Das gute Leben in Dosen

Ein arbeitsloser Architekt belebt in Lissabon die Kultur der Fischkonserve neu. Sein Lokal Sol e Pesca weckt bei Portugiesen Erinnerungen an gute alte Zeiten.

foto: annett bourquin, adaism.net
foto: annett bourquin, adaism.net

Mare Juni/Juli 2014 · Spiegel online 18.6.2014 · Da, wo früher Rollen und Haken waren, sind jetzt Dosen. Gelbe Dosen, rote Dosen, grüne Dosen, blaue Dosen. Aufrecht, liegend, gestapelt, gereiht, wie die Bauklötze einer Spielstadt.

Henrique Vaz Pato liebt Ordnung. Der 45-jährige Wirt ist eigentlich Architekt. Er ist einer von 25.000 in Portugal, einige zu viel. Deshalb reiht er seit zwei Jahren Dosen in der langen Vitrine seines Lokals Sol e Pesca auf. Nicht nur das. In dem ehemaligen Anglergeschäft baut er Häppchen aus Fischkonserven. Die Spielereien bringen Geld, mehr als das Architektendasein in einem derzeit paralysierten Land.

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Die Wolkenwasser der Bimbachen

Im Bergland der Kanareninsel El Hierro regnet es unter den Bäumen. Es ist das Kondensat des Passatnebels an ihren Blättern. Die Ureinwohner wussten das klug zu nutzen

Der Garoé-Baum in einer Radierung aus dem Jahr 1683.
Der Garoé-Baum in einer Radierung aus dem Jahr 1683.

Mare Juni/Juli 2013 · BIS ZUR ENTDECKUNG AMERIKAS endete die Welt kurz hinter El Hierro. Alte Reiseberichte von der kanarischen Insel sind gespickt mit Beschreibungen fantastischer Riten, vollführt von dunkelhäutigen Menschen im Lendenschurz. Die Steinzeit endete auf der abgelegenen, kleinen Insel tatsächlich erst an jenem Tag des Jahres 1405, an dem der französische Eroberer Jean de Béthencourt im Auftrag Kastiliens das Eiland betrat. „Und auf den höchsten Ebenen wachsen Bäume, von denen ununterbrochen gutes und sauberes Wasser tropft, das in Gruben neben ihnen fließt, das beste Trinkwasser, das sich finden lässt. Und es ist so gesund, dass, wenn man bis zur Sattheit gegessen hat und man dieses Wasser trinkt, in weniger als einer Stunde alle Speisen vollständig verdaut sind und man genau denselben Appetit hat wie vor dem Trinken.“

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Ein guter Gast ist niemals Last · Mallorca und die Deutschen

Quelle: fotosantiguasdemallorca.blogspot.com.es

Was denkt Mallorca von uns Deutschen? Rezeptionisten, Zimmermädchen, Gärtner, Gastronomen, Poolbauer, Strandverkäufer über Dauergäste, Junggesellenabschiede, baumelnde Seelen, Eimertrinken

Erschienen in Mare nº 92 Juni/Juni2012

Einmal die Woche treffen sich Toni Ferrer, sein Schwager Miquel Amengual und ein paar Freunde zum Pokern. Die Altherrenrunde kommt vor dem Essen auf der Terrasse von Ferrers Villa zusammen, umgeben von 100 000 Quadratmetern gepflanztem Dschungel. Zum Aperitif trinken die Mallorquiner Pinya Puig, die Inselvariante der amerikanischen Cola, jemand macht eine Flasche einheimischen Wein auf, die Hausangestellte bringt Oliven, es wird geplaudert, während in der Küche frische pürierte Tomaten, gerührte Eier und Lammkoteletts warten. Ferrer nennt diese Runde „das Dinosauriertreffen“, denn alle, die donnerstags den Weg zu seiner Finca im Inselinnern nehmen, haben ihr Geld mit den Deutschen verdient, als Hoteliers oder Gastwirte. Sie waren die Ersten und nennen sich „die Dinosaurier des Tourismus“.

Übers Geschäft sprechen die Herren nicht. Sie haben es den Kindern übergeben. Einmal die Woche belohnen sie sich für 50 Jahre Schuften, mit Poker, Zigarren und guter Gesellschaft. Auch über ihre Gäste sprechen sie nicht, über diese anonyme Masse, die sich 50 Kilometer südöstlich von Ferrers Finca am Ballermann amüsiert, neun Monate im Jahr. „Die Platja de Palma, den Ballermann, den haben wir erfunden“, sagt Toni Ferrer nach dem Essen und führt dabei eine braune, getöpferte Mokkatasse mit seinem Namen zum Mund. „Wir wollten etwas machen, das den Deutschen gefällt“, sagt er, „nicht unbedingt uns.“ Er nimmt einen Schluck schwarzen, entkoffeinierten Kaffee und stellt die Tasse dann auf das passende Tellerchen in seiner Hand. „Wissen Sie, die Deutschen denken immer, das Ihre ist das Beste.“

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Predigen an wüsten Küsten

Erschienen in MARE Nr 90
Sie brachten Pockenviren, Gebetsbücher und Weinstöcke in die Neue Welt. Dazu hatten die spanischen Konquistadoren – und in ihrem Gefolge die Missionare – auch ein immaterielles Erbe im Gepäck. Sie hatten es ausgerechnet von jenen geerbt, die ihre Väter vertrieben hatten: den Arabern. Ihnen hatten die Spanier die Oasenkultur zu verdanken, die sie über den Atlantik weitertrugen. Ohne sie wäre die Eroberung Kaliforniens und Mexikos nicht so verlaufen, wie es in den „Libros de Misiones”, den Büchern der Missionen, geschrieben steht.
www.mexicodesconocido.com.mx
Jesuiten, Franziskaner und Dominikaner verbreiteten vom Ende des 17. Jahrhunderts an, im Halbschatten von Palmwedeln und beim Geplätscher der Bewässerungskanäle, den christlichen Glauben und einen Teil spanischer Kultur. Hätten sie nicht gewusst, wie man Wassergräben anlegt, deren Gefälle berechnet und Verlauf lenkt, wie man Setzlinge zieht und die Blätter ausgewachsener Palmen so zuschneidet, damit sie ausladend wachsen, Schatten spenden, verdunstendes Wasser abfangen und es in der Nacht auf Luzerne und Granatäpfel, auf Wein und Gemüse, auf Oliven, Baumwolle und Papaya tröpfeln lassen, vielleicht wären der Südwesten der Vereinigten Staaten und Mexiko dann heute nicht hispanisch.

Vielleicht wären die Missionare verdurstet, San Diego, San Francisco, Santa Barbara, Sacramento, Las Vegas und Los Angeles hießen heute anders, vielleicht wäre alles anders gekommen, und Spanisch wäre heute nicht die zweitgrößte Sprachgruppe der Welt, wenn die Spanier nicht ihrerseits von den Arabern erobert worden wären und von ihnen gelernt hätten, wie man eine ordentliche Oase anlegt und darin an jedem Ort des Wüstengürtels der Erde überleben kann, vorausgesetzt, es gibt einen Fluss oder man stößt auf Grundwasser. Denn Oasen sind überall dort lebenswichtig, wo mehr Wasser verdunstet, als vom Himmel fällt.

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Cheerio, Señor Nelson!

Erschienen in Mare Nº 90, Februar/März 2012

Die Schlacht von Trafalgar geht in eine neue Runde. Ein spanischer Koch hat ein Getränk kreiert, in dem die Zutaten miteinander ringen: Gin oder Alge? England oder Spanien? “Sea Tonic” heißt das Gefecht zwischen Gaumen und Kehle.

Angel León ist ein furchtloser Mann. Umgeben von Destillerien und Bodegas, hat der andalusische Sternekoch einen Cocktail kreiert, dessen Zutaten zum Teil aus Großbritannien stammen. Ausgerechnet Großbritannien. Den “Sea Tonic” serviert er in dem Küstenort El Puerto de Santa María, direkt neben der Stadt Jerez, deren Namen die Engländer nicht aussprechen können und die sie deshalb Sherry nennen, wie den hiesigen Wein. Ein paar Meter von seinem Restaurant “Aponiente” entfernt wird seit 250 Jahren ein Wahrzeichen Spaniens gebrannt, Brandy der Marke Osborne.

Doch weder Brandy noch Sherry haben den besten Koch der Region inspiriert. Es mussten Londoner Gin und nordenglisches Tonic Water sein. Hier, neben der britischen Exklave Gibraltar und dem Kap von Trafalgar, wo Lord Nelson die spanische Armada von den Seekarten gefegt hat, serviert Ángel León “Fifty Pounds” und “Fentimans” mit einer maritimen Note. Vorerst steht der Drink noch nicht auf der Karte. “Wir sind in der Probephase. Noch schmeckt der Sea Tonic den Ausländern besser als den Einheimischen”, sagt Sommelier Juan Ruiz.

Die haben noch nicht verstanden, dass das neue Rezept keine Reverenz an die einstige Großmacht ist, sondern ein Degenstich. Denn der Koch und sein Sommelier haben zum Besten britischer Destillerien das Einzigartige der andalusischen Atlantikküste gemischt: Graugrüner Meeresspargel, rotbraune Algen und spinatgrünes Plankton sind die neuen Waffen gegen die einstigen Sieger. Püree aus Einzellern “Das macht uns so schnell keiner nach”, sagt Juan Ruiz, während er in einem weißen Keramiktöpfchen eine glibberige Masse verrührt: pulverisierte und nun gewässerte Einzeller des Meeres.

Foto: Aponiente

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Unterwegs im Wellenschlag der Zeit

MARE Juni/Juli 2o11

Der niederländische Schriftsteller Cees Nooteboom erzählt mit großer Ruhe und viel Wissen von seinen Schiffsreisen in die weite Welt

CEES NOOTEBOOM KAM 1933 IN DEN Haag zur Welt, er reist und schreibt seit fast 50 Jahren, seine Frau Simone Sassen ist Fotografin. Ein Buch wie „Schiffstage- buch. Ein Buch von fernen Reisen“ scheint da fast eine logische Kosequenz. Das Paar schildert auf 300 Seiten Text und rund 40 kleinen Fotos sieben Reisen, die es in sie- ben Jahren unternommen hat – von São Paulo zum Kap Hoorn, von Mauritius zum Kap Agulhas, nach Indien, Mexiko und Australien, nach Norwegen und Bali. Das wirkt zunächst schwindelerregend. Doch Nooteboom ist langsam gereist, strecken- weise mit dem Schiff. Zeit ist in dem Buch elastisch. Nooteboom rudert zwischen den Jahrhunderten, lässt den Entdecker Magellan, den ersten Weltumsegler Jos- hua Slocum, schottische Schaffarmer oder russische Zechenarbeiter zum Leben er- wachen, trinkt dazwischen Whisky, ge- kühlt von 23 000 Jahre altem Gletschereis, verleibt sich das Erbgut des Planeten ein, schluckt es, staunt und schreibt.

Knapp assoziiert er Landstriche mit Er- eignissen, verbindet Orte mit Menschen. Er überzieht die Welt mit einem Koordina- tennetz des Wissens und skizziert dabei ihr Gefüge, bevor er beim 52. südlichen Breitengrad abtaucht in die Geschichte chilenischer Inseln. Und während in den Köpfen der Leser noch die Keime all der ungeschriebenen Romane sprießen, fragt sich der Erzähler, warum es so merkwür- dig ist, nachts auf einem ankernden Schiff zu erwachen. „Jedesmal wenn ich auf- wachte, hatte ich das Gefühl, auf hoher See zu sein.“ In der Kajüte dreht der inne- re Kompass durch.

Auch bei der Anfahrt auf Madagaskar versagt die Orientierung. „Wir müssen

schon Stunden an der Küste entlang ge- fahren sein“, schreibt Nooteboom verwun- dert. Und obwohl das Kreuzfahrtschiff, auf dem Nooteboom und Sassen zwei Reisen unternommen haben, wegen schlechten Wetters nicht anlegen wird, widmet der Autor der Insel eineinhalb Seiten, schildert die spannungsvolle Erwartung, ihr Land zu betreten, ihre kantige Küste und den Blickkontakt mit Fischern, die neben dem 22 400-Tonner in ausgehöhlten Baumstäm- men gegen „tosendes Blei“ anrudern.

In solchen Momenten vermittelt das Buch, was es heißt, auf einem Schiff zu reisen, auf Wasser, das mal „wie Satin“, „wie polierter Onyx“ oder „wie blau- schwarze Ölfarbe“ ist. Es sind Momente des Stillstands. Die Welt scheint sich nicht mehr zu drehen, wir sehen von der Kapi- tänsbrücke aus die Lichter einer Stadt, eine tief hängende Wolkendecke, fett wie ein „riesiges Stück angeschimmelter Speck“. Gedanken wie der, „dass Zeit im Licht der Ewigkeit ein begrenztes Phäno- men ist“, gleiten heran. Ersonnen hat ihn der Philosoph Brabant vor 800 Jahren, ein- gefallen ist er Nooteboom in Patagonien.

Noteboom ist er immer wieder Neuan- kömmling an einem „weitest entfernten Punkt“, wohin ihn ein „unausrottbarer Drang“ getrieben hat, zum Beispiel am südlichen Ende Afrikas. An diesem „aufge- wühlten Seemannsgrab mit bis zu dreißig Meter hohen Wellen“ hat er ein „Unter- wasserafrika“ gefunden. Wir sehen es vor uns, wie es sich „südlich des Kaps noch zweihundert Kilometer weit fortsetzt, bis es sich mit einem Steilabhang plötzlich verabschiedet“. ␣