«Räume für’s Leben schaffen»

NZZ, 15.6.2015 · Die Architekten Fabrizio Barozzi und Alberto Veiga sind Träger des Mies-van-der-Rohe-Preises 2015. Ausgezeichnet wurde ihre Philharmonie in Stettin. In der Schweiz haben sie drei Projekte in Arbeit.

 

Die mit dem Mies-van-der-Rohe-Preis 2015 ausgezeichnete Philharmonie von Barozzi Veiga in Stettin. Bild: Simon Menges

  Herr Barozzi, Herr Veiga, Sie waren jüngst auf einer Ausstellung in Madrid namens «Export. Arquitectura Española en el extranjero», die Bauten spanischer Architekten im Ausland vorstellte. Wie haben Sie es geschafft, trotz Krise an ausländische Bauaufträge zu kommen?

Fabrizio Barozzi: Bei uns war das keine Absicht. Schon 2004, als Spanien noch boomte, waren wir europaweit aktiv. Wir sehen uns als Europäer, der Kontinent ist unser Handlungsrahmen. In Spanien gab es für uns nicht viel Interessantes zu tun. Deshalb sind wir bis heute in Spanien nicht gut vernetzt, man kannte uns hier bis jetzt kaum. Der erste Wettbewerb, den wir gewannen, war eine Ausschreibung für Sozialwohnungen im andalusischen Úbeda. Damals waren wir gerade mit dem Studium fertig. Das Projekt wurde zwar nie realisiert, aber der Wettbewerbserfolg gab den Ausschlag, uns zusammenzutun. Die ersten Jahre waren hart, ab 2008, als hier die Krise ausbrach, lief es für uns besser, dank internationalen Aufträgen.

Continue reading

Fehlende Zähne

Miguel de Cervantes

Nach dem Fund der Dichterknochen hofft Madrid auf den Cervantes-Effekt

NZZ, 28.3.2015 · Noch dauert es bis zu den Feierlichkeiten, mit denen im April 2016 der 400. Todestag des Miguel de Cervantes voraussichtlich begangen wird. Doch wenn jetzt ein Team von 36 Forschern in Madrid seine sterblichen Überreste gefunden haben will, ist das fürs Marketing ein Coup. Dass der Autor des «Don Quijote» in einem Kloster im Zentrum der Stadt begraben wurde, weiss man seit dem Jahr 1870. Nachforschungen in Archiven hatten damals ergaben, dass die Leiche trotz späteren Umbauten und Umbettungen immer in der Klosterkirche geblieben ist. In Cervantes’ Todesurkunde steht vermerkt, er «soll bei den Trinitarierinnen begraben werden». Das Kloster war 1616 gerade erst errichtet worden, Cervantes wohnte in der Nähe, und seine Tochter war dort Ordensfrau.

Continue reading

Staatsverbrechen

Klarheit über den Mord an Federico García Lorca

NZZ, 11.5.2015 · Im Jahr 1965 stellte die französische Autorin Marcelle Auclair eine Anfrage an die spanische Botschaft in Paris. Sie wollte Genaueres über die letzten Tage und die Todesumstände des spanischen Dichters und Dramatikers Federico García Lorca (1898–1936) erfahren. Die Anfrage wurde nach Madrid weitergeleitet, von drei Ministern begutachtet und zur Bearbeitung an die Polizei nach Granada geschickt. Dort ist García Lorca wenige Wochen nach Ausbruch des Spanischen Bürgerkriegs erschossen worden. Der Bericht wurde im selben Jahr verfasst, doch eine Antwort erhielt Auclair nie.

Continue reading

Das Leben ist kein Hundert-Meter-Sprint

David Truebas Roman zu Spaniens Krise gewinnt den Kritikerpreis

NZZ, 6.5.2009 · Die Weltwirtschaftskrise hat Spanien in besonderer Art erwischt: Jüngere Leute kannten bisher nur den stetigen Boom. David Truebas neues Buch hilft ihnen nun, auch das Verlieren zu lernen.

Spanien steckt in der Krise. Dabei ist das Land nicht allein. Doch in Spanien ist die Krise nicht nur wirtschaftlich (knapp 18 Prozent Arbeitslose, mehr als vier Millionen Menschen, Ende April), sie ist auch psychologisch. Das Selbstbewusstsein sinkt parallel zu den Statistiken. Jüngeren Spaniern – den ab 1975 geborenen, dem Jahr, in dem Francos Diktatur endete – muss man erst erklären, dass alles, was sie bisher gelernt haben, keine Gültigkeit mehr hat. Dass das Geld nicht einfach so aus dem Automaten kommt; dass man sich ohne Eigenkapital kein Haus leisten und den gesamten Haushalt nicht auf Raten kaufen sollte. Die Ära des grenzenlosen Konsums ist zu Ende.

Continue reading

Baukunst und Politik

 NZZ, 9.1. 2014· Der 43-jährige Spanier Andrés Jaque steht für ein neues Architekturverständnis. Gebäude konstruieren für ihn die Gesellschaft. In Venedig und New York wurde er jüngst für sein Denken und Tun geehrt. Brigitte Kramer sprach mit ihm in Madrid über Politik und Häuserbau.

Andrés Jaque-00

Herr Jaque, Sie und andere Teilnehmer an der Architekturbiennale 2014 in Venedig wurden vom Biennale-Leiter Rem Koolhaas gebeten, «ein kritisches Kapitel globaler Zirkulationsgeschichte der Moderne» zu schreiben. Sie wählten die Auseinandersetzung mit der von Silvio Berlusconi in Segrate realisierten Wohnanlage «Milano 2». Weshalb?

Ich empfinde es heute als Herausforderung, Gebäude, die uns umgeben, neu zu beschreiben und sie in einen sozialen und politischen Bezug zu setzen. Nur wenn wir die komplexen Zusammenhänge verstehen, können wir Alternativen bieten. Ich habe mich in diesem Sinne mit 2600 Wohnungen beschäftigt, die Silvio Berlusconis Baufirma Edilnord 1968 in der Mailänder Vorstadt Segrate baute. Die Anlage zielte auf Isolierung, Fernsehkonsum und Gleichschaltung: Die Abstände zwischen den Gebäuden, die Fahrwege zu den Garagen, die Position der Sofas, all das haben die Architekten Giancarlo Ragazzi und Giulio Possa kalkuliert. Es gab sogar einen lokalen Fernsehsender, Tele Milano Cavo. An dessen schäbigen Shows konnten die Anwohner mitmachen. Berlusconi kaufte den Sender wenig später. Er wurde zum ersten Kerngeschäft von Mediaset: radikale Veränderungen, ermöglicht durch radikale Architektur.

Continue reading

«Dieses Land kann man nicht ernst nehmen!»

NZZ, 22.11.2014 · Sein Werk wird in über zwanzig Sprachen übersetzt. Im Ausland, sagt Javier Cercas im Interview, verstehe man seine Bücher vielleicht sogar besser als in Spanien, seiner Heimat.

Foto: privat

In Ihrem jüngsten Roman, «Outlaws», schildern Sie das Leben Jugendlicher in den ersten Jahren der spanischen Demokratie. Der Held, ein 16-jähriger Mittelschichtssohn, freundet sich mit gleichaltrigen Kleinkriminellen aus der Unterschicht an, sogenannten Quinquis, die er Jahre später wieder trifft. Was ist das für eine Gesellschaftsgruppe?

Ein Quinqui ist die spanische Variante des Gesetzlosen, der Randfigur, des Underdogs. Billy the Kid wäre ein amerikanischer Quinqui. Sie gibt es in Spanien heute nicht mehr, die meisten sind wegen Heroin oder an Aids gestorben. Während der Transición tauchten sie überall auf, machten Schlagzeilen – sie waren so etwas wie die Schattenseite der Erneuerung. Eine Entsprechung fänden sie heute in den Indignados, mit Unterschieden. Die benachteiligten Jugendlichen meiner Generation hatten kaum Schulbildung, konnten sich nur mit Gewalt artikulieren. Heute haben sie mehr Ressourcen, wie man an den Demos sieht.

Continue reading

Spanische Spuren des Schwarzen Tods

Neue Zürcher Zeitung, 6.10.2014 · 120 Skelette belegen erstmals, dass die Beulenpest auch in Spanien gewütet hat. Der Pandemie fiel im Mittelalter fast die Hälfte aller Europäer zum Opfer.

Der Schwarze Tod, dem im 14. Jahrhundert bis zur Hälfte aller Europäer zum Opfer fielen, hat auch jenseits der Pyrenäen gewütet. Ausgrabungen in der gotischen Kirche Sants Just i Pastor in Barcelona scheinen nun erstmals auch archäologisch zu belegen, was Zeitdokumente bereits berichten. Mindestens fünf Pestwellen sind zwischen 1348 und 1375 über die Stadt gezogen, die damals schon ein bedeutender Mittelmeerhafen war.

Continue reading

El Hierro ist unabhängig

Die kanarische Insel ist als erstes Eiland der Welt energieautark. Ein Wind-Wasser-Kraftwerk versorgt die 10’000 Bewohner. 2020 will El Hierro komplett emissionsfrei sein.

Ein Vulkankrater wurde zum Meerwasserdepot für ein Pumpspeicherkraftwerk. Foto: Gorona del Viento S.A.

NZZ, 8.8.2014 · Seit Ende Juni weht auf El Hierro ein anderer Wind. Nach dreissig Jahren Planung und Umsetzung ist auf der kleinsten Insel der Kanaren ein Wind-Wasser-Kraftwerk in Betrieb gegangen, das die Insel künftig vollständig mit erneuerbarer Energie versorgen soll. Die Anlage wird vom Inselrat, vom spanischen Energiekonzern Endesa und vom Technologischen Institut der Kanaren (ITC) betrieben und kostete rund 82 Millionen Euro. Finanziert wurde sie je zur Hälfte von Endesa und vom spanischen Staat. El Hierro ist damit das erste Eiland der Welt, das sich komplett selbst versorgt. Die dänische Insel Samsø hat zwar auch eigene Stromversorgung, ist aber für Notfälle mit dem Festland verbunden.

Continue reading

Der Nabel der Stadt

Die abgeschottete spanische Exklave Ceuta an der marokkanischen Mittelmeerküste besitzt eine neue Bibliothek. Sie dient als Treffpunkt und erzählt die schwierige Geschichte der Stadt. Realisiert wurde die Bibliothek vom Madrider Architektenpaar Ángela García de Paredes und Ignacio García Pedrosa.

Homogene Alufassade in Ceutas Häusermeer: Die neue Bibliothek der Stadt. Foto: Fernando Alda

NZZ, 11.7. 2014 · Ihr letztes freies Grundstück hat die Stadt Ceuta einer öffentlichen Bibliothek überlassen. Das weckt Sympathie. Schon bei der Anfahrt über die Meerenge von Gibraltar entdeckt man sie am Horizont, die Biblioteca Pública de Ceuta. Kurz vor dem Anlegen im Hafen kann man sie dann genau erkennen. Ein mit Aluminium verkleideter, schiffsrumpfähnlich abgeschrägter Baukörper ragt in den Himmel. Das Gebäude ist kaum grösser oder höher als seine Nachbarn. Aber es sticht trotzdem hervor. Denn keines der anderen Häuser besitzt eine derart homogene Fassade. Die meisten haben unterschiedlich geformte Fenster, farbig getünchte Fassaden, Aufbauten und Antennen. Sie schaffen ein Gewimmel, in welchem das Gebäude des Madrider Architektenpaares Ángela García de Paredes und Ignacio García Pedrosa einen Ruhepol bildet. «Wir wollten Einheit vermitteln», sagt Ángela Paredes, «Einheit und Geborgenheit.»

Continue reading

“Der Mensch ist so schlecht, wie man ihn sein lässt”

Denker, Publizist, Aktivist. Der 1947 im baskischen San Sebastián geborene Fernando Savater wird in seinem Heimatland als Unbequemer angeschaut – und angefeindet. In Madrid traf ihn Brigitte Kramer.

Foto: Gonzalo Merat

NZZ, 14.4. 2014 · In Ihrem jüngsten Buch «Meine Einbildungen» versammeln Sie Zeitungskolumnen der vergangenen Monate. Ein wichtiges Thema für Sie ist Spaniens Bildungspolitik. Was passiert gerade im Land?

Die europaweite Tendenz geht zu rein funktionsorientierten Bildungsprogrammen. Anstatt Bürger und Menschen zu formen, schafft man Angestellte, Leute, die mehr oder weniger tüchtig arbeiten. Weiterführende Perspektiven gibt es nicht mehr. Natürlich müssen Schüler und Studenten auf die Arbeitswelt vorbereitet werden, aber es ist noch wichtiger, sie zu mündigen Bürgern zu erziehen. Martha Nussbaum nannte das «cultivating humanity». Das geht verloren. Als Maturfach hält sich Philosophie meines Wissens nur noch in Frankreich und Italien. Auch in Spanien herrscht diese Tendenz: immer mehr kurze, praxisorientierte Studiengänge. Es gibt zum Beispiel kaum mehr Lehrveranstaltungen zu europäischer Literaturgeschichte, immer weniger Studenten kennen Klassiker wie Shakespeare, Goethe, Cervantes, Dante.

Sie haben sich jahrzehntelang um die Kultivierung der Menschlichkeit bemüht, als Ethik-Professor und als Autor von Handbüchern zur Philosophie. Laut einer Umfrage des britischen Magazins «Prospect» unter 1000 Teilnehmern in hundert Ländern gehörten Sie 2013 zu den 100 einflussreichsten Denkern weltweit. Hört man auf Sie?

Als Lehrer habe ich Talent, glaube ich, weil ich selbst ein Ignorant bin. Ich verstehe andere in ihrem Unwissen ganz gut. Als Autor und Kolumnist habe ich mein Publikum, keine Frage, vor allem in Lateinamerika, wo ich oft Vorträge halte. Aber grosse Illusionen mache ich mir nicht, der Einfluss der Philosophie ist begrenzt. Vor einiger Zeit sind innerhalb von drei Tagen drei wichtige Spanier gestorben, der Dichter Félix Grande, der Philosoph Carlos París und der Fussballtrainer Luis Aragonés. Sie können sich vorstellen, wer von ihnen auf allen Titelblättern war.

Continue reading