Mit dem Umfeld verschmelzen

Auch wenn das norwegische Architekturbüro Snøhetta vor dem Durchbruch in die Weltliga steht, bleibt Kjetil Thorsen, einer der Gründer, gelassen. Denn wichtiger als Starruhm ist ihm die Frage, wie sich demokratische Baukunst realisieren lässt. 

The Norwegian Wild Reindeer Centre Pavilion, Dovrefjell National Park
The Norwegian Wild Reindeer Centre Pavilion, Dovrefjell National Park

NZZ, 3.5. 2010 · Er kommt direkt aus Stockholm ins Architekturmuseum von Oslo, drei Stunden nach dem vereinbarten Termin. «Tut mir leid», sagt er in perfektem Deutsch mit österreichischem Einschlag, «mein Flug hatte Verspätung.» Kjetil Thorsen, Norwegens derzeit bekanntester Architekt, erscheint unfrisiert, unrasiert und zerknittert zum Gespräch. Seit fünf Uhr morgens ist er auf den Beinen. Jetzt, am Spätnachmittag, ist er da. «Nenn mich bitte Kjetil, ausgesprochen, wie man es schreibt», sagt er nach der Begrüssung. Im Architekturmuseum am Bankplassen fühlt sich Thorsen zu Hause, denn der von seinem Landsmann, dem vor einem Jahr verstorbenen Pritzkerpreisträger Sverre Fehn, modernisierte und erweiterte Altbau liegt nur einen Katzensprung von Thorsens Studio Snøhetta entfernt. Und im Architekturmuseum ist er in letzter Zeit oft ein und aus gegangen: Denn vor kurzem endete hier eine Schau über die Arbeit von Snøhetta, die auch in New York gezeigt worden war.

Auf der Welle des Erfolgs

Thorsen begrüsst den Wachmann am Eingang per Handschlag, im Museumscafé bestellt er per Zuruf ein Glas Wasser. Und dann, nachdem er sich im Anorak auf einen Stuhl gesetzt hat, kämpft er gegen die Müdigkeit. Der 51-jährige Baukünstler hat den Interviewtermin nicht abgesagt. Nicht einmal jetzt, da sein Büro auf der Welle des internationalen Erfolgs von Auszeichnung zu Auszeichnung getragen wird. Den Aga-Khan-Preis für Architektur hat er erhalten, den skandinavischen Nordic Selected Award für Design und den Peer-Gynt-Preis des norwegischen Parlaments. Besonders hoch hat ihn aber der Mies-van-der-Rohe-Preis getragen, der ihm vor einem Jahr von der gleichnamigen Stiftung und vom Europäischen Parlament für das Opernhaus in Oslo verliehen worden war.

Continue reading

Triefende Langeweile in der Provinz

Der Familienroman «Das Puppenkabinett des Senyor Bearn» schildert den langsamen Niedergang des feudalen Mallorca. Der Schauplatz ist jetzt zu besichtigen. Das Landgut Raixa ist frisch renoviert und verführt zu träger Träumerei.

Bearn-Film
Szene aus der Verfilmung mit Fernando Rey und Ángela Molina

NZZ, 7.11. 2009 · Ein Roman wie ein langer Herbstabend, der Held ein dekadenter Landadliger, die Handlung nichtig, der Schauplatz abgelegen. Wer «Das Puppenkabinett des Senyor Bearn» zur Hand nimmt, der sollte alle Hektik des Alltags vergessen. Das Buch wurde von dem mallorquinischen Schriftsteller und Psychiater Llorenç Villalonga ganz im tröpfelnden Rhythmus der Epoche und des Ortes geschrieben, die es porträtiert. Erstmals im Jahr 1956 erschienen, erfüllt es in meisterlicher Weise die literarischen Regeln der Einheit von Form, Raum und Zeit. Wegen seiner einstrangigen, eleganten Erzählstruktur und der psychologischen Tiefe der Charaktere gilt es als Hauptwerk des Autors und bestes Beispiel der katalanischsprachigen Literatur des 20. Jahrhunderts.

 

Continue reading

Unterwegs in Stromschnellen

GGM_libroDie Chronik, verwurzelt zwischen Literatur und Journalismus, blüht in Lateinamerika. Zwei Anthologien benennen nun den Trend und zeichnen eine Entwicklung nach: von den ersten Reiseberichten des 16. Jahrhunderts über Gabriel García Márquez zu Lifestyle- und Reportagemagazinen in Mexiko oder Peru.

NZZ, 24.7.2012 · Zwei Anthologien zu einem Zwittergenre, das in Lateinamerika geradezu wuchert, sind kürzlich in Spanien erschienen. Die Sammelbände «Antología de crónica latinoamericana actual» und «Mejor que ficción – crónicas ejemplares» sind ein Versuch, das halb literarische, halb journalistische Genre der Chronik zu fassen und in seiner Entwicklung zu präsentieren. Die Herausgeber sind der Kolumbianer Darío Jaramillo (Editorial Alfaguara) und der Spanier Jorge Carrión (Editorial Anagrama). Beide stellen unabhängig voneinander fest, dass die Crónica auf dem amerikanischen Subkontinent bunte Blüten treibt und anderen Genres voraus ist. Sie sprechen von einem neuen Boom und benennen diesen erstmals.

 

Continue reading

Verarmte Familie stirbt an giftiger Mahlzeit

In Sevilla ist eine mittellose Familie nach dem gemeinsamen Abendessen gestorben. Die Todesursache ist unklar. Anwohner protestieren gegen die grassierende Armut.

NZZ, 20.12.2013 · Eine Tragödie hat sich kurz vor Weihnachten in einem Vorort von Sevilla abgespielt. Drei Mitglieder einer vierköpfigen Familie sind dort in der Nacht des 14. Dezembers umgekommen, nachdem sie gemeinsam zu Abend gegessen hatten. Laut ersten Untersuchungen erlagen der 61-jährige Vater, die 50-jährige Mutter und eine 14-jährige Tochter einer Fischvergiftung. Die zweite, 13-jährige Tochter überlebte mit leichten Symptomen. Die Autopsie der Verstorbenen legte nun andere Spuren.

Continue reading

Weniger Üppigkeit, mehr Intensität!

NZZ, 14.12.2013 · Der spanische Pritzkerpreisträger Rafael Moneo gilt als einer der Grossen der Architekturszene. Doch statt Allüren zu zeigen, pflegt er Bescheidenheit. Im Interview mit Brigitte Kramer spricht der 76-jährige Baukünstler über seine Karriere, über Spaniens Architekturkrise und über seinen Misserfolg in Zürich.

Herr Moneo, die «New York Times» hat Sie kürzlich den Mike Leigh der Architektur genannt, während Renzo Piano, Richard Meier oder aber Frank Gehry die Spielbergs seien. Leuchtet Ihnen dieser Vergleich ein?

Nicht wirklich. Es geht doch darum, was man ausdrücken will oder muss. Ich denke, dass ich mit meinem Werk das Richtige zum Ausdruck gebracht habe, dass es mir erlaubte, etwas über unsere heutige Gesellschaft auszusagen. Die Karriere eines Architekten ist ja nichts anderes als eine Reihe solcher Gelegenheiten. Vor anderen Gefühlen, wie dem der Allmacht, muss man sich hüten.

Continue reading

Nur keine Fremdkörper produzieren – Der spanische Architekt Rafael Moneo

Foto: Michael Moran

NZZ, 27.11.2013 · Vergilbtes Pauspapier, dicke Bleistiftlinien, Beschriftungen mit schablonierten Buchstaben, immer wieder dieselbe handschriftliche Signatur, Licht- und Schattenspiele, Fotos aus der Vogelperspektive, städtische Landschaften mit Menschen in altmodischer Kleidung, Blicke in Gänge und Höfe – die Exponate der grossen, dem 1937 in Tudela geborenen Architekten Rafael Moneo gewidmeten Ausstellung in den Räumen der Fundación Barrié im nordwestspanischen A Coruña betören. Insgesamt 46 Bauten und Projekte aus 52 Jahren werden mit 98 Skizzen, 18 Modellen und 142 Fotos dokumentiert. Das Material stammt aus dem Studio in Madrid, wo seit 1973 Hunderte von Architekten gearbeitet haben. Viele davon sind heute herausragende Vertreter ihrer Zunft. Der Kurator Francisco González de Canales und die Ausstellungsmacherin María Fraile – beide Architekten und Schüler von Moneo – haben mit ihrer «Rafael Moneo – una reflexión teórica desde la profesión» betitelten Schau dem grossen spanischen Architekten ein Denkmal gesetzt.

Continue reading

300 Jahre Liebe zum Wort

Seit 1713 pflegt und normiert ein gewähltes Gremium die spanische Sprache. Heute von über 500 Millionen Menschen auf drei Kontinenten gesprochen, soll sie das Englische als Weltsprache überholen.

NZZ 16.10.2013 · Am Ende des Erbfolgekrieges wurde Spanien amputiert und zentralisiert. Gibraltar und Menorca gingen an die Briten; Besitze in den heutigen Niederlanden und Italien an die Habsburger und an das Haus Savoyen. Zudem etablierte das neue bourbonische Herrscherhaus in Madrid nach französischem Vorbild eine zentralistische Verwaltung. Provinzen wie Katalonien oder das Baskenland verloren viele Privilegien. Das war 1713.

Zweite Weltsprache

Während dieser bis heute relevanten Umwälzungen entstand im Madrider Palast des Adeligen Juan Manuel Fernández Pacheco ein Werk, das ebenfalls bis heute Relevanz hat: das erste Wörterbuch der spanischen Sprache. Den 300. Jahrestag der Gründung seines Herausgebergremiums, der Real Academia Española (RAE, Königliche Sprachakademie), feiert Spanien ausführlich. 1713 bestand die Akademie aus ein paar Freunden, die bald die Unterstützung des Königs hatten; heute setzt sie sich aus 46 gewählten Intellektuellen zusammen. Sie publiziert seit je Wörterbücher, Grammatiken und Nachschlagewerke und hat sich zum Hüter einer Sprache entwickelt, die nach Angaben ihres Leiters José Manuel Blescua rund 528 Millionen Menschen auf drei Kontinenten sprechen, als Erst- oder Zweitsprache.

Continue reading

«Wir leben in lächerlichen Zeiten»

Javier Marías, Autor von Bestsellern mit philosophischem Glanz und literarischer Tiefe, ist Träger des diesjährigen Premio Formentor de las Letras. Brigitte Kramer traf den 62-Jährigen zum Gespräch.

NZZ, 23.9.2013· Herr Marías, im vergangenen Herbst haben Sie den staatlichen Literaturpreis für Ihren Roman «Die sterblich Verliebten» abgelehnt. Nun nehmen Sie den Formentor-Preis an. Warum?

Es gab keinen Grund, ihn nicht anzunehmen. Ich hatte nie ein Problem mit ausländischen Preisen, wie dem Nelly-Sachs-Preis oder dem Österreichischen Staatspreis für Europäische Literatur, die man mir verliehen hat. Mit spanischen Preisen habe ich erst ein Problem, wenn sie institutionell sind wie der Literaturpreis, der vom Kulturministerium verliehen wird. Aber der Formentor-Preis ist privat, hier wird kein staatliches Geld vergeben, kein Geld des Steuerzahlers. Ich habe ihn auch wegen seiner langen Geschichte angenommen und der Leute, die ihn bekommen haben, Jorge Luis Borges, Samuel Beckett, Witold Gombrowicz . . .

Continue reading

Problematische Wahrzeichen

Die hochverschuldete Stadt Valencia trägt wegen der Krise schwer an ihren Prachtsbauten der Boomjahre. Dabei gäbe es rings um die Millionenstadt ein 900 Jahre altes, einmaliges Erbe zu schützen.

NZZ, 10.9.2013 · Fast zwei Millionen Menschen leben im Grossraum Valencia. Die drittgrösste Stadt Spaniens liegt an der Ostküste der Iberischen Halbinsel. Der Hafen und das fruchtbare Land der Region verliehen ihr schon zu Zeiten der Mauren Bedeutung. Bis heute exportiert sie europaweit Obst und Gemüse. Bekannt waren früh schon die Orangen aus Valencia. Die süssen Symbole des Südens wecken noch immer positive Assoziationen. Ganz anders verhält es sich mit Valencias neuen Wahrzeichen: Es sind Bauten, von denen viele leer stehen und ihren Glanz verlieren. In der Hafenstadt war die Immobilienblase besonders gross. Rund zehn Jahre lang – zwischen 1997 und 2007 – wuchs Valencia unaufhaltsam. In ewiger Konkurrenz mit der schillernden Mittelmeermetropole Barcelona und mit Sevilla, der viertgrössten Stadt Spaniens, wollte Valencia sein Profil schärfen. Neue Symbole wurden gesucht. Wer wollte sich in den 1990er Jahren noch mit Orangen identifizieren, nachdem Barcelona die Olympischen Spiele und Sevilla die Expo veranstaltet hatte? Also wurde Santiago Calatrava von seiner Heimatstadt mit dem Grossprojekt der Ciutat de les Arts i de les Ciències (CAC) betraut. Continue reading

Elegante Verneigung am Oslofjord

Nach langem Hin und Her soll am Oslofjord ein neues Munch-Museum entstehen. Der Madrider Architekt Juan Herreros, der 2008 den Wettbewerb gewonnen hatte und 2009 eine Absage bekam, freut sich über den Auftrag in Oslo und die weltweite Ausstrahlung des Projekts.

Entwurf: herrerosarquitectos.com

NZZ, 14.8.2013 · Es waren vier lange Jahre für Juan Herreros. Der heute 55-jährige Architekt hatte 2008 den internationalen Wettbewerb zum Bau des neuen Munch-Museums in Oslo gewonnen. Die Liste der Teilnehmer an der Ausschreibung war eindrücklich, der Zuschlag an Herreros kam überraschend. Der Auftrag war entscheidend für sein Büro in der Madrider Calle Princesa. Die Entscheidung der internationalen, von Valerio Olgiati präsidierten Jury, für das Museum einen 55 Meter hohen, oben sich neigenden, im wechselnden Licht des Nordens changierenden Turm mit transparenter, durch Rolltreppen erschlossener Westfassade zu prämieren, war mutig – und hat Juan Herreros aus einer beruflichen Krise gerettet. Kurz zuvor hatte sich der Madrilene von seinem Geschäftspartner Iñaki Ábalos getrennt und sah sich inmitten der spanischen Baukrise gezwungen, weitgreifende Entscheidungen zu treffen, denn «in Spanien gibt es keine Arbeit». Sollten Herreros und seine 15 Mitarbeiter weiterhin Kläranlagen, Wohnblocks und Sporthallen bauen, Ausstellungen und Messen gestalten, Gebäude neu verkleiden? Oder sollte er «in die grosse Liga einsteigen»? Er ging die Sache mit Sportsgeist an, nahm am Osloer Wettbewerb teil – und setzte sich gegen 400 Mitbewerber durch.

Continue reading