«Die Ströme des Windes verbreiten Orangeaden»

Neue Literatur-Routen auf Mallorca. Die  App «Walking on Words» vermittelt mit 72 Zitaten an Ort und Stelle, was andere vor uns gedacht und gespürt haben.
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Ort literararischer Handlung: Der Strand von Colònia de Sant Pere. Foto: WoW

Mallorca Zeitung, 17.6.2015 · Carme Castells denkt und liest gerne. Deshalb hat die Leiterin der Stiftung Dichterhäuser auch den perfekten Job. Ihr Büro ist in Binissalem, dort, wo einst Llorenç Villalonga (1897-1980), Psychiater und Schriftsteller aus Palma, die Sommer verbrachte. Auch die Dauerausstellung zu Blai Bonet (1926-1997) im Kulturzentrum Ses Cases Noves von Santanyí und das Geburtshaus von Rafel Ginard (1899-1976) in Sant Joan verwaltet sie. Die drei Autoren stehen für das literarische Mallorca des 20. Jahrhunderts. Ihr Erbe wollte die Literaturwissenschaftlerin wahren. Als sie vor sieben Jahren in Binissalem anfing, brachte sie Leben in die alten Gemäuer. Castells stellte ein umfangreiches Kulturprogramm für Kinder und Erwachsene auf die Beine, inklusive Weinverkostungen, Lesungen und Führungen in mehreren Sprachen.

Das alleine reicht ihr jetzt nicht mehr. Ab sofort gibt es „Walking on Words”. Das Projekt hat sie sich ausgedacht: Sieben Literatur-­Routen in vier Sprachen führen quer über die Insel. 72 literarische Zitate kann man dabei mit dem Handy am Ort ihres Geschehens hören (und lesen). „Wir haben eine Möglichkeit gesucht, Mallorcas immaterielles Kulturerbe bekannter zu machen”, sagt Castells.

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Alles ist wahr, falls es keine Lüge ist

Manacor hat dem Katalanisten Antoni Maria Alcover ein Museum gewidmet. Es zeigt, wie der große Forscher und Geistliche seine Sprache liebte – ohne sie zu politisieren.

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Mallorca Zeitung, 24.4.2014 · Ein Leben für drei hat Antoni Maria Alcover gelebt. Geboren wurde er 1862 auf einem Landgut bei Manacor – seine Eltern waren dort die Verwalter –, gestorben ist er 1932 in Palma. Mit 15 kam der aufgeweckte Sohn ins Priesterseminar. Nirgends sonst hätte er seine Wissbegier damals stillen können. Dann ging es steil bergauf, jeden Tag stand er um halb fünf Uhr auf, um zu forschen, zu arbeiten, zu denken. In der kirchlichen Hierarchie schaffte er es bis zum Amt des Obersten Vikars im Bistum von Palma, eine Stufe unter dem Bischof. Auf intellektuellem Gebiet betrat der Sprachforscher und Ethnologe Neuland. Er hinterließ das berühmte, erste und umfangreichste Wörterbuch der katalanischen Sprache, das zehnbändige „Diccionari Català-Valencià-Balear”. Bis heute wird es mit den Worten „Mal sehen, was der Alcover dazu sagt” konsultiert. Bei 160.000 Einträgen wird man wohl immer fündig.

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Zwischen Amphoren und Bikinis

Mallorca Zeitung, 31.12.2013 · Ein großes Meer, wie die Juden das Mittelmeer nennen, hat ein großes Buch verdient. Der Autor ist Brite und damit eigentlich dem Atlantik verbunden. Doch David Abulafia, sein Name verrät es, hat mediterrane Vorfahren. Der 64-jährige Geschichtsprofessor in Cambridge stammt von Sepharden ab, von spanischen Juden. „A la memoria de mis antecesores”, meinen Vorfahren zum Gedenken, steht auf Spanisch als Widmung auf der ersten Seite des über 800 Seiten dicken Wälzers.

Im englischsprachigen Original heißt er „The Great Sea. A Human History of the Mediterranean”. Zwei Jahre nach der Erstveröffentlichung ist es nun auf Deutsch erschienen, mit dem Titel „Das Mittelmeer. Eine Biographie”. Es ist ein großartiges Buch. Der Verfasser ist ein einflussreicher, mehrfach ausgezeichneter Wissenschaftler. Eines seiner Fachgebiete ist das Mittelmeer. Mit der Sicherheit des Experten präsentiert er ein Werk, das vor Detailwissen strotzt und dennoch nicht ermüdet. Es ist dem interessierten Laien gewidmet. Abulafia hat es mit Anekdoten gespickt, die sich oft vor Jahrhunderten ereignet haben. Er hat es mit einfacher Sprache ausgestattet und durch eine klare Struktur sowie ein hervorragendes Glossar geordnet. Zudem hat er für Historiker typische Formulierungen wie wahrscheinlich, vielleicht oder vermutlich weggelassen und so den Lesefluss beschleunigt.

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Neue Spötter ziehen übers Land

Erschienen in der Mallorca Zeitung

Die alte Kunst des improvisierten Spottgesangs erlebt auf Mallorca ein Revival – junge „glosadors” kritisieren auf unterhaltsame Weise die Politik und treffen den Nerv der Zeit

Wenn den Mallorquinern in der öffentlichen Diskussion die Argumente ausgehen oder ihnen der Mund offen stehen bleibt, dann gehen sie in sich und warten ab. Irgendwann greifen sie dann zur Geheimwaffe: Mit spitzen Worten und scharfen Gedanken machen sie sich über jene lustig, die ihnen ans Eingemachte wollen. Dabei fordern sie niemanden offen heraus, alles bleibt angedeutet. Eine Regel des Zusammenlebens auf der Insel besagt nämlich, dass man sich keine Feinde schaffen solle, dafür sei Mallorca zu klein. In diesem Sinn ist die glosa, der auf Mallorquinisch gereimte, improvisierte Spottgesang, das Kernstück insularen Kommunikationsverhaltens.

Foto: Nele Bendgens

Sie wird neuerdings wieder gepflegt, nach einem 50-jährigen Dornröschenschlaf. Die neuen trobadors sind um die 30, haben von der Generation ihrer Großeltern gelernt, wie man singend das Volk unterhält und die Mächtigen kritisiert, ohne dabei langweilig oder beleidigend zu werden. Wenn sie sich zu einem sogenannten combat de gloses, einem Wettstreit der Spötter, zusammentun,in einer Bar der Part Forana, in Petra, Lloret oder Sant Joan zum Beispiel, dann zeigen sie dem Publikum, wie viel Sinn für Ironie und Sarkasmus die Mallorquiner haben und wie wortgewandt und scharfsinnig sie sein können.

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