Schluck zum Sonntag

Wermut ist das Getränk des Sommers in Barcelona. Die Einheimischen genießen ihn schon am Morgen in einer der Bars und verbummeln dann den Tag. Das einstige Arme-Leute-Getränk hilft ihnen, kurz die Krise auszublenden – doch schon wird auch dieses Ritual schicker und teurer.

Foto: www.inandoutbarcelona.net

Süddeutsche Zeitung, 9.8. 2014 · Es ist Sonntagmittag, deshalb fahren auf der Diagonal ausnahmsweise mal wenig Autos. An der Kreuzung mit der Passeig de Gràcia laufen Touristen vorbei und ältere, elegante Ehepaare. Die einen suchen Gaudís berühmte Wohnhäuser, die anderen flanieren. Stefania Talento und Andreu Font, beide um die 30, leben hier, im Gràcia-Viertel. Sie haben keine Kinder, wohnen in einer niedlichen Dachwohnung und erledigen von Montag bis Freitag eher unbefriedigende Bürojobs. Umso wichtiger ist das Wochenende. Stefania trägt ein schwarzes Haarband mit Schleife, die Augen leicht geschminkt. Andreus Augen sind hinter einer dunklen Sonnenbrille verborgen. Das gelockte, dunkle Haar ist leicht gegelt. Frisch geduscht sehen die beiden aus und doch noch nicht ganz wach.

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Herz und Hammer

In Andalusien haben sie den Flamenco erfunden, in Madrid wurde er berühmt. Hier trifft man Menschen, die wissen, worum es dabei wirklich geht.

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Die Tänzerin Blanca del Rey während eines Auftrittes beim Festival Suma Flamenca.

Süddeutsche Zeitung, 17./18. April 2014 · Draußen scheint die Sonne. Über Madrid spannt sich dieser strahlend blaue Himmel, auf den die Städter so stolz sind. Drinnen, zwischen weiß getünchten Wänden und schmiedeeisern vergitterten Fenstern, sitzt Carmelo mit schmerzverzerrtem Gesicht. Carmelo García, Verkäufer. Er tut gerade das, was er am liebsten tut: Flamencolieder singen. Seine Stimme geht langsam nach oben und nach unten, die Vokale ziehen sich in die Länge, die Faust ballt sich vor der Brust, die Augen schließen sich.Carmelo singt einen Martinete, einen jener alten, melancholischen Rhythmen, die Schmiede in Andalusien entwickelt haben, zum Klang des Eisenhammers. Pamm, pamm, pamm. Gefangene haben das Untergenre weiter entwickelt, in Cádiz, Sevilla oder Jerez. Vielleicht klopften sie dazu an einen Gitterstab und sahen in das Stückchen Himmel des Zellenfensters. So singt Carmelo: „Ich bin nicht mehr der, der ich war, und auch nicht der, der ich sein sollte. Ich bin ein kleines Möbel aus Traurigkeit, abgestellt an der Wand. Als Gefangener in Cádiz setzte ich mich auf meinen Seesack und begann zu grübeln, und fühlte nicht, was mit mir geschehen war, sondern das, was mir noch passieren würde.“

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