Krawall im Meer

Mit extrem lauten Schallkanonen suchen Firmen nach Öl und Gas im Meeresgrund. Die Tierwelt reagiert gestresst. Jetzt schränkt Italien als erstes Land die Verwendung der Technik ein.

 

Foto: SpinasCivilVoices/OceanCare
Foto: SpinasCivilVoices/OceanCare

NZZ am Sonntag, 10.12.2017 · Seit mehr als dreissig Jahren hört Linda Weilgart Meeressäuger sprechen. Die kanadische Meeresbiologin kennt Dialekte und Eigenheiten von Grind- und Pottwalen. Sie weiss, dass diese in niedriger Frequenz miteinander kommunizieren, dass Delphine hohe Frequenzen und Blauwale – die grössten Lebewesen der Erde – sehr tiefe Frequenzen nutzen. So orten sie Beutetiere, Hindernisse oder Artgenossen, denn das zurückgeworfene Echo vermittelt ihnen Informationen über Beschaffenheit und Distanz des reflektierenden Körpers. Auch Meeresschildkröten nutzen das System: Anhand des «Klangs» des Seebodens finden sie zum Beispiel Strände zur Eiablage. Und Seehunde und Robben spüren dank Schallwellen Fischschwärme auf.

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Reich an Landschaft

Spanien ist Gastland der Wiener Ferienmesse 2018. Wir haben uns im Norden des Landes umgesehen und Las Médulas besucht. Die Römer fanden in dieser einsamen Region Gold – und wir viel Ruhe.

Las Medulas-Foto Turismo CyL

Der Standard, 12.1.2018 Keine Götterfiguren oder Tempelsäulen, sondern ein zerfressenes Bergmassiv haben die Römer hier zurückgelassen. Im Norden der einstigen Provinz Hispania haben sie nicht gebaut, hier haben sie zerstört. Ein Werk von Giganten nannte Plinius der Ältere die Goldmine unter offenem Himmel. Sprengstoff war noch nicht erfunden, also durchlöcherten die Römer die Bergkette mit Wasserkraft, um an das Gold in ihrem Inneren zu kommen. Ruina montium heißt die Technik. Der Name verweist auf das brachiale Vorgehen: Das Wasser wurde mit Hochdruck durch ein System von teils senkrecht gegrabenen Schächten und Stollen geschleust und spülte dabei die Goldklumpen aus dem sandigen Gestein.

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Mallorcas ruhige Ecke

Die Saline von Es Trenc gehört seit Juni vergangenen Jahres zu einem Naturschutzgebiet. Hier, an der Südküste der Insel, finden sich von September bis April auch Flamingos.

Foto: Maties Rebassa
Foto: Maties Rebassa

Süddeutsche Zeitung, 3.1.2018 Flamingos sind ungewöhnliche Tiere. Sie knicken ihre Beine nach hinten ab, öffnen den Schnabel nach unten, und wenn sie fliegen, bildet ihr langer Körper eine schnurgerade Linie, parallel zum Horizont. Zu dieser Erkenntnis gelangt, wer mit dem Ornithologen Miguel McMinn und der Vogelliebhaberin Sabine Bürk durch den Matsch vor Mallorcas Südküste stapft. Es ist Winter, der Nachmittag geht zur Neige, es nieselt leicht. Im Feuchtgebiet von Campos ist weit und breit kein Mensch zu sehen. Dafür wimmelt es von Vögeln.

368 Arten haben Mallorcas Vogelbeobachter bislang auf der Insel gesichtet, im flachen, feuchten Süden, in den Tramuntana-Bergen oder in der ländlichen Inselmitte: Standvögel, Zugvögel und Wandervögel wie die Flamingos. Rosaflamingos (Phoenicopterus roseus) sind es, die kreuz und quer übers Mittelmeer ziehen und von September bis April vor allem an Mallorcas Südküste leben. In der Saline von Es Trenc und im Feuchtgebiet darum herum fressen sie sich satt. Zum Brüten im Sommer ziehen sie aber weg. Dabei hätte Mallorcas Tourismus- und Umweltbehörde die schönen Vögel gerne auch im Sommer auf der Insel. Sie könnten als neue Botschafter dienen, für eine Insel, die sich um mehr Nachhaltigkeit bemüht.

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Verblasste Blüten

Auf Mallorca sterben die Mandelbäume. Sie gelten seit Jahrzehnten als Symbole der Insel und ziehen immer im Februar Tausende Touristen an. Was nun?

Almendros en flor

Süddeutsche Zeitung, 1.2.2018 Deutet man die Landschaft als den Spiegel der menschlichen Seele, dann müssten auf Mallorca jetzt alle verzückt sein. Millionen Mandelbäume stehen Ende Januar, Anfang Februar in Blüte. In Weiß und Zartrosa verkünden sie das Ende des Winters. An den dunklen, rauen Ästen öffnen sich zuerst die Blüten. Sind sie verblüht, wachsen die Blätter.

Mit geradezu lasziver Üppigkeit überziehen die Blüten die Insel. Sie drängen in die Wahrnehmung, dominieren die Landschaft auf einer Fläche von 24 000 Hektar. Sie blühen auf den Plantagen in der ländlichen Inselmitte, im flachen Süden, an den Berghängen der Tramuntana. Weiße Schafe grasen unter den Bäumen. Einzelne, zufällig gewachsene Bäume blühen auch an unerwarteten Stellen, im Gewerbepark, an der Schnellstraße, neben einer Tankstelle. Überall scheinen sie zu sagen: “Vergiss nicht, das Leben ist wunderbar!”

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Spanien geht das Wasser aus

Foto: Spanisches Umweltministerium
Foto: Spanisches Umweltministerium

Der Standard, 19.10.2017 · Brücken stehen auf dem Trockenen. Wanderer marschieren in sandigen Flussbetten und auf rissigen Lehmböden von Stauseen. Ruinen romanischer Kirchen und verfallene Dörfer tauchen auf, nachdem sie jahrzehntelang überflutet waren. Die Bilder der Trockenheit in Spanien schockieren deshalb, weil sie in der Nord- und Nordwesthälfte des Landes aufgenommen wurden: Die Regionen Asturien, Kantabrien sowie Kastilien und León sind eigentlich wasserreich. Das Wasser ihrer Flüsse wird gestaut oder in den Süden und Südosten Spaniens umgeleitet, wo von jeher chronische Wassernot herrscht. Und die nordwestspanische Provinz Galicien wird aktuell von Waldbränden verwüstet. Vier Menschen haben dort bislang ihr Leben verloren.

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Madrids Schikane hilft Separatisten

Mit allen Mitteln will Madrid das Unabhängigkeitsreferendum in Katalonien verhindern. Doch genau das gibt den Separatisten Auftrieb.

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NZZ am Sonntag, 17.9.2017 · Den meisten der 948 Gemeindepräsidenten Kataloniens flattert dieser Tage unangenehme Post ins Haus. 712 von ihnen müssen zum Polizeiverhör antreten. Denn sie wollen die Durchführung des Unabhängigkeitsreferendums der Region am 1.Oktober unterstützen, etwa indem sie Stimmlokale zur Verfügung stellen. Der Urnengang ist laut den obersten Richtern Spaniens allerdings illegal, sieht doch die Verfassung eine Abspaltung nicht vor. Und so droht die Justiz den Gemeindepräsidenten mit Verfahren wegen Ungehorsam, Rechtsbeugung und der Veruntreuung öffentlicher Gelder. Darauf stehen bis zu 8 Jahre Haft.

Nicht nur für katalanische Gemeindepräsidenten wird es derzeit ungemütlich. Mit allen Mitteln versucht die Zentralregierung in Madrid, das Referendum zu unterbinden. Mitarbeiter der staatlichen Post wurden aufgefordert, keine Sendungen für die Abstimmung zu transportieren. Eindringlich wies der Generalstaatsanwalt in Madrid zudem die Katalanen darauf hin, sich am Abstimmungstag nicht als Wahlhelfer zu engagieren – und drohte mit strafrechtlichen Konsequenzen. Zuvor hatte die Justiz bereits demonstriert, wie sie mit Bürgern umgeht, die unter Separatismusverdacht stehen: Der Besitzer einer Druckerei, welche die Stimmzettel gedruckt haben soll, musste eine stundenlange Hausdurchsuchung über sich ergehen lassen. Die Beamten fanden nichts. Um sicherzugehen, dass kein Euro Steuergeld ins Referendum fliesst, drohte Madrid sogar damit, die Finanzkontrolle in Barcelona zu übernehmen – aus katalanischer Sicht eine Verletzung der Autonomie.

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World-Pride-Parade: Madrid unter dem Regenbogen

Die World-Pride-Parade findet dieses Jahr in Madrid statt. Damit in diesen Tagen drei Millionen Schwule und Lesben feiern können, musste vor 40 Jahren der Kampf für Gleichberechtigung beginnen.

Der Standard, 19.5.2017 · “Visit Chueca” steht auf einem bunten Faltblatt, das derzeit in vielen Bars und Restaurants in Madrid ausliegt. Fotos von Männern mit Waschbrettbauch und gestählten Brustmuskeln, in Tangas oder Lederhosen, dazwischen Kleinanzeigen für dies und das, Sexshops, Fetischbars, Gleitmittel. Im Stadtteil Chueca scheint die Sünde zu leben. Benannt ist er nach einem Platz, der den Namen des Komponisten Federico Chueca trägt. Der Musiker lebte im 19. Jahrhundert, heute kennt ihn kaum mehr jemand.

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Madrids buntestes Metrostation Chueca, im gleichnamigen Schwulenviertel

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Guter Fang

Auf Mallorca können Gäste Fischer bei der Arbeit begleiten – gegen Bezahlung. Romantisch ist so ein Ausflug nicht. Aber er gibt gute Einblicke in ein nicht unumstrittenes Gewerbe.

Süddeutsche Zeitung, 11.5.2017 · Lärm. Ununterbrochen. Stundenlang. Ein lautstarker Motor treibt das Schiff hinaus vor die Küste Mallorcas. Es ist fünf Uhr morgens. Zum Reden sind die drei Seeleute und der Kapitän noch zu müde. Es wäre sowieso zu laut. Nur in der Kombüse und auf der Kapitänsbrücke kann man sich einigermaßen unterhalten. Aber Fischeridylle darf eben auch nicht erwarten, wer auf einem 20 Meter langen Schleppnetz-Trawler aufs Meer hinausfährt.

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Auf dem Trawler Nuevo Pep Domingo vor der Küste Mallorcas.

Neuerdings nehmen Mallorcas Fischer Touristen mit, für Geld, klar. Das Versprechen heißt: Brise in den Haaren spüren, über das Wasser gleiten, die Fischer an ihrem Arbeitsplatz erleben. Hier, auf dem Trawler Nuevo Pep Domingo, teilen sie die Kombüse mit den Touristen, braten ihnen frisch gefangenen Fisch, zeigen ihnen, wie man die Netze auslässt und einholt, wie man den Fang sortiert, welche Fische vor der Küste leben. Und der Gast lernt, warum Fisch eigentlich viel teurer sein müsste, als er ist. Die Arbeit auf einem Trawler, das sind lange, harte Schichten. “Wir wissen, wann wir anfangen, aber wir wissen nicht, wann wir aufhören”, sagt der Seemann Mohamed. “Wir fahren so lange, bis die Kühltruhe voll ist.”

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Leuchtgebiete

Mallorcas alte Wachtürme dienten zur Abwehr von Piraten. Nun sollen sie renoviert und zugänglich gemacht werden – mit Aussichtsgarantie.

 

Süddeutsche Zeitung, 25.4.2017 · Anfang dieses Jahres ging ein Leuchten um Mallorca. 24 alte Wachtürme sandten nacheinander ein Lichtsignal aus. Rote Punkte glühten auf, im Dunkel der Nacht, und erloschen kurz darauf wieder. Es war ein Test. Ein paar Mallorquiner wollten wissen, ob das einstige Überwachungssystem an der Küste noch funktionierte. Das tat es. “Wir wollten auf den schlechten Zustand der Türme aufmerksam machen”, sagt der Mathematiklehrer Pep Lluís Pol, einer der Veranstalter der Leuchtfeuer-Aktion. “Sie müssen erhalten bleiben, denn sie gehören zu unserem historischen, landschaftlichen und emotionalen Erbe.”

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Öko-Kaugummi der Maya als nachhaltige Geschäftsidee

Der Standard, 4.4. 2017 · “Chicleros” in Mexiko zeigen, wie nachhaltiges Wirtschaften funktioniert: 1.500 Genossenschafter ernten in der Selva Maya den Milchsaft des Breiapfelbaums, aus dem der weltweit einzige kommerziell vertriebene Biokaugummi hergestellt wird.

Kaugummi_2cEr wird bis zu 30 Meter hoch, ist dichtbelaubt und immergrün. Unter seiner furchigen Rinde fließt ein Milchsaft, den schon die Maya schätzten: Er ist süßlich und bekömmlich, und man kann auf ihm, hat man ihn erst eingedickt, wunderbar kauen. Jetzt, 2.000 Jahre später, kauen Menschen in mehr als 30 Ländern auf dem Chicle genannten Milchsaft des Chicozapote (auch Breiapfelbaum oder Manilkara zapota). Das Revival ist vor allem Manuel Aldrete zu verdanken, einem 55-jährigen Mexikaner, der vor acht Jahren das Consorcio Chiclero gegründet hat. Heute sind in dem Kaugummikonsortium 40 Genossenschaften mit etwa 1.500 Mitgliedern organisiert. Gerodet wird nicht.

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