so viel. Sie stehen still, während die Zeit verfliegt.