“Wer will dann hier noch Urlaub machen?”

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Die Rohbauruine des Hotels “As”: 20 Etagen, hunderte Zimmer mit unverglasten Fenstern. Isoliermaterial liegt auf dem Kiesstrand herum.

Montenegro: Das junge Land an der südlichen Adria wirbt mit unberührter Natur. Doch idyllische Buchten sind bedroht durch Korruption und Vetternwirtschaft.

Süddeutsche Zeitung, 31.7.2018 · Wenn man mit Dušan Varda die Küste entlangfährt, muss man sich Zeit nehmen. In vielen Orten kennt er jemanden. Er grüßt, bleibt auf der Straße stehen, hält Schwätzchen. Viele seiner Bekannten sympathisieren mit Vardas Sache: Der 50-Jährige ist Umweltaktivist, Taucher, Filmemacher. Angeblich kennt niemand Montenegros 300 Kilometer lange Küste besser als er. Genau deshalb ist Varda besorgt. “Die Regierung bemerkt anscheinend nicht, dass wir immer weniger Strände und immer mehr Beton haben”, sagt Varda, “sie denkt wohl, unsere Küste ist endlos.”

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Mallorcas ruhige Ecke

Die Saline von Es Trenc gehört seit Juni vergangenen Jahres zu einem Naturschutzgebiet. Hier, an der Südküste der Insel, finden sich von September bis April auch Flamingos.

Foto: Maties Rebassa
Foto: Maties Rebassa

Süddeutsche Zeitung, 3.1.2018 Flamingos sind ungewöhnliche Tiere. Sie knicken ihre Beine nach hinten ab, öffnen den Schnabel nach unten, und wenn sie fliegen, bildet ihr langer Körper eine schnurgerade Linie, parallel zum Horizont. Zu dieser Erkenntnis gelangt, wer mit dem Ornithologen Miguel McMinn und der Vogelliebhaberin Sabine Bürk durch den Matsch vor Mallorcas Südküste stapft. Es ist Winter, der Nachmittag geht zur Neige, es nieselt leicht. Im Feuchtgebiet von Campos ist weit und breit kein Mensch zu sehen. Dafür wimmelt es von Vögeln.

368 Arten haben Mallorcas Vogelbeobachter bislang auf der Insel gesichtet, im flachen, feuchten Süden, in den Tramuntana-Bergen oder in der ländlichen Inselmitte: Standvögel, Zugvögel und Wandervögel wie die Flamingos. Rosaflamingos (Phoenicopterus roseus) sind es, die kreuz und quer übers Mittelmeer ziehen und von September bis April vor allem an Mallorcas Südküste leben. In der Saline von Es Trenc und im Feuchtgebiet darum herum fressen sie sich satt. Zum Brüten im Sommer ziehen sie aber weg. Dabei hätte Mallorcas Tourismus- und Umweltbehörde die schönen Vögel gerne auch im Sommer auf der Insel. Sie könnten als neue Botschafter dienen, für eine Insel, die sich um mehr Nachhaltigkeit bemüht.

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Verblasste Blüten

Auf Mallorca sterben die Mandelbäume. Sie gelten seit Jahrzehnten als Symbole der Insel und ziehen immer im Februar Tausende Touristen an. Was nun?

Almendros en flor

Süddeutsche Zeitung, 1.2.2018 Deutet man die Landschaft als den Spiegel der menschlichen Seele, dann müssten auf Mallorca jetzt alle verzückt sein. Millionen Mandelbäume stehen Ende Januar, Anfang Februar in Blüte. In Weiß und Zartrosa verkünden sie das Ende des Winters. An den dunklen, rauen Ästen öffnen sich zuerst die Blüten. Sind sie verblüht, wachsen die Blätter.

Mit geradezu lasziver Üppigkeit überziehen die Blüten die Insel. Sie drängen in die Wahrnehmung, dominieren die Landschaft auf einer Fläche von 24 000 Hektar. Sie blühen auf den Plantagen in der ländlichen Inselmitte, im flachen Süden, an den Berghängen der Tramuntana. Weiße Schafe grasen unter den Bäumen. Einzelne, zufällig gewachsene Bäume blühen auch an unerwarteten Stellen, im Gewerbepark, an der Schnellstraße, neben einer Tankstelle. Überall scheinen sie zu sagen: “Vergiss nicht, das Leben ist wunderbar!”

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Guter Fang

Auf Mallorca können Gäste Fischer bei der Arbeit begleiten – gegen Bezahlung. Romantisch ist so ein Ausflug nicht. Aber er gibt gute Einblicke in ein nicht unumstrittenes Gewerbe.

Süddeutsche Zeitung, 11.5.2017 · Lärm. Ununterbrochen. Stundenlang. Ein lautstarker Motor treibt das Schiff hinaus vor die Küste Mallorcas. Es ist fünf Uhr morgens. Zum Reden sind die drei Seeleute und der Kapitän noch zu müde. Es wäre sowieso zu laut. Nur in der Kombüse und auf der Kapitänsbrücke kann man sich einigermaßen unterhalten. Aber Fischeridylle darf eben auch nicht erwarten, wer auf einem 20 Meter langen Schleppnetz-Trawler aufs Meer hinausfährt.

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Auf dem Trawler Nuevo Pep Domingo vor der Küste Mallorcas.

Neuerdings nehmen Mallorcas Fischer Touristen mit, für Geld, klar. Das Versprechen heißt: Brise in den Haaren spüren, über das Wasser gleiten, die Fischer an ihrem Arbeitsplatz erleben. Hier, auf dem Trawler Nuevo Pep Domingo, teilen sie die Kombüse mit den Touristen, braten ihnen frisch gefangenen Fisch, zeigen ihnen, wie man die Netze auslässt und einholt, wie man den Fang sortiert, welche Fische vor der Küste leben. Und der Gast lernt, warum Fisch eigentlich viel teurer sein müsste, als er ist. Die Arbeit auf einem Trawler, das sind lange, harte Schichten. “Wir wissen, wann wir anfangen, aber wir wissen nicht, wann wir aufhören”, sagt der Seemann Mohamed. “Wir fahren so lange, bis die Kühltruhe voll ist.”

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Leuchtgebiete

Mallorcas alte Wachtürme dienten zur Abwehr von Piraten. Nun sollen sie renoviert und zugänglich gemacht werden – mit Aussichtsgarantie.

 

Süddeutsche Zeitung, 25.4.2017 · Anfang dieses Jahres ging ein Leuchten um Mallorca. 24 alte Wachtürme sandten nacheinander ein Lichtsignal aus. Rote Punkte glühten auf, im Dunkel der Nacht, und erloschen kurz darauf wieder. Es war ein Test. Ein paar Mallorquiner wollten wissen, ob das einstige Überwachungssystem an der Küste noch funktionierte. Das tat es. “Wir wollten auf den schlechten Zustand der Türme aufmerksam machen”, sagt der Mathematiklehrer Pep Lluís Pol, einer der Veranstalter der Leuchtfeuer-Aktion. “Sie müssen erhalten bleiben, denn sie gehören zu unserem historischen, landschaftlichen und emotionalen Erbe.”

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Gutes vom Grund

Was den Deutschen das Fondue ist, sind den Spaniern zum Jahreswechsel Muscheln: Die besten kommen aus Galicien, gegessen werden sie vor allem in Madrid

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Muschel suchen in Galicien vor allem Frauen. Die Arbeit lässt Zeit für andere Dinge, zum Beispiel um das Mittagessen für die Kinder zu kochen. Foto: Brigitte Kramer

Süddeutsche Zeitung, 29.12.2016 · Madrid ist der größteMeerhafen des Landes, sagen die Spanier. Dabei gibt es hier weit und breit kein Meer. Aber in Madrid haben die Leute das Geld, um sich Steinbutt,Meeraal, Brassen und Seeteufel zu kaufen. Oder Entenmuscheln, Schwertmuscheln, Kaisergranat, Samtkrabben, Seespinnenundviele andere Delikatessen, für die es im Deutschen keine Namen gibt. Deshalb werden die besten Fische und Meeresfrüchte seit jeher in die Hauptstadt geschickt. Für María Alfonso ist das ein großes Glück. Die 48-Jährige ist Hausfrau. Und einen Teil des Jahres zudem Mariscadora, Muschelsammlerin. Und als solche staunt sie immer wieder, wie teuer das verkauft wird,was sie mitdemRechen ausdemsandigen Meeresboden kratzt. „20 Euro das Kilo“, sagt sie, „das ist eine Handvoll Muscheln. Wer kann sich das leisten?“

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Im Gegenwind

Vielerorts ist der Mönchsgeier ausgestorben. Ausgerechnet auf der Touristeninsel Mallorca hat er überlebt.

Ein Mönchsgeier (links), neben einem Gänsegeier in den Bergen Mallorca. Foto: Sebastià Torrens
Ein Mönchsgeier (links), neben einem Gänsegeier in den Bergen Mallorca. Foto: Sebastià Torrens

Süddeutsche Zeitung, 4.8.2016 · Immer, wenn Martí Solivellas den Geier über seinem Haus kreisen sieht, wird ihm warm ums Herz. “Sehen Sie?”, sagt Solivellas und deutet nach oben, “was für eine Spannweite!” Um den Bauern herum laufen seine zwei Collies, Solivellas aber hat nur Augen für den Mönchsgeier. “Der hat heute eine gute Thermik da oben.” Der Bauer kneift die Augen zusammen, sieht genauer hin. Nun klingt er etwas beunruhigt. “Normalerweise sind sie immer zu zweit unterwegs.” Heute ist der Geier allein.

Martí Solivellas und seine Frau Antònia Bibiloni leben denn auch wortwörtlich allein unter Geiern. Alle Nachbarn sind weggezogen, erzählt das Bauernehepaar. Der Hof steht in einem geschlossenen Hochtal im Norden Mallorcas, nur vier Kilometer vom Pilgerkloster Lluc entfernt. Rund herum ragen die höchsten Berge der Insel in den blauen Himmel. Und zwischen den Gipfeln, über Olivenplantagen, Gemüsebeeten und Obstbäumen, über einem Dreschplatz und unbebauten Feldern, über Schafen, Hühnern und Gänsen, über dem Blumengarten und dem alten Bauernhaus, wo das Paar seit fast 40 Jahren lebt, da kreist, mit einer Spannweite von fast drei Metern, entspannt ein Mönchsgeier.

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Das neue Mallorca

Cala Millor, 1959 · fotosantiguasdemallorca.com

Süddeutsche Zeitung, 31.3.2016 · Als Gertrude Stein ihrem britischen Freund Robert Graves im Jahr 1929 sagte: “Mallorca ist ein Paradies, wenn du es ertragen kannst”, deutete sie etwas an, das bis heute Gültigkeit hat. Die Insel ist empfehlenswert, mit Einschränkungen. Damals waren der Preis für das Leben im Paradies verschlossene Einheimische, schlechte Anbindungen und wenig Komfort. Heute, knapp 90 Jahre später, arbeitet jeder dritte Mallorquiner mit Touristen. Die Straßen sind jetzt im Frühjahr voller Radler und der Sommer 2016 soll wieder eine Rekord-Saison werden. 13,5 Millionen Urlauber kamen 2014 nach Mallorca, Menorca, Ibiza und Formentera. Mittlerweile sind es die Mallorquiner, die sich fragen, wie lange sie ein solches Paradies ertragen wollen.

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Die smarte Insel

Weitgehend ungestörtes Badevergnügen an Mallorcas wilder Westküste. Foto: Tom Gebhardt

Süddeutsche Zeitung, 17.9.2015 · Er sieht gut aus, trägt das Hemd weit aufgeknöpft und nur selten Sakko: Biel Barceló ist zwar nicht Regierungschef der Balearen, sondern nur der Vize, dafür hat der linke Politiker seit Juli das Superressort für Innovació, Recerca i Turisme, für Innovation, Forschung und Tourismus unter sich. Man könnte sagen: Biel Barceló hält die Zukunft Mallorcas in seinen Händen. Ginge es nach dem 47-jährigen Juristen, wäre die Insel ein Technologie-Standort, exportierte Software und Patente und würde Akademikern gut dotierte Forschungsstellen anbieten. Umsichtige, gebildete Besucher würden das ganze Jahr über Mallorcas Naturschönheit genießen,und die Einheimischen freuten sich über zwölfmonatige Vollbeschäftigung.

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Raum der Zukunft

Barcelona platzt aus allen Nähten: Um die Touristen besser auf die Stadt zu verteilen, werden neue Attraktionen geschaffen. Das Designzentrum Disseny HUB ist wohl die anspruchsvollste.

Das Designmuseum, die Torre Agbar und im Vordergrund die Installation BruumRuum!.
Das Designmuseum, die Torre Agbar und im Vordergrund die Installation BruumRuum! Foto: museudeldisseny.cat

Süddeutsche Zeitung, 27.8.2015 ·Auf der Plaça de les Glòries Catalanes, dem Platz katalanischer Errungenschaften, versteht man, wohin sich Barcelona entwickelt: Wo einst zwölf Monumente den Stolz regionaler Kultur und Geschichte versinnbildlichten, stehen heute zwei wegweisende Gebäude. Der von Jean Nouvel entworfene, bunt schimmernde Agbar-Turm mit knapp 60 000 Glasplättchen und 4500 LED-Projektoren an der Fassade symbolisiert Barcelonas eitle Lust an der Selbstdarstellung. Daneben steht, grau und wie ein beflissener Butler, das Disseny HUB Barcelona (DHUB). Es beherbergt unter anderem das Museu del Disseny. Dieses zeigt auf vier Etagen und mittels 7000 Objekten, wie die Stadt zu ihrem Ruf als Designmetropole gelangt ist – und wie stark industrielle Produktion und Gestaltung Barcelonas Selbstverständnis prägen.

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