Guter Fang

Auf Mallorca können Gäste Fischer bei der Arbeit begleiten – gegen Bezahlung. Romantisch ist so ein Ausflug nicht. Aber er gibt gute Einblicke in ein nicht unumstrittenes Gewerbe.

Süddeutsche Zeitung, 11.5.2017 · Lärm. Ununterbrochen. Stundenlang. Ein lautstarker Motor treibt das Schiff hinaus vor die Küste Mallorcas. Es ist fünf Uhr morgens. Zum Reden sind die drei Seeleute und der Kapitän noch zu müde. Es wäre sowieso zu laut. Nur in der Kombüse und auf der Kapitänsbrücke kann man sich einigermaßen unterhalten. Aber Fischeridylle darf eben auch nicht erwarten, wer auf einem 20 Meter langen Schleppnetz-Trawler aufs Meer hinausfährt.

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Auf dem Trawler Nuevo Pep Domingo vor der Küste Mallorcas.

Neuerdings nehmen Mallorcas Fischer Touristen mit, für Geld, klar. Das Versprechen heißt: Brise in den Haaren spüren, über das Wasser gleiten, die Fischer an ihrem Arbeitsplatz erleben. Hier, auf dem Trawler Nuevo Pep Domingo, teilen sie die Kombüse mit den Touristen, braten ihnen frisch gefangenen Fisch, zeigen ihnen, wie man die Netze auslässt und einholt, wie man den Fang sortiert, welche Fische vor der Küste leben. Und der Gast lernt, warum Fisch eigentlich viel teurer sein müsste, als er ist. Die Arbeit auf einem Trawler, das sind lange, harte Schichten. “Wir wissen, wann wir anfangen, aber wir wissen nicht, wann wir aufhören”, sagt der Seemann Mohamed. “Wir fahren so lange, bis die Kühltruhe voll ist.”

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Leuchtgebiete

Mallorcas alte Wachtürme dienten zur Abwehr von Piraten. Nun sollen sie renoviert und zugänglich gemacht werden – mit Aussichtsgarantie.

 

Süddeutsche Zeitung, 25.4.2017 · Anfang dieses Jahres ging ein Leuchten um Mallorca. 24 alte Wachtürme sandten nacheinander ein Lichtsignal aus. Rote Punkte glühten auf, im Dunkel der Nacht, und erloschen kurz darauf wieder. Es war ein Test. Ein paar Mallorquiner wollten wissen, ob das einstige Überwachungssystem an der Küste noch funktionierte. Das tat es. “Wir wollten auf den schlechten Zustand der Türme aufmerksam machen”, sagt der Mathematiklehrer Pep Lluís Pol, einer der Veranstalter der Leuchtfeuer-Aktion. “Sie müssen erhalten bleiben, denn sie gehören zu unserem historischen, landschaftlichen und emotionalen Erbe.”

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Gutes vom Grund

Was den Deutschen das Fondue ist, sind den Spaniern zum Jahreswechsel Muscheln: Die besten kommen aus Galicien, gegessen werden sie vor allem in Madrid

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Muschel suchen in Galicien vor allem Frauen. Die Arbeit lässt Zeit für andere Dinge, zum Beispiel um das Mittagessen für die Kinder zu kochen. Foto: Brigitte Kramer

Süddeutsche Zeitung, 29.12.2016 · Madrid ist der größteMeerhafen des Landes, sagen die Spanier. Dabei gibt es hier weit und breit kein Meer. Aber in Madrid haben die Leute das Geld, um sich Steinbutt,Meeraal, Brassen und Seeteufel zu kaufen. Oder Entenmuscheln, Schwertmuscheln, Kaisergranat, Samtkrabben, Seespinnenundviele andere Delikatessen, für die es im Deutschen keine Namen gibt. Deshalb werden die besten Fische und Meeresfrüchte seit jeher in die Hauptstadt geschickt. Für María Alfonso ist das ein großes Glück. Die 48-Jährige ist Hausfrau. Und einen Teil des Jahres zudem Mariscadora, Muschelsammlerin. Und als solche staunt sie immer wieder, wie teuer das verkauft wird,was sie mitdemRechen ausdemsandigen Meeresboden kratzt. „20 Euro das Kilo“, sagt sie, „das ist eine Handvoll Muscheln. Wer kann sich das leisten?“

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Im Gegenwind

Vielerorts ist der Mönchsgeier ausgestorben. Ausgerechnet auf der Touristeninsel Mallorca hat er überlebt.

Ein Mönchsgeier (links), neben einem Gänsegeier in den Bergen Mallorca. Foto: Sebastià Torrens
Ein Mönchsgeier (links), neben einem Gänsegeier in den Bergen Mallorca. Foto: Sebastià Torrens

Süddeutsche Zeitung, 4.8.2016 · Immer, wenn Martí Solivellas den Geier über seinem Haus kreisen sieht, wird ihm warm ums Herz. “Sehen Sie?”, sagt Solivellas und deutet nach oben, “was für eine Spannweite!” Um den Bauern herum laufen seine zwei Collies, Solivellas aber hat nur Augen für den Mönchsgeier. “Der hat heute eine gute Thermik da oben.” Der Bauer kneift die Augen zusammen, sieht genauer hin. Nun klingt er etwas beunruhigt. “Normalerweise sind sie immer zu zweit unterwegs.” Heute ist der Geier allein.

Martí Solivellas und seine Frau Antònia Bibiloni leben denn auch wortwörtlich allein unter Geiern. Alle Nachbarn sind weggezogen, erzählt das Bauernehepaar. Der Hof steht in einem geschlossenen Hochtal im Norden Mallorcas, nur vier Kilometer vom Pilgerkloster Lluc entfernt. Rund herum ragen die höchsten Berge der Insel in den blauen Himmel. Und zwischen den Gipfeln, über Olivenplantagen, Gemüsebeeten und Obstbäumen, über einem Dreschplatz und unbebauten Feldern, über Schafen, Hühnern und Gänsen, über dem Blumengarten und dem alten Bauernhaus, wo das Paar seit fast 40 Jahren lebt, da kreist, mit einer Spannweite von fast drei Metern, entspannt ein Mönchsgeier.

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Das neue Mallorca

Cala Millor, 1959 · fotosantiguasdemallorca.com

Süddeutsche Zeitung, 31.3.2016 · Als Gertrude Stein ihrem britischen Freund Robert Graves im Jahr 1929 sagte: “Mallorca ist ein Paradies, wenn du es ertragen kannst”, deutete sie etwas an, das bis heute Gültigkeit hat. Die Insel ist empfehlenswert, mit Einschränkungen. Damals waren der Preis für das Leben im Paradies verschlossene Einheimische, schlechte Anbindungen und wenig Komfort. Heute, knapp 90 Jahre später, arbeitet jeder dritte Mallorquiner mit Touristen. Die Straßen sind jetzt im Frühjahr voller Radler und der Sommer 2016 soll wieder eine Rekord-Saison werden. 13,5 Millionen Urlauber kamen 2014 nach Mallorca, Menorca, Ibiza und Formentera. Mittlerweile sind es die Mallorquiner, die sich fragen, wie lange sie ein solches Paradies ertragen wollen.

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Die smarte Insel

Weitgehend ungestörtes Badevergnügen an Mallorcas wilder Westküste. Foto: Tom Gebhardt

Süddeutsche Zeitung, 17.9.2015 · Er sieht gut aus, trägt das Hemd weit aufgeknöpft und nur selten Sakko: Biel Barceló ist zwar nicht Regierungschef der Balearen, sondern nur der Vize, dafür hat der linke Politiker seit Juli das Superressort für Innovació, Recerca i Turisme, für Innovation, Forschung und Tourismus unter sich. Man könnte sagen: Biel Barceló hält die Zukunft Mallorcas in seinen Händen. Ginge es nach dem 47-jährigen Juristen, wäre die Insel ein Technologie-Standort, exportierte Software und Patente und würde Akademikern gut dotierte Forschungsstellen anbieten. Umsichtige, gebildete Besucher würden das ganze Jahr über Mallorcas Naturschönheit genießen,und die Einheimischen freuten sich über zwölfmonatige Vollbeschäftigung.

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Raum der Zukunft

Barcelona platzt aus allen Nähten: Um die Touristen besser auf die Stadt zu verteilen, werden neue Attraktionen geschaffen. Das Designzentrum Disseny HUB ist wohl die anspruchsvollste.

Das Designmuseum, die Torre Agbar und im Vordergrund die Installation BruumRuum!.
Das Designmuseum, die Torre Agbar und im Vordergrund die Installation BruumRuum! Foto: museudeldisseny.cat

Süddeutsche Zeitung, 27.8.2015 ·Auf der Plaça de les Glòries Catalanes, dem Platz katalanischer Errungenschaften, versteht man, wohin sich Barcelona entwickelt: Wo einst zwölf Monumente den Stolz regionaler Kultur und Geschichte versinnbildlichten, stehen heute zwei wegweisende Gebäude. Der von Jean Nouvel entworfene, bunt schimmernde Agbar-Turm mit knapp 60 000 Glasplättchen und 4500 LED-Projektoren an der Fassade symbolisiert Barcelonas eitle Lust an der Selbstdarstellung. Daneben steht, grau und wie ein beflissener Butler, das Disseny HUB Barcelona (DHUB). Es beherbergt unter anderem das Museu del Disseny. Dieses zeigt auf vier Etagen und mittels 7000 Objekten, wie die Stadt zu ihrem Ruf als Designmetropole gelangt ist – und wie stark industrielle Produktion und Gestaltung Barcelonas Selbstverständnis prägen.

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Akutes Überfüllungsgefühl

Süddeutsche Zeitung, 16.7.2015 · Auf Mallorca leben 880 000 Menschen, man muss sich diese Zahl vergegenwärtigen, wenn man versuchen will, mit den armen Mallorquinern mitzufühlen. Die nämlich werden jedes Jahr von Touristenmassen auch aus Deutschland überrollt, erst vor Kurzem sagte der neue Landesminister für Tourismus, Biel Barceló, es seien “zu viele”.

In Zahlen: Vergangenes Jahr besuchten 13,5 Millionen Menschen die Insel, in Worten: Dreizehnkommafünf Millionen. Und nun diskutieren sie auf der Insel über diese Frage: Wie viele Touristen hält Mallorca aus? Biel Barceló, der auch stellvertretender Ministerpräsident des linken Regionalbündnisses Més ist, das seit 2. Juli die Balearen regiert, will die Zahl der Touristen beschränken, “zumindest im Sommer”, und wenn das nicht von alleine geht, dann sei auch ein von der Regierung verordnetes Touristen-Limit “nicht ausgeschlossen”.

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Schluck zum Sonntag

Wermut ist das Getränk des Sommers in Barcelona. Die Einheimischen genießen ihn schon am Morgen in einer der Bars und verbummeln dann den Tag. Das einstige Arme-Leute-Getränk hilft ihnen, kurz die Krise auszublenden – doch schon wird auch dieses Ritual schicker und teurer.

Foto: www.inandoutbarcelona.net

Süddeutsche Zeitung, 9.8. 2014 · Es ist Sonntagmittag, deshalb fahren auf der Diagonal ausnahmsweise mal wenig Autos. An der Kreuzung mit der Passeig de Gràcia laufen Touristen vorbei und ältere, elegante Ehepaare. Die einen suchen Gaudís berühmte Wohnhäuser, die anderen flanieren. Stefania Talento und Andreu Font, beide um die 30, leben hier, im Gràcia-Viertel. Sie haben keine Kinder, wohnen in einer niedlichen Dachwohnung und erledigen von Montag bis Freitag eher unbefriedigende Bürojobs. Umso wichtiger ist das Wochenende. Stefania trägt ein schwarzes Haarband mit Schleife, die Augen leicht geschminkt. Andreus Augen sind hinter einer dunklen Sonnenbrille verborgen. Das gelockte, dunkle Haar ist leicht gegelt. Frisch geduscht sehen die beiden aus und doch noch nicht ganz wach.

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Herz und Hammer

In Andalusien haben sie den Flamenco erfunden, in Madrid wurde er berühmt. Hier trifft man Menschen, die wissen, worum es dabei wirklich geht.

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Die Tänzerin Blanca del Rey während eines Auftrittes beim Festival Suma Flamenca.

Süddeutsche Zeitung, 17./18. April 2014 · Draußen scheint die Sonne. Über Madrid spannt sich dieser strahlend blaue Himmel, auf den die Städter so stolz sind. Drinnen, zwischen weiß getünchten Wänden und schmiedeeisern vergitterten Fenstern, sitzt Carmelo mit schmerzverzerrtem Gesicht. Carmelo García, Verkäufer. Er tut gerade das, was er am liebsten tut: Flamencolieder singen. Seine Stimme geht langsam nach oben und nach unten, die Vokale ziehen sich in die Länge, die Faust ballt sich vor der Brust, die Augen schließen sich.Carmelo singt einen Martinete, einen jener alten, melancholischen Rhythmen, die Schmiede in Andalusien entwickelt haben, zum Klang des Eisenhammers. Pamm, pamm, pamm. Gefangene haben das Untergenre weiter entwickelt, in Cádiz, Sevilla oder Jerez. Vielleicht klopften sie dazu an einen Gitterstab und sahen in das Stückchen Himmel des Zellenfensters. So singt Carmelo: „Ich bin nicht mehr der, der ich war, und auch nicht der, der ich sein sollte. Ich bin ein kleines Möbel aus Traurigkeit, abgestellt an der Wand. Als Gefangener in Cádiz setzte ich mich auf meinen Seesack und begann zu grübeln, und fühlte nicht, was mit mir geschehen war, sondern das, was mir noch passieren würde.“

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